„Himbeertoni“ von Joachim Seidel – eine Herzensangelegenheit…

Es ist eine schwere Entscheidung, wie ich dieses Buch rezensieren soll. Es fällt mir nicht schwer, weil das Buch es mir schwer macht.

Ich überlege nur, wie viel man von seinem Leben preisgibt, wenn man über ein Buch schreibt und wie viel davon dann mehr über mich als über das Buch erzählt.

In diesem Fall geht es nicht anders und ich wähle eine neue Form der Rezension, die sich in Lovelybooks nicht vollständig erschließt. Ich werde diesen Text mit Bildern unterlegen, um verständlich zu machen, was mich beim Lesen dieses Buches nachhaltig beschäftigt hat und was es so einzigartig macht – zumindest für mich.

Der “Himbeertoni” von Joachim Seidel ist ein schweres Buch – das habe ich am eigenen Leib erfahren. Es wiegt genau 250 Gramm – mit Lesezeichen. Ein halbes Pfund – ein viertel Kilo – das muss man sich mal geben. Ein schweres Buch.

In den Bergen bekam ich das vollends zu spüren. 900 Höhenmeter in wenigen Stunden und neben lebenswichtigen Dingen auch den “Himbeertoni” im Rucksack. Ging nicht anders. Keine Chance. Er musste mit.

Ein schweres Buch...

Ich wollte doch erfahren, wie das Jubiläumstreffen der Altpunker der Punkband Remo Smash verläuft. Ob es Anton “Himbeetroni” Hornig schafft, sein Leben in den Griff zu bekommen, obwohl er eher ungewollt Vater wird, über ihm ein brotloser Künstler Stelzenstepptanznummern einstudiert und ein schier wild gewordener Polizist kein anderes Lebensziel verfolgt, als ihn in den Knast zu bringen. Ich konnte nicht warten zu erfahren, ob Herr Blümchen seinen tolldreisten Plan mit einer halben Million geliehener Euro im Gepäck verwirklichen kann und ob Kurtchen der Liebe seines Lebens über den halben Globus folgen muss oder ob sie zu ihm kommt.

Also in den Rucksack und ab auf den Berg. Traumhafte Panoramabilder, Schweiß in Strömen. Atemlosigkeit und körperliche Probleme ohne Ende und dann an dem Punkt, an dem ich nicht weiter konnte – Buch raus – hinlegen und lesen. Kopfschütteln der Bergkameraden, Gelächter über den Titel des Buches und den Büchernarren, der lieber liegen bleibt und liest, als einen weiteren Gipfel zu bezwingen.

Wettersturz

Gewitter, Blitz, Donner – Toni in den Rucksack und fluchtartiger Abstieg im Wettersturz – Buch nass – aufgeweicht, so wie sein Träger. Ich aber glücklich, weil ich an diesem Tag auf 2000 Metern Höhe einen entspannten Moment des Lachens hatte, den ich sonst nie gehabt hätte. Es ist manchmal unvorstellbar schön, atemlos zu lachen.

Ich wachse förmlich mit den Freunden von Remo Smash zusammen, die als ehemalige Punks im wahren Leben angekommen und fast ein wenig spießiger sind als ich es selbst bin. Und das will was heißen. In Erinnerungen an damals schwelgend geben sie ihren legendären Hit “Toilet Love” zum Besten und fühlen sich zurückversetzt in eine chaotische Zeit, in der immer Einer für den Anderen da war. Eine Freundschaft mit Bestand und Potenzial. Ich entscheide, nach Luft japsend, die Tankstelle mit Brotshop zu sprengen, die Herrn Blümchens Plan zunichte macht, eine konkurrenzlos neuartige Bäckerei aus dem Boden zu stampfen. Ich bin dabei, wenn es losgeht! Wenn ich nur Luft bekäme.

Gefühlssturz...

Im Tal angekommen stelle ich kurze Zeit später fest, wie wichtig der Wortwitz und die wahnwitzigen Situationen des Buches für mich geworden sind. Es ziehen noch mehr dunkle Wolken auf. Meine Tochter erkrankt schwer und ich halte Nachtwache im Kranken-haus.

Ohne jeden Rhythmus.

Kein normales Leben. Das Lachen fällt schwer – jedes Lachen. Auch schreiben geht nicht mehr. Vielleicht das Schlimmste über Wochen. Und neben dem Kulturbeutel, das einzige Stück Subkultur, das mich begleitet: “Himbeertoni” in der Kinderintensiv – wie ein Medikament. Wartend und denkend entlockt mir Anton Hornig auch hier Energieschübe des Lachens – befreiend – befremdlich für die Ärzte und Schwestern.

Aber die wissen auch nichts von Antons Schwanzbruch, der mir die Tränen in die Augen treibt. Der irrwitzige Wunsch des behandelnden Urologen, das gebrochene Glied auf Bild gebannt zu bekommen, um die Genesung besser zu verfolgen – die Entstehungsgeschichte dieser Bilder und alle damit verbundenen Verwicklungen – der Film, auf dem zu allem Überfluss auch noch Kinderbilder sind – ein Photolabor – und war da nicht ein Polizist, der hinter dem schamlosen Toni her ist? In schweren Stunden lachen zu können, das hab ich diesem Buch zu verdanken.

Ramponiert...

Die täglichen Trambahnfahrten in die Klinik wurden zu einem kleinen Moment des Verschnaufens und des befreiten Lachens. Eine kleine Illusion vom ruhigen Feierabend und Leben ohne Kreislaufmonitore. Ich kann wieder schreiben, sorglos lachen (nicht ganz vielleicht aber besser) und ich halte ein gewelltes, arg mitgenommenes Buch in Händen. Es hat gelitten in diesen Tagen – aber es hat nicht aufgegeben. Es ist verbunden mit diesen Wochen – ein Gefährte in der Nacht. “Himbeertoni” – Medizin für mich und alle Tränen des Lachens haben die des Weinens bekämpft.

Wenn es dieses Buch nicht gegeben hätte, es hätte geschrieben werden müssen – nur für mich. Obwohl es wirklich ein schweres Buch ist. Ein halbes Pfund wie gesagt – ein viertel Kilo mit Lesezeichen. Das muss man sich mal geben.

Danke fürs Schreiben dieses Buches. Danke fürs Lesen dieser Zeilen. Das hat es mal gebraucht.

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