Cowboysommer im Indian-Summer der Eifel

Cowboysommer - Eine Ballade über eine vergangene Jugend

„Die Zeit stand still, das gehörte zur Jugend wie das Warten, vermutete ich. Dass ich mich Jahre später danach sehnen würde, dass die Zeit nicht vergeht und sich stattdessen vor mir ausbreitet wie ein endloser Raum, ahnte ich damals noch nicht, sonst hätte ich wahrscheinlich jede Minute genossen und ausgekostet. So aber konnte ich es kaum erwarten, dass sie verging, die Zeit, und damit meine Jugend, wartete darauf, endlich erwachsen zu werden, ich Idiot.“

Diese Zeilen lesend, befinde ich mich selbst am Ort meiner Jugend, in der Gegend die mich prägte und doch dazu veranlasste, in die große Welt zu gehen, um meinen Weg zu finden. Wo sonst könnte mich „Cowboysommer“ von Hansjörg Schertenleib (Aufbau Verlag) so sehr auf meine eigene Zeitreise schicken, wenn nicht hier? Wo sonst, als in meiner geliebten Eifel….? (Von wo man übrigens lieber herkommt, als wieder dorthin zurückzukehren…)

Hansjörg Schertenleib lässt seinen autobiographisch angehauchten Protagonisten Hanspeter, als inzwischen erfolgreichen Schriftsteller an den Ort seiner Jugend zurückkehren und ihn dort von seiner Vergangenheit einholen. Unvermittelt begegnet er an einer Pommesbude seinem alten Freund Boyroth (eigentlich Walter Roth – aber das klang damals einfach uncool). Er trifft damit auf mehr als einen Teil seiner Jugend, er steht nach langer Zeit wieder dem Menschen gegenüber, der einst alles für ihn symbolisierte, was er nicht hatte. Boyroth, erfolgreicher Jugendfußballer, Motorradfahrer und von Freunden umringt, mitten in seiner Jugendblüte stehend und Sinnbild für Status und ein beneidenswertes Leben.

Der Blick hinter die Kulissen dieser Freundschaft öffnet den Weg zu zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch für eine kurze Welle im Meer der Zeit im gleichen Rhythmus die Brandung hinabrauschten, um endlich erwachsen zu werden.

Hanspeters erste Erinnerung an Boyroth ist ein Gedanke, der ihn fortan durch seine gesamte Jugend begleiten würde: „Wäre ich ein Mädchen, ich würde mich auf der Stelle in Dich verlieben“. Dies kennzeichnet die Faszination, der Hanspeter unterliegt am anschaulichsten. Mehr jedoch als diese einseitige Bewunderung verbindet die Geschichten der beiden Freunde von damals ein schrecklicher Unfall, der vielleicht hätte verhindert werden können, wenn Gefühle wie Neid und die alles beherrschende Suche nach Anerkennung nicht so dominant gewesen wären. Was tut man nicht alles, um seinen eigenen Weg zu finden und welche Gefühle lässt man zu, um nicht in den Hintergrund gedrängt zu werden?

Fliegen...

Wird es den Beiden gelingen, ihre Freundschaft wieder zu beleben und die dramatischen Ereignisse der Vergangenheit endlich zu verarbeiten oder bleiben die zentralen Fragen der eigenen Jugend offen wie nie verheilte Wunden, die immer dann schmerzen, wenn die Erinnerung wie ein Blitzlicht einen lange verschlossenen Raum plötzlich in gleißendes Licht hüllt?

Schertenleibs Abgesang auf die gelebte Jugend und die verwirrten Gefühlswelten des Erwachsen-Werdens kommen uns Lesern mehr als bekannt vor, haben wir doch diese Zeiten am eigenen Leib erlebt und blicken oft mit Wehmut und Freude auf die eigene Jugend zurück.

Sehr weit zurück – einfach so…

Und wenn man dann auch noch davon überzeugt sein kann, selbst die richtigen Wege eingeschlagen zu haben, dann verleiht Cowboysommer sogar Flügel… (fliegendlesen – eine neue Erfahrung).

Diese bewusste Reflektion des eigenen Lebensweges ist eine der großen Leistungen von Schertenleibs Roman. Das Buch trägt über sich selbst hinaus und vermag es, den Leser dazu zu bringen, es beiseite zu legen um zurückzublicken und darüber nachzudenken, ob sich Parallelen zum eigenen Leben finden.

In den ruhigen Minuten des Tages habe ich mich in das Buch zurückgezogen und mich wohlgefühlt. Es ist lebendig, nicht trist und bringt den Leser zurück in eine Welt, die wir in schwarzweißen Erinnerungen in das Album unseres Lebens eingeklebt haben. Cowboysommer hat meine Erinnerungen wieder farbig werden lassen.  Wie Hanspeter betrachte ich Bilder von einst und finde Menschen, die wichtig waren. Wegweiser, Vorbilder – gute wie schlechte. Die wichtigste Erkenntnis ist und bleibt die zentrale Aufforderung Boyroths, die aus dem Buch herausschreit und zeitlos mahnt:

„Leb dein eigenes Leben, …, na los, leb es, du bist doch keiner von den verdammten Feiglingen! Leb!“

Der Indian-Summer der Eifel wird mich für immer mit dem Cowboysommer Schertenleibs verbinden – ein beschaulicher und tiefgründiger  Blick zurück, ein wichtiger und zwingend notwendiger Blick, um zu wissen, wen man vor sich hat, wenn man in den Spiegel schaut.

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Jetzt „dämmert`s“ mir endlich….

Mit „Shadowmarch Teil 3 – Die Dämmerung“ bringt mich Tad Williams am 20. August 2010 nach mehr als zweijähriger Abwesenheit zurück nach Eion.

Es fällt mir leicht, mich wieder in die Geschichte einzufinden, war ich doch eigentlich zu keinem Zeitpunkt wirklich weit weg. Mein illustriertes Notizbuch hilft mir an einigen Stellen weiter und meine Erinnerung an die Ereignisse von einst stehen lebhaft vor meinem geistigen Leseauge.

Ich sehe die Geschwister Barrick und Briony ihre geliebte Heimat verlassen, um auf getrennten Wegen ihr Leben und gleichzeitig den Fortbestand des Königreichs der Südmark zu retten.

Der große Bruder gefallen. Der Vater, König Olin, in der Hand seines mächtigsten Gegners Sulepis, des Königs von Xis, der ganz Eion unterjochen will. Die engsten Gefolgs-leute tot oder spurlos verschwunden, wie Ferras Vansen. Die feindlichen Qar, mit der Schattengrenze vor-rückende Elben, auf dem Weg zur Belagerung der Südmarkfeste und abtrünnige Adelige, die den Verrat an Olin nutzen, ein eigenes Reich auf-zubauen. Eine größere Bürde kann auf den beiden Königskindern nicht lasten.

Wenige Getreue verbleiben versprengt über das große Land Eion und versuchen mit ihren Mitteln gegen die Gerüchte anzukämpfen, Briony und Barrick seien nicht mehr am Leben und die Zukunft des Reiches liege nur noch in den Händen der verräterischen Tollys.

Eine scheinbare schwache Allianz stellt sich den schier übermächtigen Gegnern. Die Völker des Kontinents Eion drohen zerrieben zu werden. Opfer der erwachenden Kriegslust des Elbenvolkes der Qar und Zielscheibe des Eroberungsfeldzuges des Autarchen von Xis.

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Getrennte Wege, getrennte Geschwister, eine Geschichte – Shadowmarch

„Aber der Mut und der Geist eines Königreichs sind nicht klein, nur weil das Königreich klein ist.“ (Prinzessin Briony Eddon, Thronfolgerin der Südmark)

Tad Williams in der kleinen literarischen Sternwarte: hier

Endstation Taiga von Petra Hulová

Es war schon immer ein Traum von mir, mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Sibirien zu fahren. Endlose Weite, nur das monotone Geräusch der schienenfressenden Lokomotive im Ohr und die Sinne geschärft für die Fremdheit des Landes und seiner Bewohner.

Endstation Taiga von Petra Hulová hat mich auf eine solche Reise entführt. Der einsame rote Koffer inmitten des sibirischen Eises hat mich selbst zu demjenigen gemacht, der ihn dort abgestellt hat. Aktiv in der Rolle des lesenden Betrachters.

Ausgestattet nur mit dem Nötigsten und darauf hoffend, dass es der jungen Schriftstellerin gelingt, mich mit all dem auszustatten, was ich zum Überleben in der menschenfeindlichen Landschaft benötige.

TransSib

Der dänische Forscher Hablund Doran begibt sich unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1946 auf die Reise nach Sibirien. Getrieben von der Faszination für die Einsamkeit des Landes möchte er einen Dokumentarfilm über die Menschen, ihr Leben und ihre Bräuche drehen.

Gegen den Widerstand seiner Ehefrau Marianne verlässt er Kopenhagen, reist nach Moskau und verlässt die Transsibirische Eisenbahn in der Abgelegenheit der sibirischen Eiswüste. Die Bewohner des kleinen Dorfes Charyn erwarten keinen Fremden, niemand steigt sonst hier aus und noch schwerer ist es, den Ort zu verlassen. Die Menschen haben sich mit dem Leben in dieser Region arrangiert. Die Cevapik, sibirische Ureinwohner, leben hier mit ausgesiedelten Russen zusammen, gemeinsam und doch durch eine ganze Kultur voneinander getrennt. Aufeinander angewiesen und doch weiter voneinander entfernt, als es dem Leben in dieser Umgebung zuträglich ist. Genau hier versucht Hablund, Kontakte zu knüpfen, ins Gespräch zu kommen und an das Ziel seiner Reise zu kommen – das Leben in Sibirien für die Nachwelt festzuhalten.

Marianne wartet verzweifelt in Kopenhagen auf ein Lebenszeichen ihres Mannes – doch vergebens. Hablund kehrt nie wieder nach Hause zurück. Ein einziger Brief bleibt Marianne.

Sibirien

Sechzig Jahre später macht sich der dänische Student Erske Jenkel auf den Weg nach Sibirien, um herauszufinden was damals geschah. Sich vorsichtig herantastend, versucht er in das Gedächtnis der Menschen einzudringen um behutsam Informationen zu sammeln.

Mitten aus dem europäischen Alltag gerissen ist ihm zu keinem Zeitpunkt bewusst, dass er seit sechzig Jahren erst der zweite Fremde ist, der Charyner Boden betritt. Bei jedem Schritt, jedem Gespräch und jedem Blickkontakt steht er in den Spuren Hablund Dorans ohne sie sofort zu erkennen.

Wird er das Rätsel um des Verschwinden seines Landsmannes lösen können – und warum hat er sich überhaupt nach Sibirien begeben? Diese Fragen haben mich, wie von böigem Steppenwind getrieben, durch den Roman fliegen lassen. Petra Hulova hat eine Geschichte in Zeitscheiben entstehen lassen und ihre Protagonisten mit einer Schnittmenge von Menschen konfrontiert, die beiden in unterschiedlichem Alter begegnet sind.

Endstation Taiga ist ein faszinierender Generationenroman, in dem alle Aspekte des Lebens in Sibirien vor dem Hintergrund der immer weiter fortschreitenden Vermischung der beiden Charyner Kulturgruppen eine gewichtige Rolle spielen. Es hat mich gefesselt zu erkennen, von wem die Menschen abstammen, die Erske begegnet – herauszufinden in welcher Beziehung sie und ihre Vorfahren zu Hablund standen, um so meinen eigenen Weg durch die Zeitscheiben einer sibirischen Dorfgemeinschaft zu finden.

Diesen Weg habe ich mir nicht nur erlesen, sondern auch erarbeitet, indem ich die Generationen Charyns in einem Stammbaum verewigte und diesen über sechzig Jahre nachvollzog. Daraus ergeben die Kreuzungen der Lebenswege zweier dänischer Forscher mit denen der Menschen in Sibirien. Vielleicht ist diese Skizze eine kleine Hilfe beim Lesen des Romans – sie beinhaltet keine „Spoiler“ und führt nicht zur Lösung des Rätsels um den verschwundenen Hablund Doran. Die muss man selbst finden.

Der Weg dorthin ist einzigartig!

Shadowmarch – ein Blick zurück

Wir schreiben den 1. August 2010 und selten habe ich mich so sehr darüber gefreut, alte Rezensionen aus dem Jahr 2008 aus dem Karton zu zaubern, um mir die Lesegefühle von einst wieder vor Augen zu führen. Zwei „dicke“ Bücher lagen Weihnachten 2007 unter dem Tannenbaum und haben ein grandioses literarisches 2008 eingeläutet. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, bis zum Erscheinen des dritten Buchs zu warten, aber da verlor ich die Selbstkontrolle und tauchte in die Markenlande ein.

 2008 Januar:

Die Grenze

„Jedes Licht zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang ist es wert, mindestens einmal dafür zu sterben“

In den Markenladen, dem Reich des uralten Herrschergeschlechts der Eddon, deuten dunkle Vorzeichen darauf hin, dass sich die alten Geschichten erfüllen. Hinter der Schattengrenze – in der Nebelwelt der Zwielichtzone sammeln sich die Quar, ein altes Elbenvolk, um gegen die Verdrängung durch den Menschen zu kämpfen. Im fernen Süden sammeln sich die Heere des Großen Xis um die Vormachtstellung des Diktators auch auf die Markenlande auszudehnen.

Im Auge des aufziehenden Orkans – ein mächtiger Herrscher mit großer Gefolgschaft? Nein – drei Königskinder, die nach der Entführung ihres Vaters versuchen, die Macht in der Hand zu behalten. Das Geschlecht der Eddons unter der Führung von Briony, der jungen Tochter des Königs – für viele Adelige unvorstellbar.

Und dann wird ein Kind gefunden, dessen Geschichte und Bestimmung nicht nur die Eddons mit aller Kraft in die Schattenlande zieht.

In bester Williams – Tradition geschrieben, entführt uns die Shadowmarch – Saga in eine eigene Welt. Alle Gedanken von „kennt man schon“ verfliegen schnell, herausragende Charakterzeichnungen und ein packender Handlungsfaden lassen den Leser in die Markenlande eintauchen und an der Seite von Briony und ihrem Beschützer, Hauptmann Ferras Vansen für die Freiheit und die Zukunft des Landes kämpfen.

2008 Februar:

Das Spiel

„Und sie brachten ein Kind hervor, das aus ihren beiden Melodien einen neuen, größeren Gesang machen sollte, einen seltsamen Gesang, der von da an durch die gesamte Geschichte der Jahre schallen sollte…“

Die Schattengrenze wird von einer riesigen Elbenarmee – den Quar – überschritten – ihr Ziel: die Südmarkfeste in den Markenlanden. Barrick – der einzige überlebende Sohn des Herrschergeschlechts der Eddons gerät in Feindeshand. Briony, seine Schwester ist gezwungen, die heimatliche Burg zu verlassen, um in der Fremde Unterstützung zu finden. Der Kreis schließt sich schneller als vermutet – aus dem Süden stoßen die fremden Heere des Autarchen in Richtung Markenlande vor – ein blutiger Eroberungszug. Können die Königskinder, voneinander getrennt, und doch im Geiste vereint das Schicksal der Markenlande zum Guten wenden, oder versinkt ihre Heimat im Chaos?

Furioser zweiter Teil der Saga. Nach Shadowmarch und Shadowplay wird die Geschichte mit Shadowrise fortgesetzt – sehnsüchtig erwartet. Halte aus – Briony….

Wer den Drachenbeinthron und seine Fortsetzungen liebte wird auch in dieser Geschichte eintauchen und vielleicht sogar versinken…

Tad Williams in der kleinen literarischen Sternwarte: hier