Endstation Taiga von Petra Hulová

Es war schon immer ein Traum von mir, mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Sibirien zu fahren. Endlose Weite, nur das monotone Geräusch der schienenfressenden Lokomotive im Ohr und die Sinne geschärft für die Fremdheit des Landes und seiner Bewohner.

Endstation Taiga von Petra Hulová hat mich auf eine solche Reise entführt. Der einsame rote Koffer inmitten des sibirischen Eises hat mich selbst zu demjenigen gemacht, der ihn dort abgestellt hat. Aktiv in der Rolle des lesenden Betrachters.

Ausgestattet nur mit dem Nötigsten und darauf hoffend, dass es der jungen Schriftstellerin gelingt, mich mit all dem auszustatten, was ich zum Überleben in der menschenfeindlichen Landschaft benötige.

TransSib

Der dänische Forscher Hablund Doran begibt sich unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1946 auf die Reise nach Sibirien. Getrieben von der Faszination für die Einsamkeit des Landes möchte er einen Dokumentarfilm über die Menschen, ihr Leben und ihre Bräuche drehen.

Gegen den Widerstand seiner Ehefrau Marianne verlässt er Kopenhagen, reist nach Moskau und verlässt die Transsibirische Eisenbahn in der Abgelegenheit der sibirischen Eiswüste. Die Bewohner des kleinen Dorfes Charyn erwarten keinen Fremden, niemand steigt sonst hier aus und noch schwerer ist es, den Ort zu verlassen. Die Menschen haben sich mit dem Leben in dieser Region arrangiert. Die Cevapik, sibirische Ureinwohner, leben hier mit ausgesiedelten Russen zusammen, gemeinsam und doch durch eine ganze Kultur voneinander getrennt. Aufeinander angewiesen und doch weiter voneinander entfernt, als es dem Leben in dieser Umgebung zuträglich ist. Genau hier versucht Hablund, Kontakte zu knüpfen, ins Gespräch zu kommen und an das Ziel seiner Reise zu kommen – das Leben in Sibirien für die Nachwelt festzuhalten.

Marianne wartet verzweifelt in Kopenhagen auf ein Lebenszeichen ihres Mannes – doch vergebens. Hablund kehrt nie wieder nach Hause zurück. Ein einziger Brief bleibt Marianne.

Sibirien

Sechzig Jahre später macht sich der dänische Student Erske Jenkel auf den Weg nach Sibirien, um herauszufinden was damals geschah. Sich vorsichtig herantastend, versucht er in das Gedächtnis der Menschen einzudringen um behutsam Informationen zu sammeln.

Mitten aus dem europäischen Alltag gerissen ist ihm zu keinem Zeitpunkt bewusst, dass er seit sechzig Jahren erst der zweite Fremde ist, der Charyner Boden betritt. Bei jedem Schritt, jedem Gespräch und jedem Blickkontakt steht er in den Spuren Hablund Dorans ohne sie sofort zu erkennen.

Wird er das Rätsel um des Verschwinden seines Landsmannes lösen können – und warum hat er sich überhaupt nach Sibirien begeben? Diese Fragen haben mich, wie von böigem Steppenwind getrieben, durch den Roman fliegen lassen. Petra Hulova hat eine Geschichte in Zeitscheiben entstehen lassen und ihre Protagonisten mit einer Schnittmenge von Menschen konfrontiert, die beiden in unterschiedlichem Alter begegnet sind.

Endstation Taiga ist ein faszinierender Generationenroman, in dem alle Aspekte des Lebens in Sibirien vor dem Hintergrund der immer weiter fortschreitenden Vermischung der beiden Charyner Kulturgruppen eine gewichtige Rolle spielen. Es hat mich gefesselt zu erkennen, von wem die Menschen abstammen, die Erske begegnet – herauszufinden in welcher Beziehung sie und ihre Vorfahren zu Hablund standen, um so meinen eigenen Weg durch die Zeitscheiben einer sibirischen Dorfgemeinschaft zu finden.

Diesen Weg habe ich mir nicht nur erlesen, sondern auch erarbeitet, indem ich die Generationen Charyns in einem Stammbaum verewigte und diesen über sechzig Jahre nachvollzog. Daraus ergeben die Kreuzungen der Lebenswege zweier dänischer Forscher mit denen der Menschen in Sibirien. Vielleicht ist diese Skizze eine kleine Hilfe beim Lesen des Romans – sie beinhaltet keine „Spoiler“ und führt nicht zur Lösung des Rätsels um den verschwundenen Hablund Doran. Die muss man selbst finden.

Der Weg dorthin ist einzigartig!

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