„25 – Der Springer“ von Pierre Chiquet Nicht nur meine Meinung zählt

Drei Menschen – ein Mord – unter-schiedliche Perspektiven – und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Zwei Männer – eine Frau – eine vielleicht klassische Dreiecksbeziehung mit mehr als fatalem Ausgang. Ein kleines Hotel und eine weibliche Leiche.

Spurensicherung – unzählige Indizien – Mutmaßungen und Fakten.

Aus der Sicht eines Kommissars ein Fall wie viele andere.

Nichts was sein geschultes Auge nicht schon einmal gesehen hat. Kein Täter, der sich seinen Fragen dauerhaft zu entziehen vermag und auch diesmal ein Verhör auf sicherem Terrain für den Kommissar. Und doch nur der magisch anmutende Satz des Verdächtigen „Mein Staunen hat mich zusehends erschöpft“.

Die Fakten liegen auf der Hand. Nur der Täter steht noch nicht fest – jeder der beiden Männer kommt in Frage – jeder hat ein Motiv – das Mächtigste vielleicht: Eifersucht.

Die Grundlagen für die Beziehungstat sind in früher Jugend angelegt, als die beiden Männer sich in die gleiche Frau verlieben. Es folgen gemeinsame Wege – getrennte Wege und schließlich eine Wiedervereinigung mit schrecklichem Ausgang. Einer der Männer blieb allein, der andere ging seinen Weg gemeinsam mit der Frau und sagt nach Jahren zum ehemaligen Rivalen „Du kannst sie haben!“

Eine Aufforderung, verlockend und magischtragisch zugleich.

25 - Der Springer

Auch aus Sicht des Pathologen ein klarer Fall. Leichen haben Geschichten zu erzählen, sie verschweigen ihm nichts. Sie haben ihre eigene Wahrheit die es zu erkennen gilt und er ist perfekt darin. Die Lage der Frau auf dem Bett, ihre Verletzungen und die kleine Wunde über dem Ohr sprechen eine deutliche Sprache. Sie erzählen von Mord und von Motiv.

Sie erzählen alles. Legen das Leben der Leiche schonungslos offen und die Perspektiven des Kommissars und des Pathologen münden zu einer heißen Spur. Der 25 folgen weitere Zahlen – einfach genial.

Ich kann folgen und ich will folgen, denn die Chiquets Sprache umschmeichelt mich wie der Windhauch eines spannungs-geladenen Sommerabends kurz vor dem Gewitter.

Ich versetze mich in die Handlung und gelange in die Mitte des Buches – zur dritten Perspektive – zum Portier des Hotels, der so vieles wissen muss über die Tat, dass sich die Bilder nun vereinigen und auflösen müssen. Ich fiebere entgegen, meine Neugier ist geweckt und ich blättere unruhig weiter. Im Lesefluss – ganz tief drin.

Und dann?

Trifft mich die Vollbremsung in „25 Der Springer“ mit voller Wucht.

Die Konstruktion der Geschichte verliert für mich ihre Dichte und zerfasert sich in illusionären Bildern, als hätte es die erste Hälfte des Romans nicht gegeben. Als wäre all das nie geschehen und ich fühle mich verunsichert. Eine andere Geschichte wird beschrieben – eine Gute ohne Wenn und Aber – aber eben keine, die mit der Konstruktion des gesamten Romans in Verbindung steht. Der Kommissar und der Pathologe – Trugbilder? Schade….

Es ist Aufgabe des Autors, Interesse zu wecken und den Baustil seines Romans so zu öffnen, dass ich als Leser gerne bis zum Ende im Labyrinth der Handlung eintauche. Jedoch immer in der Hoffnung, mit einem plausiblen, gut gebauten Ende versöhnt zu werden für die Achterbahnfahrt der falschen Verdächtigungen oder überlesenen Hinweise. Dies ist Pierre Chiquet, zumindest bei mir, nicht gelungen. Die Konstruktion hat mich nicht durch die gesamte Handlung getragen. Sie hat sich aufgelöst und ihre einzelnen Trägerteile waren trotz ihrer individuellen Genialität nicht tragfähig genug, eine Brücke vom Beginn bis zum Ende des Romans zu schlagen.

Nur tragfähige Elemente schlagen Brücken...

Kurzum: ich habe den Roman nicht verstanden. Was umso bedauerlicher ist, weil ich die Sprache des Autors für absolut brillant und lesenswert halte. Wer mir behilflich sein möchte, den verlorenen Faden wieder zu finden, oder mir zu zeigen wo und warum mein Verstehen endete, der sei herzlich aufgefordert, mir sachdienliche Hinweise zukommen zu lassen.

“Denn wenn ich ein wenig zur Seite trete”, sagte er, “und es von diesem Winkel aus betrachte, sieht es wieder anders aus, ist es nicht einmal groß genug, um einen Schatten in irgendeine Richtung zu werfen.”

Wenn jemand den “anderen” Blickwinkel auf das Buch gefunden hat, dann sollte er auf diese Einladung zurück kommen. Wir veröffentlichen gerne auch eine Rezension, die meine offenen Fragen zu beantworten vermag! Wir sind nicht das Maß der Dinge und wollen auch nicht den Eindruck erwecken, dies zu sein – also… Widerspruch ist sinnvoll!

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