Ein Frauenmörder oder „Was Bücher mit mir machen…“

Freiburg, 22. Oktober 1960:

Der 22-jährige Heinrich Pommerenke wird wegen vierfachen Mordes in Verbindung mit Schändung der Opfer (vor, während und nach dem Tat), siebenfachen Mordversuchs, 25-facher versuchter und zweifach vollendeter Vergewaltigung, gefährlicher Körperverletzung, fünffachen schweren Raubes, zehnfacher Einbruchdiebstähle und sechsfacher Diebstähle zu sechs Mal lebenslang plus 15 Jahren verurteilt.

Die Gesamtstrafe beläuft sich somit auf 156 Jahre.

Die Morde und Vergewaltigungen stellen in ihrer unvorstellbaren Grausamkeit ein noch nie dagewesenes Verbrechen in der noch jungen Bundesrepublik dar. Die Todesstrafe war gerade erst abgeschafft und schon schreien das Volk und die Medien nach dem Kopf des “Monsters”.

Die Presse bezeichnet ihn fortan als “Grauenmenschen”, “Bestie ohne Eigenschaften” oder schlichtweg “Satan”. Die Justiz sperrt den Serienmörder weg.

Fast 50 Jahre lang, fast 18000 Nächte. Einzel- und Isolationshaft. Ein verschüttetes Leben im Vergessen. Ein verschüttetes Leben voller Repressalien. Ein verschüttetes Leben ohne eine einzige Stunde therapeutischer Begleitung oder den Versuch, Heinrich Pommerenke in der Haft ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Ein menschenunwürdiges Leben, dem erst ab dem Jahr 2001 ein gestuftes Vollzugslockerungsprogramm zugebilligt wurde – allerdings niemals mit dem Ziel der Freilassung

Am 27. Dezember 2008 stirbt Heinrich Pommerenke im Alter von 71 Jahren – er stirbt hinter Gefängnismauern.

Opfer - lebenslänglich tot....

Thomas Alexander Staisch schildert mit bestechender und brillanter Stilsicherheit die menschenverachtenden Umstände der „trockenen Todesstrafe“. Unvorstellbar in einem modernen Rechtsstaat, in dem die Grundfragen der Sicherheitsverwahrung und die Definition des Begriffes „lebenslange“ Haft immer und immer wieder diskutiert werden, einen Menschen fast 50 Jahre einfach nur einzusperren. Ihn seiner Würde zu berauben und gegen jedes Gebot der Mitmenschlichkeit zu verstoßen. Unvorstellbar.

ABER….: Wie liest sich das aus Sicht der Opfer? Wie nur…?

Täter - Mensch - Opfer...?

„Ich wollte provozieren!”
“Das ganze Buch muss aus Opfersicht eine Provokation darstellen…”

Thomas Alexander Staisch,
Autor des Buches
„Heinrich Pommerenke, Frauenmörder. Ein verschüttetes Leben“,
in einem Interview am 18.10.2010. (BNN)

Dies ist dem Autor gelungen. Hier meine Reaktion auf dem Blog Lovelybooks. Selten hat mich ein Buch so aufgewühlt, so sprachlos und wütend gemacht, wie die Aufarbeitung des Lebens des Serienmörders Heinrich Pommerenke.

Mit jedem gelesenen Satz habe ich einen zweiten, ungelesenen, gedacht. Mit jedem geschriebenen Argument habe ich ein zweites, ungeschriebenes, verknüpft und mit jedem betrachteten Bild habe ich ein anderes, unbetrachtetes, wahrgenommen. Mit jeder vergossenen Träne, eine zweite. Mit jedem Schrecken, einen weiteren. Das hat dieses Buch mit mir gemacht!

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