Freud` und Leid mit Mehrteilern…. Trilogien und mehr…

Während begeisterte Leser SMARAGDGRÜNEN Trilogien ihren ewigen TRIBUT zollen, mag man sich fragen, ob solche auf mehrere Teile angelegte Werke dem Zeitgeist entspringen, eine literarische Modeerscheinung darstellen oder schlichtweg in den Konzeptionsküchen großer Verlage erdacht werden, um den Erfolg eines einzelnen Buches zu strecken, und aus einem Frühjahrsbuch ein ganzjähriges und in Verbindung mit seinen ungezählten Fortsetzungen sogar ein ewig währendes  wirtschaftliches Konstrukt werden zu lassen.

Ich habe mir als begeisterter Leser von Tad Williams (siehe Teil 1 des “Freud` und Leid Artikels”) angewöhnt, mich bezogen auf Trilogien in Geduld zu üben. Oftmals zu warten, bis alle Bände erschienen sind und mich dann in einem Rutsch durch die üppigen Handlungsfelder zu nagen. Bei einigen Büchern konnte ich jedoch nicht widerstehen. Sie zu lesen basierte auf dem “Rail`schen Phänomen” des ungezielten Lustkaufs.

Karten und Illustrationen zu Joshua Mowll`s Gilden Chronik

Es sind Bücher die mich im Sprung erobert haben und bei denen ich erst von Seite zu Seite realisierte, dass die Auflösung der komplexen Handlungen definitiv nicht im letzten Kapitel zu erwarten ist. Manchmal habe ich mich sogar ganz bewusst auf solche Bücher eingelassen – getragen von der Hoffnung, nicht enttäuscht zu werden.

Woran merken wir Leser, ob eine Geschichte trägt, ob sie schon von Anbeginn des Denkens auf mehrere Teile angelegt war, oder ob genau das Gegenteil der Fall ist und wir uns von Band zu Band nur noch durch eine aufgeblähte Handlung quälen, um endlich erfahren zu dürfen, wie eine Geschichte endet, der man sich Jahre zuvor lesend anvertraut hat?

Woran nur…?

“New World” von Patrick Ness

Die Ausgangssituation:

Wir befinden uns in Prentisstown, einer von Menschen geschaffenen Kolonie auf dem Planeten New World. Die Bewohner stehen am Ende des gewonnenen Krieges gegen die Ureinwohner vor zwei unlösbaren Problemen. Einerseits gibt es keine Frauen mehr, was man den besiegten „Spackles“ anlastet und andererseits leiden die überlebenden Männer der Kolonie unter dem Phänomen, dass sie Gedanken nicht mehr voreinander verbergen können.

Bürgermeister Prentiss versucht den überall vorherrschenden Lärm zur Untermauerung seiner Macht zu nutzen und träumt von einem Planeten unter seinem Regiment. Nichts ist geheim – kein Gedanke bleibt ihm verborgen.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der 13jährige Todd, das letzte Kind der Kolonie. Bei seinen Streifzügen stößt er auf das Unfassbare. Ein Mädchen namens Viola. Sie ist die einzige Überlebende eines abgestürzten Erkundungsschiffes, das die Ankunft weiterer 5000 Siedler vorbereiten sollte. Die größte Überraschung ist jedoch, dass Todd die Gedanken des Mädchens nicht wahrnimmt, während sie jedoch ungestört in seinem „Lärm“ lesen kann, wie in einem offenen Buch.

Diese Entdeckung macht Todd zur Gefahr für das Machtstreben des Bürgermeisters und er begibt sich gemeinsam mit Viola auf eine tollkühne Flucht quer über den Planeten.

Es entwickelt sich ein spannungsgeladener Konflikt zwischen den Männern und Frauen der Kolonie, flankiert vom neu erwachten Widerstandswillen der „Spackles“ und überschattet von der drohenden Ankunft weiterer Siedler. Wer wird herrschen, wenn die Schiffe landen? Dies ist die zentrale Frage.

Im Zentrum des Sturms befinden sich Todd und Viola, die, verbunden durch den gemeinsamen Wunsch eine Kolonie des Friedens zu gestalten, eine Vielzahl von Prüfungen zu überstehen haben, bevor sich ihr Schicksal erfüllt.

Mein Gefühl:

Patrick Ness hat eine Welt geschaffen in der nichts gekünstelt ist – der Leser taucht sofort ein und wird vom atemberaubenden Tempo gepackt. Der Lärm der Gedanken ist in den Zeilen greifbar und wird unerträglich. Man schafft es nicht mehr das Buch aus der Hand zu legen, da man untrennbar mit der Geschichte von Todd und Viola verwoben wird. Diese Trilogie beweist, dass die jeweiligen Fortsetzungen bereits früh angelegt waren und in jeder Beziehung den Faden aufnehmen, um den Leser an der Stelle abzuholen, an der er rat- und rastlos zurückblieb…

Ich habe selten zuvor eine dermaßen geschlossene Geschichte gelesen, die in Qualität und Struktur diese drei Teile bedingt, ohne sich auch nur an einer einzigen Stelle zu verzetteln.

FAZIT: absolut lesenswert – Trilogie ohne Schwächen

“Die Gilden Chronik” Drei Operationen von Joshua Mowll

Die Ausgangssituation:

Als Joshua Mowll, der Autor dieser Romanvorlage, den Nachlass seiner verstorbenen Tante Rebecca erbt, kommt er einem unglaublichen Geheimnis auf die Spur: einer uralten Geheimgesellschaft, deren Wissen der Menschheit einen epochalen Fortschritt bescheren oder sie zerstören kann. Rebecca und ihr Bruder Douglas gerieten in den 1920er Jahren mitten in eine Verschwörung, die sie beinahe das Leben gekostet hätte. An Bord eines Forschungsschiffes mit geheimer Mission beginnt ihre geheimnisvolle Odyssee auf der Suche nach ihren Eltern und der Ursache für das Verschwinden ihrer Eltern. Die Reise führt mit abenteuerlichen Fahrzeugen zu den aufregendsten Plätzen der Erde. Von China zu geheimen und befestigten Inseln bis zur sagenhaften Stadt des Todes Hsinkiang, wo sich ihre Bestimmung erfüllen sollte.

Mein Gefühl:

Der Autor Joshua Mowll spannt den Handlungsbogen der Geschichte über die Teile der Trilogie, indem er sich quasi als Protagonist in den Plot einfügt und er vorgibt, diee Originaldokumente von seiner Großtante – einer gewissen Rebecca MacKenzie – geerbt zu haben. Diese direkte Beziehung zu den Kindern von einst lässt die Grenzen der Zeit verschwimmen und man folgt ihnen auf ihrer Suche, wohl wissend, dass auch die Geheimnisse um Joshua selbst ans Licht des Tages streben.

Ich habe selten eine hochwertigere Buchausgabe in gediegener Notizbuchform in Händen gehalten. Unzählige Illustrationen, Bilder und Klappkarten veranschaulichen die Beschreibungen aus dem Roman. Ein absolutes Erlebnis in Wort und Bild, das gerade Jugendliche anregt, weiter zu recherchieren. Die Handlung selbst verflacht ein wenig bis hin zum Finale, was aber durch den hohen Erlebniswert der Bücher kompensiert wird.

FAZIT: lesens- und absolut sehenswert,

“Leviathan” von Scott Westerfeld

Ausgangssituation:

Europa am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Und doch ganz anders, als wir es kennen.

Prinz Aleksandar, der Sohn des in Sarajevo ermordeten Erzherzogs Franz Ferdinand, ist auf der Flucht. Seine eigenen Leute jagen ihn gnadenlos und plötzlich steht er zwischen allen Parteien. Alles, was ihm bleibt, ist ein »Stormwalker«, eine der perfekten neuartigen Lauf- und Kriegs-Maschinen seines Landes.

Doch auch in den Schweizer Alpen ist Alek nicht sicher, als dort das britische Luftschiff »Leviathan« landet – eine nie dagewesene Mischung aus Tier und Maschine und das Meisterstück der britischen Armee. Die »Leviathan« befindet sich auf geheimer Mission ins Osmanische Reich. Mit an Bord: die als Junge getarnte Deryn, der nichts so wichtig ist wie das Fliegen …Alek rettet sich an Bord der »Leviathan« und muss mit Deryn gemeinsame Sache machen.

“Betankst Du Deine Kriegsmaschine oder fütterst Du sie?” Das ist hier die Frage…

Mein Gefühl:

Mein erster Gehversuch im Genre “Steam Punk”. Der erste Teil besticht alleine schon durch seine Aufmachung und die präzise Gestaltung der Rahmenbedingungen der gesamten Handlung. Englands Darwinisten haben es geschafft, Lebensketten zu verbinden und auf diese Art und Weise lebendige Kriegswesen zu erschaffen, die sich nun im Konflikt mit den Kriegsmaschinen der Mechanisten messen müssen.

Die Illustrationen von Keith Thompson sind von derart atmosphärischer Qualität, dass sie die Handlung mehr als untermalen.

Der erste Teil der Trilogie (Behemoth) hat sowohl im Plot, in der Charakterzeichnung der Protagonisten als auch in der einzigartigen Rahmenhandlung absolut das Zeug zur Ausnahmeerscheinung im Buchjahr 2011.

FAZIT: Tendenz absolut lesenswert – absolut sehenswert

“Die Tribute von Panem” von Suzanne Collins

Ausgangssituation:

Alle Kriege sind geführt, viele Naturkatastrophen haben ihre Narben hinterlassen und dort, wo einst Nordamerika war, hat sich Panem aus dem Staub der Geschichte erhoben.

Regiert vom machtbesessenen Kapitol existieren zwölf strikt voneinander getrennte Distrikte, deren Aufgabe es ist, die herrschende Klasse mit Waren zu versorgen. Dabei ist jeder einzelne Distrikt für je eine Produktionsaufgabe zuständig, von Luxusgütern (Distrikt 1) bis hin zur Kohlegewinnung (Distrikt 12). Dies erklärt auch das Bedeutungs- und Armutsgefälle zwischen diesen Bereichen, wobei die Menschen im Kohlebergbau die Ärmsten und am schlechtesten ernährten Sklaven des ganzen Landes sind. Denn Leibeigene sind sie alle – nachdem der verzweifelte Aufstand gegen das Kapitol blutig niedergeschlagen und mit der vollständigen Vernichtung des 13. Distriktes bestraft wurde.

Um weitere Rebellionen zu unterbinden, hält die Regierung die Bewohner Panems in dem qualvollen Bedrohungszenario der “Hungerspiele” gefangen. Jährlich zwingt das Kapitol in einem Losverfahren jeweils zwei Jugendliche jedes Distriktes, gleichsam als Tribut und Menschenopfer, bei diesen Spielen gegeneinander in einem Kampf auf Leben und Tod anzutreten, bei dem es nur einen Sieger geben darf. Als Preis winkt dem siegreichen Gladiator ein sorgenfreies Leben und dessen Distrikt ein Jahr lang die Vergünstigung, etwas weniger an Hunger und Entbehrung leiden zu müssen.

Die sechzenjährige Katniss muss an der Seite ihres Weggefährten Peeta mehr als einmal die Arena betreten, bevor in ihr der Wille zum Widerstand erwacht. Jedoch ist Peeta nur Gefährte – die große Liebe des jungen Mädchens trägt einen anderen Namen…

Mein Gefühl:

Suzanne Collins entwirft eine näherungsweise perfekte sozialkritische und ökologische Gesellschaftsutopie und es gelingt ihr hervorragend, die Dimensionen der heutigen Unterhaltungsindustrie in diese Situation zu projizieren. Ein tödlicher Mix aus Big Brother und modernen Gladiatorenwettkämpfen. Dabei schickt sie mit Katniss eine der packendsten und greifbarsten Protagonistinnen, die ich in den letzten Jahren lesend begleiten durfte, in die Arena. Der Leser wird von der Handlung eingeatmet und durchlebt schlaflose Nächte an ihrer Seite, jagend, hoffend, wartend, zweifelnd und in Bäumen festgeschnallt schlafend.

Die ersten beiden Teile verlieren zu keinem Zeitpunkt an Fahrt und die Handlungsfäden verweben die Bücher zu einem einzigartigen Ganzen. Der Abschlussband Flammender Zorn wird mich als ganz gezielter Lustkauf in den nächsten Tagen begleiten. Ich zweifle nicht an seiner Qualität.

FAZIT: Das Beste vom Besten…

Tja, nun bleiben noch all die Ungenannten. All die unerwähnten Trilogien oder Mehrteiler, wie DAS TAL, SHADOWMARCH, DER GOLDENE KOMPAS und all die Gelesenen, wie der DRACHENBEINTHRON, DIE KINDER DES GRAL von Peter Berling oder DIE ERBEN KAINS von John Jakes.

Trilogien pflastern meinen Weg und ich empfinde es persönlich als Zeichen lebendigsten Lebens, wenn es mir wieder einmal gelingt das Ende eines Mehrteilers zu erlesen. Es ist die Schlimmste aller Vorstellungen, irgendwann einmal den letzten Teil nicht mehr lesen zu können, weil…

Aber das ist eine andere Geschichte. Ich danke fürs Lesen…

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