Patrick Ness – Autor der New World Trilogie – im Gespräch mit Lovelybooks

Nach der Veröffentlichung meines letzten Artikels zum Thema “Freud` und Leid mit Mehrteilern – Teil 2″ tauchte die Frage auf, ob auch ich an einer Artikeltrilogie arbeite. Ich hätte nicht gedacht, so schnell eine Fortsetzung schreiben zu können. Aber ich habe Anlass dazu.

Nachdem ich im Rahmen dieses Berichtes auch die Trilogie “New World” von Patrick Ness vorgestellt habe und sie aus meiner Sicht als absolut lesenswert und ohne Schwächen bezeichnet habe, erhielt ich eine mehr als freundliche Rückkopplung des in England lebenden Autors. Aus der ein oder anderen gewechselten Mail entstand ein Interview für den Blog.Lovelybooks, in dem Patrick Ness über die Entstehung der Trilogie und die Bedeutung seiner deutschen Leserschaft Auskunft gibt.

Für mich war es am Ende der Trilogie “New World” vollkommen klar, dass Patrick Ness schon beim Schreiben der ersten Zeilen gewusst haben musste, wie die Story ausgeht.

Es war nicht nur ein Gefühl. Ich war mir da sehr sicher.

Die Konstruktion war so plausibel und ohne Widersprüche, dass es mir leicht gefallen ist, dem Autor über die drei Bände hinweg zu vertrauen und seinen Protagonisten durch die neue Welt zu folgen. Beim Schließen des letzten Bandes war ich am Ziel einer mehrjährigen Reise angekommen – an einem Punkt, der es mir ermöglichte, mich von der Geschichte zu trennen und sie in Gedanken doch ein wenig weiterzuspinnen. Ganz für mich alleine. Der Schluss der Trilogie gehört für mich zu den Highlights der bisher von mir gelesenen Mehrteiler.

Darüber hinaus fühlte ich mich beim Lesen von New World sprachlich und in bestimmten erzeugten Bildern an David Foster Wallace erinnert. Schmerzlich einerseits, weil er fehlt, freudig andererseits, weil ich diesen beschreibenden und malerischen Stil persönlich sehr schätze.

Ich hatte also viele Fragen an Patrick Ness und die “Interview-Cloud” füllte sich rasend schnell:

DAS INTERVIEW:

Patrick,ich muss die Frage einfach stellen. Gehe ich recht in der Annahme, dass du das Ende der Trilogie bereits kanntest, als du den ersten Satz des Buches geschrieben hast?

Dein Gefühl ist absolut richtig. Ich hatte tatsächlich die letzten Sätze aller drei Bücher vor Augen, bevor ich mit dem Schreiben des ersten Bandes “Die Flucht” begonnen habe.

Einerseits mag ich Geschichten, die ein “sauberes” Ende vorweisen können und andererseits gaben mir diese Sätze die Richtung vor, auf die ich mich als Autor zubewegen konnte. Ich wusste nicht genau, wie ich dort ankommen sollte, aber genau zu wissen, wie ich den Leser am jeweiligen Ende eines Bandes und schließlich am Ende der Trilogie zurücklassen würde, war sehr wichtig für mich.

Kennst / magst du den “Unendlichen Spaß” von David Foster Wallace? Ist es vorstellbar, dass dieses Buch dich in irgendeiner Art und Weise beeinflusst hat. Deine Fantasie oder Deinen Stil zu schreiben? Oder bin ich da Gefangener meiner eigenen Vorstellungskraft?

Es ist GROSSARTIG, dass du diese Frage stellst. Ich bin ein riesiger Fan von David Foster Wallace und seinem Roman “Unendlicher Spaß”. Es ist ein fantastisches Buch – grandios.

Ich bin mir nicht sicher, ob sein Stil mich beeinflusst hat, weil er so fokussiert und nach Innen gerichtet ist und ich meinen eigenen Stil, bezogen auf New World, absichtlich einfacher und offener gewählt habe (ich beschreibe eher die Gedankenwelt eines Teenagers der lernt und erwachsen wird).

Aber alleine Wallaces schierer Ehrgeiz und seine große Gabe, eine Welt zu erfinden die alleine auf der Grundlage einer unmissverständlichen Beschreibung einen perfekten Sinn ergibt, sind unglaublich. Ich denke ich habe ein wenig von diesem Gefühl verinnerlicht.

New World ist eine Dystopie. Sie spielt in einer fiktiven Gesellschaft, die auf dem Weg ist, sich zum Negativen zu entwickeln und zeigt die Rahmenbedingungen des Lebens in dieser Utopie. Spielt deine Geschichte in der Zukunft oder sind wir schon Teil davon?

Ach ich denke, die Welt ist bereits heute schon sehr “laut”. Es gibt eine Fülle an Informationen (Handy, Internet, Facebook, Twitter usw., usw., usw.) und so ist ein Teil des Buches mit unserem aktuellen Leben vergleichbar.

Aber ich denke, es besteht Hoffnung.

Gerade wenn alles schwierig scheint, ist das Wunder, wie zwei Menschen einander zu vertrauen lernen ein großer Hoffnungsschimmer. Wenn wir das auf einem entsprechend hohen Level realisieren können, dann sind wir auch fähig uns selbst zu retten. Wer weiß? Ich bleibe dennoch hoffnungsvoll. Die Menschheit ist zu den schrecklichsten Dingen in der Lage, aber Menschen stehen auch für Schönheit und Liebe, was am Ende mehr zählen könnte.

Dein Roman handelt ebenfalls vom Verlust der Privatsphäre und von der totalen Informationskontrolle. Jeder Mann in New World kann die Gedanken der anderen Männer hören. Nur Präsident Prentiss kann dies kontrollieren und nutzt diese Fähigkeit als Machtbasis. Allerdings ist kein Mann in der Lage, die Gedanken der Frauen zu vernehmen.

Und hier sind wir doch nicht mehr im Land der Fantasie. Frauen sagen doch andauernd, dass wir Männer nicht in der Lage sind ihre Gedanken und Wünsche zu lesen ,-)

Ach ja – es gab schon ein paar spaßige Anmerkungen zu diesem Thema. Ich wollte es wirklich nicht so mysteriös anlegen, obwohl Männer oft darüber scherzen, nie zu wissen was Frauen wirklich denken.

Ich wollte einen Unterschied darstellen und ihn so extrem wie möglich gestalten. Ich denke, das schlimmste Wesensmerkmal unserer Spezies ist die Unfähigkeit, einen Unterschied einfach nur als Unterschied zu akzeptieren. Entweder erheben wir ihn auf die Stufe “besser als wir selbst” und müssen ihn niederreißen, oder wir erniedrigen ihn andererseits zum “schlechter als wir” um ihn dann auszubeuten.

Wir würden so vieles besser machen, wenn wir nur akzeptieren könnten, dass Unterschiede einfach nur Unterschiede sind und kein BESSER oder SCHLECHTER.

Ich dachte, ich gestalte den Unterschied zwischen Männern und Frauen so extrem und beobachte, wie meine Figuren damit umgehen. In manchen Bereichen waren die Konsequenzen grausam, in anderen jedoch haben die Menschen hart dafür gekämpft, die Gesellschaft zusammen zu halten. Das war es, was mich interessiert hat.

Woher kam die Idee zu New World?

Ich dachte über neue Grenzen nach – wie Amerika oder Australien – und wo die nächste wohl verlaufen könnte. Offenbar würde sie „irgendwo da Draußen“ liegen und ich begann mich zu fragen, ob wir immer und immer wieder die gleichen Fehler begehen würden. Unsere regionalen Probleme im Gepäck, die Ureinwohner in gewohnter Weise unterdrücken usw., usw. Diese Gedanken waren es – ja.

Was empfindest du für deine Protagonisten? Du hast Todd und Viola von einem Desaster ins nächste geschrieben und dir oft recht viel Zeit gelassen, ihnen einen kleinen Fluchtweg freizuschreiben. Kein schlechtes Gewissen?

Ich liebe Todd und Viola. Ich weiß, dass ich ihnen viele Schwierigkeiten bereitet habe, aber ich war eben immer daran interessiert, zu sehen wie sie reagieren. Das Thema des Romans dreht sich um den Punkt, die eigene Menschlichkeit in unterschiedlichsten Situationen zu bewahren. Ich denke, beide haben ihre Fehler gemacht – das ist es, was Menschen eben tun – aber sie haben ebenso ultimativ gelernt, einander zu vertrauen um menschlich zu bleiben. Ich empfinde sie beide als berührend – und wünsche ihnen Gutes.

Im Gegensatz zu seinem Alter von 13/14 Jahren ist Todd eine ausgeprägt starke Persönlichkeit. Er ist mutig, selbstsicher und zielbewusst. Gibt es ein reales Vorbild für ihn – finden wir gar der jugendlichen Patrick Ness in dieser Figur wieder? Und wer ist Viola? Nur eine Erfindung?

Ich befürchte, es gibt kein reales Vorbild für Todd. Ich selbst war nicht annähernd so selbstbewusst wie er, aber es kann sein, dass ich in weiten Teilen so dachte. Im Wesentlichen sind beide, Todd und Viola, erfunden. Ich hatte eine Vorstellung von ihnen und setzte sie dann bestimmten Situationen aus um zu sehen, wie sie damit umgingen und wuchsen.

Vielleicht haben sie so begonnen, ein eigenes Leben zu führen.

Todd musste ohne seine Eltern aufwachsen, hatte jedoch in Ben und Cillian zwei exzellente Ziehväter. Beide sind verantwortlich für seine Stabilität auf dem schwierigen Weg, den er zu meistern hat. Welche Bedeutung hat Erziehung für dich?

Die Liebenswürdigkeit ist wichtig, teilweise erkennt man genau daran, dass Todd nicht wirklich gut mit seinem Ziehvater Cillian auskommt. Am Ende jedoch begreifen wir, dass Cillian ihn liebt und nur sein Bestes will. Ich denke, Liebenswürdigkeit ist wirklich das Schlüsselwort.

Wir gehen so lieblos mit uns selbst um, dass es auf unsere Kinder ausstrahlt. Das soll natürlich nicht bedeuten, dass wir Kindern immer alles geben sollten, was sie gerade begehren! Aber immer zu wissen, dass man geliebt wird ist meiner Meinung nach das Beste was man jemals für sein Kind tun kann.

Du bist gebürtiger Amerikaner, hast einige Jahre in Hawaii, Washington und Los Angeles verbracht, bevor du nach London gezogen bist. Ist es das tropische Klima der englischen Hauptstadt oder gibt es einen anderen Grund, dort zu leben?

Mein Partner ist Engländer – so einfach ist das. Das Wetter ist vergleichbar mit dem in Seattle, wo ich einen Großteil meiner Jugend verbrachte, und insofern stellt es für mich kein Problem dar. Mir gefällt es sehr hier und ich fühle mich wohl.

Welche Bedeutung hat es für dich, zu wissen, dass deine Bücher weltweit, ganz besonders natürlich in Deutschland, gelesen werden? Stehst du in Kontakt zu deutschen Lesern und wie sieht das Feedback aus?

Ich hatte viele Kommentare von deutschen Fans auf meiner Webseite und einige sehr schöne Rückmeldungen. Ich bin mehr als erfreut darüber, Leser in Deutschland zu haben. Ich spreche ein ganz klein wenig, ein klitzeklein wenig, ein winzig wenig Deutsch (“bisschen”) und deshalb ist es immer großartig, von euch zu hören.

(Zitat aus der englischen Originalfassung des Interviews: I speak a teeny, tiny, wee little bit of German (ein bisschen), so it’s always great to hear from you.)

Auf welche Frage, die man dir noch nie gestellt hat, würdest du gerne antworten?

“Darf ich dir einen Drink ausgeben?” – Meine Antwort: Ja.

Gibt es neue Projekte? Dürfen wir uns auf eine neue Trilogie oder einen neuen Roman freuen oder fällt das in die Kategorie “Top Secret”?

Im Mai erscheint mein neuer Roman “A Monster Calls” in England. Dazu wird es bestimmt bald auch in Deutschland interessante Neuigkeiten geben, aber das ist wirklich noch streng geheim.

Patrick – danke für dieses Interview!

You’re very welcome. Chusst! (nach einer Rückfrage bei Patrick erschließt sich mir das englisch – umgangssprachlich – verdeutschte Chusst als “Tschüss” )

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