Alle Farben des Schnees

Es ist wieder die Schweiz – literarisch ein ganz klein wenig meine Schweiz, da ich durch viele Bücher der Autorin Margrit Schriber ein Empfinden dafür habe, wie die Menschen auch heute noch in einzelnen Regionen dieses angeblich so verträumten Ländchens der drei Sprachen leben und denken. Weit ab von allen Klischees liegt dieses Empfinden.

Mehr als gespannt war ich deshalb auf das lange angekündigte „Ich bin dann mal weg – Buch“ der bekannten deutschen Autorin Angelika Overath.

Zuletzt konnte sie mich mit ihrem Roman „Flughafenfische“ mehr als begeistern und nun bin ich froh, in „Alle Farben des Schnees“ tief einge-sunken zu sein!

„Warum nicht dort leben, wo man sonst seinen Urlaub verbringt?“ Diese Frage beschäftigte sie und ihr Verleger antwortete nur kurz: „Warum nicht darüber schreiben, wie es ist, dort zu leben, wo man sonst seinen Urlaub verbringt?“

Dem Traum der Autorin und Reporterin, mit „Kind und Kegel“ aus der flüchtigen Heimat eines Urlaubsortes eine neue Heimat zu machen, ihr alltägliches Leben in Deutschland konsequent zurückzulassen und dem verlegerischen Interesse verdanken wir ein Buch, das ganz harmlos als Erlebnisbericht daherkommt. Sehr harmlos sogar.

In kurzen tagebuchartigen Einträgen finden sich zu Beginn die einfachen Überlegungen und Gedanken der Schriftstellerin zu diesem bedeutenden Schritt, von den einfachsten Banalitäten bis hin zu den allzu praktischen Überlegungen „wo wohnen, welches Haus, welche Schule für den jungen Sohn, was mit der studierenden Tochter, wie umziehen… usw.?“ Und es finden sich die Bilder des malerischen Sent im Schweizer Unterengadin. Des neuen Lebensmittelpunktes, umrahmt von prächtigen Bergen und bewohnt von Menschen, deren rätoromanische Sprache mehr als eine Grenze darstellen kann.

Angelika Overath wäre jedoch nicht Angelika Overath, wenn „Alle Farben des Schnees“ eine sprachlich einfache, unverblümte Auseinandersetzung mit dem gar nicht so Alltäglichen bliebe.

Der Sprung ins kalte Wasser – das große Wagnis, in der Abgelegenheit der Schweizer Berge ein ganz neues Leben zu beginnen – der große Schritt, Freunde und gewohnte Umgebung hinter sich zu lassen und Teil einer verschworenen dörflichen Gemeinschaft werden zu wollen öffnet ihr die Augen. Verliert die flüchtige Schönheit ihren Glanz, wenn man bleibt?

Dieser Sprung öffnet alle Sinne – die Wahrnehmung des Schnees wird täglich präziser. Alle Nuancen der Farbe, das Lichterspiel des einfachen Weiß im Verlauf der Sonnenstrahlen werden zu einem roten Faden, der ihr neues Leben begleitet. Alles ändert sich. Das Hören vernimmt eine Sprache – nicht mehr nur lustig, solange man dort im Urlaub verweilt. Nein – eine Sprache die es zu beherrschen gilt, die man in sich aufzunehmen hat um sich dauerhaft verständlich zu machen. Das Fühlen der menschlichen Atmosphäre in ihrem neuen Umfeld, das spürbare Knistern in der Distanz gegenüber den NEUEN im Dorf ist eine Erfahrung für sich.

Angelika Overaths Geschichte wird zu einem bedeutenden Erfahrungsbericht über Integration, Identität und Heimat. Kann man das Eine erreichen ohne das Andere zu verlieren? Passt man sich an oder verliebt man sich in sein neues Leben und kämpft darum, Teil zu sein – aufgesaugt zu werden und den neuen, scharfen und unverbrauchten Blick in Richtung Literatur zu lenken und zu schreiben.

„Alle Farben des Schnees“ haben Angelika Overath zu einer neuen Perspektive verholfen – ohne Illusion, ohne Klischee, ohne sich selbst zu verlieren. Ich denke, sie hat sich gewonnen und wir werden diese Erfahrungen und Gefühle in ihrem weiteren Schaffen sehen können. Ihre Worte strahlen in neuen Farben – in allen Farben.

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