Lebensbücher: SEIDE von Alessandro Baricco

„Es war das Jahr 1861, Flaubert schrieb gerade den Schluss von Salambó, das elektrische Licht war noch graue Theorie, und Abraham Lincoln führte jenseits des Ozeans einen Krieg, dessen Ende er nie erleben sollte.“

Kein anderes Buch hat mich so sehr geprägt, kein anderes Buch verbindet mich so sehr mit mir selbst und mit meinen Gefühlen. Es ist definitiv das Buch meines Lebens. Dieser Roman hat seine Spuren in mir hinterlassen – Spuren der Freundschaft, Spuren des Todes und die Spur der Liebe. Diese Spuren sind tief und sie werden es bleiben!

Eine leise Geschichte über das Begehren und den inneren Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit einer heimlichen Liebe. Eine poetisch-zarte Parabel vom Glück und seiner offensichtlichen Unerreichbarkeit. Seide. Der Roman, der Alessandro Baricco weltberühmt machte.

Knisternde Seide, kühl, edel und kostbar. Als 1861 eine nahezu weltweite Epidemie in der Seidenraupenzucht um sich greift, fühlen sich die kleinen Spinnereien des südfranzösischen Städtchens Lavilledieu in ihrer Existenz bedroht. Daher bricht der Seidenraupenhändler Hervé Joncour im Herbst dieses Jahres zu einer beschwerlichen Reise in das für seine Seidenraupen berühmte, doch gegen alle äußeren Einflüsse abgeschottete Japan auf.

Die Geschäfte mit dem japanischen Edelmann Hara Kei sind bald getätigt, und da sieht er sie: wie eine Skulptur, wie ein taubstummes Abbild der perfekten Weiblichkeit liegt das junge Mädchen, gehüllt in einen Seidenschal, zu Füßen ihres Gebieters. Nur ein Blick und die ganz kurze Botschaft „Komm zurück Fremder – oder ich sterbe“ – mehr ist es nicht, was Joncours Leidenschaft entfacht. Niemals wird er auch nur die Stimme der rätselhaften Schönen hören. Doch die Sehnsucht bestimmt fortan sein Leben.

Jahr für Jahr treibt es ihn ins weit entfernte Japan – im heimatlichen Lavilledieu erwartet ihn seine geliebte Frau Hélène stets sehnsüchtig zurück. Dann bricht in Japan der Krieg aus. Eine letzte Reise, der Hof Hara Keis liegt in Schutt und Asche, und Hervé Joncour weiß: sein Weg nach Japan ist für immer verloren. Hervé verschließt sich mehr und mehr, zieht sich in die Traumwelt seiner unerfüllten Leidenschaft zurück und droht, zusehends innerlich zu zerbrechen. Sechs Monate nach seiner Rückkehr erreicht ihn ein Brief mit japanischen Schriftzeichen. Hélène kämpft jetzt einen verzweifelten und gleichfalls subtilen Kampf um die Liebe ihres Lebens.

Bariccos sprachliche Stilmittel und seine Fähigkeit, poetische Bildersamen im Gehirn des Lesers zu säen, zeichnen diesen Welterfolg aus. Die zarte Saat beginnt schnell zu gedeihen und man ertappt sich dabei, jedes einzelne zarte Pflänzchen mühsam zu hegen und zu pflegen. Die Leser begeben sich auf die immer gleiche Reise nach Japan, die Seidenraupen werden zur Randnotiz.

Das Ziel ist die Magie des einen Augenblicks. Und genau dieser eine Augenblick währt ewig, will nicht vergehen, darf und kann nicht vergehen.

Die Verfilmung dieses Romans (mit Keira Knightley und Michael Pitt) ist wohl eine der gelungensten und präzisesten Literaturverfilmungen die ich je genießen durfte. Und genau deshalb hat dieses kleine Meisterwerk den Weg in unsere Kinos nicht geschafft. Der Film ist anscheinend zu ruhig, romantisch und zutiefst leidenschaftlich – wohl wenig konkurrenzfähig im actiongeladenen Mainstream der heutigen Zeit.

Mein Prädikat: besonders lesens- und sehenswert. Das Buch meines Lebens – „Komm zurück oder ich sterbe..“

„TORNATE – O MORIRÒ…“

Ihr Gesicht war das Gesicht eines sehr jungen Mädchens…

Mit Seide hört der Weg Alessandro Bariccos in meinem Lebens-Bücherregal nicht auf. Tiefe Spuren hat er hinterlassen und alle Romane, die ich nach dieser magischen Reise nach Japan gelesen habe, sind tief in meinem Herzen verwurzelt. Anlass genug, einerseits eine Werkschau zu Baricco entstehen zu lassen und dabei sehr ausführlich zu erklären, warum ich mir eigentlich meinen Nickname Mr. Rail bei ihm ausgeliehen habe…

Andererseits soll dies eine Empfehlung für meine Leser sein, da ich der Meinung bin, dass man in seinem Leben zumindest EINEN Baricco gelesen haben sollte… Klickt einfach auf das Bild unter diesen Worten und lasst euch so in den Mikrokosmos des italienischen Autors entführen!

Alessandro Baricco – Ein Lebens-Leseweg der besonderen Art…

Und wenn es euch interessiert, wie Alessandro Baricco diesen Lesensweg fortsetzt: Hier ist Mr. Gwyn. Und nicht nur das. Es ist auch der letzte Wunsch des Rezensenten.

Mr. Gwyn - Es geht weiter in der literarischen Sternwarte

Mr. Gwyn – Es geht weiter in der literarischen Sternwarte

Manche Bücher sind durch viele Jahrhunderte voneinander getrennt, aber im Land vereint, in das man reisen muss, um ihre Stimmung tief zu inhalieren.Japan...

Für Sei Shonagon war es die Heimat. Ihrem „KopfkissenbuchManesse Verlag – hat sie ihre intimsten Gedanken anvertraut, die sie am Hof des japanischen Kaisers zu Seidenpapier bringen konnte. Für Hervé Joncour war Japan viele Jahre später lediglich Ziel einer wirtschaftlichen Reise. Seidenraupen wollte er schmuggeln. Und doch wird ihn Japan nie wieder loslassen, weil er sich in ein Mädchen verliebt, das ihm eine Nachricht schickt, die sein Leben verändert: „Komm zurück Fremder, oder ich sterbe!“

Zwei Lebensbücher scheinen nun zusammenzuwachsen, denn die neue Ausgabe von Alessandro Bariccos Seide vom Hoffmann und Campe Verlag wächst nun wie ein blühender Ast aus dem Buch der japanischen Hofdame.

Was beide Bücher so unvergesslich macht? Das exotisch romantische Fernweh, das uns Leser fesselt und nie wieder im Leben loslässt…

Und nun geht es weiter mit Baricco. „Die junge Braut“ ist angekommen.

Hand in Hand nach Japan - Verästelungen der Literatur

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