Robert Louis Stevenson – ein klassisches Debüt…

„Als ich aufbrach habe ich mein Herz zuhause in einer Schublade zurückgelassen oder es mit einem Koffer vorausgeschickt, damit es am Ziel auf mich wartet…“

Das Licht der Flüsse – eine Sommererzählung von R.L. Stevenson

Auf meiner Reise zurück zu den literarischen Anfängen Robert Louis Stevensons habe ich mich auf genau diese Zeilen eingelassen. Ich suchte mir ausreichend Platz in einem der beiden Segelkanus Cigarette und Arethusa und ließ mich im Jahr 1876 gemeinsam mit dem damals noch unbekannten Schriftsteller von Antwerpen bis fast nach Paris treiben.

Den größten Teil der Reise trugen mich die sanft dahin gleitenden Flüsse Oise, Saône und Rhône durch das malerisch ländliche Frankreich, bis ich in Pointoise, kurz vor Paris an Land gehen durfte. Oder musste. Eigentlich wäre ich gerne weitergefahren – ich hatte mich an das Tempo der Reise gewöhnt, wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt das Wort Tempo verwenden kann.

Treiben trifft es wirklich besser.

Robert Louis Stevenson wurde weltbekannt durch seine Romane „Die Schatzinsel” und „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“. Seine Schaffensperiode war kurz – ebenso kurz wie sein Leben und doch hat er es geschafft, die Fantasie seiner Leser bis zum heutigen Tag zu fesseln.

Ich wage zu behaupten, dass es auch in der heute keine Jugend ohne Schatzinsel gibt. Ich wage zu behaupten dass der Name Jim Hawkins einer der bekanntesten Namen in der Weltliteratur ist. Und ich wage zu behaupten, dass man das enorme Talent und das Können eines Jahrhundertschriftstellers bereits in seinem Debüt „Das Licht der Flüsse“ (An Inland Voyage) fühlen kann.

Wo beginnt das Können und wo gipfelt es?

Diese Fragen haben mich auf der Oise begleitet. Ich denke die Antwort gefunden zu haben. Stevenson war gesegnet durch eine Beobachtungsgabe und eine Fähigkeit, scheinbar belanglose tägliche Erfahrungen durch sein Schreiben zu weltbewegenden Ereignissen und Erkenntnissen zu wandeln. Aus einer Reise mit seinem Freund wurde wesentlich mehr …

Aus einer Flucht vor den Pflichten des Alltags, aus einer einfachen Kanufahrt durch die Schönheit der Natur wird eine Reise in die innere Bedürfniswelt seiner Selbst und damit auch eine Fahrt in das Herz des Lesers.

Schon ab Charleroi wollte ich diese Fahrt nicht mehr alleine fortsetzen. Binea stieg mit leichtem Gepäck zu und wir sprachen oft über die Dynamik der Worte, die uns von Ort zu Ort, von Schleuse zu Schleuse treiben ließen. Entschleunigung auch hier. Ohne jegliche Geschwindigkeit und im Vertrauen auf das persönliche Glück, an jedem Ufer Menschen zu treffen, denen man sich zumindest für eine Nacht anvertrauen kann saßen wir in den Kanus und haben uns in die Gedankenwelt Robert Louis Stevensons und seines Freundes Walter Simpson hineinversetzt.

Die Wirkung auf uns beide war die Gleiche. Wir waren fasziniert, gefangen und haben von Seite zu Seite einfach die Schönheit des geschriebenen Wortes entdeckt und abends lange darüber gesprochen. Bewundert, geschwärmt und gestaunt. Stupor Mundi – das Staunen der Welt – hat uns bei einer einfachen Reiseerzählung gepackt. Also genau dort, wo wir es nie für möglich gehalten hätten.

Begegnungen – ob flüchtig oder intensiv – bestimmen den Fortgang der Reise. Sie bestimmen die Wegmarken und auch den Endpunkt. Menschen stehen im Mittelpunkt dieses Abenteuers. Sie erinnern Stevenson daran, warum er aufgebrochen ist, mahnen ihn zu vorurteilsfreiem Leben und lassen ihn gefühlig werden, wo die Sehnsucht ihn packt.

Der Fluss wird zum eigenen Lebenslauf. Diesem Weg ist Stevenson treu geblieben. Selbstbestimmt auf selbst gewählten Wegen sich zu verwirklichen und nicht in einem Sumpf von Alltäglichkeiten zu versinken, sich nicht selbst in den Mittelpunkt zu stellen und ein Freund der Menschen zu bleiben – dies hat sein Leben und seine späteren Werke gekennzeichnet.

„Auf meinem Grabstein, falls ich je einen haben werde, wünsche ich mir folgende Worte als Inschrift: Er hat sein Paddel nicht losgelassen.“

Immer am Ruder bleiben, selbst lenken und sich den Blick nicht verstellen lassen. Sein eigenes Tempo zu wählen, sich selbst zu steuern – die zentrale Botschaft trägt „Das Licht der Flüsse“ bis zum heutigen Tag. Robert Louis Stevenson hat uns sein Paddel weitergereicht und wir können nur von Herzen hoffen, mit Herz und Verstand seine Botschaft zu leben.

In einem früheren Artikel habe ich über Mark Twain und seine „Sommerwogen” berichtet. Die Klassiker sind Klassiker, weil sie mich im klassischen Sinne inspirieren. Ich hoffe auf mehr dieser „kleinen“ Werke, dieser bisher unbekannten Schätze, die mich dazu bringen, auch wieder Bücher zu öffnen, die in unserer heutigen Zeit nicht mehr geschrieben werden.

Wir lesen gerade die Schatzinsel, gehen bald an Bord der „Hispaniola“ und folgen Jim Hawkins auf seiner einzigartigen Schatzsuche. Aber das ist eine andere Geschichte…..

„Unterhaltung bekommt man ungefähr im selben Ausmaß, in dem man selbst unterhaltsam ist. Solange wir eine Art sonderbare Wanderburschen waren… erhielten wir im Gegenzug nie zu wenig Vergnügen.“

Doch sobald wir zu normalen Leuten wurden, waren alle, die wir trafen, ebenfalls entzaubert. Und dies ist einer von dutzend Gründen, warum die Welt langweiligen Leuten langweilig erscheint.“

Lasst uns nicht langweilig werden… und passt auf Euer Paddel auf…

In klassischer Art und Weise