„Der Mann, der ins KZ einbrach“ – Plädoyer für ein umstrittenes Buch…

Wir haben sie alle schon in der Hand gehalten. Bücher, über die man nicht nur spricht, weil sie so einzigartig schön sind, sondern weil sie polarisieren, inhaltlich bedenklich oder schlichtweg erstunken und erlogen sind. Wir haben uns alle schon an Diskussionen zu Pro und Contra solcher Bücher beteiligt und selbst Stellung bezogen. Einige Beispiele?

Den Roman „Axolotl Roadkill“ der 17jährigen Autorin Juliane Hegemann sieht man heute fast nur noch im Zusammenhang mit Plagiatsvorwürfen.

Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ war wochenlang Thema Nummer 1, weil er inhaltlich polarisierte, provozierte und sich schließlich dem medialen Druck beugen musste und einige Passagen seines Buches änderte.

Auch Tina Uebel kann ein Lied von solcher Kritik singen. Die Veröffentlichung ihres Roman „Last Exit Volksdorf“ war für Herbst 2010 vorgesehen. Das Buch war bereits ausgeliefert. Eine Klage wegen mutmaßlicher Verletzung von Persönlichkeitsrechten führte dazu, dass der Roman in einer neuen Fassung erst jetzt erscheint.

Ich werde sie fragen, wie sich dies auf ihr Leben als Autorin ausgewirkt hat. Sie stellt sich dem Forum Lovelybooks im Rahmen der Aktion Fragefreitag am 15.07.2011 – eine interessante Aktion! Eure Fragen an die Autorin sind immer willkommen!

(Die Antwort von Tina Uebel liegt bereits vor. Danke dafür.)

Ich habe mir vor Kurzem das Buch „Der Mann, der ins KZ einbrach“ von Denis Avey gekauft. Der Titel hat mich neugierig gemacht und passte inhaltlich in meine umfangreiche Bibliothek zum Thema Verbrechen im Dritten Reich und Holocaust. Ich war sehr gefesselt von diesen Lebenserinnerungen eines 92jährigen Briten und umso erstaunter, als ich bei weiteren Recherchen immer mehr Vorwürfe gegen die Plausibilität des Inhalts entdeckte.

Ich möchte Stellung beziehen – für dieses Buch!

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KZ Buna/Monowitz. Ein zum Stammlager Auschwitz gehörendes Arbeitslager für jüdische Häftlinge. Eine Nacht in der Mitte des Jahres 1944. Der mörderische Zählappell ist beendet, die ausgemergelten Körper schleppen sich mit letzter Kraft in die menschenunwürdigen Baracken, um dort am Ende eines der Vernichtung jüdischen Lebens angedachten Arbeitstages nur eine dünne Suppe vorzufinden. Keine Hoffnung – nur Hilflosigkeit und Zermürbung kennzeichnet die Menschen, die sich eng aneinander kauern und frierend und hungernd einschlafen oder einfach sterben.

In dieser Nacht jedoch ist nichts so wie es scheint. Ein Fremder liegt in ihrer Mitte, teilt für wenige Stunden ihr Schicksal, um mit eigenen Augen zu sehen, was er schon lange ahnte – um am eigenen Leib zu fühlen und der Welt davon zu erzählen. Um den Schleier des Grauens zu lüften und den Genozid an den Juden zu bezeugen. Um Zeugnis abzulegen.

Denis Avey heißt der Eindringling, der sich in dieser Nacht Zutritt  zu einem Ort verschafft hat, den ansonsten nur Opfer und Täter gesehen haben. Niemals zuvor jedoch ein Zeuge, der dies überleben sollte. Niemals zuvor.

Avey, britischer Kriegsgefangener im unmittelbar angrenzenden Lager 715, kommt auf der Buna-Baustelle der IG-Farben in Kontakt mit den jüdischen KZ-Insassen und realisiert schrittweise, dass deren Zwangsarbeit einen anderen Zweck verfolgt.

Täglich sieht er neue Gesichter, immer wieder häuften sich die Aussagen über entkräftete Tote, zahllose willkürliche Morde und Avey erfährt, dass die nicht arbeitsfähigen Verwandten der jüdischen Häftlinge im Stammlager Auschwitz “durch den Schornstein” gegangen sind.

Immer offensichtlicher wird der wahre Zweck dieses Teils einer umfassenden Vernichtungsmaschine.

“…was dort geschah, war bestialisch.
Liebe und Hass besaßen keine Bedeutung;
Gleichgültigkeit war das bestimmende Element.
Ich fühlte mich bei jedem Mord,
gegen den ich nichts unternehmen konnte,
persönlich herabgesetzt und
lebte in einem Zustand ständiger Unmoral.”

Denis Avey fasst einen einsamen Entschluss, findet in Hans einen jüdischen Häftling, der ihm rein von der Statur her ähnelt und in Ernst einen Freund auf der anderen Seite des Zauns.

Von Ernst wird später noch die Rede sein!

Denis und Hans tauschen ihre Kleidung – Häftlingsdrillich gegen britische Uniform – und ein einzigartiger Rollentausch beginnt.

Warum nur hat Denis Avey nach dem Krieg und nach der Befreiung der Gefangenenlager durch die Alliierten bis heute geschwiegen? Er wollte doch der Welt die Augen öffnen? Hat er seinen damaligen Mut mit diesem Schweigen nicht gewissermaßen “ad absurdum” geführt?

Die Antwort liegt auf der Hand. Eindeutig. 1945 wollte niemand etwas davon wissen, was genau in den Konzentrationslagern geschah. Unsd später dann (1947) wollte man ihm einfach nicht glauben. Überlebende auf allen Seiten haben traumatisiert über viele Jahre lang ihre Erlebnisse Nacht für Nacht und Tag für Tag erneut durchlebt und fanden nie die Distanz zum Geschehen, um überhaupt darüber berichten zu können. Dämonen der Vergangenheit nehmen diese Menschen auch im Nachhinein gefangen. Lebenslang

Erst als der BBC-Journalist Rob Broomby dann Denis Avey wegen dessen Bemühungen, für seine Zwangsarbeit bei der I.G. Farben eine Entschädigung zu erhalten, interviewte löste sich die Blockade. Avey erzählte ihm von der Zeit im KZ, und Broomby machte sich auf die Suche nach Beweisen.

Dieses Buch ist die Geschichte dieser Spurensuche. Es ist die Geschichte eines Kreises, der sich für die Beteiligten erst nach so vielen Jahren schließen sollte. Es ist die Geschichte von einer im Inneren des Kerns verborgenen weiteren Geschichte.

Vielleicht der viel wichtigeren Geschichte, aus meiner Sicht.

Für den Rollentausch fanden sich keine Zeugen – für den Weg ins Konzentrationslager gibt es keine Belege – auf keiner Seite. Sowohl jüdische Überlebende als auch englische Mithäftlinge von Denis bezweifeln diesen Teil der Geschichte. Und der damalige “Tauschpartner” Hans hatte das KZ nicht überlebt. “Zweifel” und “umstritten”! Worte, die seither Hand in Hand mit diesem Buch durch das Feuilleton geistern.

Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat bisher niemanden finden können, der Aveys Erzählung bestätigen könnte.

Piotr Setkiewicz, Chef-Historiker in Auschwitz, hält die Geschichte nicht nur für unglaubwürdig, sondern sogar für gefährlich und in gewisser Weise verharmlosend.

Der World Jewish Congress hat inzwischen Aveys Verlag Hodder & Stoughton aufgefordert, die Aussagen des Autoren zu überprüfen. Bisher ohne Ergebnis.

Erfunden? Eine Legende? Mein Gefühl und mein Gespür sagen ganz deutlich: “Nein”. Denis Avey hat diese Geschichte nicht frei heraus erzählt, nicht an ein englisches Massenblatt verkauft, sondern sie nur indirekt auf Befragen eines renommierten Journalisten preisgegeben. Aus der Tiefe seiner Seele wurde sie befreit. Denis Avey hat nicht nur diese Geschichte erzählt – er erzählte auch von seinem jüdischen Freund Ernst.

Von dem hier noch die Rede sein wird.

Wenn alles erfunden ist, dann auch diese Freundschaft – dann gibt es auch keinen indirekten Beleg für den Wahrheitsgehalt dieser Lebenserinnerungen. Keine Belege für den Wagemut und die Handlungen eines Denis Avey im Angesicht ständiger Lebensgefahr.

ALLES ERFUNDEN? WEIT GEFEHLT!

Hier liegt die eigentliche journalistische Meisterleistung von Rob Broomby.

Es sollte noch von jenem Ernst die Rede sein. Jenem Freund im KZ Buna/Monowitz. Rob Broomby machte sich auch hier auf die Suche – unermüdlich und nicht nur zur Freude seines Arbeitgebers. Er reduzierte seine Arbeitszeit und recherchierte in seiner Freizeit weiter. 65 Jahre nach jenen Ereignissen im Konzentrationslager. Von Denis Avey wusste er nur Folgendes:

Ernst Lobethal, ein Jude aus Breslau, hatte Denis auf der Baustelle des KZ Buna/Monowitz von seiner Schwester Susanne erzählt, die nach England geflohen war und in Birmingham lebte. Ein Brief von Denis Avey an seine Mutter in England – eine Kontaktaufnahme zwischen ihr und Susanne und eine Stange des wertvollsten Zahlungsmittels jener Zeit – Zigaretten – machte sich auf den Weg ins Kriegsgefangenenlager zu Denis. Päckchenweise übergab er sie an Ernst – ob er ihm damit helfen konnte, ob Ernst überlebt hatte – all das entzog sich seiner Kenntnis.

Der journalistischen Beharrlichkeit eines gewieften BBC-Reporters, einigen Zufällen und der von Steven Spielberg gegründeten SHOA-Foundation kann man verdanken, was im Weiteren geschah.

Ernst Lobethal hatte das KZ überlebt und kurz vor seinem Tod ebenjener SHOA-Stiftung ein Interview gegeben, in dem er von einem Engländer namens “Ginger” erzählte, der ihm im KZ 200 Zigaretten von seiner Schwester zugesteckt hatte. Aveys Spitzname lautete “Ginger”.

“Das war so, als hätte mir jemand das Rockefeller Center geschenkt”,  so Ernst Lobethal in dieser Aufzeichnung.

Die Zigaretten hatten Ernst das Leben gerettet, da er sich vor den anstehenden “Todesmärschen” das überlebensnotwendigste Gut leisten konnte, ohne das man zum Sterben verdammt war. Schuhe!

Broomby machte sogar dessen Schwester Susanne ausfindig. Sie lebte noch in England. Mehr muss nicht erzählt werden. Alles kann im Buch gelesen werden – alles erschließt sich in und zwischen diesen Zeilen. Manches jedoch muss man gesehen haben, um es zu glauben.

Die Begegnung zwischen Denis und Susanne und der gemeinsame Blick auf die Viedeonachricht eines längst Verstorbenen ist für mich ein bedeutendes zeitgeschichtliches Dokument.

Es gibt dem Leben und dem Handeln einen Sinn – und dies, entstanden in einer Zeit der absoluten Sinnlosigkeit. Es vollendet den Lebensweg einiger Menschen und strahlt auf andere Menschen aus.

Mut machen und Hoffnunng geben – nichts könnte dies besser, als dieser kleine Film in Verbindung mit diesem großen Buch.

Die Geschichte von Denis Avey und Ernst Lobethal ist journalistisch gesichert.

Damit lässt sich eine juristisch haltbare Indizienkette ableiten, die in der Beurteilung der Plausibilität der gesamten Geschichte unanfechtbar ist.

  • Denis Avey war zum besagten Zeitpunkt am angegebenen Ort;
  • Er stand nachweislich in direktem Kontakt zu jüdischen Häftlingen des KZ Buna/Monowitz;
  • Denis Avey hat gegen bestehende Verbote verstoßen, um einem Juden zu helfen;
  • Er hat keine der ihm zugeschickten Zigaretten  für sich selbst zurückgehalten;
  • Denis Avey handelte edelmütig, ohne eine Gegenleistung zu erwarten;
  • Ihm war jederzeit bewusst, welches persönliche Risiko er einging;
  • Denis Avey hat auch von dieser Geschichte nach dem Krieg niemals etwas erzählt…

Mir persönlich ist es allerdings egal, ob Denis jemals die andere Seite des Zauns betreten hat. Jemandem, der selbstlos den unschätzbaren Wert von 200 Zigaretten an einen jüdischen Gefangenen weitergibt und damit selbst Leib und Leben riskiert, ist alles zuzutrauen.

Ich traue Denis Avey. Von ganzem Herzen!

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