Robert Louis Stevenson – „St. Ives“ – eine furiose Abenteuer-Romanze

„Habe ich das Vergnügen, mit Monsieur le Vicomte Anne de Kéroual de Saint-Yves zu sprechen?“ fragte er.

Ja – geneigter Leser, dieses Vergnügen wird uns vergönnt, wenn wir Robert Louis Stevensons letzten und unvollendeten Roman „St. Ives“ in seiner deutschen Erstausgabe von 2011 auf uns wirken lassen.

Unvollendet war das Manuskript – es reichte weit, trug jedoch nicht bis zum Ende. Gespräche mit Stevenson und eine Vielzahl seiner Skizzen zum Buch ermöglichten es dem befreundeten Schriftsteller Quiller-Couch, diesen fulminanten Roman zu vollenden.

Ein Meisterwerk! Warum, wird der geneigte Leser fragen – warum?

Ganz einfach. Stevenson platziert die Handlung des Buches in eine der aufregendsten Perioden der französisch-britischen Geschichte. Napoleons Herrschaft liegt in den letzten Zügen – der französische Adel hatte längst kollektiv den Kopf verloren (im wahrsten Sinne des Wortes) und die Gegner des „kleinen Korsen“ sammeln sich unter britscher Flagge zu Schlussakkord von Waterloo.

In diesem Vexierspiegel internationaler Macht-Verstrickungen sucht der elternlose Sprössling einer französischen Adelsfamilie seinen eigenen Weg. Das Gefängnis in Paris darf er erst verlassen, als er Napoleon die Treue schwört und in die „große Armee“ eintritt. Endlich frei, gerät er in einem seiner ersten Gefechte in britische Kriegsgefangenschaft und wird auf die uneinnehmbare Festung im schottischen Edinburgh verbracht. Dort führt man ihn vor – der Bevölkerung wird er als Karikatur eines französischen Gardisten präsentiert und fristet ein mehr als tristes Dasein. Bis er Flora sieht – zum ersten Mal ein menschliches Wesen, das ihm Zuneigung und Trost entgegen bringt. Und noch dazu ein engelsgleiches Geschöpf.

Edinburgh im Jahre 1814 – hier beginnt die rasante Flucht…

St. Yves beschließt zu fliehen – mittellos, fern der Heimat und verliebt bis über beide Ohren. Und fortan nennen wir ihn eher britisch St. Ives.

Die Geschichte der beiden Länder holt ihn schnell ein – schneller, als ihm lieb sein kann, denn Geschichte ist immer schneller, als ein Flüchtling ohne Heimat.

Ein Großonkel von St. Ives ist, gar nicht kopflos, der Hinrichtung in Paris entgangen, nach England geflüchtet und verbringt dort seine letzten Lebenstage in großem Reichtum. St. Ives Cousin steht als Alleinerbe fest. Alles ist geregelt. Die Abneigung des Großonkels gegen St. Ives ist gewaltig, steht er doch in Diensten des Emporkömmlings, der das neue Frankreich repräsentiert. Ein adelsloses Land. Ein Spross der Familie in den Farben Bonapartes – undenkbar. Als aber die Zweifel an der Loyalität des eigentlichen Erben laut werden, verhilft man St. Ives zur Flucht und erklärt ihn zum Rechtsnachfolger seines Großonkels.

Die Sache hat nur einen Haken. Er ist nun ein flüchtiger Kriegsgefangener und wird im ganzen Land gesucht. St. Ives bleibt keine Wahl – reich, jedoch ohne Land wagt er die Flucht durch halb England. Er begegnet den wunder-samsten Weggefährten, bedient sich der absonderlichsten Verkleidungen und Identitäten und ist doch fest entschlossen, zu seiner Geliebten zurück zu kehren. Ins Herz des Feindes – nach Edinburgh.

Wäre da nicht sein Cousin, der alles verloren glaubt, aber nicht gibt.

Die abenteuerliche Flucht gipfelt furios an einem der ersten Wasserstoffballons, die jemals englischen Boden verlassen haben. Für blinde Passagiere waren diese Pioniere der Lüfte jedoch nicht konstruiert….

Robert Louis Stevenson schreibt unvergleichbar „schwerelos“ – „St. Ives“

Robert Louis Stevenson lässt seinen Leser atemlos an dieser wilden Jagd teilhaben und erdichtet dabei einen Menschen, der durch das Erdichten seines Lebens Meter um Meter Land und Höhe auf seiner Fucht gewinnt. Das zentrale Thema des Romans, „Liebe in Zeiten des Krieges“ wird in Perfektion zu einem Teppich gewoben, auf dem der Leser stundenlang liegen und genießen kann. Und wenn es allzu brenzlig wird, dann beginnt dieser Teppich auch noch zu fliegen.

Einfach grandios erzählt und in den entscheidenden Kapiteln über das Leben von St. Ives schlichtweg unvergesslich. Seine Nächte als Waise im Pariser Gefängnis – die Bemühungen der zum Tode verurteilten Frauen großer Adelshäuser um ihn und die Nähe, die sie nur noch einmal zu einem Kind suchen – auch nur für eine Nacht – hunderte Abschiede des jungen Anne de St. Yves von hunderten „Müttern“ für eine Nacht – diese und andere Episoden sind so gewaltig, dass sie die Zeit überdauern und sich im Herzen des Lesers verankern.

Unvollendet ist der Roman und doch – er wird von Quiller-Couch in brillanter Manier zum furiosen Ende gebracht. Ganz im Sinne Stevensons. Ganz in seinem Sinne. Wenn man dies nicht wüsste, man würde den Übergang vom letzten Wort Stevensons zum ersten Wort Quiller-Couchs nicht finden. Der Hanser Verlag hat diese Stelle allerdings gekennzeichnet. Dies hilft beim Abschiednehmen von einem großen Schriftsteller.

Robert Louis Stevenson schrieb in seinen beiden letzten Lebensjahren an diesem Buch. Er schrieb im selbstgewählten Exil einer Südseeinsel. Er schrieb sich selbst zurück in seine Heimat Schottland – und welche Rolle hätte ihm da besser zu Gesicht gestanden, als die eines Gefangenen? Die Lebenssehnsucht nach seiner Heimat spürt man auf jeder Seite – sie ist die Triebfeder, die St. Ives auf seiner Flucht begleitet und letztlich fliegen lässt

Ein großer Abenteueroman über Heimat, ihren Verlust und die Liebe. Zeitlos und in jeder Faser des Wortes ein Klassiker. Vielleicht das größte Buch Stevensons… Für mich ist es das!

St. Ives – eine Abenteuer-Romanze die schnell an Höhe gewinnt…

Nach dem Artikel zu Stevensons „Das Licht der Flüsse“ ist dies mein persönlicher Abschluss einer ganz besonderen Lesereise. Aber es war sicher nicht mein letzter Klassiker – versprochen…! Siehe das klassische AstroLibrium

Advertisements