Smoky Barrett folgt der „Blutlinie“ und trifft ins Schwarze

Ein typischer Samstag Morgen im buchigen Wunderland. Die Rail`schen Erzählkugeln (pallottole narratore) zeigen ihren mehr als magischen Inhalt, während am Firmament die Sonne ihre ersten Strahlen auf die zartorange Himmelsleinwand wirft.

Wozu soll ich mich nur entscheiden? Romantik? Spannung oder doch eher jugendlich Lustiges? Alles ist im Angebot – jede einzelne Kugel strahlt hell und preist ihren literarischen Inhalt als einzigartiges Lesevergnügen an. Die Kugeln sind still und begleiten mich als Wegweiser durch die Bibliothek meines Lebens.

Sie schweigen… bis auf….

DIE BLUTLINIE! Diese Kugel pulsiert, das Buch scheint Kontakt aufnehmen zu wollen, es zittert leise und lässt mir keine Wahl. Ich lasse mich darauf ein, das Vakuum zu öffnen und Cody McFadyen Zutritt in mein Leseleben zu gewähren. Zum ersten Mal….

Die Sinne sind geschärft – ich bin gerüstet zur Spurensuche und möchte gerne die Tatorte und Indizien auf mich wirken lassen, um einem Serienmörder auf die Schliche zu kommen.

Spurensicherungsleser – japp – in die Rolle schlüpfe ich – hab` ich ja schon oft gemacht – mit Erfolg….

Doch…. HALT… VOLLBREMSUNG…

Irgendetwas ist hier anders, so ganz anders als in all den anderen Krimis meines Lebens… Die Erzählkugel fliegt mir schier um die Ohren. Das Vakuum wird freigesetzt, die übrigen Erzählkugeln zerbersten und mit vollem Tempo nimmt eine Geschichte Besitz von mir. Aber nicht so, wie ich es erwartet hatte. Ganz und gar nicht…

Ich werde nicht mit einem Fall konfrontiert, Cody McFadyen stellt mir keine stereotypen Protagonisten vor, führt mich nicht in die Welt eines schrulligen Ermittlers ein, sondern bringt Smoky Barrett in mein Leben. Ich vergesse schnell, dass ich eigentlich einen Serienmörder jagen wollte, ich vergesse vieles, da ich gefesselt bin von dieser Agentin am Scheideweg der eigenen Existenz. Ich begegne ihr auf dem gefährlich schmalen Grat zwischen Selbstmord und Leben – ungesichert – allein und als Opfer.

Vernarbt – von Verlusten gezeichnet – von Albträumen geplagt und nicht mehr im Vollbesitz ihrer Fähigkeiten und Gefühle. Smoky Barrett ist in diesem Moment weit davon entfernt, irgendeinen Kriminalfall zu lösen…. sie ist vom Leben weit entfernt…

Smoky Barrett erwacht aus der psychischen Isolation, als ihrer besten Freundin Annie das passiert, was sie selbst aus der Bahn katapultierte. Ein Killer hat Annie  zuhause besucht, sie in ihre Gewalt gebracht und in einer endlosen Orgie der Gewalt bestialisch gefoltert – all dies in Gegenart ihrer 1ojährigen Tochter. Mit einem Unterschied – Annie hat nicht überlebt – sie war nicht in der Lage, sich zu wehren und man findet sie tot in ihrer Wohnung – das kleine Mädchen lebendig an den Körper der toten Mutter gefesselt.

Smoky hat damals alles verloren. Mann und Tochter. Sich selbst. Aber sie hat sich in letzter Anstrengung  aufgebäumt und ihren Peiniger erschossen. Was blieb war die Leere. Was blieb, war ein seelisches Wrack. Als sie nun erfährt, dass der Mörder von Annie nicht nur nach dem gleichen Muster vorgegangen ist, wie ihr eigener Peiniger, sondern auch noch eine Nachricht an Smoky am Tatort hinterlassen hat, beginnt sie zu erwachen…

Langsam, zitternd, zweifelnd – aber sie erwacht. Und mit ihr erwachen alle Instinkte einer Frau, die besiegt schien.

Es war eine mehr als überraschende Leseerfahrung, einen solch tiefgründigen Krimi zu lesen, der sich deutlich von anderen Büchern dieses Genres unterscheidet. Packende und vollkommen neue Schilderungen psychologisch basierter Verhörtechniken, Fahndungsmethoden  und Verfahren der modernen Spurensicherung haben diesen Krimi zu einem Ereignis werden lassen.

Smoky Barrett jedoch hat mich tief berührt. Ihre Motivation, ihre Zerrissenheit und der Wille das eigene Schicksal zu besiegen machen sie zu der interessantesten und menschlichsten Krimi-Romanfigur, die mir jemals die Hand reichte, um ihr durch die Wirrnisse ihres eigenen Lebens zu folgen.

Ich habe mir vorgenommen ihr auf der Spur zu bleiben – ihr weiter als Leser treu zu bleiben und mich mit ihr gemeinsam in neue Fälle zu stürzen. Sie hat zwar ein herausragendes Team an Spezialisten um sich geschart – aber vielleicht ist immer wieder ein Platz für mich frei. Ich folge ihr, wohin sie auch geht… versprochen…

Es warten noch viele prall gefüllte Erzählkugeln von Cody McFadyen auf mich…

(Pictures by Mr. Rail)
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