TINKERS von Paul Harding

„Für meine Urenkel werde ich nicht mehr sein als das vage Gefüge einer Ansammlung von Gerüchten und für ihre Urenkel werde ich nicht mehr sein als der Ton einer undeutlichen Farbe und für deren Urenkel wiederum nichts, wovon sie je erfahren werden, und genauso hat ein Heer aus Fremden mich geformt und gefärbt bis zurück zu Adam….

Es ist ein fertiges Muster, das am Ende vollkommen übergangslos zerfällt, an welchem Ende, an diesem Ende.“

George Washington Crosby liegt im Sterben. Umgeben von seiner Familie und aufgebahrt in seinem vielgeliebten Wohnzimmer verbringt er seine letzten Stunden auch im Kreise seiner wichtigsten Lebensbegleiter – das sachte und vielstimmige Ticken seiner Uhren scheint den Rhythmus seines Dahinscheidens vorzugeben. Der passionierte Uhrmacher hat die meiste Zeit seines Lebens dem Reparieren dieser komplizierten Zeitmesser gewidmet und nun am Ende seiner Tage stellt er im Dämmerzustand fest, dass ein Leben im Zeichen dieser Chronometer nicht mit chronologisch geordneten Gedanken endet.

George Washington Crosby halluziniert… sein Leben zieht an ihm vorbei, aber nicht so, wie er es gelebt hat. Unsortiert, unrhythmisch und scheinbar reduziert auf ein Zwei-Personen-Stück .  Nur bestehend aus Vater und Sohn.

George Washington Crosby und sein Vater Howard, der Tinker, werden in diesem Erinnerungssturm zu dem, was sie zeitlebens nie sein durften. Sie werden zu „Zwei Erbsen in einer Schote…“ Sie werden im kollektiven Gedächtnis des Sohnes beide zu „Tinkers“ – zu Bastlern und Tüftlern am eigenen Leben. Ein Kreis der sich behutsam taumelnd schließt.

Ein echter Tinker....

Ein echter Tinker….

Paul Harding wird 2010 für sein Debüt mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und erhält somit auf Anhieb die höchsten Weihen der amerikanischen Literaturgesellschaft. Wie hat er das geschafft, was gab den Auschlag, was ist so besonders an diesem Roman und wodurch unterscheidet er sich von sonstigen Vater-Sohn-Geschichten?

Harding betritt mit seinem Buch kein belletristisches Neuland, er überschreitet keine Grenzen und liefert innerhalb des Romans keinen Raum für einfach gestrickte gute Unterhaltung. Was zeichnet ihn aus, was macht „Tinkers“ so PREISwert?

Harding konfrontiert seine Leser schonungslos mit der brutalen Realität des Sterbens unter den wachsamen Augen der Familie – wohlmeinend und besänftigend, jedoch – die Flinte liegt bereits im Korn, der Sterbende wird nur noch passiv begleitet – und dies in einem Moment, in dem das Bewusstsein den finalen Dreisprung zelebriert. Es mögen Halluzinationen sein, die George Washington Crosby ins Jenseits geleiten, es mögen unzusammenhängende Gedanken sein, die den Abgesang auf sein Leben anstimmen. Niemandem in seinem Umfeld erschließt sich sein Zustand.

Nur uns – den Leser – lässt Paul Harding teilhaben. Wir sitzen in der ersten Reihe des Lebenskinos von George Washington Crosby, dessen Film zurückgespult scheint und nun im schnellen Vorlauf Bilder produziert, die es gar nicht geben dürfte. Voyeurismus und Empathie – dieser Paarung leistet Harding intensive Geburtshilfe.

Harding signiert

Harding signiert Tinkers

Und dieser Film hat es echt in sich. Als seien im Schneideraum die Schnipsel endlos durcheinander geraten, so blendet Harding in wechselnden Sequenzen zwischen den Leben von Vater und Sohn  hin und her.  Wir sehen in plastischen Beschreibungen Bilder, die beide voneinander unmöglich kennen können und stellen fest, dass wir selbst so weit taumeln, bis wir die „Tinkers“ für Momente nicht mehr unterscheiden können.

Hier erreicht der Roman seinen Höhepunkt – das kollektive Gedächtnis, die emotional wissende Ebene und das „dritte Auge“ öffnen eine Perspektive auf zwei Menschen, die sich ähnlicher nicht sein können und doch unterschiedlicher nicht waren. Bastler und Einzelgänger – Gestalter und Überzeuger – Vater und Sohn.

Ich wünschte mir, ich hätte in den letzten Stunden am Bett meines Vaters dieses Buch bereits gekannt. Ich wünschte mir, genau in diesem Moment noch näher bei ihm gewesen zu sein – reduziert auf das minimalste maximale Verhältnis der Welt. Vater und Sohn.

Ich wünschte mir, ich hätte sehen können was er sah – nicht chronologisch und doch kollektiv… Harding hat mir diesen Blick gegeben – sein Roman hat in denkbar unmöglicher Struktur mehr bewirkt, als es jede Gliederung je vermocht hätte.

Wir sind die Summe der Erfahrungen und Gefühle unserer Vorfahren – und am Ende sind wir nichts… vielleicht… 

tinkers_zeitloswheel

Hier nun unsere Eindrücke von einem PULITZERPREIS-Abend mit Paul Harding:

Pünktlich um 19:15 Uhr, also unmittelbar vor Beginn der Lesung, wurde Paul Harding von Karsten Rösel (Luchterhand) in unsere guten Hände übergeben und die Leiterin der Programmabteilung des Amerikahauses Frau Dr. Zoë Kusmierz stellte uns ein kleines Reservat für das Interview zur Verfügung. Dank an dieser Stelle!

Es konnte also losgehen!

tinkers_autor_header

Hardings Vortrag ist eine Melodie – ein Rhythmus, musikalisch und bildhaft. Er intoniert den großen Gesang einer großen Geschichte und hält sein Publikum in seinem eigenen Tempo gefangen.

Knut Cordsen moderiert kompetent, empathisch und sehr persönlich. Cordsen liest anders – angemessen, so wie jeder Bücher anders liest. Die Brillanz der Übersetzung wird in diesen Passagen hörbar, fühlbar und doch lebt Hardings Originalfassung in einer eigenen Welt. Autor und Moderator harmonieren glänzend und das Publikum erfährt viel über die Hintergründe des Schaffens und den Schriftsteller selbst.

Fragen der Zuhörer werden mehr als ausführlich beantwortet und in kleinen individuellen Signiergesprächen findet eine überzeugende Veranstaltung im Amerikahaus einen sehr persönlichen Abschluss. Paul Harding live zu erleben war absolut berührend. Er ist authentisch, sympathisch, witzig ironisch und pointiert. Keinen einzigen belanglosen Satz habe ich an diesem Abend von ihm gehört. Hier ist er wie sein Buch!

Habt ihr eure Lieblings-CD nur einmal im Leben gehört?
Habt ihr euer Lieblingsgemälde nur einmal im Leben betrachtet?
Und wie haltet ihr es mit eurem Lieblingsbuch?

Ich lese den Zauberberg von Thomas Mann alle zwei Jahre und entdecke den Roman immer wieder neu!

Paul Harding

Tinkers - Eine besondere Lesung

Tinkers – Eine besondere Lesung

2015 ist es endlich soweit… ENON erscheint unter dem deutschen Titel „Verlust“. Leserherz, was willst Du mehr? Und hier geht´s zum Interview mit Paul Harding.

Paul Harding - Das exklusive Interview

Paul Harding – Das exklusive Interview

Sieben Minuten nach Mitternacht – im Gespräch mit Patrick Ness…

„Und jetzt ist es an der Zeit, den Stab an Euch weiterzureichen. Geschichten hören nicht bei denen auf, die sie schreiben, egal, wie viele von uns ins Rennen gegangen sind.

Hier ist das, was Siobhan und ich uns ausgedacht haben.
Und nun lauft. Lauft damit los.

Stiftet Unruhe.“

Patrick Ness

Wenn man sich jahrein, jahraus mit Neuerscheinungen auf dem hart umkämpften Büchermarkt beschäftigt und versucht, die Perlen des eigenen Leselebens zu finden, dann wird mann hellhörig bei folgenden Schlagzeilen:

  • Britischer Erfolgsautor vollendet die Idee einer verstorbenen Kollegin Siobhan Dowd
  • Ein tröstendes Monster bewegt England.
  • Das Buch erscheint in Deutschland in zwei Ausgaben für unter-schiedliche Altersgruppen

Darüber hinaus war ich noch mehr fasziniert von diesen Neuigkeiten, da es sich um ein Buch des von mir sehr geschätzten Schriftstellers Patrick Ness handelt. Und genau auf dieses Buch hatte ich im letzten Interview (Januar 2011) mit ihm hingewiesen, ohne zu ahnen, was daraus werden könnte.

Die erste CBJ Druckfahne war schnell im Haus und nach nur wenigen Stunden wusste ich, dass ich etwas mehr als Besonderes in Händen hielt. Schnell lesen, nach Dresden verschickt und auch von Binea kam die mehr als emotionale Bestätigung: “Wow… ein unfassbares Meisterwerk!” Eine Mail an Patrick und die Verabredung zu einem zweiten Interview für einen Hintergrundartikel zum Buch war fix!

Auch über dieses Bild kommt ihr zum kompletten Artikel und dem Interview mit Patrick Ness…

Die Vorgeschichte:

Die britische Autorin Siobhan (sprich Schyvonne) Dowd stirbt am 21. August 2007 im Alter von nur 47 Jahren. Mitten aus dem schreibenden Leben gerissen hinterließ sie berührende Bücher, wie zum Beispiel “Ein reiner Schrei”, mit dem sie unter Anderem für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert war.  Und nicht nur das – sie hinterließ eine Idee. Die Idee zu einer großen Geschichte über den Umgang mit Verlustangst und die Bewältigung von Trauer. Die Idee, wie man mit einer Geschichte Trost spenden könnte. Eine Geschichte über einen Jungen und ein Monster. Sie starb zu früh, um das Buch selbst zu schreiben.

Patrick Ness, Autor der “New World” – Trilogie wurde gefragt, ob er sich vorstellen könnte, diese Idee zu realisieren und die ersten Schritte von Siobhan Dowd zu vollenden. Nach erstem Zögern wurde er jedoch von den Grundzügen des literarischen Erbes seiner Kollegin “infiziert” und er schuf mit “Sieben Minuten nach Mitternacht” ein ganz eigenes Werk, das ohne Siobhan jedoch nie das Licht der Welt erblickt hätte!

“A Monster Calls” begeisterte England und ganz besonders die unzähligen Anhänger der verstorbenen Autorin.  Ein Buch war plötzlich in aller Munde und egal ob Jung oder Alt – die Welle der Zuneigung für dieses Projekt uferte sprichwörtlich aus!

Diese Welle ist nun auch in Deutschland angekommen und beginnt, unsere Herzen zu fluten!

Der Inhalt:

Conor wird wach. Nicht ungewöhnlich – er schläft sowieso nicht gut zur Zeit und ist von Albträumen geplagt. Es geht seiner Mutter nicht gut – gar nicht gut und die Angst, sie zu verlieren dominiert sein Leben. Lähmt den Elfjährigen im Denken und Handeln – verstellt seinen Blick für die Realität und lässt ihn Menschen verägern, die ihm eigentlich die Hand reichen wollen.

Conor wird wach. Diesmal jedoch nicht wegen eines Traums. Ein leibhaftiges Monster lehnt an seinem Fenster und behauptet, ihm helfen zu wollen Das Monster erzählt Conor drei Geschichten. Geschichten, die eins gemeinsam haben: Jede Geschichte hat einen noch nicht erzählten Rest.

Das Monster verlangt von Conor, die vierte Geschichte selbst zu erzählen… die Geschichte, die ihn nicht ruhen lässt – die Geschichte von Angst und Trauer. Aber auch diese Geschichte hat einen noch nicht erzählten Rest.

Ein Buch für wen?

Sieben Minuten nach Mitternacht ist eine Geschichte für Kinder – zweifelsohne… Es ist ein Jugendbuch. Unstrittig… es ist ein Buch für Erwachsene – so viel steht fest!

Es ist eine Geschichte für Kinder, weil wir unseren Kindern immer mal wieder solche Situationen näherbringen müssen, die für uns selbst so wenig fassbar sind, dass wir uns in Bilder oder Fabeln retten. Wir wollen dabei trösten, halten und Ängste nehmen. Und doch wollen wir nicht unmittelbar von uns reden – und ein Monster wie das in “Sieben Minuten nach Mitternacht” hilft uns dabei ungemein. (Altersempfehlung – ab 12 Jahre).

Es ist ein Jugendbuch weil Jugendliche ihre eigenen Wege gehen, um beklemmende Situationen zu bewältigen. Sie interpretieren und reflektieren schon sehr zielgerichtet und können aus diesem Buch Kraft schöpfen, weil sie vom Autor nicht wie unmündige Leser behandelt werden. Er lässt ihnen den Platz, selbst zu fühlen und zu denken… Patrick macht das Buch zu ihrem Buch!

Es ist ein Erwachsenenbuch weil wir es sind, die unseren Kindern die Geschichten weitergeben müssen, weil wir es sind, die es mit Jugendlichen zu diskutieren haben und weil wir es sind, die für die entstehenden Ängste verantwortlich sind. Und in besonderem Maße, weil wir einen weiten Weg hinter uns haben, der mit so vielen Abzweigungen in diese Geschichte mündet, dass es uns hilft, eigene Erfahrungen besser zu verarbeiten und verbleibende Zeit so ganz anders zu nutzen.

Insofern ist es die richtige Entscheidung, die bei Randomhouse getroffen wurde, diese Geschichte in einer Form zu publizieren, die es ermöglicht, das Buch überall dort zu finden, wo alle Lesergruppen es finden können.

Regal-, kategorien- und altersunabhängig! Den Verantwortlichen nimmt man die Herzensangelegenheit ab, die bei Siobhan Dowd ihren Ursprung fand und über Patrick Ness den Weg in unsere Bücherregale finden sollte!

Das Interview mit Patrick Ness:

Hallo Patrick, herzlich willkommen zurück im Forum Lovelybooks. Nach unserem ersten Interview zur “New World”-Trilogie ist es mir ein besonderes Vergnügen, dir einige Fragen zu deinem neuen Buch “Sieben Minuten nach Mitternacht” stellen zu können.

Was bedeutet es für dich, dass der Roman in Deutschland von Randomhouse in zwei Ausgaben publiziert wird? Einerseits in einer Jugendbuchausgabe bei CBJ und andererseits für erwachsene Leser bei Goldmann. Gleichzeitig erscheint das prominent besetzte Hörbuch.

Ich könnte nicht glücklicher sein, als über den Umstand, dass Randomhouse sich dazu entschieden hat, das Buch in zwei unterschiedlichen Ausgaben zu veröffentlichen. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieser Roman Leser jeden Alters anspricht und ich unterstütze natürlich jeden Schritt, der geeignet ist, ein Buch in die Hände des “richtigen Lesers” zu legen.

Und das Ergebnis ist in beiden Fällen so schön. Es sind sehr schöne Ausgaben geworden. Darüber hinaus liest Maria Furtwängler das Hörbuch und so fühle ich mich sehr, wirklich sehr gut behandelt in Deutschland. Ich fühle mich damit äußerst wohl.

Die Geschichte basiert auf einer Idee von Siobhan Dowd. Sie starb bevor sie jemals die Chance hatte, sie niederzuschreiben. Wieviele Anteile der Handlung hast du in ihren Aufzeichnungen oder in ihrem Manuskript gefunden? Kannst du uns erklären, was für ein Gefühl es war eine Geschichte zu verfassen, die zum Vermächtnis einer verstorbenen Autorin gehört?

Sie hat einen perfekten Anteil hinterlassen. Gerade so viel, dass es die Entwicklung der Geschichte in die von ihr beabsichtigte Richtung zugelassen hat und genau so viel, dass ich ganz genau wusste, wo ich ansetzen konnte. Ihre Idee war dermaßen plastisch, überzeugend und potent, dass sie andere Ideen in meiner Phantasie wachsen ließ und ich konnte gar nicht anders, als mit dem Schreiben zu beginnen. Ein wahres Geschenk für jeden Schriftsteller und für jede Story.

Meine Emotionalität lag im Wesentlichen darin begründet, dass es sich um eine emotionale Geschichte handelt. Der Prozess des Schreibens war für mich ein großer Glücksmoment, eine aufregende und sehr private Unterhaltung zwischen mir und Siobhan.

Es ist eine Geschichte über Verlust und Hoffnung. Ich war mehr als berührt, als ich nach der Reise durch dieses Buch sehr betroffen die letzte Seite schloss. Unvergesslich. Welche Absicht hast du schreibend verfolgt? Wolltest du die Leser bewusst zum Denken und Fühlen bringen oder wohin führte dich deine Reise als Autor?

Wie in jedem Buch, das ich schreibe, war es meine einzige Intention, die ehrlichste Geschichte zu schreiben, die ich zu schreiben in der Lage bin. Jenseits aller anderen Erwägungen denke ich, dass ein Autor ausschließlich darauf achten MUSS, was eine Story benötigt – ansonsten besteht die Gefahr, sie zu schwächen.

Ich wollte tatsächlich die äußerste Wahrheit dessen fühlen und entdecken, was Conor widerfährt und wie er damit zurechtkommt. Ich fühlte ganz genau, dass wenn mir dies gelingt, alles Andere automatisch folgt.

Denkst du, dass “Sieben Minuten nach Mitternacht” Siobhan gefallen würde? Ist diese Frage wichtig für Dich?

Das war mein einziges Ziel!

Nicht ein Buch zu schreiben, von dem ich denken konnte, sie hätte es selbst verfasst (das wäre lediglich Nachahmung gewesen und Nachahmung lässt schlechte Bücher entstehen) sondern eines, das sie gemocht hätte. Wer wird dies jemals erfahren? Aber ich hoffe es so sehr!

In deiner Einleitung musste ich sehr über folgenden Satz schmunzeln “Hier ist das was Siobhan und ich uns ausgedacht haben. Jetzt seid Ihr dran. Lauft los. Stiftet Unruhe.” Denkst Du, dass Schreiben immer auch Unruhe stiften heißt? Sind die Menschen inzwischen zu abgestumpft, um dies zu begreifen?

Ich denke in unseren Köpfen ist zu viel LÄRM (ich schrieb mit New World drei Bücher darüber, wie Du weißt), aber Geschichten können wundervolle Pausen in diesem Lärm bedeuten. Ich bin mir nicht sicher, dass dies allen Menschen bewusst ist. Wenn es so wäre, dann gäbe es mehr Geschichtenerzähler.

Alle bereits vorliegenden Reaktion auf diese Gechichte, ob in der Testlesegruppe bei Lovelybooks oder in Vorab-Rezensionen, zeugen von einer großen Rührung und von vielen vergossenen Tränen. Andererseits setzt sich die Tragfähigkeit der Hoffnung überall durch und überstrahlt alles. Wie haben Siobhan Dowds Fans und die britische Öffentlichkeit auf den Roman reagiert? Vergleichbar?

Es gab, wie du es beschreibst, sehr viele emotionale Reaktion und auch Tränen. Ganz besonders von den Menschen, die Siobhan Dowd verehren (und das sind sehr viele von uns).

Sehr interessant finde ich die Unterschiede in der Reaktion zwischen Erwachsenen und Kindern bzw. Jugendlichen. Kinder lieben die Geschichte besonders, weil sie es zu schätzen wissen, bewegt zu werden, indem ich ehrlich mit ihnen umgehe (dies bedeutet ihnen mehr als alles andere). Erwachsene dagegen bringen ihre eigenen Verlusterfahrungen mit in dieses Buch und sind gerade deshalb oft wesentlich bewegter, als junge Leser. Dies ist das Härteste und Interessanteste an Trauer und Verlust, dass sie so persönlich sind.

ABER, genau wie du sagst, überall ist Hoffnung – ganz besonders am Ende des Romans. Es ist die Gechichte eines Jungen der sich durch Trauer und Verlust kämpft .. ich denke, dass die Menschen dies sehr würdigen.

Deine Erzählperspektive aus Sicht des jungen Conor ist beeindruckend. Verlustangst und dadurch begründete Sturheit charakterisieren ihn. Er versucht, seinen eigenen Weg zu finden, dabei am Liebsten seine Augen zu verschließen und seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Denkst du es bedarf eines Monsters, um Kindern die Augen zu öffnen und ihnen zu helfen oder hast du einen anderen Ratschlag für Erltern?

Nun, junge Menschen reagieren auf Geschichten, weil sie manchmal Erklärungen für Situationen liefern, denen sie selbst sprachlos gegenüberstehen.

Manchmal sollten Eltern solche Geschichten erzählen, da auch sie keine anderen Möglichkeiten haben, solche Situationen besser zu beschreiben. Ich denke, das ist sehr wichtig und sollte niemals unterbewertet werden. Monster sind hier nur ein Weg, etwas zu beschreiben – aber ich denke die Geschichte selbst ist das Wichtigste!

Dein Roman ist im Forum Lovelybooks gerade in aller Munde. Es wird in der CBJ-Leserunde heiß diskutiert und besprochen. Er entwickelt sich gerade zu einem Schneeball, der klein beginnt… und wächst… Welche Bedeutung misst du einem solchen literarisch orientierten sozialen Netzwerk zu? Wird deine traditionelle Rolle als Schriftsteller dadurch nachhaltig verändert?

Einerseits JA – natürlich. Es bringt dich dem Leser wesentlich näher, aber andererseits, und das ist sehr wichtig, NEIN, da eine Story immer (sogar heute und jetzt) mit einer Person und einer Idee beginnt, die nach bestem Wissen und Gewissen ausarbeitet wird.

Es mag eine Vielzahl von anderen Wegen geben, Geschichten zu schreiben und zu erzählen, aber was auch immer Bücher entstehen lässt und Geschichten trägt, das Geschichtenerzählen bleibt das Gleiche. Gott sei Dank, weil sie so wertvoll sind!

Patrick – noch ein Gruß an deine deutschsprachigen Leser?

Klar! Ich werde ab dem 12. September auf Tour sein, Wien, Zürich Berlin und Hamburg besuchen und kann es wirklich kaum noch erwarten einige der exzellenten deutschen Leser von denen ich seit Jahren so viel gehört habe zu treffen. Ich bin ehrlich sehr gespannt darauf!

Sieben Minuten nach Mitternacht von Patrick Ness

SHADOWMARCH – eine Saga ist vollendet…

Eine Saga endet...

Eine Saga endet…

„Es ist Theater“, dachte er. „Aber keine dieser Komödien, von denen mir Chaven erzählt hat, mit verkleideten Prinzessinnen und durchgebrannten Liebespaaren. Das hier ist eins jener großen Desaster-Epen, die ihm so gut gefallen, mit Gebrüll und blutigen Verbänden und Kesselpauken als Kanonenschüssen. Die Art Geschichte, bei der man immer froh ist, dass sie jemand anderem widerfährt.“

Nach den vier Schwertern, die am Ende der Osten Ard – Saga von Tad Williams zusammengeführt wurden, haben sich nun auch die vier Türme von Shadowmarch zu einer prächtigen Burg vereinigt. Stolz wehen die Fahnen im Wind – und was bei der dynamischen Schreibweise des amerikanischen Erfolgsautors nicht überrascht – ebendieser Wind weht beständig aus unterschiedlichen Richtungen.

Nach genau 3203 gelesenen Seiten ist es an der Zeit, einen finalen Blick auf dieses vierteilige Fantasy-Epos zu werfen und dabei auf folgende Fragen einzugehen:

  • Wie schafft es Tad Williams, seine Leser so lange bei der literarischen Stange zu halten?
  • Steckt ein tieferer Sinn im Titel des letzten Bandes „DAS HERZ“?
  • Wie lautet mein persönliches Fazit – enttäuscht oder begeistert vom Ende?
  • Was kann man Lesern empfehlen, die sich monumentalen Mehrteilern annähern wollen?

Alle Fragen werden auf dem Blog.Lovelybooks beantwortet… viel Vergnügen!

Wer in das Herz des Artikels vorstoßen möchte – ein Klick reicht und es zieht Euch zu Lovelybooks…

Das Kanonenboot, das über die Berge kam…

Ein Männerbuch – ein Kriegsroman – ein Sachbuch? Nein – weit gefehlt. Ein intelligenter, hervorragend recherchierter Roman über die Kolonialmacht Deutschland, die vor Beginn des 1. Weltkriegs das kaiserliche Weltmachtgehabe auf den Prüfstand des afrikanischen Kontinents stellt.

Die koloniale Vormachtstellung in der Region des Tanganjikasees kann aus deutscher Sicht nur durch die Verfügbarkeit eines ausreichend dimensionierten Kriegsschiffes gewährleistet werden. Doch Werften in Afrika – oder ein direkter schiffbarer Zugang zum See – nein – nicht existent.

Die Improvistionsfähigkeit deutscher Ingenieure und Werftarbeiter wird auf eine harte Probe gestellt. Ein Dampfer wird in Papenburg gebaut, zerlegt und in 1000 Kisten verpackt auf dem See- und Landweg nach Afrika verbracht. Mit im Gepäck – drei Werftarbeiter, die nur dem Schiff verbunden sind. Ein großartiges Abenteuer beginnt, vor Allem, da die britischen Kontrahenten dies nicht nur passiv beobachten können.

Sie entsenden unter gleichem Aufwand drei Kanonenboote (Mimi, Toutou und Fifi) unter dem Kommando eines bisher gescheiterten Offiziers nach Afrika. Ein Wettrennen gegen die Zeit.

Als der 1. Weltkrieg ausbricht wird der Tanganjikasee zum Stellvertreter-kriegsschauplatz und Mikrokosmos eines eigenen Konfliktes.

Von Papenburg nach Afrika - ein Dampfer - 1000 Kisten...

Capus schreibt abenteuerlich, packend und tiefgründig – ein oft lustiges Buch mit hervorragender Charakterzeichnung. 

Ich habe so manche Nacht im Traum eine Kiste mit Schiffsteilen nach Afrika geschleppt – packend mit Tiefgang.

Und das eigentlich Kuriose – die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit und der deutsche Dampfer Graf Goetzen ist heute noch Legende am Tanganjikasee.

SEEKRIEG...(chen)

Alex Capus ist mit seinem Roman Léon und Louise (Hanser, Februar 2011) für den Deutschen Buchpreis 2011 nominiert und wurde in die sogenannte „Longlist“ der Aspiranten aufgenommen. Sein Schreibstil und seine bisherigen Erfolge lassen vermuten, dass er das Zeug zum Preisträger hätte!

Kleines Extra zum Thema BUCHCOVER

EILMELDUNG:

Zur aktuellen Rezension von Binea ...

Behemoth folgt der Leviathan – Scott Westerfelds Trilogie

Trilogien pflastern meinen Weg…. (siehe Blog.Lovelybooks)

„Leviathan“ von Scott Westerfeld – Ein Trilogieauftakt und viel mehr.

Europa am Vorabend des Ersten Weltenbrandes. Und doch ganz anders, als wir es kennen… Prinz Aleksandar, der Sohn des in Sarajevo ermordeten Erzherzogs Franz Ferdinand, ist auf der Flucht. Seine eigenen Leute jagen ihn gnadenlos und plötzlich steht er zwischen allen Parteien. Alles, was ihm bleibt, ist ein »Stormwalker«, eine der perfekten neuartigen Lauf- und Kriegs-Maschinen seines Landes.

Doch auch in den Schweizer Alpen ist Alek nicht sicher, als dort das britische Luftschiff »Leviathan« landet – eine nie dagewesene Mischung aus Tier und Maschine und das Meisterstück der britischen Armee. Die »Leviathan« befindet sich auf geheimer Mission ins Osmanische Reich. Mit an Bord: die als Junge getarnte Deryn, der nichts so wichtig ist wie das Fliegen …Alek rettet sich an Bord der »Leviathan« und muss mit Deryn gemeinsame Sache machen.

“Betankst Du Deine Kriegsmaschine noch oder fütterst Du sie schon?” Das ist hier die Frage…

Mein Gefühl:

Mein erster trilogischer Gehversuch im Genre “Steam Punk”. Der erste Teil besticht alleine schon durch seine Aufmachung und die absolut historisch fundierte Gestaltung der Rahmenbedingungen der gesamten Handlung. Englands Darwinisten haben es geschafft, Lebensketten zu verbinden und auf diese Art und Weise sehr lebendige Kriegswesen zu erschaffen, die sich nun im Konflikt mit den Kriegsmaschinen der Mechanisten messen müssen.

Die Illustrationen von Keith Thompson sind von derart atmosphärischer Qualität, dass sie die Handlung mehr als untermalen.

Der erste Teil der Trilogie (Behemoth folgt im April, Goliath dann im folgenden Jahr) hat sowohl im Plot, in der Charakterzeichnung der Protagonisten als auch in der einzigartigen Rahmenhandlung absolut das Zeug zur Ausnahme-erscheinung im Buchjahr 2011.

FAZIT: Tendenz absolut lesenswert – absolut sehenswert

Meine Reise an Bord der Leviathan begann vielversprechend:

Englands Darwinisten haben es geschafft, Lebensketten zu verbinden und auf diese Art und Weise lebendige Kriegswesen zu erschaffen, die sich nun im Konflikt mit den Kriegsmaschinen der Mechanisten messen müssen.

Würden Aleksandar und Deryn in den Irrungen und Wirrungen des Krieges ihren Weg finden und wie lange würde Deryns geschlechtliches Versteckspiel gelingen? Diese Fragen ließen mich hoffnungsvoll auf die Fortsetzung warten. Und nun folgt Behemoth der Leviathan und das ferne Konstantinopel ist das gemeinsame Reiseziel…

Ich blieb an Bord… es ging nicht anders…

Ein Buch mit phantastischen Illustrationen von Keith Thompson…

„Behemoth“ von Scott Westerfeld – Der Mittelband der Trilogie

Konstantinopel inmitten des osmanischen Reiches ist das geheime Ziel der Leviathan. Mit an Bord – ein merkwürdiges Geschenk für den Sultan. Eine darwinistische Schöpfung – ein neuartiges Lebewesen soll ihn auf die Seite der Briten ziehen und den Herrscher von den friedlichen Plänen des Empires überzeugen.

Die Friedensmission droht zu scheitern, da der Sultan bereits andere Verbündete an seinem Hof beherbergt.  Aleksandar und Deryn finden sich von Feinden umzingelt in einer der größten und geheimnisvollsten Städte des Kontinents wieder. Sie müssen überleben und haben nur einen Trumpf im Ärmel. Sie kennen die geheimen Pläne des deutschen Kaiserreichs und wissen, dass die Ankunft des Behemoth unmittelbar bevorsteht.

Behemoth.. mächtig, geheim und lebendig…

Behemoth… eine lebendige Geheimwaffe der Briten gegen die Kriegsschiffe der Mechanisten. Als alle Pläne endgültig zu scheitern drohen, muss Aleksandar zum ersten Mal in seinem Leben beweisen, ob wirklich Kaiserblut in seinen Adern fließt…

Und Deryn steht absolut treu an seiner Seite… treuer als treu… Auch sie hat ein Geheimnis…. Sie liebt…

In England erscheint Teil 3 – Goliath – im September…

Ich habe meinen Dienst an Bord der Leviathan nicht quittiert. Zu spannend ist es – zu gut gelungen ist die Fortsetzung – zu groß ist die Freude auf „Goliath“.

Da kann man doch nicht einfach von Bord gehen… Hier geht es weiter

Ich bin an Bord geblieben - ein Klick bringt euch zu Goliat

Ich bin an Bord geblieben – ein Klick bringt euch zu Goliath

Ferras Vansen und Briony Eddon im Finale von Shadowmarch

Es steht Großes an. Und bedeutende literarische Ereignisse werfen untrügliche Zeichen als klar konturierte Schatten an die Bücher-regale treuer Leser und Weggefährten.

Seit 2008 streife ich mit Klett-Cotta und Tad Williams gemeinsam durch die Markenlande und verfolge das Schicksal der Nachfolger des Königshauses von Eddon. Eigentlich waren drei Teile der Shadowmarch – Saga geplant.

Eigentlich…

Nun sind es schließlich vier Bände geworden. Zuviel musste erzählt werden und zu weitläufig waren die Wege der Völker von Eion, um sie zu einem kurzen Finale zu bringen. Der vierte Teil „Shadowmnarch – Das Herz“ musste einfach sein… Es ging nicht anders.

Viele Wege führen ans Ziel – Shadowmarch „Das Herz“…

Am 24. August ist es nun endlich soweit und die Saga findet auch für deutsche Leser ihr furioses Ende. Das Interesse ist gewaltig – ein deutliches Indiz ist die Häufung der Suchbegriffe „Briony Eddon“, „Ferras Vansen“ und „Shadowmarch“, die seit Tagen Leser zu Literatwo führen.

Nicht zu unrecht, habe ich doch seit dem vergangenen Jahr in mehreren Artikeln über Tad Williams und sein episches Werk berichtet. Und genau hier wird es auch enden. Am 24. August werde ich ausführlich über das Ende meiner unendlich langen Lesereise berichten.

Am Ende angekommen…

Ein wenig Wehmut ist schon dabei, wenn die letzte Seite des Buches sich für immer schließt, wenn man langjährige Freunde allein lassen muss und von geliebten Orten Abschied zu nehmen hat. Tad Williams wäre jedoch nicht Tad Williams, wenn er nicht schon wieder eine neue Welt im Kopf hätte, in die wir irgendwann gemeinsam reisen dürfen. Ich freue mich darauf…

Bis zum letzten Shadowmarch-Artikel könnt ihr also gerne in meinen Worten, Karten und Bildern stöbern – es dauert ja nicht mehr lange. Mein Dank gilt an dieser Stelle ganz besonders dem Klett-Cotta Verlag. Ohne die Bereitstellung der Druckfahnen zur Saga wäre es niemals möglich gewesen, am Erstverkaufstag des Buches eine umfassende Betrachtung zu veröffentlichen…

Danke für diesen langen Weg durch Eion – es war ein großes Abenteuer!

Tad Williams in der kleinen literarischen Sternwarte: hier

Mit einem Klick zu allen Artikeln auf dem Blog.Lovelybooks

Und hier geht es zu Shadowmarch auf Literatwo…