Sieben Minuten nach Mitternacht – im Gespräch mit Patrick Ness…

„Und jetzt ist es an der Zeit, den Stab an Euch weiterzureichen. Geschichten hören nicht bei denen auf, die sie schreiben, egal, wie viele von uns ins Rennen gegangen sind.

Hier ist das, was Siobhan und ich uns ausgedacht haben.
Und nun lauft. Lauft damit los.

Stiftet Unruhe.“

Patrick Ness

Wenn man sich jahrein, jahraus mit Neuerscheinungen auf dem hart umkämpften Büchermarkt beschäftigt und versucht, die Perlen des eigenen Leselebens zu finden, dann wird mann hellhörig bei folgenden Schlagzeilen:

  • Britischer Erfolgsautor vollendet die Idee einer verstorbenen Kollegin Siobhan Dowd
  • Ein tröstendes Monster bewegt England.
  • Das Buch erscheint in Deutschland in zwei Ausgaben für unter-schiedliche Altersgruppen

Darüber hinaus war ich noch mehr fasziniert von diesen Neuigkeiten, da es sich um ein Buch des von mir sehr geschätzten Schriftstellers Patrick Ness handelt. Und genau auf dieses Buch hatte ich im letzten Interview (Januar 2011) mit ihm hingewiesen, ohne zu ahnen, was daraus werden könnte.

Die erste CBJ Druckfahne war schnell im Haus und nach nur wenigen Stunden wusste ich, dass ich etwas mehr als Besonderes in Händen hielt. Schnell lesen, nach Dresden verschickt und auch von Binea kam die mehr als emotionale Bestätigung: “Wow… ein unfassbares Meisterwerk!” Eine Mail an Patrick und die Verabredung zu einem zweiten Interview für einen Hintergrundartikel zum Buch war fix!

Auch über dieses Bild kommt ihr zum kompletten Artikel und dem Interview mit Patrick Ness…

Die Vorgeschichte:

Die britische Autorin Siobhan (sprich Schyvonne) Dowd stirbt am 21. August 2007 im Alter von nur 47 Jahren. Mitten aus dem schreibenden Leben gerissen hinterließ sie berührende Bücher, wie zum Beispiel “Ein reiner Schrei”, mit dem sie unter Anderem für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert war.  Und nicht nur das – sie hinterließ eine Idee. Die Idee zu einer großen Geschichte über den Umgang mit Verlustangst und die Bewältigung von Trauer. Die Idee, wie man mit einer Geschichte Trost spenden könnte. Eine Geschichte über einen Jungen und ein Monster. Sie starb zu früh, um das Buch selbst zu schreiben.

Patrick Ness, Autor der “New World” – Trilogie wurde gefragt, ob er sich vorstellen könnte, diese Idee zu realisieren und die ersten Schritte von Siobhan Dowd zu vollenden. Nach erstem Zögern wurde er jedoch von den Grundzügen des literarischen Erbes seiner Kollegin “infiziert” und er schuf mit “Sieben Minuten nach Mitternacht” ein ganz eigenes Werk, das ohne Siobhan jedoch nie das Licht der Welt erblickt hätte!

“A Monster Calls” begeisterte England und ganz besonders die unzähligen Anhänger der verstorbenen Autorin.  Ein Buch war plötzlich in aller Munde und egal ob Jung oder Alt – die Welle der Zuneigung für dieses Projekt uferte sprichwörtlich aus!

Diese Welle ist nun auch in Deutschland angekommen und beginnt, unsere Herzen zu fluten!

Der Inhalt:

Conor wird wach. Nicht ungewöhnlich – er schläft sowieso nicht gut zur Zeit und ist von Albträumen geplagt. Es geht seiner Mutter nicht gut – gar nicht gut und die Angst, sie zu verlieren dominiert sein Leben. Lähmt den Elfjährigen im Denken und Handeln – verstellt seinen Blick für die Realität und lässt ihn Menschen verägern, die ihm eigentlich die Hand reichen wollen.

Conor wird wach. Diesmal jedoch nicht wegen eines Traums. Ein leibhaftiges Monster lehnt an seinem Fenster und behauptet, ihm helfen zu wollen Das Monster erzählt Conor drei Geschichten. Geschichten, die eins gemeinsam haben: Jede Geschichte hat einen noch nicht erzählten Rest.

Das Monster verlangt von Conor, die vierte Geschichte selbst zu erzählen… die Geschichte, die ihn nicht ruhen lässt – die Geschichte von Angst und Trauer. Aber auch diese Geschichte hat einen noch nicht erzählten Rest.

Ein Buch für wen?

Sieben Minuten nach Mitternacht ist eine Geschichte für Kinder – zweifelsohne… Es ist ein Jugendbuch. Unstrittig… es ist ein Buch für Erwachsene – so viel steht fest!

Es ist eine Geschichte für Kinder, weil wir unseren Kindern immer mal wieder solche Situationen näherbringen müssen, die für uns selbst so wenig fassbar sind, dass wir uns in Bilder oder Fabeln retten. Wir wollen dabei trösten, halten und Ängste nehmen. Und doch wollen wir nicht unmittelbar von uns reden – und ein Monster wie das in “Sieben Minuten nach Mitternacht” hilft uns dabei ungemein. (Altersempfehlung – ab 12 Jahre).

Es ist ein Jugendbuch weil Jugendliche ihre eigenen Wege gehen, um beklemmende Situationen zu bewältigen. Sie interpretieren und reflektieren schon sehr zielgerichtet und können aus diesem Buch Kraft schöpfen, weil sie vom Autor nicht wie unmündige Leser behandelt werden. Er lässt ihnen den Platz, selbst zu fühlen und zu denken… Patrick macht das Buch zu ihrem Buch!

Es ist ein Erwachsenenbuch weil wir es sind, die unseren Kindern die Geschichten weitergeben müssen, weil wir es sind, die es mit Jugendlichen zu diskutieren haben und weil wir es sind, die für die entstehenden Ängste verantwortlich sind. Und in besonderem Maße, weil wir einen weiten Weg hinter uns haben, der mit so vielen Abzweigungen in diese Geschichte mündet, dass es uns hilft, eigene Erfahrungen besser zu verarbeiten und verbleibende Zeit so ganz anders zu nutzen.

Insofern ist es die richtige Entscheidung, die bei Randomhouse getroffen wurde, diese Geschichte in einer Form zu publizieren, die es ermöglicht, das Buch überall dort zu finden, wo alle Lesergruppen es finden können.

Regal-, kategorien- und altersunabhängig! Den Verantwortlichen nimmt man die Herzensangelegenheit ab, die bei Siobhan Dowd ihren Ursprung fand und über Patrick Ness den Weg in unsere Bücherregale finden sollte!

Das Interview mit Patrick Ness:

Hallo Patrick, herzlich willkommen zurück im Forum Lovelybooks. Nach unserem ersten Interview zur “New World”-Trilogie ist es mir ein besonderes Vergnügen, dir einige Fragen zu deinem neuen Buch “Sieben Minuten nach Mitternacht” stellen zu können.

Was bedeutet es für dich, dass der Roman in Deutschland von Randomhouse in zwei Ausgaben publiziert wird? Einerseits in einer Jugendbuchausgabe bei CBJ und andererseits für erwachsene Leser bei Goldmann. Gleichzeitig erscheint das prominent besetzte Hörbuch.

Ich könnte nicht glücklicher sein, als über den Umstand, dass Randomhouse sich dazu entschieden hat, das Buch in zwei unterschiedlichen Ausgaben zu veröffentlichen. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieser Roman Leser jeden Alters anspricht und ich unterstütze natürlich jeden Schritt, der geeignet ist, ein Buch in die Hände des “richtigen Lesers” zu legen.

Und das Ergebnis ist in beiden Fällen so schön. Es sind sehr schöne Ausgaben geworden. Darüber hinaus liest Maria Furtwängler das Hörbuch und so fühle ich mich sehr, wirklich sehr gut behandelt in Deutschland. Ich fühle mich damit äußerst wohl.

Die Geschichte basiert auf einer Idee von Siobhan Dowd. Sie starb bevor sie jemals die Chance hatte, sie niederzuschreiben. Wieviele Anteile der Handlung hast du in ihren Aufzeichnungen oder in ihrem Manuskript gefunden? Kannst du uns erklären, was für ein Gefühl es war eine Geschichte zu verfassen, die zum Vermächtnis einer verstorbenen Autorin gehört?

Sie hat einen perfekten Anteil hinterlassen. Gerade so viel, dass es die Entwicklung der Geschichte in die von ihr beabsichtigte Richtung zugelassen hat und genau so viel, dass ich ganz genau wusste, wo ich ansetzen konnte. Ihre Idee war dermaßen plastisch, überzeugend und potent, dass sie andere Ideen in meiner Phantasie wachsen ließ und ich konnte gar nicht anders, als mit dem Schreiben zu beginnen. Ein wahres Geschenk für jeden Schriftsteller und für jede Story.

Meine Emotionalität lag im Wesentlichen darin begründet, dass es sich um eine emotionale Geschichte handelt. Der Prozess des Schreibens war für mich ein großer Glücksmoment, eine aufregende und sehr private Unterhaltung zwischen mir und Siobhan.

Es ist eine Geschichte über Verlust und Hoffnung. Ich war mehr als berührt, als ich nach der Reise durch dieses Buch sehr betroffen die letzte Seite schloss. Unvergesslich. Welche Absicht hast du schreibend verfolgt? Wolltest du die Leser bewusst zum Denken und Fühlen bringen oder wohin führte dich deine Reise als Autor?

Wie in jedem Buch, das ich schreibe, war es meine einzige Intention, die ehrlichste Geschichte zu schreiben, die ich zu schreiben in der Lage bin. Jenseits aller anderen Erwägungen denke ich, dass ein Autor ausschließlich darauf achten MUSS, was eine Story benötigt – ansonsten besteht die Gefahr, sie zu schwächen.

Ich wollte tatsächlich die äußerste Wahrheit dessen fühlen und entdecken, was Conor widerfährt und wie er damit zurechtkommt. Ich fühlte ganz genau, dass wenn mir dies gelingt, alles Andere automatisch folgt.

Denkst du, dass “Sieben Minuten nach Mitternacht” Siobhan gefallen würde? Ist diese Frage wichtig für Dich?

Das war mein einziges Ziel!

Nicht ein Buch zu schreiben, von dem ich denken konnte, sie hätte es selbst verfasst (das wäre lediglich Nachahmung gewesen und Nachahmung lässt schlechte Bücher entstehen) sondern eines, das sie gemocht hätte. Wer wird dies jemals erfahren? Aber ich hoffe es so sehr!

In deiner Einleitung musste ich sehr über folgenden Satz schmunzeln “Hier ist das was Siobhan und ich uns ausgedacht haben. Jetzt seid Ihr dran. Lauft los. Stiftet Unruhe.” Denkst Du, dass Schreiben immer auch Unruhe stiften heißt? Sind die Menschen inzwischen zu abgestumpft, um dies zu begreifen?

Ich denke in unseren Köpfen ist zu viel LÄRM (ich schrieb mit New World drei Bücher darüber, wie Du weißt), aber Geschichten können wundervolle Pausen in diesem Lärm bedeuten. Ich bin mir nicht sicher, dass dies allen Menschen bewusst ist. Wenn es so wäre, dann gäbe es mehr Geschichtenerzähler.

Alle bereits vorliegenden Reaktion auf diese Gechichte, ob in der Testlesegruppe bei Lovelybooks oder in Vorab-Rezensionen, zeugen von einer großen Rührung und von vielen vergossenen Tränen. Andererseits setzt sich die Tragfähigkeit der Hoffnung überall durch und überstrahlt alles. Wie haben Siobhan Dowds Fans und die britische Öffentlichkeit auf den Roman reagiert? Vergleichbar?

Es gab, wie du es beschreibst, sehr viele emotionale Reaktion und auch Tränen. Ganz besonders von den Menschen, die Siobhan Dowd verehren (und das sind sehr viele von uns).

Sehr interessant finde ich die Unterschiede in der Reaktion zwischen Erwachsenen und Kindern bzw. Jugendlichen. Kinder lieben die Geschichte besonders, weil sie es zu schätzen wissen, bewegt zu werden, indem ich ehrlich mit ihnen umgehe (dies bedeutet ihnen mehr als alles andere). Erwachsene dagegen bringen ihre eigenen Verlusterfahrungen mit in dieses Buch und sind gerade deshalb oft wesentlich bewegter, als junge Leser. Dies ist das Härteste und Interessanteste an Trauer und Verlust, dass sie so persönlich sind.

ABER, genau wie du sagst, überall ist Hoffnung – ganz besonders am Ende des Romans. Es ist die Gechichte eines Jungen der sich durch Trauer und Verlust kämpft .. ich denke, dass die Menschen dies sehr würdigen.

Deine Erzählperspektive aus Sicht des jungen Conor ist beeindruckend. Verlustangst und dadurch begründete Sturheit charakterisieren ihn. Er versucht, seinen eigenen Weg zu finden, dabei am Liebsten seine Augen zu verschließen und seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Denkst du es bedarf eines Monsters, um Kindern die Augen zu öffnen und ihnen zu helfen oder hast du einen anderen Ratschlag für Erltern?

Nun, junge Menschen reagieren auf Geschichten, weil sie manchmal Erklärungen für Situationen liefern, denen sie selbst sprachlos gegenüberstehen.

Manchmal sollten Eltern solche Geschichten erzählen, da auch sie keine anderen Möglichkeiten haben, solche Situationen besser zu beschreiben. Ich denke, das ist sehr wichtig und sollte niemals unterbewertet werden. Monster sind hier nur ein Weg, etwas zu beschreiben – aber ich denke die Geschichte selbst ist das Wichtigste!

Dein Roman ist im Forum Lovelybooks gerade in aller Munde. Es wird in der CBJ-Leserunde heiß diskutiert und besprochen. Er entwickelt sich gerade zu einem Schneeball, der klein beginnt… und wächst… Welche Bedeutung misst du einem solchen literarisch orientierten sozialen Netzwerk zu? Wird deine traditionelle Rolle als Schriftsteller dadurch nachhaltig verändert?

Einerseits JA – natürlich. Es bringt dich dem Leser wesentlich näher, aber andererseits, und das ist sehr wichtig, NEIN, da eine Story immer (sogar heute und jetzt) mit einer Person und einer Idee beginnt, die nach bestem Wissen und Gewissen ausarbeitet wird.

Es mag eine Vielzahl von anderen Wegen geben, Geschichten zu schreiben und zu erzählen, aber was auch immer Bücher entstehen lässt und Geschichten trägt, das Geschichtenerzählen bleibt das Gleiche. Gott sei Dank, weil sie so wertvoll sind!

Patrick – noch ein Gruß an deine deutschsprachigen Leser?

Klar! Ich werde ab dem 12. September auf Tour sein, Wien, Zürich Berlin und Hamburg besuchen und kann es wirklich kaum noch erwarten einige der exzellenten deutschen Leser von denen ich seit Jahren so viel gehört habe zu treffen. Ich bin ehrlich sehr gespannt darauf!

Sieben Minuten nach Mitternacht von Patrick Ness

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