David Foster Wallace – Alles ist grün

David Foster Wallace hat mein Leben verändert. Er hat dies mit seinem Opus Magnum Unendlicher Spaß nachhaltig bewirkt. Die 1648 Seiten dieses Romans haben meinem Leseverhalten eine qualitative Vollbremsung verpasst, die so erhaben erschien, dass sie noch heute nachwirkt. Dies alles habe ich damals in meiner Rezension zu verarbeiten versucht und sie heute erneut zu lesen, macht mich nachdenklich. Jedes Wort von einst steht immer noch vor meinem geistgen Auge und hat Bestand! Xenos

David Foster Wallace hat auch mein Schreiben verändert – er hat mich aufmerksamer gemacht und mir auf der Buchmesse in Frankfurt 2009 einen Menschen geschenkt, ohne den dies hier alles nicht möglich wäre. Die Anfänge von Literatwo liegen in einem Gespräch über ein gestohlenes Kunstherz verborgen.  Es war der Beginn eines unendlichen Spaßes…

Zur Rezension – David Foster Wallace – Unendlicher Spaß

Heute erneut ein Buch des Schriftstellers in Händen zu halten, der sich 2008 am Ende eines von Depressionen gemarterten Lebensweges mit eigener Hand aus selbigem befördert hat, lässt in mir die Hoffnung aufkommen, dass er in uns weiterlebt. Dass uns seine unentdeckten Zeilen, seine frisch übersetzten Geschichten mit einer Faszination erfüllen, die heute ihresgleichen sucht.

Alles ist grün liegt neben mir. Fünf Erzählungen aus dem Band „Girl with Curious Hair“ aus dem Jahr 1989 haben mein Leserherz im Sturm erobert und wieder die einzigartige Stimmung ausgelöst, die ich 2009 beim Lesen des „Unendlichen Spaßes“ empfand. Und jede dieser Geschichten zeigt mir mit welch narrativer Wucht David Anlauf genommen hat um sein späteres Meisterwerk zu formen.

Rezensieren fällt auf dieser Gefühlsebene schwer… aber den Versuch darf ich wagen… seid ein wenig nachsichtig mit mir…

Alles ist grün

„Mayfly, sag ich, mein Herz ist bis zum Mond und wieder zu dir zurück, aber ich bin achtundvierzig.“

Auf nur drei zarten Seiten lernen wir Mayfly kennen, zweifeln an ihrer Glaubwürdigkeit und erliegen doch trotzdem ihrer grenzenlosen Faszination. Ein mutiger Blick durch ein Fenster, der Versuch eines Mannes, sich von ihr loszumachen und einen Weg zu finden, der sich richtig anfühlt. Und dann sagt sie nur ein paar Worte, die alles zum Wanken bringen.

„Alles ist grün“, sagt sie. „Schau mal, wie grün alles ist, Mitch.“

Wallace genügen drei Seiten. Sie hätten ihm immer genügt und doch bin ich dankbar, dass er später noch 1648 unendliche Seiten beschrieb… Und dass gerade diese Geschichte dem Buch seinen Namen geben durfte empfinde ich als passend. Alles ist grün… scheint es mir zuzurufen…

Zum Glück verstand sich der Vertriebsrepräsentant auf HLW

Eine Fingerübung des brillanten Autors, möchte man meinen. Wenige Seiten nur und doch ein kleiner deskriptiver Meilenstein.

Zwei Menschen, die sich lediglich über ihren Beruf und den damit verbundenen Status definieren lassen und ein Gebäude, das seine Bestimmung dem Lauf der Zeit anpasst. Abends nicht mehr geschäftig, nicht mehr beherrscht von Führungskräften – die Hierarchie der Firma dominiert nicht länger die Anordnung der Räume – ein Raumseufzen macht sich breit und doch gibt es zwei leitende Mitarbeiter, die diesen Rhythmus zu durchstoßen scheinen.

Am Ende karrierefördernder Überstunden begegnen sich diejenigen, deren Begegnung im ganz normalen Arbeitsalltag völlig ausgeschlossen ist, in der Tiefgarage. Statussymbolbeschildert und einsam waret sie auf den Ausklang des Tages – nicht jedoch auf eine dramatische Konfrontation – nicht auf den hämmernden Rhythmus einer Herz-Lungen-Wiederbelebung.

Keine Fingerübung – und wenn, dann eine filigrane…

„Nur auf die Bedürfnisse zweier Leben ausgerichtet, rief er unter dem allen wieder und wieder um Hilfe.“

Hier und dort

Warum lebt man sich auseinander? Wo liegen die Gründe für veränderte Gefühle und warum kann meist einer der Beteiligten nicht loslassen und klammert psychotisch an den Resten der gemeinsamen Zeit? Zwei Menschen in einer außergewöhnlichen Fiktionstherapie im berührenden Versuch eine Wahrheit zu ergründen, die für beide Bestand haben könnte. Ein verzweifelnder Bruce, für den sich das Hier und Dort dramatisch verschiebt und eine Frau, die erleben muss, dass ihr wertvollstes Geschenk den ersten Schritt zur Entfremdung bedeutete.

Wallace spielt mit seinen Dialogen und Bildern. Mit ihm wird Nähe gefährlich und Entfernung zur Sucht. Wer im Hier alles findet, der strebt nach dem Dort… ohne das Hier loslassen zu können…

„Ihre Fotografie schmeckt bitter. Kann sich bitte mal melden, wer mir glaubt, dass ich ihr Foto küsse?“

Der letzte Satz aus „Infinite Jest“ als Tattoo auf dem Arm eines wahren Lesers…

Sag nie

Auf nicht mal dreißig Seiten entfaltet Wallace den komplexen Kosmos zweier Familien. Seit ewigen Zeiten miteinander befreundet finden sich die Alten am Ende ihrer Wege in Vertrauter verwitweter Zweisamkeit. Übrig geblieben im Meer der Zeit und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Jugend im Taumel zu beobachten. Niemand kann verhindern, dass sich der verheiratete Lenny in die spanische Freundin seines Bruders verliebt und seine Ehe am südländischen Vollblut misst.

Nichts kann gegen sie bestehen, weder das Lachen seiner Frau, noch die gemeinsame Verantwortung für Kinder und Leben. In einem halben Brief an „Geliebte Väter und Lehrer“ versucht Lenny nicht zu erklären oder zu verteidigen – nein, er teilt sich der Welt mit. Unmissverständlich in seiner doktoralen Diktion. Distanziert und sich selbst näher als jemals zuvor. Die Reaktion seines Bruders sieht er voraus – wie sein Leben mit jener männerverzehrenden Versuchung an seiner Seite.

Charaktere, die uns auf nur wenigen Seiten ans Herz wachsen, als würden wir sie seit ewigen Zeiten kennen. Eine Kurzgeschichte die den Wunsch entstehen lässt, mehr zu lesen… Diesen Wunsch hat uns der Autor im Unendlichen Spaß erfüllt. Nicht was die Personen betrifft – den Stil seiner Wortgewalt hat er in den Opus Magnus gerettet, auch wenn er selbst nicht mehr zu retten war!

„Zimtmädchen, gewürzte Sahne, Honig zum Küssen, schmilz heiß um meine Hüfte.“

Westwärts geht der Lauf des Weltreichs

Warum dachte ich sofort an „Vierzig Wagen westwärts“ – warum sah ich schon vor dem Lesen Menschenmassen gen Westen pilgern? Adaption, Vorahnung oder einfach nur Zufall? Ich werde das nie erfahren. Was mich dann jedoch beim Lesen der umfangreichsten Geschichte des Buches ereilte, kann man sich vorstellen.

Collision, Illinois, so der metaphorisch anmutende Name des verträumten Städtchens, das hier in den Mittelpunkt einer der typischsten Wallace-Erzählungen rückt. Ein Großinvestor plant die Vereinigung aller Schauspieler, die jemals in einem der 6659 Werbespots des Fastfoodriesen McDonalds aufgetreten sind. Aller Schauspieler, wohlgemerkt. Und so kommt es, dass sich insgesamt mehr als 44000 ehemalige Kinderdarsteller, Werbeschauspieler und arbeitslose Clowns auf den Weg in den Westen machen.

Das Ziel dieser Vereinigung? Ganz einfach – ein neues Franchise-Unternehmen mit dem tänzerisch klingenden Namen „Juxhouse“ soll durch diese Aktion in die Startlöcher des amerikanischen Disco-Marktes geschoben werden.

Unter ihnen, im Strudel der Ereignisse zwei Teilnehmer eines Creative-Writing-Seminars einer Wirtschaftsschule. Sie geben sich den Risiken und Vergnügungen der Populärkultur hin, die sie selbst gerne so nachhaltig verändern würden. Die Erkenntnisse fluten ihren Verstand. Sie erkennen,

„… dass das Leben nicht nur als nicht Jugendfrei eingestuft werde, sondern oft genug gar nicht in den Vertrieb gelange. Sei halt zu langsam.“

Systematische Systemkritik, populärkulturelle Demaskierungs-Literatur und das gewagte Entwickeln zukünftiger Fiktionsautomatismen kennzeichnen diese postmoderne Erzählung.

Die Protagonisten werden im Strudel aufgesaugt – fast bis zur Unkenntlichkeit zermahlen und doch lebt man in der Hoffnung, dass sie den Kreislauf stoppen können. „Wallace lesen ist wie Achterbahnfahren mit verbundenen Augen.“ Hier hat er gerade mal fulminant Anlauf genommen um die späteren Unterhaltungspatronen in das Magazin des Unendlichen Spaßes zu laden und zur Zündung zu bringen. Ein Muss für Fans des Megatalents.

Eine Geschichte zieht die nächsten Erzählungen nach sich… literarische Kettenreaktionen gibt es nur bei High-End-Autoren. Ich muss mehr herausfinden. Ich möchte das „Kleine Mädchen mit den komischen Haaren“ kennenlernen und endlich erfahren, wie ein Hummer sich fühlt, wenn sich das Badewasser als Kochtopf herausstellt…

Ich muss… und habe schon bestellt… Morgen kommen Bücher…

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