Das eisige Amundsen Schlafzimmer

Lesezimmer – ich sehe nur Lesezimmer… da fehlt doch was…

Unser bescheidenes literarisches Häuschen kennt ihr ja inzwischen. Es wird ab Morgen eine ganz besondere Rolle in unserer Weihnachtsaktion spielen und ich hänge gleich noch ein schönes Buchcover in unserem Weihnachtszimmer auf, stelle Plätzchen bereit und koche den Glühwein vor, da wir denken, dass wir wohl ein wenig Besuch bekommen werden.

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren und doch lassen wir unsere eigentlichen Projekte nicht aus den Augen. Unser gemeinsames Leseleben schreitet voran und wir hatten auch im November ein gutes Händchen in der Auswahl unserer gebundenen Wegbegleiter. Wir werden ausführlich berichten.

Es gilt einen tragischen Roman von Robert Eben zu besprechen und sich in geeigneter Art und Weise dem „Lichterkettenmassaker“ aus der Feder des „JakobswegUmDieEckePilgers“ Stefan Albus zu widmen.

Mit einem Klick zur eiskalten Lesung… Handschuhe anziehen…

Zuvor jedoch blicke ich auf eine, im ersten Moment etwas seltsam anmutende, Einladung zu einer buchigen Veranstaltung. Cornelia Lüdecke liest aus ihrer Amundsen-Biographie. Das klingt gut und spannend. Die Einladung allerdings ist überschrieben mit: Eine eiskalte Lesung. Diese findet in den Räumen der Dreesbach`schen Verlagsbuchhandlung in München statt und ich bin gespannt, ob es dort noch Flamingos gibt, die nun im Zustand der Schockfroststarre auch noch erfahren müssen, dass es kältere Regionen auf der Welt gibt, als ihre Heimat.

Amundsen – ich habe das biografische Portrait in den letzten Tagen intensiv gelesen und bin neugierig auf die Autorin und hoffe, etwas mehr über ihre Motivation zu erfahren, einen solch „berühmten“ Charakter erneut zu biographieren. Ich habe an vielen Stellen in diesem Buch mehr als gefroren.

Darauf war ich doch absolut nicht vorbereitet! Von Aufbrüchen bei frühlingshaften minus 24 Grad am Südpol war die Rede, von angenehmen Übernachtungen in Iglus in „lauwarmen“ Polarnächten und von Flügen in Expeditionsflugzeugen ohne Pilotenkanzel. Antarktisch arktisch war mir zumute. Und dann auch noch eine Einladung zu einer eiskalten Lesung… na ich ziehe mich warm an und werde am Freitag berichten. Über das Buch und über die Lesung.

Bei dieser Gelegenheit ist uns Literatwos allerdings aufgefallen, dass wir bei aller Bücherliebe nicht daran gedacht haben, uns ein gediegenes Schlafzimmer anzuschaffen. Lesezimmer ohne Ende – Couchgarnituren bis zum Abwinken, aber ein Bett? Fehlanzeige…. Als ich bei der Recherche zu Artikelbildern zur Amundsen-Biographie zufällig auf ein Iglu-Hotel in Österreich gestoßen bin, stand der Entschluss fest.

Was liegt also näher, als die Bilder zu diesem Bericht in unserem funkelnagelneuen Iglu-Schlafzimmer aufzuhängen. Oh ja – es sieht kuschelig und gemütlich aus. Bin nur echt gespannt, was die Chefin sagt, wenn sie nach Hause kommt.

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Ganz weit weg – Leselust und Reisefieber

„Eigentlich wollte ich eine Geschichte über eine Reiseschriftstellerin schreiben,
die in ihrem ganzen Leben nie gereist ist.“

Ich bin froh, dass sie es nicht getan hat. Ich bin froh, dass Petra Gust-Kazakos ihre gesamte literarische Selbsterfahrung zu einer großen essayistischen Betrachtung der magischen Wechselwirkung zwischen Leselust und Reisefieber in dem Buch „Ganz weit weg“ gebündelt hat, um ihren Lesern die lesereiselustigen Augen zu öffnen. Es ist schwierig, über Bücher zu schreiben – es ist auch schwierig, Leser zu erreichen, da die Lesewelt einer Autorin nicht unbedingt deckungsgleich zum Literaturschatz ihrer Leser ist und so die Erfahrungen oft weit auseinanderdriften.

Mit dieser Erwartungshaltung ging ich recht skeptisch auf die gemeinsame Reise. Und dann passierte wieder das, was unglaublicherweise so oft geschieht. Petra Gust-Kazakos tritt quasi aus ihrem Buch heraus und berührt mit ihrer Autorenfeder nicht nur meine kleine Privatbiliothek – sondern natürlich auch den gesamten Buchbestand von Literatwo. Wir erwarten zum Beispiel gerade ein Buch, über das wir so gerne schreiben möchten und kaum auf Seite 21 in „Ganz weit weg“ angelangt, taucht genau dieser Roman von Charles Dickens auf. „Der Raritätenladen“ verbindet uns plötzlich mit der Autorin und dieses Band wird von Seite zu Seite ihres Buches immer fester.

Es ist fast, als würde sie unsere Bücher kennen. Sie schweift kreuz und quer durch unsere Bibliothek und stellt Beziehungen zwischen diesen Werken und ihren eigenen Überlegungen her. Bereits zu einem frühen Zeitpunkt des Lesens verbinden sich meine Leseerfahrungen mit denen der Autorin und es gelingt ihr, mich reisend in ihrem Buch zu fesseln. Und schließlich erreichen wir ein gemeinsames Traumziel. Die Buchhandlung „Shakespeare & Company“, die auch in unserem Lesen in Madame Hemingway eine so große Rolle spielte!

Mit einem kleinen Klick nach Paris – zu Ernest und Madame Hemingway

„Der Beginn einer Reise, der erste Satz eines Buches – wir überschreiten eine Grenze, und auf einmal sind wir ganz weit weg.“

Diese Zeilen skizzieren in besonderer Weise die Art und Weise, in der sich das Buch dem Thema Reisen und Lesen widmet. Gut strukturiert und immer einem nachvollziehbaren roten Faden folgend werden Perspektiven eröffnet, die verdeutlichen, wie sehr unser Reiseverhalten unser Lesen prägt und umgekehrt. Jenseits dieser beschriebenen Grenze leben wir in unserer Bibliophilie und leiden an den gleichen Symptomen. Wie sollte eine ideale Bibiothek aussehen, welche Bücher wähle ich aus, helfen eBooks weiter, wie entstehen Sehnsuchtsziele und schließlich warum sind es so oft die puren Zufälle, die unser Lese-und Reiseleben verändern?

Petra Gust-Kazakos gibt Antworten auf diese Fragen.

Es sind ihre Antworten – nicht mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit gegeben und doch so sympathisch und fundiert verpackt, dass man sie überdenkt, genießt und sich auf die Suche nach den eigenen Antworten macht. Damit erweitert sie den Horizont ihrer Leser. Sie spannt den Bogen von der klassischen bis zur modernen Literatur und vergleicht unser Lesen mit unserem Leben – mit der andauernden Reise zu den Plätzen unserer Sehnsucht und beschreibt auch die Probleme, die es mit sich bringt, wieder zuhause anzukommen.

Bücher können keine Reisen ersetzen und Reisen machen Bücher nicht überflüssig. Wer reist, der liest auch immer und wer liest, begibt sich automatisch auf eine Reise. Beides bewusst miteinander zu verbinden ist der Leitgedanke ihres Buches. Sie gibt Ratschläge, wie man sich dem Thema nähern kann und erzählt dabei viel von sich selbst. Gerade diese Offenheit macht dieses Lesereisebuch so wertvoll. Keine Theoretikerin sitzt uns gegenüber… ganz und gar nicht. Ganz praktisch führt sie ihr Weg des Schreibens über so viele Stationen des Lesens und des Reisens, dass hier nur fragmentarisch erwähnt werden kann, welche Stationen sie beleuchtet und damit in den Blickpunkt des Betrachters rückt.

Der Weg führt von Hotels in der Literatur über erträumte Idealhotels bis zu den realen Hotels unserer Reiseziele. Sie widmet sich tatsächlichen und literarischen Erinnerungen und ihren eigenen Erinnerungen an Literatur – wobei auch die Bedeutung eines Souvenirs Beachtung findet. Und letztlich schreibt sie eindringlich über den Startpunkt jeder Reise… ihr eigenes „Home sweet home“.

Wir haben euch in den letzten Wochen mehrfach unsere Lesevilla im Bücherwald vorgestellt. Unsere Phantasiezimmer sind Autoren und Werken gewidmet – sie lassen Bilder entstehen und überdauern – sie sind unsere Reiseziele in unsere eigene Welt. Wir möchten Petra Gust-Kazakos kein Zimmer widmen. Das würde sie einengen und limitieren. Wir werden sie mit auf unsere Reisen nehmen und zu diesem Zweck haben wir uns genau das richtige Gepäck besorgt. Überseereisekoffer und wertvolle Bücherschatullen stehen nun im Eingangsbereich unseres literatwoischen Hauses. Und ganz obenauf liegt „Ganz weit weg“ – der Startpunkt zu jeder Lesereise und der Endpunkt unseres weitgereisten Lesens.

„Ganz weit weg“ ist immer eine Reise wert… und jetzt geht das Buch auf seine Reise nach Dresden…. auch ein TRaumziel… 😉

Das zweitbeste Glück – Margrit Schriber im Aufwind

Ein kurzes Leben voller Träume – Leny Bider

Margrit Schriber zieht uns immer wieder in ihren Bann.

„Das zweitbeste Glück“ in der Hand zu halten fühlt sich gut an, denn wir ahnen schon vorher, was uns passieren wird. Margrit Schriber taucht tief nach Wortperlen, fädelt Perle an Perle zu einer Kette um diese dann in die Hand des Lesers zu legen. Am passenden Ort zum Buch, für uns der literatwoische Schriber-Salon, schlugen wir den Roman auf und betraten die Welt der Leny Bider.

Julie Helene Bider ist tot. Erschossen. Selbstmord. Am 07. Juli 1919. Kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges.

Nicht in ihrem Zuhause erlosch ihr bewegtes Leben, sondern in einem Hotelzimmer. Sie liebte es, in Pensionen und Hotels zu leben, sie brauchte kein Zuhause. Ihre Mutter war schon vor langer Zeit an Krebs gestorben, nun auch starb ihr Vater Jakob. Von da an gab es nur noch sie und ihren berühmten Bruder Oskar. Ein Flieger, ein Pilot, ein angesehener Flugpionier den scheinbar keiner vom Himmel holen kann, ein perfekter Himmelsstürmer. So eine Himmelstürmerin wollte auch sie werden. Nicht in einem Flugzeug, aber als Schauspielerin auf einer Bühne.

„Wenn ich nur einmal auftreten dürfte und nach geendigtem Spiel gefeiert würde. Nur dieser Wunsch.“

Eine junge Frau im Internat – interniert – gefangen…

Ein Wunsch der weder zeit- noch standesgemäß zu sein schien. Eine Actrice werden zu wollen entsprach fast einem Skandal im familiären Umfeld. Man kämpfte dagegen an und internierte Leny in Internaten. Ihren Geist konnte niemand bändigen – nichts konnte ihre Gedanken und Wünsche im Zaum halten…

Sie brach aus. Sie sprengte ihre Fesseln um ein eigenes Leben im Glanz führen zu können. Dabei immer im Blick: Die Erfolgsgeschichte ihres Bruders, der als einer der ersten Schweizer Piloten den Ruf eines Nationalhelden genoss. Glanz und Strahlkraft – das war die Welt des Oskar Bider.

Julie Helene Bider, später unter dem Künstlernamen Leny Harold bekannt, stand ihr Leben lang im Schatten ihres Bruders. Und doch vermochte sie sich in seinem Glanz zu sonnen. Die Geschwister galten gleichsam als Traum- und als Skandalpaar, um das sich viele Gerüchte rankten. Nun trauert sie…

Um ihren geliebten Bruder, den sie so sehr verehrte, der ihre Seele war. Und kurz nach ihm ist auch Leny tot, ihr junges Leben hat sie mit einem Schuss aus ihrem Revolver, den sie bei sich trug, beendet. Sie hat diesen Revolver nur einsetzten wollen, wenn ihr Bruder doch irgendwann vom Himmel fallen sollte. Aus Angst vor diesem Tag, wurde er zu ihrem Begleiter, genau wie das Tagebuch, welches sie bei sich trug, welchem sie sich oft anvertraute. Der Tag des Absturzes von Oskar Bider war der letzte Tag im Leben seiner Schwester.

Das vertraute Geschwisterpaar gehört der Vergangenheit an, wenige Stunden nur trennen den gemeinsamen Todeszeitpunkt.

Der große Bruder – Oskar Bider – ein Nationalheld…

Margrit Schriber lässt den Leser der rebellischen, aufmüpfigen Leny begegnen. Dem verwöhnten Prinzesschen ihres Vaters. Eine Göre, ein Weibsbild, ein Luder, welches den Drang hat berühmt zu werden, anders zu sein als alle anderen Frauen in der Gesellschaft. Sie ist nur auf sich bedacht, versucht das Größtmögliche für sich herauszuholen und sich einen Namen zu schaffen.

Der Anfang war ein Stummfilm, ihr richtiger Durchbruch gelang ihr als Schauspielerin im ersten großen Schweizer Kinofilm „Bergführer“. Dabei blickt sie selten nach rechts und links, ihr Tunnelblick galt sich, neben ihrem Vater und ihrem Bruder, selbst.

Erstmals prangte ihr Name auf den Plakaten der jungen Kinogeschichte – erstmals stand sie selbst im Rampenlicht und erstmals fühlte sie sich am Ziel ihrer Träume!

Große Momente – Seite an Seite – gelebte Träume…

Der biografische Roman hat den gewohnten schriberisch Tiefgang, die Wortperlen sind wunderschön und lösen gewaltige Fluten an Bildern aus. Margrit Schriber schreibt sich endgültig in die erste Reihe der nationalen Geschichtenerzähler ihres Heimatlandes. Die Bedeutung der aufstrebenden Luftfahrt, die Rolle im Ersten Weltkrieg und das traditionelle Frauenbild prägen den Rahmen der Geschichte – die Lebendigkeit der Charaktere lassen ein Diorama lebendiger Historie entstehen.

Margrit Schriber ist nie so neutral wie ihre Heimat – aber sie ist der erzählerische Inbegriff für die Schweiz!

Von technischer Einmaligkeit ist der Kunstgriff der Erzählperspektive. Dabei hat sie zwei Romanfiguren eingebracht, die sie sprechen lässt, die einen Zugang zu Leny hatten, auch wenn es nicht der üblich vermutete Zugang ist. Die Geliebte von Lenys Vater, die von Leny gehasste Pariserin, beleuchtet das wilde Leben der Hauptprotagonistin.

Aber vor allem ihr Sohn gibt dem Roman den emotionalen Herzschlag. Der Sohn der Leny abgöttisch liebt und verehrt, der Junge, der Mann, der Kavalier, der unerfüllt hoffende Kamelienblütenschicker. Sie und ihr Sohn sind lebenslang an ihrer Seite, haben ein Auge auf sie und vor allem er schenkt ihr die Liebe, die sie nie wollte. Und doch war er so wichtig – er spielte die Rolle des stillen Verehrers – und ohne ihn wäre ihr Glanz nicht so strahlend gewesen, wie wir ihn heute wahrnehmen.

Der gemeinsame Weg endet am 7. Juli 1919 – Ein Absturz und ein Schuss…

Margrit Schribers schriftstellerische Note ist auch in diesem Werk unverkennbar. Der Roman beginnt nicht mit dem Leben der Leny, sondern mit dem tragischen Tod, der in wiederkehrendem Rhythmus die einzelnen Kapitel einleitet. Von diesem wird in das lebendige Leben der Protagonistin zurück geschrieben. Eine Struktur die dem Leser zu einem leichten Einstieg in den historischen Roman verhilft.

Ein Thema mit dem die Autorin Geschichte schreibt, nicht nur historisch, sondern eine berührende, dramatische und vor allem emotional nachdenklich machende Geschichte aus der Geschichte der zwei berühmten Schweizer.

Wunderschöne Lebensleseperlen aus dem Hause Schriber

Margrit Schribers Bücher begleiten uns durch unser Leseleben – ihre Perlen werden bei uns gesammelt und liebevoll aufbewahrt. Vom Mittelalter schreibt sie sich nun so langsam in unsere Zeit. Greifbar und fühlbar erleben wir die Aufbruchstimmung der Schweiz nach dem ersten großen Krieg. Wir sind gespannt, wie weit sich die große Schweizerin noch nach vorne schreibt. In unseren Herzen hat sie dies bereits erreicht.

Und die schönste Leseperle aus ihrer Feder liegt tief verborgen in einer gut geschützten Auster…. Danke dafür, Margrit…