Das zweitbeste Glück – Margrit Schriber im Aufwind

Ein kurzes Leben voller Träume – Leny Bider

Margrit Schriber zieht uns immer wieder in ihren Bann.

„Das zweitbeste Glück“ in der Hand zu halten fühlt sich gut an, denn wir ahnen schon vorher, was uns passieren wird. Margrit Schriber taucht tief nach Wortperlen, fädelt Perle an Perle zu einer Kette um diese dann in die Hand des Lesers zu legen. Am passenden Ort zum Buch, für uns der literatwoische Schriber-Salon, schlugen wir den Roman auf und betraten die Welt der Leny Bider.

Julie Helene Bider ist tot. Erschossen. Selbstmord. Am 07. Juli 1919. Kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges.

Nicht in ihrem Zuhause erlosch ihr bewegtes Leben, sondern in einem Hotelzimmer. Sie liebte es, in Pensionen und Hotels zu leben, sie brauchte kein Zuhause. Ihre Mutter war schon vor langer Zeit an Krebs gestorben, nun auch starb ihr Vater Jakob. Von da an gab es nur noch sie und ihren berühmten Bruder Oskar. Ein Flieger, ein Pilot, ein angesehener Flugpionier den scheinbar keiner vom Himmel holen kann, ein perfekter Himmelsstürmer. So eine Himmelstürmerin wollte auch sie werden. Nicht in einem Flugzeug, aber als Schauspielerin auf einer Bühne.

„Wenn ich nur einmal auftreten dürfte und nach geendigtem Spiel gefeiert würde. Nur dieser Wunsch.“

Eine junge Frau im Internat – interniert – gefangen…

Ein Wunsch der weder zeit- noch standesgemäß zu sein schien. Eine Actrice werden zu wollen entsprach fast einem Skandal im familiären Umfeld. Man kämpfte dagegen an und internierte Leny in Internaten. Ihren Geist konnte niemand bändigen – nichts konnte ihre Gedanken und Wünsche im Zaum halten…

Sie brach aus. Sie sprengte ihre Fesseln um ein eigenes Leben im Glanz führen zu können. Dabei immer im Blick: Die Erfolgsgeschichte ihres Bruders, der als einer der ersten Schweizer Piloten den Ruf eines Nationalhelden genoss. Glanz und Strahlkraft – das war die Welt des Oskar Bider.

Julie Helene Bider, später unter dem Künstlernamen Leny Harold bekannt, stand ihr Leben lang im Schatten ihres Bruders. Und doch vermochte sie sich in seinem Glanz zu sonnen. Die Geschwister galten gleichsam als Traum- und als Skandalpaar, um das sich viele Gerüchte rankten. Nun trauert sie…

Um ihren geliebten Bruder, den sie so sehr verehrte, der ihre Seele war. Und kurz nach ihm ist auch Leny tot, ihr junges Leben hat sie mit einem Schuss aus ihrem Revolver, den sie bei sich trug, beendet. Sie hat diesen Revolver nur einsetzten wollen, wenn ihr Bruder doch irgendwann vom Himmel fallen sollte. Aus Angst vor diesem Tag, wurde er zu ihrem Begleiter, genau wie das Tagebuch, welches sie bei sich trug, welchem sie sich oft anvertraute. Der Tag des Absturzes von Oskar Bider war der letzte Tag im Leben seiner Schwester.

Das vertraute Geschwisterpaar gehört der Vergangenheit an, wenige Stunden nur trennen den gemeinsamen Todeszeitpunkt.

Der große Bruder – Oskar Bider – ein Nationalheld…

Margrit Schriber lässt den Leser der rebellischen, aufmüpfigen Leny begegnen. Dem verwöhnten Prinzesschen ihres Vaters. Eine Göre, ein Weibsbild, ein Luder, welches den Drang hat berühmt zu werden, anders zu sein als alle anderen Frauen in der Gesellschaft. Sie ist nur auf sich bedacht, versucht das Größtmögliche für sich herauszuholen und sich einen Namen zu schaffen.

Der Anfang war ein Stummfilm, ihr richtiger Durchbruch gelang ihr als Schauspielerin im ersten großen Schweizer Kinofilm „Bergführer“. Dabei blickt sie selten nach rechts und links, ihr Tunnelblick galt sich, neben ihrem Vater und ihrem Bruder, selbst.

Erstmals prangte ihr Name auf den Plakaten der jungen Kinogeschichte – erstmals stand sie selbst im Rampenlicht und erstmals fühlte sie sich am Ziel ihrer Träume!

Große Momente – Seite an Seite – gelebte Träume…

Der biografische Roman hat den gewohnten schriberisch Tiefgang, die Wortperlen sind wunderschön und lösen gewaltige Fluten an Bildern aus. Margrit Schriber schreibt sich endgültig in die erste Reihe der nationalen Geschichtenerzähler ihres Heimatlandes. Die Bedeutung der aufstrebenden Luftfahrt, die Rolle im Ersten Weltkrieg und das traditionelle Frauenbild prägen den Rahmen der Geschichte – die Lebendigkeit der Charaktere lassen ein Diorama lebendiger Historie entstehen.

Margrit Schriber ist nie so neutral wie ihre Heimat – aber sie ist der erzählerische Inbegriff für die Schweiz!

Von technischer Einmaligkeit ist der Kunstgriff der Erzählperspektive. Dabei hat sie zwei Romanfiguren eingebracht, die sie sprechen lässt, die einen Zugang zu Leny hatten, auch wenn es nicht der üblich vermutete Zugang ist. Die Geliebte von Lenys Vater, die von Leny gehasste Pariserin, beleuchtet das wilde Leben der Hauptprotagonistin.

Aber vor allem ihr Sohn gibt dem Roman den emotionalen Herzschlag. Der Sohn der Leny abgöttisch liebt und verehrt, der Junge, der Mann, der Kavalier, der unerfüllt hoffende Kamelienblütenschicker. Sie und ihr Sohn sind lebenslang an ihrer Seite, haben ein Auge auf sie und vor allem er schenkt ihr die Liebe, die sie nie wollte. Und doch war er so wichtig – er spielte die Rolle des stillen Verehrers – und ohne ihn wäre ihr Glanz nicht so strahlend gewesen, wie wir ihn heute wahrnehmen.

Der gemeinsame Weg endet am 7. Juli 1919 – Ein Absturz und ein Schuss…

Margrit Schribers schriftstellerische Note ist auch in diesem Werk unverkennbar. Der Roman beginnt nicht mit dem Leben der Leny, sondern mit dem tragischen Tod, der in wiederkehrendem Rhythmus die einzelnen Kapitel einleitet. Von diesem wird in das lebendige Leben der Protagonistin zurück geschrieben. Eine Struktur die dem Leser zu einem leichten Einstieg in den historischen Roman verhilft.

Ein Thema mit dem die Autorin Geschichte schreibt, nicht nur historisch, sondern eine berührende, dramatische und vor allem emotional nachdenklich machende Geschichte aus der Geschichte der zwei berühmten Schweizer.

Wunderschöne Lebensleseperlen aus dem Hause Schriber

Margrit Schribers Bücher begleiten uns durch unser Leseleben – ihre Perlen werden bei uns gesammelt und liebevoll aufbewahrt. Vom Mittelalter schreibt sie sich nun so langsam in unsere Zeit. Greifbar und fühlbar erleben wir die Aufbruchstimmung der Schweiz nach dem ersten großen Krieg. Wir sind gespannt, wie weit sich die große Schweizerin noch nach vorne schreibt. In unseren Herzen hat sie dies bereits erreicht.

Und die schönste Leseperle aus ihrer Feder liegt tief verborgen in einer gut geschützten Auster…. Danke dafür, Margrit…

Advertisements