Ganz weit weg – Leselust und Reisefieber

„Eigentlich wollte ich eine Geschichte über eine Reiseschriftstellerin schreiben,
die in ihrem ganzen Leben nie gereist ist.“

Ich bin froh, dass sie es nicht getan hat. Ich bin froh, dass Petra Gust-Kazakos ihre gesamte literarische Selbsterfahrung zu einer großen essayistischen Betrachtung der magischen Wechselwirkung zwischen Leselust und Reisefieber in dem Buch „Ganz weit weg“ gebündelt hat, um ihren Lesern die lesereiselustigen Augen zu öffnen. Es ist schwierig, über Bücher zu schreiben – es ist auch schwierig, Leser zu erreichen, da die Lesewelt einer Autorin nicht unbedingt deckungsgleich zum Literaturschatz ihrer Leser ist und so die Erfahrungen oft weit auseinanderdriften.

Mit dieser Erwartungshaltung ging ich recht skeptisch auf die gemeinsame Reise. Und dann passierte wieder das, was unglaublicherweise so oft geschieht. Petra Gust-Kazakos tritt quasi aus ihrem Buch heraus und berührt mit ihrer Autorenfeder nicht nur meine kleine Privatbiliothek – sondern natürlich auch den gesamten Buchbestand von Literatwo. Wir erwarten zum Beispiel gerade ein Buch, über das wir so gerne schreiben möchten und kaum auf Seite 21 in „Ganz weit weg“ angelangt, taucht genau dieser Roman von Charles Dickens auf. „Der Raritätenladen“ verbindet uns plötzlich mit der Autorin und dieses Band wird von Seite zu Seite ihres Buches immer fester.

Es ist fast, als würde sie unsere Bücher kennen. Sie schweift kreuz und quer durch unsere Bibliothek und stellt Beziehungen zwischen diesen Werken und ihren eigenen Überlegungen her. Bereits zu einem frühen Zeitpunkt des Lesens verbinden sich meine Leseerfahrungen mit denen der Autorin und es gelingt ihr, mich reisend in ihrem Buch zu fesseln. Und schließlich erreichen wir ein gemeinsames Traumziel. Die Buchhandlung „Shakespeare & Company“, die auch in unserem Lesen in Madame Hemingway eine so große Rolle spielte!

Mit einem kleinen Klick nach Paris – zu Ernest und Madame Hemingway

„Der Beginn einer Reise, der erste Satz eines Buches – wir überschreiten eine Grenze, und auf einmal sind wir ganz weit weg.“

Diese Zeilen skizzieren in besonderer Weise die Art und Weise, in der sich das Buch dem Thema Reisen und Lesen widmet. Gut strukturiert und immer einem nachvollziehbaren roten Faden folgend werden Perspektiven eröffnet, die verdeutlichen, wie sehr unser Reiseverhalten unser Lesen prägt und umgekehrt. Jenseits dieser beschriebenen Grenze leben wir in unserer Bibliophilie und leiden an den gleichen Symptomen. Wie sollte eine ideale Bibiothek aussehen, welche Bücher wähle ich aus, helfen eBooks weiter, wie entstehen Sehnsuchtsziele und schließlich warum sind es so oft die puren Zufälle, die unser Lese-und Reiseleben verändern?

Petra Gust-Kazakos gibt Antworten auf diese Fragen.

Es sind ihre Antworten – nicht mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit gegeben und doch so sympathisch und fundiert verpackt, dass man sie überdenkt, genießt und sich auf die Suche nach den eigenen Antworten macht. Damit erweitert sie den Horizont ihrer Leser. Sie spannt den Bogen von der klassischen bis zur modernen Literatur und vergleicht unser Lesen mit unserem Leben – mit der andauernden Reise zu den Plätzen unserer Sehnsucht und beschreibt auch die Probleme, die es mit sich bringt, wieder zuhause anzukommen.

Bücher können keine Reisen ersetzen und Reisen machen Bücher nicht überflüssig. Wer reist, der liest auch immer und wer liest, begibt sich automatisch auf eine Reise. Beides bewusst miteinander zu verbinden ist der Leitgedanke ihres Buches. Sie gibt Ratschläge, wie man sich dem Thema nähern kann und erzählt dabei viel von sich selbst. Gerade diese Offenheit macht dieses Lesereisebuch so wertvoll. Keine Theoretikerin sitzt uns gegenüber… ganz und gar nicht. Ganz praktisch führt sie ihr Weg des Schreibens über so viele Stationen des Lesens und des Reisens, dass hier nur fragmentarisch erwähnt werden kann, welche Stationen sie beleuchtet und damit in den Blickpunkt des Betrachters rückt.

Der Weg führt von Hotels in der Literatur über erträumte Idealhotels bis zu den realen Hotels unserer Reiseziele. Sie widmet sich tatsächlichen und literarischen Erinnerungen und ihren eigenen Erinnerungen an Literatur – wobei auch die Bedeutung eines Souvenirs Beachtung findet. Und letztlich schreibt sie eindringlich über den Startpunkt jeder Reise… ihr eigenes „Home sweet home“.

Wir haben euch in den letzten Wochen mehrfach unsere Lesevilla im Bücherwald vorgestellt. Unsere Phantasiezimmer sind Autoren und Werken gewidmet – sie lassen Bilder entstehen und überdauern – sie sind unsere Reiseziele in unsere eigene Welt. Wir möchten Petra Gust-Kazakos kein Zimmer widmen. Das würde sie einengen und limitieren. Wir werden sie mit auf unsere Reisen nehmen und zu diesem Zweck haben wir uns genau das richtige Gepäck besorgt. Überseereisekoffer und wertvolle Bücherschatullen stehen nun im Eingangsbereich unseres literatwoischen Hauses. Und ganz obenauf liegt „Ganz weit weg“ – der Startpunkt zu jeder Lesereise und der Endpunkt unseres weitgereisten Lesens.

„Ganz weit weg“ ist immer eine Reise wert… und jetzt geht das Buch auf seine Reise nach Dresden…. auch ein TRaumziel… 😉

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