Roald Amundsen… eine eiskalte Lesung

Roald Amundsen - Forscher, Entdecker und Pionier

Vor wenigen Stunden erst haben wir das Zweite Türchen an unserem literatwoischen Adventskalender geöffnet und schon widmen wir uns wieder den Dingen, die uns am Leben halten und uns rastlos durch die Welt der Bücher rasen lassen: Gute Geschichten und gute Geschichte!

Amundsen. Allein schon der Name ruft viele Assoziationen hervor – es klingelt sofort in der Erinnerung. Scott, Peary, Nobile und schon bevor man zu lesen beginnt, denkt man eigentlich, vieles über das Leben des legendären norwegischen Polarforschers zu wissen.

Amundsen – ein Wort wie Donnerhall. Synonym für Überlebenswillen, Forscherdrang, Pioniergeist, Beharrlichkeit und Dominanz. In einem Atemzug genannt mit der Niederlage und dem Tod des wissenschaftlichen Rivalen Scott am Südpol. All dies haftet im Gedächtnis. Aber das war es dann auch schon mit dem reproduzierbaren Wissen und in dieser Situation können höchstens die fleißigen Helferlein bei Google weiterhelfen, oder eine anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Polarforschung. Ich vertraue hierbei auf Frau Dr. habil. Cornelia Lüdecke, Leiterin der Sektion Geschichte der Polarforschung bei der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung.

Ein biografisches Portrait hat sie verfasst. Portraits sollten von Spezialisten angefertigt werden – nicht nur die Schokoladenseite, nein alle Facetten einer Persönlichkeit sollten erkennbar sein, um die Persönlichkeit scharf konturiert abzubilden.

Der Südpol als Nagelprobe... Eine Expedition scheitert tragisch...

Cornelia Lüdecke ist ein hervorragendes Portrait gelungen. Und dies obwohl ihr Gegenüber nicht eine Sekunde stillgehalten hat. Umtriebig und unter schlechtesten Lichtverhältnissen hat er zeitlebens versucht, nur seine wissenschaftlich leuchtende Seite zu zeigen, diejenige hinter dem Polarlicht allerdings vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Die Momente, in denen sie gezielt auf ihren biografischen Auslöser gedrückt hat sind von bestechender Tiefe geprägt. Amundsen blickt den Leser an und in den Zeilen der Autorin öffnet sich eine facettenreiche und teilweise zerrissene Persönlichkeit, die man so nicht erwartet hätte. Dabei schreibt Cornelia Lüdecke nicht im biografisch trockenen Datensammlungsstil. Nein – sie begleitet Amundsen durch sein Leben, findet die tiefe innere Motivation für seine Polarfaszination und drückt immer dann auf den Auslöser, wenn Roald Amundsen an einer Wendemarke seines Lebens angelangt ist.

Der Autorin ist es zu verdanken, dass ich einsame Lesenächte bei gefühlten minus 54 Grad verbracht habe, gekleidet in Robbenfell einen Hundeschlitten führen durfte, auf Eisschollen treibend versucht habe ein Flugzeug zu starten und schließlich mit dem Luftschiff  „Norge“ die Schönheit der Arktis erleben durfte.

Eine wissenschaftliche Sinneswanderung im warmen Erste-Klasse-Abteil eines Buches.

Technischer Fortschritt als Evolutionsparameter für Roald Amundsen

Sofort hatte ich das Bild der Evolution des Menschen vor meinem geistigen Auge und konnte Amundsens Weg anhand dieser Skizze für mich festhalten. Die technische Entwicklung verhalf ihm zu seinen größten Erfolgen. Alleine auf Skiern wäre er nicht der Entdecker geworden, der er heute ist. Mit Schlittenhunden hatte er seine größten Ziele erreicht – und doch waren es Schiffe die ihn an den Ausgangspunkt seiner Expeditionen bringen konnten und später dann Flugzeuge, die gar eine Landung in der Arktis ermöglichten – und unwesentlich danach war die Reise über den Pol in einem Luftschiff möglich. Hier musste Amundsen erkennen, dass sein Weg als Forscher endete. Die Technik hatte ihn überholt und es zeichnete sich ab, dass die wenigen „weißen Stellen“ auf den Landkarten unseres Planeten nicht mehr allein durch Zähigkeit und Mut zu entdecken waren.

Ich musste dieser Portraitkünstlerin begegnen und war froh, zu ihrer „Eiskalten Lesung“ im gemütlich gediegenen Ambiente der August Dreesbach`schen Verlagsbuchhandlung zu München eingeladen zu sein. Also schnell den warmen Robbenfellmatel überwerfen, die dicken Fäustlinge anziehen und unter Todesverachtung der Autorin auf Amundsens Spuren folgend die Schlittenhunde vorspannen. Ich war gespannt.

Ich habe mich warm angezogen für den eiskalten Lesungsbericht...

Cornelia Lüdecke beginnt lesend, öffnet behutsam die Tür zur Geschichte der Polarforschung und macht Roald Amundsen zum Ehrengast ihrer „Eiskalten Lesung“. Ganz anonym ist er ja nicht, jetzt jedoch muss er tiefe Einblicke in sein Leben zulassen – und dies in aller Öffentlichkeit. Seine Motivation und sein Charakter stehen im Vordergrund der Betrachtung und wenn er dies wirklich erlebt hätte, denke ich, dass er trotzdem mehr als stolz gewesen wäre.

Stolz auf die liebevolle Vorbereitung der Veranstaltung durch das „Dreesbach-Team“, stolz auf die Qualität der wertfrei vorgetragenen Informationen, stolz auf die Wiederbelebung seiner einzigartigen Leistungen und wohl auch stolz auf die Bewunderung, die im Raum spürbar wird. Er hätte sich wiedergefunden in der Beschreibung von Cornelia Lüdecke, die ihre Lesung gekonnt mit einer Präsentation ihrer Rechercheunterlagen untermalt.

Expeditionsrouten, Photos und Skizzen vermitteln das Gefühl, einem Briefing zur Vorbereitung der Polarreise beizuwohnen.

Wissen schaffen... das ist lebendige Wissenschaft...

Lebendiger kann man Geschichte nicht vermitteln, lebendiger kann man sich Amundsen nicht nähern und lebendiger kann man ein Lebenswerk nicht mit Leben füllen. Lüdeckes Stärke liegt in der Fähigkeit zur Auslassung. Sie vermag es, ihren umfassenden Wissensschatz auf die wichtigsten Details zu komprimieren. Zu jeder Seite ihres Buches hätte sie weitere 100 füllen können. Sie hat dies nicht getan und genau hier liegt der Zauber des biografischen Portraits. Es ist spannend, packend und greifbar… es ufert nicht aus und beinhaltet für uns „Polarlaien“ eine angenehme Fülle an Eindrücken.

Am 14. Dezember 2011 jährt sich der Tag, an dem Amundsen als erster Mensch am Südpol stand zum einhundertsten Mal. Sein Todestag ist ungeklärt, sein Grab ist die Arktis… verschollen auf einer Rettungsexpedition für den abgestürzten Luftschiffkapitän Nobile. Das ewige Eis – hier schloss sich der Kreis im Leben des wohl bedeutendsten Polarforschers der jemals seine Spuren an Nord- und Südpol hinterlassen hat.

Die Widmung der Autorin im Literatwo-Exemplar bedeutet uns viel. Dieser Satz bleibt haften – so wie die Lesung, die Biografie und die Stimmung des Abends.

Eine Widmung, die berührt....

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