Benjamin Stein „REPLAY“ – wir spulen mal vor und zurück…

Replay liegt vor uns. Benjamin Stein hat es geschrieben. Es ist nicht unser erstes Buch aus seiner Feder, es ist nicht unsere erste Begegnung mit unserem „STEIN der Weisen“, es ist nicht unsere erstes Mal. Die Leinwand führte uns einst zusammen, verband uns durch ein Buch der vielen Lesewege und gipfelte in einem magischen Interview am Karfreitag 2010.

Benjamin Stein hat unser gemeinsames Lesen geprägt, wie kaum ein anderer Autor. Über kein anderes Buch haben wir so kontrovers und doch so liebevoll kritisch gesprochen. Und nun liegt Replay vor uns. Wir wissen, auf was wir uns einlassen. Wir drücken den blibliophilen Reset-Knopf in unseren Hirnen und begeben uns auf literarisches Neuland.

Replay… Literatwo spult mal vor und zurück… aber ganz langsam…

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Totalitäre Systeme kennzeichnen sich dadurch, dass sie Informationen beschaffen müssen und das perfide Wunderwerk Macht funktioniert durch Überwachung und die Transparenz der Untertanen. Musterbeispiel: George Orwell – Überwachungskameras bis zum Erbrechen und jede Bewegung wird von Staatsorganen überwacht. Musterbeispiele: Geheime Staatspolizei und STASI. Der totalitäre Staat glänzt durch Abhören und ausspionieren. Niemand kann sich dem entziehen.

Würden wir uns freiwillig in eine Diktatur des Geistes begeben und wer würde gegen diese Entwicklung ankämpfen, wenn es so wäre? Sind wir auf dem Weg, uns selbst transparent zu machen und ist es uns dabei vollkommen egal, welcher „Apparat“ im Hintergrund unser Leben ausspioniert?

Benjamin Stein beantwortet diese Frage mit JA – wir begeben uns freiwillig in die Welten des Internets, geben freiwillig Foren wie Facebook unser Geheimstes Preis, sei es öffentlich oder in Chatforen. Wir schreiben freiwillig Mails und transferieren unser Geld online. Und was interessiert uns, welcher Anbieter im Hintergrund sitzt und die Daten auswertet? Wir vertrauen auf das Gute im Menschen.

Diktatoren von einst würden sich die Finger lecken nach einem solchen Volk. Unternehmen von heute mutieren zu Monopolisten und drohen Machtstellungen zu erreichen, die man sich vielleicht im Moment nicht so recht vorstellen kann.

Benjamin Stein visioniert weiter. Er überwindet als Chefentwickler eines Kommunikationsgiganten die Hardware eines Smartphones und erfindet einen Chip. Dieser wird dem Kunden eingepflanzt und leistet Erstaunliches. Sämtliche Features moderner Kommunikation funktionieren durch gedankliche Konzentration. Die Realität verändert sich, indem man vollkommen unabhängig von Geräten Filme anschauen kann, Musik hören und seine täglichen Geschäfte abwickelt. Und das Größte daran – auch das eigene Gedächtnis kann man zurückspulen bis zu dem Punkt, der besonders schön war. So lässt sich der Protagonist des Romans jeden Morgen von seinem schönsten sexuellen Erlebnis wecken. Was für ein Start in den Tag.

Niemand muss den Chip besitzen – es ist freiwillig, aber die Lust und die Begierde des Menschen machen dieses neue Medium bald zum Weltstandard. Nichts geht mehr ohne ihn – Fahrzeuge lassen sich nur starten, wenn man ihn besitzt, der öffentliche Nahverkehr kann nur von Gechipten genutzt werden, Bankgeschäfte und das gesamte Leben werden gedanklich abgewickelt. Natürlich mit einem Großkonzern in der Hinterhand.

Wer ist Herr der Gedanken, wer ist Herr der Gefühle und welche Bilder sehe ich, weil ich sie mir ausgesucht habe oder werden sie mir vorgegeben? Wo endet und wo beginnt die Diktatur des Geistes, in die sich die Menschheit freiwillig begibt? Unser Protagonist erwacht eines Morgens mit den schönsten Gefühlen an eine aufregende Nacht – nur – was schaut unter seiner Bettdecke heraus? Ein Huf… was soll das und kann es wirklich sein eigener ehemaliger Fuß sein?

Alles halb so schlimm, wäre er nicht selbst der Erfinder des Chips… Er müsste es doch wissen.

Stein orwellt sich durch die selbst gewählte Zukunft des Menschen. Nicht absurd, nein, greifbar ist das Bild das er erzeugt. Dabei erzeugt er ein Bild, das ihm selbst fremd sein muss. Dreidimensionale Welten für Menschen, denen das Stereosehen nicht gegeben ist. Hier kokettiert Stein mit seinem eigenen Schicksal und schreibt sich selbst in eine Zukunft der Weitsicht. Ob diese neue Dimension das Opfer der Selbstaufgabe wert ist? Ob diese Zukunft nicht besser mit verschlossenen Augen zu ertragen wäre? Dies beantworten wir selbst beim Lesen von Replay.

Apple und Facebook sind nur die Paten solcher Visionen – Benjamin Stein ist ihr Vater. Er ist streng und verlangt viel. Wer ihm folgen will, sollte sich auf eine Reise in eine denkbare Zukunft vorbereiten und weiterdenken…

Ganz für sich… oder gemeinsam – so wie Literatwo…

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