Kreuzzug – Interview mit Marc Ritter in schwindelnder Höhe…

Mit einem Klick zur Buchvorstellung auf Literatwo…

Nach unserer umfassenden Buchvorstellung unter dem Titel: Kreuzzug – Dieses Attentat ist der Gipfel folgt nun das versprochene Interview mit dem Autor Marc Ritter. Eine Frage haben wir bereits gestern auf unserer Facebookseite veröffentlicht und nun könnt ihr lesen, was Marc selbst darauf geantwortet hat:

Marc Ritter im Gespräch mit Literatwo…

Gibt es ein spezielles Ereignis, das beim Autor Marc Ritter die explosive Idee ausgelöst hat, ein terroristisches „Kreuzzug“ – Szenario dieser Größenordnung in Deutschland zu erfinden?

Im November 2010 herrschte Terroralarm in Deutschland. Innenminister Lothar de Maizière erklärte erstmals eine „konkrete Gefahr“  und wenige Tage später wurde sogar die Kuppel des Reichstagsgebäudes in Berlin für den Publikumsverkehr gesperrt.

Damals habe ich viel darüber nachgedacht, welche weiteren Ziele es wohl geben könnte. Da ich die Situation der Zugspitze kenne, erschien sie mir als gut geeignetes Terrorziel. Zumindest in einer fiktionalen Geschichte wie dem „Kreuzzug“, der sich dann aus meinen ersten Überlegungen entwickelt hat.

Du giltst als sehr heimatverbundener Schriftsteller und verwandelst trotzdem eine Region, die knapp an den olympischen Spielen vorbeigeschrammt ist und unter den Klimaveränderungen zu leiden beginnt  nun zum absoluten Albtraumszenario… Hat es Dir nicht ab und an mal leid getan, was Du Deiner Zugspitze so alles zugemutet hast?

Wenn, dann bin auf eine sehr kritische Weise heimatverbunden. Das ist auch so in meinen Krimis (bisher erschienen: „Josefibichl“, Piper, 2011), die in Garmisch-Partenkirchen spielen und schonungslos mit Land und Leuten umgehen. Die Einheimischen finden das übrigens gut, wie ich immer wieder höre. Zurück zum „Albtaumszenario“ im „Kreuzzug“: Warum sollte man nicht Gefahrenpotenziale auch ansprechen? Vielleicht hilft ja der „Kreuzzug“ mit, dass der Berg sicherer wird.

Oder, dass Menschen sich bewusst werden, dass sie jederzeit in eine bedrohliche Situation kommen können. Nicht nur auf der Zugspitze, sondern überall, wo es Massenveranstaltungen gibt. Ich mache ja nichts anderes als der damalige Innenminister Lothar de Maizière: Ich warne. Vielleicht auf eine ein bisschen eingehendere Weise als er das vor der Bundespressekonferenz tun kann.

Wie viel Marc steckt in Deinen Protagonisten?

Thien Hung Baumgartner: 47,78%,
Markus Denninger: 36,32%,
Sandra Thaler: 27,96%.

Die Geheimdienste spielen doppelt und dreifach verdeckte Spiele in Deinem Thriller. Alles wirkt dabei mehr als plausibel und deckt sich mit manchem Verschwörungsszenario, von dem man immer wieder mal hört. Denkst Du, dass Du damit den Nagel auf den Kopf triffst und steckt hinter dieser Sichtweise mehr als nur Skepsis gegenüber den Geheimdiensten der westlichen Länder?

Wenn ich das wüsste … Aber Geheimdienste tun eben mal Sachen, die geheim sind. Und wenn man sich die Zahlen ansieht, wie groß und gut ausgestattet besonders die amerikanischen sind, dann kann man sich schon fragen, was so viele Menschen und Computer den ganzen Tag machen. Und nachts erst recht …

„Schatz, was macht eigentlich dieser Lieferwagen mit dem TV-Service-Schriftzug, der da seit vorgestern vor dem Haus steht?“

Wie viel Spaß hat es gemacht, einen adeligen doktortitellosen Verteidigungsminister mit medialer Geltungssucht für Deinen Thriller neu zu erfinden?

Ach, gibt’s da eine Vorlage?

Das war mir nicht bekannt. Mein Ehrenwort! Nicht, dass jetzt jemand behauptet, ich hätte den irgendwo abgeschrieben. Und wenn, dann sorry, aber der Roman war auf so unendlich vielen USB-Sticks gespeichert … und dann der „Spagat zwischen Privatleben und Familie… (siehe Fußnote 1)

Warst Du im Rahmen Deiner Recherchen an all den Orten auf der Zugspitze, die im Roman eine Rolle spielen? Insbesondere das Kammhotel ist hier von Interesse, da selbst gewiefte Bergsteiger nicht wissen wo es ist, und dass es existiert.

Alle Orte habe ich besichtigt. Und nicht nur einmal. Ich bin sogar die Dammkarabfahrt, die nur eine Nebenrolle spielt, vollkommen untrainiert mit den Ski und Fellen hinaufgestiefelt und abgefahren. Im Bruchharsch.

Und, bitte: Das Kammhotel existiert! Es befindet sich dort, wo die erste Bergstation von Tiroler Seite aus endete, und ist von der heutigen Tiroler Bergstation aus sehr gut zu sehen. Wenn man über die Wiener-Neustädter-Hütte aufsteigt, kommt man an ihm vorbei. Allerdings habe ich es nur von außen gesehen denn es ist unter Umständen einsturzgefährdet und gut vernagelt.

Dort einzubrechen wäre zumindest illegal. Hier sind Fotos:

Das Kammhotel – es existiert wirklich…

Die einzige Ausnahme: Eine Begehung der großen Zugspitzhöhle, die beim Bau des Rosi-Tunnels angeschnitten wurde, steht noch aus. Ein Höhlenspezialist aus Garmisch, der mir bei meinen Recherchen sehr geholfen hat, möchte mich bei der Erstbegehung mitnehmen. So lang konnte ich aber für das Buch nicht warten. Und da die Verbindung der Höhle zu den anderen Tunneln und Stollen eine reine Erfindung von mir ist, war das auch nicht nötig. Ich weiß, wie es in Karsthöhlen aussieht, denn als ich noch jung und schlank war, habe ich die bekannten Höhlen des Estergebirges öfters befahren, beispielsweise die Frickenhöhle oder das Angerlloch.

Und zum guten Ende: Welche Frage würdest Du in einem Interview gerne mal beantworten? Einziges Problem: Man hat sie Dir noch nie gestellt!

Wie schaffen Sie es, reich zu sein und sexy zu bleiben?

Fußnote 1: Asül, Django: Nockherberg-Fastenrede 2007

Unser Fazit zu „Kreuzzug“ von Marc Ritter

Literatwo hat diesen hochalpinen Terrorthriller auf Herz und Nieren geprüft. Schon beim Lesen der Druckfahne wurden uns von der erfahrenen Bergsteigerin und Skitourengeherin Silvia Sauerwein Begriffe, wie zum Beispiel Seilbremse nicht nur theoretisch erklärt. So ist es zu erklären, dass Silvia das Buch quasi zum gleichen Zeitpunkt mitlesen konnte. Ortskundig und alpin mehr als routiniert, kam auch sie zu dem Ergebnis, dass wir hier einen perfekten Roman vor uns haben. Weder in Plausibilität, noch in Handlung oder Protagonisten konnten Widersprüche ausgemacht werden. Die Sogwirkung war enorm und blieb bis zum Ende durchgängig erhalten.

Einhellig: alle Daumen zeigen nach oben! Und Silvia freut sich darauf, am Samstag den 03.03.2012 live dabei sein zu können, wenn Marc Ritter seinen Politthriller in Garmisch – Partenkirchen präsentiert. Wir haben es sozusagen mit einem literarisch alpin doppelt geprüften Meisterwerk zu tun, das man mehr als empfehlen kann.

Literatwo freut sich riesig auf den Lesungsbericht auf Silvias Alpin- und Expeditionsblog erlebnisabenteuerundmehr. Die Gewinner der beiden Bücher werden am Freitag bekanntgegeben und können sich dann auf das Spannendste freuen, das auf diesem Gebiet gerade zu haben ist.

Hier findet ihr mehr zur Lesung von Marc Ritter…

Kreuzzug – Dieses Attentat ist der absolute Gipfel!

Kreuzzug - Marc Ritter

Kreuzzug – Marc Ritter

Was für ein traumhafter Tag.

Der 6. Januar 2012 – Heilige Drei Könige – Feiertag in Bayern – bestes Ausflugswetter und wir machen uns auf den Weg zur Zugspitze. Diesen einmaligen Panoramablick muss man zumindest einmal im Leben gesehen haben. Ganz schön viel los heute… war ja irgendwie klar und wir müssen uns aufteilen. Einige fahren mit der Zugspitzbahn über Zahnräder durch Tunnelsysteme zum Gipfel, wir nehmen die kleine Seilbahn vom Eibsee aus. Die wesentlich größere Seilbahn führt von Österreich auf die Zugspitze, aber das ist uns zu weit.

Ein Traum, endlich auf dem Gipfel angekommen zu sein… diesen Traum träumen wir mit weiteren 5000 Touristen. Der Alltagsstress fällt von uns ab und die Fernsicht veredelt den Tag. Doch irgendwas ist seltsam. Die Zahnradbahn kommt einfach nicht an und irgendwie bekommt man das Gefühl, dass inmitten der Touristen aus allen Ländern Unruhe ausbricht. Smartphones verbreiten schnell die Nachricht von einem Unglück der Zugspitzbahn, Newsticker sprechen von mehreren Sprengungen an einem Tunnel, einem eingeschlossenen Zug und wir warten vergeblich auf unsere Freunde.

Die Stimmung kippt hier oben.

Hubschrauber kreisen über dem Zugspitzplatt. Das glänzende Logo von RTL beunruhigt weniger, aber Bundeswehrhubschrauber des Typs Bell-UH-1D muten seltsam an. Und dann passiert alles gleichzeitig. Die letzten News die noch empfangen werden können sprechen von Attentat und islamistischem Terror im Tunnel, bevor alle Handynetze versagen.

Aus einem der gelandeten Hubschrauber steigen Prominente – der medienverliebte deutsche Verteidigungsminister samt gestylter Ehefrau, der Ministerpräsident Bayerns und dieser J.F. Körner – das TopAss der deutschen Talkmaster inklusive Filmcrew. Was geht denn hier? Die wollen doch nicht vom Gipfel aus auf Sendung gehen?

Deutsche Soldaten tauchen auf – Gebirgsjäger – bewaffnet. Doch eigentlich ein absolutes NoGo… – das hier ist doch kein Krieg. Alles wirkt wie ein Traum und dann geschieht die nächste Katastrophe. Die größte Seilbahn zum Gipfel wird gesprengt und wir sitzen in der Falle.

5000 Touristen auf dem höchsten Berg Deutschlands – 200 im Tunnel und auch der adelige Verteidigungsminister entkommt nicht mehr. Sein Hubschrauber geht in Flammen auf kurz bevor er flüchten möchte. Alle in der Hand von…. Ja… von wem eigentlich? Terroristen – das scheint klar, im Berg und hier oben… aber mehr wissen wir nicht. Jetzt bekommen wir es mit der Angst zu tun… wirklich…

Das Gipfelkreuz der Zugspitze heiß umkämpft – Kreuzzug – Marc Ritter

Und über allem strahlt das goldfarbene Gipfelkreuz
majestätisch über das ahnungslose Land…

Gut nur, dass wir nicht alleine sind…. Aber wer ist bei uns…?

Der Autor Marc Ritter lässt weder seine Leser noch seine Opfer alleine – keine Sorge. Inmitten des alpinen Albtraumszenarios agieren seine Akteure so routiniert, wie man es sich von Rettern in der Not erhofft. Thien Hung Baumgartner, ein „typischer“ Partenkrirchner mit asiatischem Einschlag, der bewaffnet mit seiner tödlichen Nikon-Profikamera in der eingesprengten Zahnradbahn sitzt und nach Auswegen sucht. Sandra Thaler, seine ehemalige Freundin, die exklusiv für ein Nachrichtenmagazin Bilder von der Zugspitze liefern soll. Einziges Problem – die Powerfrau muss mit Tourenskiern zu Fuß auf den Berg. Und schließlich der Gebirgsjäger Markus Denninger, der inmitten der Attentäter auf alles trifft, auf das er in seinem Leben nicht zu treffen gehofft hat. Amerikanische Geheimdienstler, pseudo-islamistische top-vorbereitete Terroristen aus Bolivien und seinen eigenen Verteidigungsminister. Genau die richtige Kragenweite für einen Elitesoldaten.

Ritter legt mit „Kreuzzug“ einen Terrorthriller vor, der jenseits jeglichen Klischees durch perfekte Charakterzeichnung, atemlos spannende Dramaturgie und eine Szenerie in Hochglanzformat besticht. Wer atemlose Spannung, greifbare Protagonisten und ein Feuerwerk an Überraschungen liebt, dem sei „Kreuzzug“ ans Herz gelegt.

Intelligent geschrieben, stellt der Thriller starke Frauen in starken Positionen in den Mittelpunkt, macht aus Elitesoldaten keine pathetischen Helden und lässt uns alle über die wahren Machenschaften aller Geheimdienste spekulieren. Wer letztlich einen liebgewonnenen tragischen doktortitellosen Medienhelden in der Rolle des Verteidigungsministers in einem Thriller ganz neu erleben möchte – Marc Ritter hat K. Theodor. z. G., dem Politiker im italienischen Designeranzug ein kleines literarisches Denkmal gesetzt… rein zufällig natürlich. Ehrenwort.

Was der Autor Marc Ritter selbst zu Terrorismus, seine Heimat und dem adeligen Minister sagt, könnt ihr morgen in unserem Exklusivinterview erfahren: Marc Ritter meets Literatwo… angeseilt und mit Lawinensuchgerät ausgestattet… Besser wird es sein! 

Zu dieser Buchbesprechung haben wir die besondere Ehre, auf unserer funkelnagelneuen Facebookseite eine besondere Aktion präsentieren zu können. Besucht uns unter

http://www.facebook.com/Literatwo,

drückt einfach den „Gefällt mir“-Button und beantwortet die Frage zu „Kreuzzug“.

Sie hat mit dem Interview zu tun, das am Mittwoch veröffentlicht wird. Unter allen Kommentaren zur Frage verlosen wir zwei signierte Exemplare des hochexplosiven Thrillers. Ihr könnt so lange teilnehmen, bis das Interview erschienen ist…. und das passiert am 28.02.2012 gegen 18:00 Uhr.

Die Bekanntgabe der beiden Gewinner erfolgt am 02. März… Viel Vergnügen dabei und herzlich willkommen auf unserer Seite!

Mit einem Klick kommt ihr auf unsere Seite und seid ganz nah an den Büchern…

And the Oscar goes to….

Die Oscar-Verleihung mit Mr. Rail

Die Oscar-Verleihung mit Mr. Rail

Es ist wieder einmal soweit. In der Nacht vom 26. auf den 27. Februar 2012 findet im altehrwürdigen Kodak Theatre in Los Angeles die Oscarverleihung 2012 statt. Damit werden zum 84. Mal seit 1929 die begehrtesten Trophäen der Filmindustrie vergeben. Die Gala-Veranstaltung wird in diesem Jahr vom Schauspieler und Komiker Billy Crystal moderiert.

Dabei werden die Gewinner wieder mit der Formel „And the Oscar goes to…“ auf die Bühne gebeten und nicht mehr mit dem Spruch „And the Winner is…“ in ewigen Filmruhm befördert. Diese Neuerung ist gar keine, da der Oscar-Slogan seit Anbeginn der Golden-Boy-Zeitrechnung verwendet und lediglich für 22 Jahre von seinem inzwischen abgelösten Nachfolger abgelöst wurde.

Literatwo begibt sich in diesem Jahr erstmals auf filmisches Terrain, da wir uns riesig darüber gefreut haben, dass ausgerechnet eine Literaturverfilmung als Favorit ins Oscar-Rennen geht. Wir haben in einem ausführlichen Artikel über diese kleine Sensation geschrieben und den Weg von

„Die Entdeckung des Hugo Cabret“

von Brian Selznick bis zu Martin Scorsese`s dreidimensionalem Kunstwerk „Hugo“ begleitet.

Martin Scorsese`s Literaturverfilmung „Hugo“ 11mal nominiert…

Auszeichnungen im visuellen Bereich – aber keine Hauptkategorie…

Mit insgesamt 11 Nominierungen im Gepäck sitzen die Filmgewaltigen um den Erfolgsregisseur Scorsese heute Nacht im Kodak Theatre und können es wohl kaum noch erwarten, bis der jeweilige Laudator den magischen Satz verlauten lässt: „And the Winner is…!“ So wird es uns auch gehen. Als Liebhaber des einzigartigen Buches und immer noch begeistert von der Qualität dieser filmischen Adaption eines mehr als visuellen Kinderbuches wären wir für jeden einzigen „Golden Boy“ dankbar, mit dem dieser Film ausgezeichnet würde.

Wir drücken all unsere Daumen – in allen Dimensionen – Literatwo fiebert mit!

Ein gewagtes Projekt – ein Stummfilm mit 10 Nominierungen… „The Artist“

Der Gewinner des Abends – bester Film, Regie, Hauptdarsteller….

Nicht nur „Hugo“ hat in diesem Jahr meine Aufmerksamkeit erregt – oder vielleicht lag es doch irgendwie an Brian Selznick, dass mich der 10fach nominierte Stummfilm „The Artist“ ins Kino gelockt hat. Eine Hommage an das frühe Kino und die schwierige Phase im Übergang zum Tonfilm haben hier ein einzigartiges Meisterwerk auf unsere Kinoleinwände gezaubert.

Kein Wort zu wenig – keine Spur davon, dass man Geschichten nur mit guten Dialogen erzählen kann – kein Hauch fehlender Faszination. Nichts hat diesem Film gefehlt – alles hat ihn hervorgehoben aus der Masse der knallbunten Effektfilme unserer Zeit. Allein die schauspielerische Leistung der Akteure zeigt, was wahres und großes Kino auch heute noch ist. Zuschauer mit einem Blick zu fesseln und zum Weinen oder Lachen zu bringen.

Und was Selznick damit zu tun hat? „Hugo“ ist ebenfalls eine Hommage für das stumme Kino in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts und Ende März erscheint mit „Wunderlicht“ ein neues Buch des Erfolgsautors. Ebenfalls reich illustriert beschreibt es die Schwelle zwischen Stumm- und Tonfilm – im Mittelpunkt: Ein taubes Mädchen, dem durch die neue Technik das einzige Medium verloren geht, bei dem sie ebenso normal wie ihre Umgebung scheint….

Wunderlicht – mit einem Klick zur Buchvorstellung…

„Wunderlicht“ wird auch Literatwo in sanften Schimmer hüllen… die Druckfahne liegt uns vor und wir staunen allein beim Blick auf die einfühlsamen Bilder…

Steven Spielberg reitet mit „Warhorse“ auf die Bühne – 6 Nominierungen…

Ein toller Film – aber kein ausgezeichneter…. Schade

Ganz zuletzt hat es mich noch in einen klassischen, guten alten Spielberg getrieben. Die große Leinwand benötigt dieser Kultregisseur und auf dem Fernseher bleibt einiges des cineastischen Feuerwerks aus seinem Ideenfundus einfach auf der Strecke. (Wenn auch einige Fernesehgeräte inzwischen deutlich größer sind, als das Kino 18 oder 19 eines modernen „Multiplexes“).

„Gefährten“ heißt das mehr als zweistündige Epos, das vom harten Leben kleiner englischer Pächter, von der großen Leidenschaft eines großen Jungen zu seinem ersten Pferd, vom unermesslichen Leid des Verlustes und den Schrecken des Ersten Weltkrieges erzählt. Als Kavalleriepferd wird jener Gefährte zum „Warhorse“ und durchlebt in wechselndem Licht des Schreckens alles Menschen- und Tierunwürdige eines Grabenkrieges.

Pathos und Ethos geben sich hier die Hand und emotionale Momente des Bangens wechseln abrupt mit denen des Grauens. Ein großer Film – und in all seiner Güte auch mit 6 Nominierungen (u.a. Bester Film) auf die große Bühne der Oscarverleihung gehoben. Spielberg ist und bleibt Spielberg…

astrolibrium warhorse winner morgen

Eines jedoch hat mich lange nach dem Kinobesuch beschäftigt: Die Frage nach dem „Woher kenne ich den Schauspieler bloß…?“

Ein Gesicht hat sich mir im Film „Die Gefährten“ besonders eingebrannt und ich wurde lange Zeit das Gefühl nicht los, als würde ich den Schauspieler sehr gut kennen. Aber denkt ihr, ich wäre darauf gekommen, wer das ist?  Inzwischen habe ich die Lösung gefunden und ich war absolut fasziniert, da ich mehr als angenehm überrascht war. Kennt ihr den jungen Mann irgendwoher?

Woher kam mir dieses Gesicht aus dem Film „Warhorse“ nur so bekannt vor?

Das Rätsel wurde auf Facebook gelöst…. überrascht?

Titanic von Linda Maria Koldau oder warum ein Sachbuch keine Sache ist…

Einhundert Jahre nach dem Untergang der Titanic sind alle Choräle gesungen, die Fakten gesammelt, Legenden gewoben und Mythen so lebendig, wie niemals zuvor. Kein Millimeter des Wracks ist unerforscht und von einem Friedhof im Atlantik kann schon lange keine Rede mehr sein. Die Grenze von der klassischen Wissenschaft zur modern gewordenen populärwissenschaftlichen Kitschkultur ist längst überschritten.

Was ändert da schon ein solcher Jahrestag? Sind wir zu distanziert, um die menschlichen Regungen des vergangenen Dramas an uns heranzulassen oder hilft gerade diese Distanz, den Blick zu schärfen und wieder etwas genauer zu betrachten, was damals eigentlich geschah?

Schon damals ein schwimmendes Weltwunder... (re. Kölner Dom)...

Ein Klageruf der Opfer und Hinterbliebenen schallt über ein Jahrhundert in ein Zeitalter, in dem die Zuversicht in die Technik erneut unerschütterlich zu sein scheint. Monumentale Türme wachsen allein in Dubai in den Himmel, mit dem Airbus A 380 erhebt sich ein Flugzeug in die Lüfte, von dem man vor Jahren maximal zu träumen gewagt hätte und Kreuzfahrtschiffe in ungeahnten Ausmaßen befahren die Weltmeere.

Alles geprägt vom unerschütterlichen Glauben an die Macht der Technik und das Funktionieren der von Menschen erdachten Notfallpläne. Und dies in einem Zeitalter immer unkalkulierbarer werdender Umweltfaktoren. Stürme, Tsunamis und Erdbeben machen die Erde noch weniger beherrschbar, als damals.

Damals im Jahre 1912, als ein einzelner Eisberg es vermochte, das Vertrauen der Menschheit in den technischen Fortschritt zu erschüttern.

Schier unvorstellbar: Titanic, Eiffelturm und Burj Khalifa im Vergleich...

Vermag die Geschichte der Titanic uns heute auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen? Vermag sie es, nach 100 Jahren unsere Augen zu öffnen und ein stückweit illusionsloser auf unsere moderne Technik zu blicken? Und zwar genau in den Moment hineinzuschauen, in dem diese versagt oder zum Versagen gebracht wird…

Linda Maria Koldau sagt „JA“!

Sie schlägt in ihrem Buch Titanic – Das Schiff – Der Untergang – Die Legenden (C.H. Beck 2012) eine Brücke von der Brücke der Titanic bis zu den Brückenköpfen, die jene Katastrophe in unserem kollektiven Gedächtnis geschlagen hat. Wie lange können wir dem vertrauen, was wir selbst erschaffen haben und wie laut sind unsere eigenen Klagerufe, wenn wir wieder einmal an den Grenzen unserer Fähigkeiten angelangt sind – oder diese schon längst überschritten haben?

Koldau holt weit aus. Vom Wettlauf um die schnellste Atlantiküberquerung bis zu den technischen Möglichkeiten des aufstrebenden 20. Jahrhunderts. Vom Stapellauf über die Hoffnungen und Träume der Passagiere aller Klassen bis hin zur Katastrophe und den Auswirkungen bis in unsere, ach so moderne Zeit.

Nichts lässt sie unbeleuchtet – keine offene Frage bleibt ohne Antwort und doch gelingt es ihr eindringlich in der Darstellung ihrer Fakten ein berührendes und greifbares Buch zu schreiben, das nicht durch altbekannte neu präsentierte Fakten besticht. Jede Seite ihres Buches lässt uns in die heutige Zeit blicken. Wenn sie vom unternehmerischen Wagnis einer Reederei und der Inkaufnahme von Risken schreibt, dann sehen wir die Costa Concordia vor unseren Augen. Wenn sie von einer Verkettung unglücklicher Zufälle und von menschlicher Panik spricht, dann sehen wir Bilder von Großveranstaltungen vor unseren Augen, die ebenso wenig beherrschbar und sicher sind, wie es die Massenevakuierung eines Schiffes seit jeher war.

Und wenn sie von der Romantisierung des Grauens spricht, dann sehen wir Camerons Titanic-Film vor unseren Augen ablaufen und müssen innehalten um darüber nachzudenken, was dieser Film eigentlich in uns ausgelöst hat. Koldau betrachtet alle Facetten der Katastrophe und bewertet hierbei auch die Stilblüten, die sich bis in unsere Zeit gerettet haben. Die Autorin präsentiert ein brandaktuelles Buch zum 100. Jahrestag der Katastrophe. Sie wirft einen geschulten Blick hinter die Kulissen des Dramas und lässt uns teilhaben an dieser präzisen und gehaltvollen Collage, die zu berühren und zu warnen vermag.

Ihr Blick auf die menschlichen Schicksale an Bord ist eindringlich, einfühlsam und zum ersten Mal hat sie mir bewusst gemacht, dass man seit jeher lediglich die Dramen der Ersten und Dritten Klasse in den Mittelpunkt gestellt hat. Der Unterschied vom Millionär zum armen Auswanderer war wohl zu faszinierend. Koldau zeigt, wie wenig wir von den 285 Passagieren der Zweiten Klasse wissen. Es war eine Katastrophe der Extreme – die Mittelklasse fand da keinen Platz. Das Drama selbst jedoch hat sich tief verankert.

Schon bei der nächsten – absolut überraschenden – Katastrophe werden wir uns wieder erinnern. Wir werden ständig an sie denken: An die Titanic, das Schiff der Träume, das schwimmende Paradies und das Symbol für die Bezwingbarkeit der Elemente. Und wieder und wieder werden wir den Eindruck nicht los, dass wir aus diesem Drama nichts gelernt haben. Aktueller kann ein Sachbuch nicht sein und wenn die Sachlichkeit so beseelt ist, wie in diesem Werk, dann berührt es seine Leser.

Eine Katastrophe ist keine Sache – ein Traum ist keine Sache – Leid ist keine Sache und Schicksal ist keine Sache. Dieses Buch mag ein Sachbuch sein – aber es ist keine Sache… es lebt…

Literatwo wird bis zum 100. Jahrestag der Titanic-Katastrophe viele neu erschienene und lieb gewonnene Bücher rund um dieses bewegende Thema vorstellen, um euch auf diesem Weg einen Blick in unsere persönliche literatwoisch titanische Schatzkiste zu ermöglichen. Unser virtuelles Kreuzfahrtschiff, die MS Literatwo wird in Leipzig anlegen und wir freuen uns schon sehr darauf, die eine oder andere Überraschung für unsere Leser mit an Bord zu haben. Leinen los und volle Kraft voraus….

Hier geht die Fahrt bald weiter... Leinen los - die MS Literatwo auf großer Fahrt...

Und hier geht es ohne Umwege und weitere Anlegestellen sofort zum Interview mit Linda Maria Koldau:

Mit einem Klick zum exklusiven Literatwo-Interwie mit L.M. Koldau

„Hyddenworld“ – der Frühling kommt

Hyddenworld - Das Erwachen - Der Sommer der Schildmaid

Hyddenworld

Nur ein Symbol?
Nur ein Hügel?
Nur ein Kreis?
Eine ganz normale Stadt?

Bilderfluten – magisch überschäumende Bilderfluten ziehen an meinem geistigen Fantasyauge vorbei, wenn ich an meine wundervolle Zeit mit William Horwoods Roman Hyddenworld – Der Frühling denke. Ich habe es wieder einmal gewagt – ich lese einen Mehrteiler.

Ich habe die Tür zu einem Haus namens Hyddenworld geöffnet und weiß, dass sich vier Räume darin befinden, von denen drei noch fest versiegelt sind. Sie tragen die klangvollen Namen der Jahreszeiten. Ehrfürchtig und voller Erwartungen betrete ich den Raum namens Frühling, nehme am offenen Feuer Platz und schaue mir die prächtigen Gemälde an den Wänden an.

Sie erzählen von Legenden aus längst vergangener Zeit. Wispern mir das Lied eines Schmiedes zu, der aus Trauer um die verstorbene Geliebte eine makellose Kugel aus Metall und Glas erschuf, in der sich das Licht der Welt bündelte wie in einem Kaleidoskop. Die Bilder zeigen den gramgebeugten Mann, der sein Kunstwerk voller Wut gegen die Götter am Boden zerschmettert. Vier magische Teile bleiben von der Kugel – nur drei werden jemals wiedergefunden. Das Vierte, benannt nach der verlorenen Geliebten – Frühling – bleibt auf ewig verloren.

Ein letztes Gemälde lässt mich staunend ein Amulett erblicken, auf dem der Schmied die drei verbleibenden Edelsteine befestigte – getrieben von der Hoffnung, der Frühling möge sich am Ende der Zeit zu den anderen Jahreszeiten gesellen und die tote Geliebte erlösen.

Am Ende der Zeit…

Die Menschen haben diese Legenden schon lange vergessen. Sie haben besseres zu tun, sind mit sich selbst und ihrem Leben beschäftigt und haben jeglichen Zugang zu den großen Mysterien dieser Welt verloren. Und letztlich haben sie wohl auch den Zugang zu ihrer Welt verloren…

Gut nur, dass sie nicht alleine sind, auch wenn sie dies schon lange verdrängt haben. Das kleine Volk der Hydden wohnt im wahrsten Sinne des Wortes unter ihnen. In einer Parallelwelt – so weit von allem Menschlichen entfernt und doch so nah. Nur wenige Türen gibt es zwischen diesen Welten. Und es existieren wenige Zeichen ihrer Existenz.

Es gibt Steinkreise, die keine Steinkreise sind – Symbole, die mehr als Symbole sind – Hügel, die nicht vermessen werden können und eine Stadt unter der Stadt…. Brum unter Birmingham…

 Nur ein Symbol?
Nur ein Hügel?

Nur ein Kreis?
Eine ganz normale Stadt?

Die Hydden erkennen die Zeichen der Zeit und schicken einen der Ihren, unterstützt von einer Schar der wackersten und hoffnungsvollsten Kleinen Leute in die Welt der Menschen, um zu finden, was längst verloren schien. Der Riesengeborene Jack, vom Schicksal auserwählt, rettet dem Menschenkind Katherine nicht ganz zufällig das Leben und begegnet einem Wissenschaftler, der noch an die alten Legenden glaubt und nicht an der Existenz der Hydden zweifelt!

Wird sich die Prophezeiung des Schmieds erfüllen? Gelingt es den vom Schicksal vereinten Gefährten, den Edelstein namens Frühling zu finden und werden sie die verheißene Schildmaid entdecken, die – so die Legenden – die Einzige auf Erden sein wird, die das Universum zu retten vermag.

Eine abenteuerliche Reise beginnt….

Dies ist mehr als Fantasy – dies ist eine der interessantesten Konstruktionen einer im wahrsten Sinne des Wortes fantastischen Geschichte. Die Hydden begeben sich in unsere Welt – auf der Spur einer alten Prophezeiung. Es mutet an, als würden die Hobbits durch das reale England streifen um den Menschen die Augen zu öffnen.

Umweltprobleme und der Verlust der großen Mysterien warten in der Menschenwelt auf die „Kleinen Leute“ – der einzige Weg die alten Legenden zum Leben zu erwecken liegt in der neu erwachten Symbiose zwischen Hydden und Menschen. Wenige Wissende stehen den vielen Ahnungslosen gegenüber und der Weg ist weit… zuerst muss die Schildmaid gefunden werden, in deren Händen das Schicksal zweier Völker und eines Universums liegt.

Sie wird am Ende des Frühlings gefunden – sie wird die Tür zum Sommer öffnen. Allein dieser Fund hat mich sprachlos gemacht. Emotional und wundervoll berauschend ist das Ende der ersten Jahreszeit. Ich freue mich auf das Erwachen des Sommers, werde helfen, die welken Blätter des Herbstes zusammenzufegen und habe ein wenig Angst vor der aufziehenden Kälte des abschließenden Winters.

Eine Geschichte – zwei Völker – vier Jahreszeiten – und hoffentlich unzählige Leser – Hyddenworld

 Nur ein Symbol?
Nur ein Hügel?

Nur ein Kreis?
Eine ganz normale Stadt?

Die Saga geht weiter:

Nur ein Klick trennt euch vom Sommer der Saga!

Nur ein Klick trennt euch vom Sommer der Saga!

Der Wind trägt die Worte – Waldtraut Lewin erzählt Geschichte und mehr

Waldtraut Lewin, die Geschichte des jüdischen Volkes und mehr…

„Was ist Geschichte?“ – Fragt man sich immer und immer wieder, wenn man über deren Signalwirkung für die Zukunft schreiben. Können wir aus der Geschichte lernen? Eine immer wichtiger werdende Frage. Besonders in den Artikeln unter der Überschrift Gegen das Vergessen.

Dabei sollte man sich auf die Suche nach dem Begriff „Geschichte“ im Wortsinn machen. Doppelt gesicherte Quellen untermauert mit archäologischen oder moderneren Artefakten, historisch relevante Dokumente, Schriften und Bilder, Stammbäume und wissenschaftliche Analysen – die Summe all dieser Erkenntnisse definiert für uns den Begriff Geschichte… Zahlen, Daten, Fakten… aufgeschichtet – Schicht um Schicht zum Berg der Historie, könnte man sagen.

Aber lässt sich so die Geschichte der Menschheit oder die eines Volkes erzählen und verstehen? Waldtraut Lewin verneint dies in ihrem großen zweiteiligen Lebenswerk Der Wind trägt die Worte. Ihr Ansatz reicht weiter und ihre Vorgehensweise, uns die Geschichte des Jüdischen Volkes näher zu bringen, macht dieses Buch zu einem unermesslichen Schatz aus Geschichte und Geschichten. Sie selbst schreibt dazu:

„…das Gedächtnis der Menschheit manifestiert sich nicht nur in toten Steinen und Artefakten. Und anstelle von Geschichte gibt es Geschichten. Bunte, vielfältige Geschichten, krasse Familienstorys um Mord und Totschlag, um Schuld und Sühne, um Flucht und Heimkehr, um Liebe, Hass und Eifersucht, um Intrigen, Betrug und Vergebung.

Geschichten, die an den Lagerfeuern der Wanderstämme oder in ihren Zelten erzählt wurden, wenn draußen der Sandsturm tobte, die über die Generationen weitergegeben wurden.“

Dabei ist es nicht nur ihre Absicht, unsere Aufmerksamkeit auf eine oftmals fremde Welt zu lenken, sondern auch die Sicht der Juden auf sich selbst und auf die anderen darzustellen. Ein geradezu multiperspektivisches kulturhistorisches Werk ist der renommierten Schriftstellerin hier gelungen. Ein fast monumental anmutender Brückenschlag über Generationen und Völker, Länder und Epochen.

Es ist kein einfacher Weg, den Waldtraut Lewin beschreitet. Er verzweigt sich oft und scheint sich in den Wirren der Weltgeschichte zu verlieren. Die einzigartige Kombination aus Fakten und Storys sorgt jedoch dafür, dass wir immer wieder einen gemeinsamen Platz an ihrem Lagerfeuer finden und auf eine Erzählerin stoßen, die uns eine Richtung gibt.

Dieses Lagerfeuer ist in all den Jahrhunderten ein Platz der Geborgenheit gewesen. Groß und Klein haben hier Schutz gesucht und Geschichten ausgetauscht. Phantasie und Realität verschmolzen im Widerschein des Feuers und noch heute kann man aus den so weitergegebenen Überlieferungen die Essenz der Geschichte filtern. Wir setzen uns gerne zu ihr und hören ihr zu. Waldtraut Lewin vermag es auch in der heutigen Zeit an ihrem Lagerfeuer Menschen jeder Kultur und jeden Alters um sich zu scharen. Wenn man mag, dann kann man ihr auch zuhören. Begleitet von Ilja Richter und Katja Riemann trägt ihre eigene Stimme in der Hörbuchfassung in einer einzigartigen Weise. Dem Buch aus dem Hause CBJ gelingt dieses „Fesseln“ ebenso gut… wir mögen es sehr!

Kurzweilig und spannend – anrührend und facettenreich sind ihre Erzählungen. Und langsam beginnen wir den Weg des jüdischen Volkes zu verstehen. Beginnen zu erkennen an welchen tragischen Wendepunkten der Menschheitsgeschichte die Wege sich verästelten und Angst, Neid und Eifersucht wuchsen. Wir erkennen die Quelle des ständig größer werdenden Flusses, der immer weiter anschwoll und in eine der größten menschlichen Katastrophen der Neuzeit mündete…. in das Meer namens Holocaust.

Am Ende des ersten Bandes gelangen wir an eine magische und gefährliche Kreuzung in der Geschichte des jüdischen Volkes.

„Damit kommt unsere Wanderung durch die Jahrtausende zu einem Ende. Wir befinden uns an der Schwelle zur Neuzeit. Nach zwei Jahrtausenden Geschichte steht das geplagte jüdische Volk, verstreut in alle Winde, fest in der gemeinsamen Tradition von Glauben, Brauchtum, Familie.

Überall, wo Juden hinkommen, blüht das Gastland auf, erreichen Handel und Wandel, Kunst und Kultur einen Aufschwung. Der weitere Weg bis in die Moderne aber wird, bei allem Fortschritt, aller eingeforderten Toleranz, aller Aufklärung, wie in Europa getätigt, auch weiterhin ein dorniger sein.“

Wir werden das Lagerfeuer bewachen. Literatwo wird versuchen, regelmäßig einen Scheit Holz nachzulegen und darauf zu warten, dass wir im zweiten Band weiterlesen dürfen. Eine literarische Feuerwache am Ort der großen Überlieferungen – das ist ein Bild, das wir gerne pflegen möchten. Und Waldtraut Lewin möchten wir gerne erzählen, wie wir uns an ihrem Lagerfeuer gefühlt haben.

In Leipzig wird es soweit sein. Wir werden ihr begegnen und glaubt uns: Wir können es kaum erwarten. Würdet ihr derweil auf unser kleines Feuer aufpassen, wenn wir auf Reisen sind – die kleine Flamme der Bewusstmachung und die glimmende Glut „Gegen das Vergessen“ dürfen nicht erlöschen.

Danke dafür…

Dresden brennt… am 13.02.1945…

Dresden, 13. Februar 1945. Es ist eine kalte Dienstagnacht – man hört ein sonores Geräusch am Himmel und die Volksempfänger warnen schon lange vor feindlichen Bomberverbänden. Sirenen heulen, Lichtkegel erhellen die Nacht. Sekunden später versinkt eine Stadt im Flammenmeer. Für tausende und abertausende Menschen bedeutet dieses barbarische Flächenbombardement den sicheren Tod.

Zum Schlussakkord des Zweiten Weltkrieges hatten die künftigen Siegermächte die Vernichtung ziviler deutscher Ziele beschlossen, um das nationalsozialistische Regime endgültig in die Knie zu zwingen. An Dresden wird das erste und nicht letzte Exempel in einer außergewöhnlichen Dimension vollzogen. Hätten die Alliierten zu diesem Zeitpunkt bereits über eine Atombombe verfügt – nicht Hiroshima wäre das erste Atomziel in einem Krieg gewesen. Das Ergebnis jedoch ist vergleichbar.

Als der Rauch sich nach Tagen lichtet steht kaum ein Stein auf dem anderen.

„Gänzliche Trümmerfelder, halbe und ganze Ruinen mächtiger Gebäude und Palazzi, baufällige, irgendwo eingestürzte, angeschlagene, brettervernagelte Häuser.

Die Wahrzeichenkirche steht, aber der eine Turm ist abgedeckt und der Dom selber zerschlagen, die Universität ist zum Teil eingeschlagen, die Tore sind teilweise beschädigt. Das Bahnhofsgebäude, die großen Hallendächer fantastisch schauerlich zerstört…“ Victor Klemperer

67 Jahre später erstrahlt die Stadt in neuem Glanz und doch ist an diesem Tag alles anders. Hundertschaften durchstreifen die Straßen um die Bevölkerung und die Stadt vor dem Aufmarsch „brauner Horden“ zu schützen, die in einem Anfall geistiger Geschichtsverdrängung und Realitätsverleugnung die Kriegsverbrechen ausländischer Mächte am deutschen Volk beklagen.Und mittendrin, die Dresdner Bürger, die mit einer Menschenkette gedenken und gleichzeitig gegen die politische Instrumentalisierung dieses Tages protestieren. Dabei verkennen gerade die Extremisten, dass diese Bombennacht eine Antwort war.

Eine unnötige und im Völkerrecht verbotene Antwort. Deutschland stand auch ohne diese Katastrophe kurz vor der Kapitulation. Ursache und Wirkung bedingen auch hier einander wie Hitze und Wasser. Der Sturm, den das Nazi-Regime in ganz Europa gesät hatte, kehrte mit hundertfacher Windstärke zurück und verwüstete das Land der Kriegsverursacher. Die Bombardierung einer Stadt jedoch – ohne jegliche Definition militärischer Ziele – ist und war ein Kriegsverbrechen. Und trotzdem in der damaligen Zeit aus Sicht der Alliierten ein zwingend notwendiger Schritt, um noch mehr Leid zu unterbinden.

Die Literatur hat diese Nacht vielfach thematisiert. Sie hat Gefühle von Opfern und Tätern zu ihrem Inhalt gemacht. Bücher wurden geschrieben. Viele. Alle hatten sich zum Ziel gesetzt, zu dokumentieren oder zu erzählen. Aufzuklären und eine Wiederholung zu verhindern. Eindringlich und doch scheinbar vergeblich – wie das Heute zeigt.

Die Lebensgeschichte von Victor Klemperer zeigt, wie nah tausendfaches Leid und individuelles Überleben beieinander liegen – wie nah Leben und Tod sich sind und von welchen Zufällen beides bestimmt wird.

Obwohl von jüdischer Herkunft, blieb Victor Klemperer während des Krieges in Deutschland. Die Ehe mit einer Nichtjüdin bewahrte ihn lange Zeit vor der Deportation. Als er sein Lehramt an der T.H. in Dresden verlor, die zunehmenden Repressalien seine wissenschaftliche Arbeit verhinderten, wurde ihm das Tagebuch zur Balancierstange, ohne die er abgestürzt wäre. Mit minutiöser Genauigkeit hielt er fest, was er erlebte und was er sah. Erst in den 1990er Jahren erscheinen im Aufbau-Verlag seine Tagebücher, darunter die der Jahre 1933–1945 unter dem Titel „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“.

„Man hörte sehr bald das immer tiefere und lautere Summen nahender Geschwader, das Licht ging aus, ein Krachen in der Nähe …

Pause des Atemholens, man kniete geduckt zwischen den Stühlen, aus einigen Gruppen Wimmern und Weinen – neues Herankommen, neue Begegnung mit der Todesgefahr, neuer Einschlag. Ich weiß nicht, wie oft sich das wiederholte. Plötzlich sprang das dem Eingang gegenüberliegende Kellerfenster der Rückwand auf und draußen war es taghell.

Jemand rief: „Brandbombe, wir müssen löschen!“ Eva war zwei Schritte vor mir. Dann ein Schlag am Fenster neben mir, etwas schlug heftig und glutheiß an meine rechte Gesichtsseite. Ich griff hin, die Hand war voller Blut, ich tastete das Auge ab, es war noch da. Ich konnte das Einzelne nicht unterscheiden, ich sah nur überall Flammen, hörte den Lärm des Feuers und des Sturms, empfand die fürchterliche innere Spannung.

Ich hatte die Wolldecke – eine, die andere war mir wohl mit dem Hut verloren gegangen – um Kopf und Schultern gezogen, sie verdeckte auch den Stern.“

Victor Klemperer

Die verheerende Bombardierung Dresdens verhinderte die anstehende Deportation Klemperers in ein Konzentrationslager. Sie rettete sein Leben. Schicksal oder Willkür. Wer mag heute urteilen. Die Toten gegeneinander abzuwägen ist selbst vor dem Hintergrund der Verbrechen im Zweiten Weltkrieg unmöglich.

Gegen das Vergessen schreiben – dies haben viele Autoren gewagt. Auch Literatwo hat sich diesem Ziel verschrieben – den Opfern gedenken und Hintergründe beleuchten. Man sollte Klemperer zumindest einmal im Leben gelesen haben, um zu verstehen was damals aus Sicht eines Menschen passierte, der als freiwilliger Patriot im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde und sich genau 20 Jahre später als Verfolgter in seiner Heimat wiederfand. Gegen das Vergessen zu schreiben hat auch Victor Klemperer versucht.

Schade, dass viele Menschen nicht lesen wollen. So befindet sich Dresden heute im Ausnahmezustand. Nicht vereint im Gedenken oder Vergeben. Nein, dominiert von einer Ansammlung derer, die die Geschichte verleugnen und im Gestern das ideologische Morgen von Heute sehen.

Bianca schrieb mir heute:

„Der Tag heute macht mir Gänsehaut wie jedes Jahr.

Gestern habe ich wieder viele Reportagen gesehen – es war krass, sehr krass, eine Jüdin hat auch gesprochen, erinnerte mich an Eva Mozes Kor und berichtete wie glücklich sie war, als man sie von oben nach unten in den Schutzkeller rief.

Alles mehr als bewegend und emotional. Der Tag macht mir Angst, ein merkwürdiges Gefühl nur zwei Kilometer von der Frauenkirche weg zu wohnen, die Tage später nach dem Angriff wegen der Hitze in sich zusammen stürtzte.

Der Tag macht mir Angst, da man nie weiß, welche Menschen zu welchen Taten heut noch bereit sind. An diesem Tag habe ich kein Vertrauen in die Bürger, mir ist jetzt schon komisch. Die Polizei ist schon überall im Einsatz, das blaue Licht auf dem weißen Schnee wirkt kalt und gespenstisch.

Alles in mir krampft sich zusammen, ich sehe die Bilder vor mir und möchte heute am liebsten überhaupt nicht hier sein. 21:45 Uhr läuten dann alle Kirchenglocken gleichzeitig…puh…“

Ich bin in Dresden heute…. Bei Dir…

„Das Skript“ von Arno Strobel geht unter die Haut…

Arno, Arno, Arno. Was hast du da nur wieder mit uns angestellt. Die Spannung zog sich durch das ganze Buch, sogar bevor das Buch bei uns eintraf, waren wir schon unter Hochspannung. Das Ganze ging sogar so weit, dass Bianca täglich etwas eher ihren Arbeitsplatz verließ, um zu schauen, ob dein Buch da ist, und um dann so schnell wie möglich zu beginnen. Bei Arndt lag es ja schon und rief laut. Und dann endlich war es da, mit wundervoller Widmung und Autogrammkarte. Jetzt sofort abtauchen, zwischen die Seiten, hinein in Das Skript – so der literatwoische Plan.

Der UPS-Mann brachte der Studentin Nina Hartmann ein Päckchen, welches ihr entspanntes Leben von jetzt auf gleich veränderte. Ein Päckchen, dessen Inhalt das blanke Grauen enthielt. Haut, wahrscheinlich Menschenhaut, mit einer Botschaft auf einen Rahmen gespannt.

Unmittelbar zur selben Zeit verschwindet Heike Kleenkamp, 21 Jahre jung und Tochter des erfolgreichen Dieter Kleenkamp, dem Herausgeber der Hamburger Allgemeinen Tageszeitung (HAT).

Die Polizei muss handeln und gründet die besondere Aufbauorganisation Heike. Oberkommissar Stephan Erdmann und Hauptkommissarin Andrea Matthiesen arbeiten zusammen, um den brutalen Täter zu finden. Der Täter scheint vor nichts zurückzuschrecken, denn er tötet die Frauen nicht nur, sondern quält sie und schneidet ihnen bei lebendigem Leib die Haut vom Körper um dann auf diese seinen Roman, den kein Verlag veröffentlichen wollte, zu schreiben. Die Vorgehensweise und das Verhalten des Täters gleichen dem Roman „Das Skript“ von Autor Christoph Jahn.

Der Bestsellerautor wird verdächtigt, denn es ist nicht das erste Mal, dass ein Roman von ihm nachgespielt wird. Bereits sein früherer Roman „Der Nachtmaler“ wurde damals, als er noch in Köln lebte, nachgespielt. Dieses Grauen brachte seinem Buch größten Erfolg und hohe Verkaufszahlen. Doch Jahn weißt alle Verdächtigungen von sich und auf den verrückten Fan, der für ihn wohl vor keinem Verbrechen zurück schreckt.  Es scheint eine Verbindung zwischen der Paketempfängerin Hartmann und Heike Kleenkamp zu geben, da diese zu „Das Skript“ vor einiger Zeit einen Verriss geschrieben hat, welcher in der HAT abgedruckt wurde. Allerdings machen sich Hartmanns Freund und dessen Kumpel mit ihren Aussagen und ihrem Verhalten ebenfalls verdächtig.

Auch die Buchhändlerin Miriam Hansen, die Christoph Jahn ebenfalls verehrt und seine Romane liebt, rückt in den Verdächtigtenkreis auf.   Die Zeit läuft gegen die Ermittlungen, denn der Täter hält sich akribisch an die Romanvorlage und in kurzer Zeit wird wohl das nächste Päckchen seinen Empfänger erreichen, auf dem die nächsten Zeilen zu finden sein werden, geschrieben auf Menschenhaut.

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Der Trakt“, „Das Wesen“ und jetzt „Das Skript. Arno Strobel hat es mal wieder geschafft, um es gleich zu sagen. Wie immer wünscht er kurzweiliges Lesevergnügen und wie immer erfüllt sich sein Wunsch. Sein dritter Roman steht unter Strom, einmal in der Hand, setzt er unter Hochspannung und ein Loslassen ist bis zur letzten Seite somit unmöglich.

In seinem neusten Werk bleibt er in seinem Arbeitsgebiet, denn „Das Skript“ spielt auch im Skript, ein Roman im Roman, ein absoluter Kunstgriff, denn diese Tatsache beschert Extragänsehaut. Strobels tägliches Umfeld von Leser, Fan, Rezensent, Verlag, Lektor und schließlich ein Autor selbst, ist zu finden. Gerade dieses Szenario ist authentisch und interessant, da man als Leser selbst seine Position darin wiederfindet,  gespickt  mit einer bestialischen Gewalttat, die aber zum Glück Fiktion bleibt.

Arno Strobel trägt zu Recht den Namen Psychothrillerautor, denn er ist ein Meister des Verstrickens und Verwebens. Er schafft es mit einer überschaubaren Anzahl an Protagonisten zu verwirren und auf falsche Fährten zu leiten.

Seine Handlungspersonen haben sehr authentische Charakterzüge und wachsen dem Leser sofort ans Herz oder stoßen den Leser ab. Für „Das Skript“ braucht man wieder starke Nerven, denn ist im Gegensatz zu seinen vorherigen Büchern regelrecht brutal und enthält einige Horrorelemente. Der Roman wird aus zwei Sichtweisen erzählt, zum größten Teil besteht er aus der polizeilichen Ermittlungsarbeit, zum anderen aus den Häutungsszenen des Mörders und der Gefühls- und Gedankenwelt des Opfers.

„Das Skript“ hat uns vollkommen überzeugt, alle offenen Fragen, die sich während des Lesens gebildet haben, konnten am Ende plausibel beantwortet werden. Auch wenn wir bereits vor der hundertsten Seite wussten oder erahnen wollten, wer hinter diesem grausamen Monster steckt, blieb uns bis zum Ende dennoch die Ungewissheit, denn Arno macht es seinen Lesern nicht leicht, er führt sie von Wort zu Wort mit seinen Romanfiguren an der Nase herum, lässt die Spannung von Kapitel zu Kapitel steigen und setzt die Gänsehautschauer immer genau dann ein, wenn der Leser am empfindlichsten dafür ist.

Wer von Arno Strobel nicht genug bekommt, findet am Ende des Romans noch ein Miniinterview mit ihm und die Leseprobe zu seinem nächsten Psychothriller „Der Sarg“.

Vorsicht Hochspannung!

Unbedingt lesen…

Große Erwartungen – zum 200. Geburtstag von Charles Dickens…

Zum 200. Geburtstag von Charles Dickens…. Literatwo gratuliert von Herzen…

Am 07. Februar 1812 erblickte ein Kind das Licht der Welt, das als Erwachsener diesem Licht eine eigene Farbe verleihen sollte. Charles Dickens, die große sozialkritische Erzählstimme Englands im 19. Jahrhundert wäre heute 200 Jahre alt geworden. Literatwo hat sich dem großen Klassiker bereits in einem Special angenähert und dabei den „Vater Charles Dickens“ aus der Sicht seiner Kinder kennengelernt.

Ein Klick führt in unser Dickens-Lesezimmer… Eine Annäherung…

Leidenschaftlich beschrieb er die Schicksale von Waisenkindern in Zeiten des industriellen Wandels im viktorianischen England, leidenschaftlich inszenierte er sein eigenes Leben und mit aller Empathie trat er schreibend für die Rechte der Benachteiligten ein. England hat ihm dies nie vergessen.

Charles Dickens` Romane brillieren im situativen Kontext, der tiefen Schnörkellosigkeit der Dialoge sowie in der Konturierung seiner Protagonisten. Erzähltechnik und Konstruktion faszinierten Leser aus allen sozialen Schichten. Seine Stimme hatte Wucht im alten England.

Charles Dickens erlebt in unseren Tagen eine wahre Renaissance. Seine Werke werden in neuen Übersetzungen und wertvollen Ausgaben neu aufgelegt und – welch Wunder – sie werden gekauft und gelesen. Betrachten wir die Gründe für die Zeitlosigkeit seiner Erzählungen am Beispiel seines wohl dichtesten Romans Große Erwartungen aus dem Jahr 1860.

Große Erwartungen von Charles Dickens

„Meines Vaters Name lautet Pirrip, mein Vorname Philip,
und aus beiden Namen vermochte meine kindliche Zunge
nichts Längeres und Verständlicheres zu bilden als Pip.
So kam es, dass ich mich Pip nannte und Pip genannt wurde.“

Pip wächst unter den ungünstigsten, für die Mitte des 19. Jahrhunderts allerdings nicht untypischen Bedingungen auf. Waisenkind, arm, dem Gutdünken seiner großen Schwester und einer kinderfeindlichen Umwelt ausgeliefert. Einzig Joe, sein Schwager, nimmt ihn vor allen Unbillen in Schutz und ermöglicht ihm eine Lehre in der eigenen Schmiede. Ein Glückstreffer im eigentlichen Sinne – die Schmiede wird zum Sinnbild des Formens der eigenen Zukunft. Nicht der schlechteste Weg für einen mittellosen Jungen.

Wäre da nicht eine Verlockung, die Pip so unvermittelt trifft, wie eine Chance vom anderen Stern.

Ein Londoner Anwalt eröffnet ihm, dass „Jemand“ große Erwartungen in ihn setzt und ihn mit entsprechenden finanziellen Mitteln ausstatten möchte, um aus dem armen Jungen einen richtigen englischen Gentleman zu machen. Pip zieht nach London und lernt eine gänzlich andere Welt kennen.

Als Wohltäter kann eigentlich nur jene reiche Dame aus seinem Heimatort in Frage kommen, zu deren Zerstreuung er als Kind oftmals herhalten musste. Miss Havisham, traumatisiert von einer nie zustande gekommenen Ehe, lebt in ihrer eigenen morbiden Welt aus vergangenen Wünschen und Hoffnungen. Sie formt aus ihrer bildhübschen Tochter Estella einen weiblichen Racheengel am männlichen Geschlecht. Pip verliebt sich in das bildhübsche Mädchen und wird zur Zielscheibe der jungen aufstrebenden Frau. Doch vielleicht hat er ja bessere Chancen, wenn ….

Aber die neuen Lebensumstände ändern nichts. Estella bleibt sein unglückseliger Fixstern – unnahbar und herzlos ihm gegenüber. Der Aufstieg Pips vollzieht sich rasch. Kleidung und Habitius entsprechen bald einem Gentleman und mit der äußerlichen Veränderung verändert sich der Mensch. Der Aufstieg in eine andere Gesellschaftsschicht lässt Pip seine Herkunft vergessen und in einem der dunkelsten Momente seines Lebens verleugnet er seinen besten Freund, den liebevollen Schmied Joe.

Erst als sich herausstellt, wer in Wahrheit der Wohltäter des jungen Pip ist, gerät alles ins Wanken. Das Leben, die Liebe und der eigene Weg – nichts ist selbstbestimmt und am Ende aller Tage besteht für Pip die Gefahr, einen manipulierten Weg gelebt zu haben. Instrumentalisiert…

Aktueller kann in der heutigen Zeit ein Romanstoff nicht sein. Der Wunsch nach einer Chance aus dem Nichts stellt immer noch eine der größten Verlockungen dar und die persönliche Veränderung bei Menschen, die eine solche Chance erhalten ist absolut zeitlos. Wir wären alle gerne ein wenig Pip – wir würden morgens gerne erwachen und so gerne feststellen, dass sich die Lebensuhr neu aufgezogen hat und sich alle Vorzeichen geändert haben. Pip repräsentiert unseren Traum vom Glück.

Die tiefe Botschaft von Charles Dickens ist die Antwort auf eine Charakterfrage – ein zeitloser Appell an die Jugend der Welt. Nicht blind zugreifen, wenn sich ein Strohhalm aus dem eigenen Schicksal bietet. Nicht vergessen, woher man stammt und nicht an unerfüllter Liebe zugrunde gehen, auch wenn dieser Teil des Appells wohl der Schwierigste sein dürfte.

Nicht nur als Buch aktuell – es folgt der Film – Ende 2012

Der Hanser Verlag hat mit „Große Erwartungen“ einen Prachtband in neuem Kleid und in neuer Übersetzung inklusive des alternativen Endes des Autors veröffentlicht. Ein wertvolles Buch im Vollsinn des Wortes, dessen Wert man nicht in Euro beziffern kann – wohl aber im Inhalt.

Große Erwartungen“ sollte gelesen werden, sollte vererbt werden, sollte als Botschaft überleben. Dies gelingt mit dieser Ausgabe exemplarisch.

Mr. Pip sollte Wegbegleiter sein und kann als Leitmotiv Lebenswege entscheiden. Dickens hat eine Spur gelegt, die durch alle Epochen trägt. „Große Erwartungen“ wird gerade mit großem Aufwand verfilmt. Hier darf man auf die Adaption und die Signalwirkung auf die heutige Zeit gespannt sein. Der Protagonist lebt sogar in der Literatur weiter, wie wir vor wenigen Tagen im Roman von Lloyd Jones Mister Pip erleben durften.

Doch dies ist ein ganz eigenständiger ArtikelCharles Dickens lebt. Auch 200 Jahre nach seiner Geburt. Es ist keine Renaissance im eigentlichen Sinne… seine Stimme ist nie verstummt und die fortlaufende Zeit hat der Aktualität seiner Erzählungen nicht den Hauch ihrer Brisanz genommen.

Charles Dickens lebt… Mister Pip lebt… zeitlos… ein Klick genügt

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Denken: „Das hier ist Wasser“

David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Ein sonniger Tag erwartete die zukünftigen ehemaligen Studenten im Innenhof des Colleges. In schwarze Roben gehüllt und mit Doktorhüten auf den Köpfen erwarteten sie in Anwesenheit ihrer Familien den Auftritt des wohl stimmgewaltigsten amerikanischen Schriftstellers der Moderne – David Foster Wallace. XENOS

Sie alle kannten die Magie von „Unendlicher Spaß, sie alle wussten von der Sprachgewalt seiner Kurzgeschichten, wie Alles ist grün oder Am Beispiel des Hummers, und doch ahnte niemand, was er genau an diesem Tag zu sagen hatte. Gespannte Erwartung machte sich auf dem Platz und in den Gesichtern der Absolventen breit. Wer erwartet hatte, einen dem Anlass entsprechend gekleideten Eliteautor zu erleben, der wurde schnell eines Besseren belehrt.

Den Talar des Ehrenredners nur lose übergeworfen, sodass er bei jedem Satz über die hängenden Schultern nach unten bis zu den Ellenbogen rutschte, die Haare lang und wirr, stand er mit seinem Manuskript bewaffnet am Rednerpult der altehrwürdigen Eliteschule.

David Foster Wallace – Das hier ist Wasser…

Gebannte Stille.

Was dann folgte ist heute Legende! David Foster Wallace erhob die Stimme und beseitigte mit den ersten Sätzen den künstlichen Horizont, der das menschliche Denken bestimmt. Mit wenigen einfachen didaktischen Parabeln verschob er Perspektiven, lenkte das egozentrische Denken der jungen Menschen in die Richtung einer empathisch geprägten Weltsicht und veränderte mit einem Schlag, mit einer einzigen Rede die „Standardeinstellungen“ des menschlichen Geistes. Seine Anstiftung zum Denken erhob sich über den Status einer „normalen“ Abschlussrede – sie gilt heute als Pflichtlektüre für amerikanische Schulabsolventen und ist eines der meistzitierten Werke des Autors.

Dabei bleibt unser David Foster Wallace in einer erfreulich wenig schulmeisterlichen Position. Er lebt vor über was er schreibt, kein erhobener Zeigefinger, kein „ich weiß das besser“ und nicht eine Spur von der Frustration eines Erwachsenen, der seinen Zielen hinterher jagt – nichts davon überlagert die hellsichtigen Aussagen.

Fische – eine didaktische Parabel von David Foster Wallace

Er sieht sich nicht als der alte weise Fisch, der kopfschüttelnd darüber urteilt, warum die jungen Fische keine Vorstellung vom sie umgebenden Lebenselixier haben. Er sah sich nie in dieser Rolle. Diejenigen, die ihn an diesem Tag erlebt haben urteilten anders. Tief bewegt und aufgerüttelt schrieben sie Artikel oder berichteten im Internet – und unisono war zu vernehmen: „He was the old fish“. Die mit Sicherheit emotionalste Reaktion eines Studenten lautete „He is the water…“.

Erstmals in deutscher Sprache… erstmals und zumindest für den Moment ausschließlich als EBook verfügbar, aber ab Mai auch als Taschenbuch bei KiWi. Eine kurze Rede… nicht viele Seiten zu lesen, aber eine beeindruckende Möglichkeit, sich in die Denkwelt eines David Foster Wallace zu begeben. Eine beeindruckende Möglichkeit, in seine Seele zu blicken und zu erleben, mit welcher Verve er versucht, seine Botschaft zu vermitteln.

„Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit, und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag. Das ist wahre Freiheit. Das heißt es, Denken zu lernen.“

David Foster Wallace – Das hier ist Wasser

Eine Rede ist eine Rede ist eine Rede, könnte man meinen. Wenn man jedoch mit der Biografie von David Foster Wallace verwachsen ist, dann stimmen seine Worte nachdenklich – und mehr als das. Am Ende aller Depression erhängte sich David Foster Wallace 2008 – am Ende seines Weges sah er nur diesen Ausstieg. In der Abschlussrede werden wir bereits 2005 Zeugen als er formuliert:

„Es ist keineswegs Zufall, dass Erwachsene, die mit Schusswaffen Selbstmord begehen, sich fast immer in den Kopf schießen. Und in Wahrheit sind die meisten dieser Selbstmörder eigentlich schon tot, lange bevor sie den Abzug drücken.“

Bei diesen Zeilen war mein Lesen an einem Punkt angelangt, der kein „Weiter“ mehr zuließ. Mein Lesen hatte David Foster Wallace erreicht und mein Kopf stellte sich die Frage, an welchem Tag er wirklich starb. Lest sein Vermächtnis… träumt seinen Traum… lasst euch auf seine Denkwelt ein… er hat es so sehr verdient – ihr habt es verdient.

Ich hätte viel darum gegeben, ihn erleben zu können – an jenem magischen Tag 2005 im Vorhof des Kenyon College. Ich hätte sehr viel darum gegeben. Es ist wichtig für mich, ihn zu lesen. Ich freue mich auf den Mai, wenn ich das Buch in Händen halten darf und ich kann es kaum erwarten, bis sein letzter Roman „The Pale King“ endlich übersetzt ist.

Ich lehne mich jetzt zurück und höre ihm ein wenig zu. Es ist fast so, als sei ich mitten unter den Schülern – es ist fast so, als hätte ich ihn ein wenig gekannt… es ist fast so, als wäre er noch…der Mann mit dem rutschenden Talar… der Mann, dem man so gar nicht ansehen konnte, was in ihm tobte… und welche Welt er erfand….

Und mit Verlaub liebe Freunde vom KiWi-Verlag – diese Bemerkung tobt in mir seit ich „Das hier ist Wasser“ beendet habe: im kurzen Nachwort zu schreiben „David Foster Wallace verstarb am 12. September 2008“ ist vor dem Hintergrund seines Lebenswerkes und der Signalwirkung seiner Rede schlichtweg falsch. Er verstarb nicht – er beging Selbstmord. Dies zu erwähnen ist ein Muss, wenn man die Rede bis ins letzte Detail verstanden hat und hofft, dass sich neue Leser dem Phänomen Foster Wallace nähern wollen.

Es ist noch Zeit bis Mai… es ist noch Zeit, dies im Nachwort des Buches zu erwähnen. Er hat sich erhängt…. Einen Grund dafür erwähnt er in dieser Rede….

Mit einem Klick zur neuen Kolumne – David Foster Wallace

Und endlich ist es soweit: „Der bleiche König„, das letzte Werk aus der Feder von David erscheint am 7. November 2013 mit einer umfangreichen medialen Vorbereitung…

Willkommen in Deutschland. Euer Majestät

Willkommen in Deutschland, Euer Majestät! Ein Klick genügt…