Dresden brennt… am 13.02.1945…

Dresden, 13. Februar 1945. Es ist eine kalte Dienstagnacht – man hört ein sonores Geräusch am Himmel und die Volksempfänger warnen schon lange vor feindlichen Bomberverbänden. Sirenen heulen, Lichtkegel erhellen die Nacht. Sekunden später versinkt eine Stadt im Flammenmeer. Für tausende und abertausende Menschen bedeutet dieses barbarische Flächenbombardement den sicheren Tod.

Zum Schlussakkord des Zweiten Weltkrieges hatten die künftigen Siegermächte die Vernichtung ziviler deutscher Ziele beschlossen, um das nationalsozialistische Regime endgültig in die Knie zu zwingen. An Dresden wird das erste und nicht letzte Exempel in einer außergewöhnlichen Dimension vollzogen. Hätten die Alliierten zu diesem Zeitpunkt bereits über eine Atombombe verfügt – nicht Hiroshima wäre das erste Atomziel in einem Krieg gewesen. Das Ergebnis jedoch ist vergleichbar.

Als der Rauch sich nach Tagen lichtet steht kaum ein Stein auf dem anderen.

„Gänzliche Trümmerfelder, halbe und ganze Ruinen mächtiger Gebäude und Palazzi, baufällige, irgendwo eingestürzte, angeschlagene, brettervernagelte Häuser.

Die Wahrzeichenkirche steht, aber der eine Turm ist abgedeckt und der Dom selber zerschlagen, die Universität ist zum Teil eingeschlagen, die Tore sind teilweise beschädigt. Das Bahnhofsgebäude, die großen Hallendächer fantastisch schauerlich zerstört…“ Victor Klemperer

67 Jahre später erstrahlt die Stadt in neuem Glanz und doch ist an diesem Tag alles anders. Hundertschaften durchstreifen die Straßen um die Bevölkerung und die Stadt vor dem Aufmarsch „brauner Horden“ zu schützen, die in einem Anfall geistiger Geschichtsverdrängung und Realitätsverleugnung die Kriegsverbrechen ausländischer Mächte am deutschen Volk beklagen.Und mittendrin, die Dresdner Bürger, die mit einer Menschenkette gedenken und gleichzeitig gegen die politische Instrumentalisierung dieses Tages protestieren. Dabei verkennen gerade die Extremisten, dass diese Bombennacht eine Antwort war.

Eine unnötige und im Völkerrecht verbotene Antwort. Deutschland stand auch ohne diese Katastrophe kurz vor der Kapitulation. Ursache und Wirkung bedingen auch hier einander wie Hitze und Wasser. Der Sturm, den das Nazi-Regime in ganz Europa gesät hatte, kehrte mit hundertfacher Windstärke zurück und verwüstete das Land der Kriegsverursacher. Die Bombardierung einer Stadt jedoch – ohne jegliche Definition militärischer Ziele – ist und war ein Kriegsverbrechen. Und trotzdem in der damaligen Zeit aus Sicht der Alliierten ein zwingend notwendiger Schritt, um noch mehr Leid zu unterbinden.

Die Literatur hat diese Nacht vielfach thematisiert. Sie hat Gefühle von Opfern und Tätern zu ihrem Inhalt gemacht. Bücher wurden geschrieben. Viele. Alle hatten sich zum Ziel gesetzt, zu dokumentieren oder zu erzählen. Aufzuklären und eine Wiederholung zu verhindern. Eindringlich und doch scheinbar vergeblich – wie das Heute zeigt.

Die Lebensgeschichte von Victor Klemperer zeigt, wie nah tausendfaches Leid und individuelles Überleben beieinander liegen – wie nah Leben und Tod sich sind und von welchen Zufällen beides bestimmt wird.

Obwohl von jüdischer Herkunft, blieb Victor Klemperer während des Krieges in Deutschland. Die Ehe mit einer Nichtjüdin bewahrte ihn lange Zeit vor der Deportation. Als er sein Lehramt an der T.H. in Dresden verlor, die zunehmenden Repressalien seine wissenschaftliche Arbeit verhinderten, wurde ihm das Tagebuch zur Balancierstange, ohne die er abgestürzt wäre. Mit minutiöser Genauigkeit hielt er fest, was er erlebte und was er sah. Erst in den 1990er Jahren erscheinen im Aufbau-Verlag seine Tagebücher, darunter die der Jahre 1933–1945 unter dem Titel „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“.

„Man hörte sehr bald das immer tiefere und lautere Summen nahender Geschwader, das Licht ging aus, ein Krachen in der Nähe …

Pause des Atemholens, man kniete geduckt zwischen den Stühlen, aus einigen Gruppen Wimmern und Weinen – neues Herankommen, neue Begegnung mit der Todesgefahr, neuer Einschlag. Ich weiß nicht, wie oft sich das wiederholte. Plötzlich sprang das dem Eingang gegenüberliegende Kellerfenster der Rückwand auf und draußen war es taghell.

Jemand rief: „Brandbombe, wir müssen löschen!“ Eva war zwei Schritte vor mir. Dann ein Schlag am Fenster neben mir, etwas schlug heftig und glutheiß an meine rechte Gesichtsseite. Ich griff hin, die Hand war voller Blut, ich tastete das Auge ab, es war noch da. Ich konnte das Einzelne nicht unterscheiden, ich sah nur überall Flammen, hörte den Lärm des Feuers und des Sturms, empfand die fürchterliche innere Spannung.

Ich hatte die Wolldecke – eine, die andere war mir wohl mit dem Hut verloren gegangen – um Kopf und Schultern gezogen, sie verdeckte auch den Stern.“

Victor Klemperer

Die verheerende Bombardierung Dresdens verhinderte die anstehende Deportation Klemperers in ein Konzentrationslager. Sie rettete sein Leben. Schicksal oder Willkür. Wer mag heute urteilen. Die Toten gegeneinander abzuwägen ist selbst vor dem Hintergrund der Verbrechen im Zweiten Weltkrieg unmöglich.

Gegen das Vergessen schreiben – dies haben viele Autoren gewagt. Auch Literatwo hat sich diesem Ziel verschrieben – den Opfern gedenken und Hintergründe beleuchten. Man sollte Klemperer zumindest einmal im Leben gelesen haben, um zu verstehen was damals aus Sicht eines Menschen passierte, der als freiwilliger Patriot im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde und sich genau 20 Jahre später als Verfolgter in seiner Heimat wiederfand. Gegen das Vergessen zu schreiben hat auch Victor Klemperer versucht.

Schade, dass viele Menschen nicht lesen wollen. So befindet sich Dresden heute im Ausnahmezustand. Nicht vereint im Gedenken oder Vergeben. Nein, dominiert von einer Ansammlung derer, die die Geschichte verleugnen und im Gestern das ideologische Morgen von Heute sehen.

Bianca schrieb mir heute:

„Der Tag heute macht mir Gänsehaut wie jedes Jahr.

Gestern habe ich wieder viele Reportagen gesehen – es war krass, sehr krass, eine Jüdin hat auch gesprochen, erinnerte mich an Eva Mozes Kor und berichtete wie glücklich sie war, als man sie von oben nach unten in den Schutzkeller rief.

Alles mehr als bewegend und emotional. Der Tag macht mir Angst, ein merkwürdiges Gefühl nur zwei Kilometer von der Frauenkirche weg zu wohnen, die Tage später nach dem Angriff wegen der Hitze in sich zusammen stürtzte.

Der Tag macht mir Angst, da man nie weiß, welche Menschen zu welchen Taten heut noch bereit sind. An diesem Tag habe ich kein Vertrauen in die Bürger, mir ist jetzt schon komisch. Die Polizei ist schon überall im Einsatz, das blaue Licht auf dem weißen Schnee wirkt kalt und gespenstisch.

Alles in mir krampft sich zusammen, ich sehe die Bilder vor mir und möchte heute am liebsten überhaupt nicht hier sein. 21:45 Uhr läuten dann alle Kirchenglocken gleichzeitig…puh…“

Ich bin in Dresden heute…. Bei Dir…

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