Titanic von Linda Maria Koldau oder warum ein Sachbuch keine Sache ist…

Einhundert Jahre nach dem Untergang der Titanic sind alle Choräle gesungen, die Fakten gesammelt, Legenden gewoben und Mythen so lebendig, wie niemals zuvor. Kein Millimeter des Wracks ist unerforscht und von einem Friedhof im Atlantik kann schon lange keine Rede mehr sein. Die Grenze von der klassischen Wissenschaft zur modern gewordenen populärwissenschaftlichen Kitschkultur ist längst überschritten.

Was ändert da schon ein solcher Jahrestag? Sind wir zu distanziert, um die menschlichen Regungen des vergangenen Dramas an uns heranzulassen oder hilft gerade diese Distanz, den Blick zu schärfen und wieder etwas genauer zu betrachten, was damals eigentlich geschah?

Schon damals ein schwimmendes Weltwunder... (re. Kölner Dom)...

Ein Klageruf der Opfer und Hinterbliebenen schallt über ein Jahrhundert in ein Zeitalter, in dem die Zuversicht in die Technik erneut unerschütterlich zu sein scheint. Monumentale Türme wachsen allein in Dubai in den Himmel, mit dem Airbus A 380 erhebt sich ein Flugzeug in die Lüfte, von dem man vor Jahren maximal zu träumen gewagt hätte und Kreuzfahrtschiffe in ungeahnten Ausmaßen befahren die Weltmeere.

Alles geprägt vom unerschütterlichen Glauben an die Macht der Technik und das Funktionieren der von Menschen erdachten Notfallpläne. Und dies in einem Zeitalter immer unkalkulierbarer werdender Umweltfaktoren. Stürme, Tsunamis und Erdbeben machen die Erde noch weniger beherrschbar, als damals.

Damals im Jahre 1912, als ein einzelner Eisberg es vermochte, das Vertrauen der Menschheit in den technischen Fortschritt zu erschüttern.

Schier unvorstellbar: Titanic, Eiffelturm und Burj Khalifa im Vergleich...

Vermag die Geschichte der Titanic uns heute auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen? Vermag sie es, nach 100 Jahren unsere Augen zu öffnen und ein stückweit illusionsloser auf unsere moderne Technik zu blicken? Und zwar genau in den Moment hineinzuschauen, in dem diese versagt oder zum Versagen gebracht wird…

Linda Maria Koldau sagt „JA“!

Sie schlägt in ihrem Buch Titanic – Das Schiff – Der Untergang – Die Legenden (C.H. Beck 2012) eine Brücke von der Brücke der Titanic bis zu den Brückenköpfen, die jene Katastrophe in unserem kollektiven Gedächtnis geschlagen hat. Wie lange können wir dem vertrauen, was wir selbst erschaffen haben und wie laut sind unsere eigenen Klagerufe, wenn wir wieder einmal an den Grenzen unserer Fähigkeiten angelangt sind – oder diese schon längst überschritten haben?

Koldau holt weit aus. Vom Wettlauf um die schnellste Atlantiküberquerung bis zu den technischen Möglichkeiten des aufstrebenden 20. Jahrhunderts. Vom Stapellauf über die Hoffnungen und Träume der Passagiere aller Klassen bis hin zur Katastrophe und den Auswirkungen bis in unsere, ach so moderne Zeit.

Nichts lässt sie unbeleuchtet – keine offene Frage bleibt ohne Antwort und doch gelingt es ihr eindringlich in der Darstellung ihrer Fakten ein berührendes und greifbares Buch zu schreiben, das nicht durch altbekannte neu präsentierte Fakten besticht. Jede Seite ihres Buches lässt uns in die heutige Zeit blicken. Wenn sie vom unternehmerischen Wagnis einer Reederei und der Inkaufnahme von Risken schreibt, dann sehen wir die Costa Concordia vor unseren Augen. Wenn sie von einer Verkettung unglücklicher Zufälle und von menschlicher Panik spricht, dann sehen wir Bilder von Großveranstaltungen vor unseren Augen, die ebenso wenig beherrschbar und sicher sind, wie es die Massenevakuierung eines Schiffes seit jeher war.

Und wenn sie von der Romantisierung des Grauens spricht, dann sehen wir Camerons Titanic-Film vor unseren Augen ablaufen und müssen innehalten um darüber nachzudenken, was dieser Film eigentlich in uns ausgelöst hat. Koldau betrachtet alle Facetten der Katastrophe und bewertet hierbei auch die Stilblüten, die sich bis in unsere Zeit gerettet haben. Die Autorin präsentiert ein brandaktuelles Buch zum 100. Jahrestag der Katastrophe. Sie wirft einen geschulten Blick hinter die Kulissen des Dramas und lässt uns teilhaben an dieser präzisen und gehaltvollen Collage, die zu berühren und zu warnen vermag.

Ihr Blick auf die menschlichen Schicksale an Bord ist eindringlich, einfühlsam und zum ersten Mal hat sie mir bewusst gemacht, dass man seit jeher lediglich die Dramen der Ersten und Dritten Klasse in den Mittelpunkt gestellt hat. Der Unterschied vom Millionär zum armen Auswanderer war wohl zu faszinierend. Koldau zeigt, wie wenig wir von den 285 Passagieren der Zweiten Klasse wissen. Es war eine Katastrophe der Extreme – die Mittelklasse fand da keinen Platz. Das Drama selbst jedoch hat sich tief verankert.

Schon bei der nächsten – absolut überraschenden – Katastrophe werden wir uns wieder erinnern. Wir werden ständig an sie denken: An die Titanic, das Schiff der Träume, das schwimmende Paradies und das Symbol für die Bezwingbarkeit der Elemente. Und wieder und wieder werden wir den Eindruck nicht los, dass wir aus diesem Drama nichts gelernt haben. Aktueller kann ein Sachbuch nicht sein und wenn die Sachlichkeit so beseelt ist, wie in diesem Werk, dann berührt es seine Leser.

Eine Katastrophe ist keine Sache – ein Traum ist keine Sache – Leid ist keine Sache und Schicksal ist keine Sache. Dieses Buch mag ein Sachbuch sein – aber es ist keine Sache… es lebt…

Literatwo wird bis zum 100. Jahrestag der Titanic-Katastrophe viele neu erschienene und lieb gewonnene Bücher rund um dieses bewegende Thema vorstellen, um euch auf diesem Weg einen Blick in unsere persönliche literatwoisch titanische Schatzkiste zu ermöglichen. Unser virtuelles Kreuzfahrtschiff, die MS Literatwo wird in Leipzig anlegen und wir freuen uns schon sehr darauf, die eine oder andere Überraschung für unsere Leser mit an Bord zu haben. Leinen los und volle Kraft voraus….

Hier geht die Fahrt bald weiter... Leinen los - die MS Literatwo auf großer Fahrt...

Und hier geht es ohne Umwege und weitere Anlegestellen sofort zum Interview mit Linda Maria Koldau:

Mit einem Klick zum exklusiven Literatwo-Interwie mit L.M. Koldau

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