POLAR – Der Titanic Bär

Polar – Der Titanic Bär – Ein trauriges Jubiläum…

Am heutigen Tag, kurz vor dem 100. Jahrestag der Titanic-Katastrophe und im Rahmen unserer Artikelserie zu diesem immer noch aktuellen Thema, möchte ich die Gelegenheit nutzen, mich in eine Zeit zurückzuversetzen, die längst vergangen ist. Ein Kinderbuch von einst liegt in meinen Händen und ich darf mit Fug und Recht behaupten, dass kein anderes „Bilderbuch“ mein Denken und Fühlen so nachhaltig beeinflusst hat, wie dieses magische Werk.

Es ist schön, endlich darüber zu schreiben – es ist schön, den Gefühlen zu diesem Buch freien Lauf zu lassen und es ist ein Wunder, mich heute wieder von der Geschichte verzaubern lassen zu dürfen. Dies passiert mir nie alleine, denn auch Bianca ist inzwischen im Besitz eines der wenigen noch verfügbaren Exemplare des Buches… ein schönes Gefühl!

Douglas Spedden und sein bester Freund… Polar…

Der Nebel lichtet sich und das Signalhorn der Titanic zerreißt die Stille des anbrechenden Tages. Ein kleiner Junge befindet sich auf dem Promenadendeck – sorglos und ganz in sein kindliches Spiel mit einem Kreisel vertieft. Douglas Spedden ist sieben Jahre alt und ein glückliches Kind. Als Sohn reicher Eltern genießt er den Luxus der Überfahrt als Passagier der Ersten Klasse.

Behütet von seinen liebevollen Eltern und gehegt von seinem Kindermädchen „Muddie Boons“, erfreut sich der kleine Douglas seines Lebens und fühlt sich sicher. In seiner Begleitung befindet sich „Polar“ – der wohl erste „Begleitbär“ der Weltgeschichte. Der originale Steiff-Eisbär ist sein wahrer Lebens- und Weggefährte. Sie feiern gemeinsam Geburtstag, gehen baden und teilen die schönsten Stunden eines noch so jungen Lebens. Keinen Schritt geht Douglas ohne seinen Bären. Polar und Douglas – eine große Freundschaft, die nur nachempfinden kann, wer seine Kindheit in den Armen eines Steiff-Teddys verbringen durfte….

Die scheinbare Ruhe an Bord ist diejenige vor Beginn des Sturms. Es sind die letzen Minuten vor der Kollision – die letzen Minuten im Leben der meisten Passagiere der Titanic.

Das Drama nimmt seinen Lauf, doch die Speddens scheinen in dieser Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 im Glück zu baden. Sie finden Platz in einem Rettungsboot. Die gesamte Familie entkommt und der glücklichen Fügung des Schicksals ist es zu verdanken, dass auch Douglas` Vater einsteigen darf, da sich nicht genügend Frauen und Kinder eingefunden haben. Diese freien Plätze sind ein Privileg und Verpflichtung für das zukünftige Leben. Die Speddens kümmern sich fürsorglich um die anderen Bootsinsassen, bevor sie nach Stunden des bangen Wartens an Bord der Carpathia endgültig in Sicherheit sind.

Und Polar ist mit an Bord… ein unglaublicher Zufall hat auch den Steiff-Eisbären in das Rettungsboot gespült….

Unten: Titanic von James Cameron – Oben: Das Originalbild von Douglas

Soweit die wahre Geschichte von Douglas Spedden.

Sie ist so wahr, wie das Original-Photo des Jungen während seines Spiels mit dem Kreisel. Sie ist so wahr, wie die Filmsequenz im großen Titanic-Film von James Cameron, in der er dem kleinen Jungen ein cineastisches Denkmal setzt. Und die Geschichte ist wahrhaftiger als wahr, weil genau am Tag der Rettung das Schicksal schon zu wissen schien, dass keine Rettung ewig währt.

Daisy Corning Stone Spedden schrieb aus Dankbarkeit für diese Rettung und als lebenslange Erinnerung für ihren Sohn ein Kinderbuch. Nur für ihn. Weihnachten 1913 fand der kleine Douglas ein liebevoll gestaltetes Bändchen mit dem Titel Polar – Der Titanic Bär unter dem Tannenbaum. Aus der Perspektive des Teddys war es Daisy Spedden gelungen, das Drama des vergangenen Jahres niederzuschreiben und damit auch schließlich den großen Schrecken dieser Nacht zu verarbeiten. Liebevoll beschreibt sie den „tapferen“ Bären, der an der Seite ihres Sohnes zu einem mutigen und herzlichen Glücksbringer zu werden scheint.

Das Buch heute in Händen zu halten macht nachdenklich und betroffen… Es ist der Ausschnitt einer wahren Geschichte und das Symbol für die Dankbarkeit einer Mutter, die das Überleben ihres einzigen Kindes unsterblich machen wollte. Ihre Tagebücher waren ihr dabei die wohl wichtigste Hilfe.

Die Speddens auf der Liste der Erste-Klasse-Passagiere der Titanic…

Das ist Daisy Spedden nicht gelungen…. Leider nicht… Drei Jahre nach dem Untergang der Titanic rannte der nun neunjährige Douglas auf die Straße, wurde von einem Auto erfasst und getötet. Seine Mutter schrieb keine Zeile mehr in ihre Tagebücher… keine einzige. Sie starb 1950, nur drei Jahre nach ihrem Ehemann Frederic. Douglas blieb ihr einziges Kind. Ihr Weihnachtsgeschenk für ihn, die Geschichte von „Polar, dem Titanic Bären“, dessen Einband sie liebevoll selbst gezeichnet hatte, wurde später in ihrem Nachlass gefunden und 1994 erstmals veröffentlicht.

Das Buch wurde mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet und ist inzwischen in der 15. Auflage in der Originalfassung verfügbar. Es ist ein Schatz, der die Zeit überdauert hat. Es ist die Geschichte die Dankbarkeit, eine der größten Tragödien der Neuzeit überlebt zu haben. Und doch ist es traurig… weil man erkennt, dass Rettung nicht ewig währt….

Polar & Douglas… Eine Freundschaft fürs Leben

PS: Niemand weiß, was aus Polar wurde. Seine Spur verliert sich mit dem Tod des kleinen Douglas. Bis zu diesem Tag war er auf jedem Familienbild zu sehen: unter dem Weihnachtsbaum, im Schnee und bei Geburtstagsfesten. Die Bilder sind Teil des Buches… sie machen es zu einem wichtigen Buch.

Ich denke, Polar hat Douglas auch auf seinem letzten Weg begleitet und ist niemals von seiner Seite gewichen. Beschützerbären verlassen ihre Freunde nicht… Beschützerbären sind eben so.

Polar – Der Titanic Bär… Urvater aller Begleitbären…

Gewidmet:
Bastian Bär
dem einzig legitimen Beschützerbären des 21. Jahrhunderts,
der Polars Erbe mehr als würdig angetreten hat.

Wir werden weiter über unsere Titanic-Bibliothek berichten, Neuerscheinungen unter die Lupe nehmen und längst zur Legende gewordene Werke in der Rückschau betrachten. Unser Titanic-Treffen in Leipzig war ein Startpunkt dieses Projektes, das am 15. April mit euch gemeinsam an Bord der MS Literatwo in einen hoffentlich sicheren Hafen einläuft. Ihr seid herzlich willkommen und könnt noch jederzeit eine Luxuskabine buchen…. Immer nur hier entlang

Ein Klick genügt… und ihr seid an Bord…

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Das frühe Geständnis des John Boyne…

John Boyne – tiefe Worte zu Tristan Sadler und Noah Barleywater

Erst vor wenigen Tagen haben wir darüber berichtet, dass der irische Erfolgsautor John Boyne auf der Leipziger Buchmesse 2012 gleichzeitig mit dem All-Age-Märchen „Der Junge mit dem Herz aus Holz“ und dem Weltkriegsdrama „Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ vertreten ist.

Nach seinem Welterfolg „Der Junge im gestreiften Pyjama zeigt er uns Lesern die breite Palette seiner Kreativität und trotz der augenscheinlich großen thematischen Unterschiede scheinen seine Bücher magisch miteinander verbunden zu sein. Wir haben John Boyne in Leipzig beim Arche Verlag zu einem exklusiven Interview getroffen und viel darüber erfahren, was es für ihn bedeutet, literarisches Neuland zu betreten.

„Es war sehr spannend für mich, dieses Neuland zu betreten…“ – John Boyne

Lassen Sie uns bitte einige Fragen zu Ihren beiden aktuellen Büchern stellen, Herr Boyne. Unsere Neugier, zu erfahren, wie er aussieht, der ideale Leser von John Boyne und für wen Sie Ihre Bücher schreiben, begründet sich in der Unterschiedlichkeit der beiden Werke. Ist es der jugendliche oder doch eher der erwachsene Leser?

Der Erste an den ich denke, wenn ich ein Buch schreibe, bin ich selbst. Ich versuche Bücher zu schreiben, die ich gerne selbst lesen würde. Ob dies nun in einem Kinder-, Jugend- oder Erwachsenenbuch geschieht, ist eher zweitrangig, da ich in erster Linie emotionale und zu Herzen gehende Geschichten erzählen möchte. Das ist meine Wesensart. Ich denke gar nicht so sehr an die Leser – das habe ich auch nicht getan, als ich noch nicht veröffentlicht wurde. Ich dachte eigentlich nie, dass irgendjemand meine Geschichten lesen würde, also habe ich den Blick eher nach innen gerichtet. Es ist schwer zu realisieren, dass man dann doch gelesen wird. Der Blick auf mich selbst hält mich in Bewegung und genau dies ist sehr wichtig bei den Geschichten, die ich schreibe.

Ist es nicht ein wenig problematisch, dass Ihre beiden Bücher gleichzeitig in Deutschland publiziert werden?

Nein, auf gar keinen Fall. Es ist eher als ungewöhnlich zu bezeichnen. Ich mache die erfreuliche Erfahrung, auf diese Weise feststellen zu können, dass meine Kinder- und Jugendbücher von Erwachsenen gelesen werden und die Bücher für Erwachsene auch von intelligenten Jugendlichen (und davon gibt es ja in Deutschland eine ganze Menge!). Beide Bücher gleichzeitig vorzulegen, ermöglicht es mir, den deutschen Lesern beide Seiten meines Schreibens zeigen zu können. Ich schließe in diesem kreativen Prozess keine Zielgruppe aus und damit öffne ich jedem die Türen zu beiden Erzählungen.

„Tristan Sadler“ ist eine ernsthafte, emotionale historische Geschichte. „Der Junge mit dem Herz aus Holz“ ist vielmehr eine besondere Art von Fantasy – etwas, das ich zuvor noch nie geschrieben habe. Es war sehr spannend für mich, dieses Neuland zu betreten. Es ist amüsant zu vermuten, dass Leser nicht auf die Idee kämen, dass diese beiden Bücher vom gleichen Autor verfasst wurden. Aber genau so ist es eben.

„Der Junge mit dem Herz aus Holz“ führt jeden Leser zu einem unterschiedlichen Zeitpunkt des Lesens zu einer der emotionalsten und einfallsreichsten Begegnungen, die wir jemals zuvor erlesen durften. Haben Sie keine Angst, dass Rezensenten oder Kritiker diesen magischen Moment verraten und den Leser um diese Begegnung betrügen?

Ich denke, dass Rezensenten der Geschichte gegenüber eine Sensibilität an den Tag legen, die genau dies verhindert. Bei der Veröffentlichung des Buches in England hat niemand das Geheimnis verraten. Aber jeder hat auf diese Begegnung hingewiesen und sie besonders hervorgehoben. Ich kann nur hoffen, dass dieser Teil der Geschichte ein Geheimnis zwischen meinen Lesern und mir bleiben darf.

Dies ist im eigentlichen Sinne auch die Verbindung zwischen den beiden Geschichten. In „Der Junge mit dem Herz aus Holz“ erkennt man, mit wem man es eigentlich im Buch zu tun hat und in „Tristan Sadler“ realisiert man, wie lange es dauert, bis Tristan am Ende seiner Reise endlich Worte für sein großes Lebensgeheimnis findet. Dies ist die Aufgabe des Lesers in beiden Romanen. Ich denke, dass auf diese Weise genau die Spannung erzeugt wird, die sich ein Leser erhofft. Wenn der Moment der Erkenntnis reift, möchte ich, dass die Entwicklung der Charaktere bis zu diesem Moment genau nachvollzogen und verstanden werden kann. Und wenn der Autor seinen „Job“ gut gemacht hat, dann stellt sich der Moment der Überraschung ein.

„Ich habe niemals zuvor über Homosexualität geschrieben …“ – John Boyne

Wenn wir versuchen, John Boyne in seinen Büchern wiederzufinden, wie viel John Boyne ist in Noah Barleywater und wie viel in Tristan Sadler verborgen?

Oh, man findet mich in all meinen Hauptfiguren wieder. Das hat schon mit „Der Junge im gestreiften Pyjama“ begonnen. Ich bin wie Bruno – ein Entdecker, liebe Bücher, mein Lieblingsbuch ist ebenfalls „Die Schatzinsel“ und ich sammle ständig gute Zitate. Ganz besondere Nähe empfinde ich natürlich zu Tristan Sadler. Ich habe niemals zuvor über Homosexualität geschrieben und es war völlig neu für mich, dafür Worte zu finden. Gerade die frühe Phase des Erwachsenwerdens und das Experimentieren mit der eigenen Sexualität habe ich niemals zuvor zum Teil meiner Geschichten werden lassen.

Ja, Bruno und Tristan sind wohl die beiden Figuren, die mir am ähnlichsten sind.

Auch Noah Barleywater fühle ich mich sehr nah. Die Geschichte beschäftigt mich schon seit sehr langer Zeit. Es begann damit, dass ein Junge in unserer Schule den Tod seiner Mutter zu verkraften hatte, und damit kamen wir alle in eine Phase, in der wir unter einer enormen Verlustangst zu leiden begannen. Ich habe eine riesige Furcht empfunden, weil ich erlebte, dass er eine Erfahrung machen musste, die selbst für Erwachsene kaum zu bewältigen ist. Ich habe mich dann von dem Jungen distanziert, weil ich mich nicht mehr getraut habe, mit ihm über dieses traumatische Ereignis zu reden, und das hat mich eigentlich niemals losgelassen. Diese Kindheitserinnerung und die damit verbundene Angst war die Triebfeder für „Der Junge mit dem Herz aus Holz“.

John Boyne und Patrick Ness – Bücher voller Hoffnung

Haben sie jemals von „Sieben Minuten nach Mitternacht“ gehört? Das zentrale Thema des Romans von Patrick Ness beschäftigt sich ebenfalls mit dieser kindlichen Urangst und der Flucht eines Jungen vor der Realität.

Aber natürlich – ich habe das Buch vor wenigen Monaten gelesen und ich halte den Roman für absolut brillant. Ich war angenehm erstaunt über das Buch, da Patrick und ich das gleiche Thema für uns entdeckt hatten. Er ist ein herausragender Autor und unsere Romane haben viel gemeinsam. Und genau hier liegt das Faszinierende für mich. Typisch für das Genre Kinder- und Jugendbuch enden beide Geschichten an einem Punkt der Hoffnung. Darauf können wir beide mehr als stolz sein. Ich möchte Kinder bewegen und ihnen zeigen, dass Gefühle nie verborgen werden sollten. Und trotzdem verdränge ich die Realität nicht. Menschen sterben – das ist es, was passiert – aber du selbst kannst es überleben. Du kannst deine Erinnerungen bewahren, die Zeit bis zum Abschied richtig nutzen, trauern und schließlich selbst überleben. Ich möchte meinen Geschichten genau diese Dimension der Hoffnung verleihen.

Ich kann nicht für Patrick sprechen, aber ich denke, auch er hat genau diese Botschaft im Sinn gehabt, als er seine Geschichte erzählte. Du kannst es überleben.

[Anmerkung von Literatwo: John Boyne hat richtig vermutet – siehe unser Interview mit Patrick Ness zu dessen Roman]

Gibt es auch Hoffnung für Tristan Sadler?

Bei Tristan Sadler sieht es natürlich wesentlich dunkler aus. Das ist ein reines Erwachsenenbuch. Tristan ist nicht in der Lage „er selbst“ zu sein. Es ist der falsche Zeitpunkt in der historischen Vergangenheit, so zu sein wie er. Er kann sich selbst nicht von seiner Schuld befreien. Auch wenn eine Geschichte ein dramatisches Ende hat, so vermag sie doch den Leser davon zu überzeugen, dass unser Leben einfach zu kurz ist, um es zu verschwenden, oder uns nur nach der Wahrnehmung der „Anderen“ zu richten. Dies ist der falsche Weg – er bedeutet, sein ganzes Leben wegzuschmeißen. Wir sollten uns unseres Lebens freuen.

Welches Projekt bewegt das kreative Herz von John Boyne im Moment?

Das nächste Buch ist ein Kinderbuch und wird im August in England erscheinen. Es geht um eine Familie, in der die Eltern es nicht akzeptieren können, wenn jemand in irgendeiner Beziehung „anders“ ist. Zwei ihrer Kinder entsprechen ihren Vorstellungen, aber da gibt es eben noch ihren Sohn Barnaby“ und er ist alles andere als „normal“. Er schwebt. Und er ist einsam. Wie will man auch in zehn Metern Höhe Freunde finden?

Seine Eltern schämen sich sehr für dieses Kind und lassen es ziehen.

John Boyne fliegt mit Barnaby… Mit einem Klick seid ihr dabei…

Unsere Interviews enden traditionell mit der gleichen Frage und wir sind auch bei Ihnen sehr gespannt auf die Antwort. Gibt es eine Frage, die Sie in einem solchen Gespräch gerne einmal beantworten würden? Das einzige Problem: Sie wurde Ihnen noch nie gestellt!

(lacht) Oh ja – bisher hat mich noch niemand gefragt: „Wenn Sie „Der Junge im gestreiften Pyjama“ niemals geschrieben hätten, wie wäre wohl Ihre Karriere verlaufen?“ Dieser Roman hat so viele Türen geöffnet und meine ersten vier Bücher wurden vorher kaum zur Kenntnis genommen. Ich habe mich schon oft selbst gefragt, was heute wäre, wenn das Buch nicht einen solchen Erfolg gehabt hätte.

Herr Boyne, mir fällt da ganz spontan eine letzte Frage ein. Denken Sie, Ihre Karriere hätte ohne „Der Junge im gestreiften Pyjama“ einen vergleichbaren Verlauf genommen?

Eine wirklich überraschende Frage! Ich denke: JA. Im Rückblick auf mittlerweile neun Bücher stelle ich fest, dass jedes neue Buch ein wenig besser erscheint als das vorherige. Ich entwickle mich ständig weiter und messe den Erfolg eines Romans nicht an Verkaufszahlen, sondern an seinem Inhalt. Es ist mir wichtig, dass meine Erzählungen interessant und einfach gut sind. Ich bin auf mein neuestes Buch „Das späte Bekenntnis des Tristan Sadler“ mehr als stolz. Ich habe das Gefühl, mein Bestes gegeben zu haben. Das ist mehr als wichtig für mich – das alleine zählt.

Herr Boyne, wir freuen uns auf ihren neuen Roman und danken für dieses Gespräch….

Zwei Genres – zwei große Romane – ein Autor – John Boyne

Alles von John Boyne auf AstroLibrium – HIER

Mit einem Klick zu unserer Rezension zu „Der Junge mit dem Herz aus Holz“

Katharsia – ein umfangreiches, fantastisches Abenteuer

Katharsia – wir haben es gemeinsam gelesen und genossen und heute gibt es für euch unsere Teamrezension.

Doch wenn wir zurück blicken, wäre uns dieses Meisterwerk beinahe entgangen. Vor einem Jahr auf der Messe in Leipzig haben wir zum ersten Mal Kontakt zum Dresdner Buchverlag gehabt. Dieser stellte uns bereits schon am Verlagsstand den Roman vor, doch wir trauten uns noch nicht sofort, an diesen umfangreichen Stoff aus dem Genre Fantastik.

Nun ist ein Jahr vergangen, wir haben Katharsia gelesen, sind hin und weg und zudem steht Jürgen Magisters Roman auf der SERAP-Shortlist. Wir sind begeistert und wir werden Daumen drückend am Donnerstag, dem ersten Messetag, 17 Uhr auf der Fantasy-Leseinsel – Halle 2 – bei der SERAPH Preisverleihung 2012 dabei sein.

Wir sind gespannt ohne Ende, wie die Jury entscheiden wird. Wir lieben Katharsia und sind in den grünen Lesestrudel geraten. Dabei hat es uns ins Roman-Abenteuergeschehen gewirbelt und wir haben die Perspektive gewechselt, wie ihr an unserer Besprechung erlesen könnt.


Den Namem Sando Wendelin sollte man kennen. Nein man sollte nicht nur, man muss ihn förmlich kennen, denn der 14-jährige Junge, ist ein wahrer Held und bestreitet einen großen Kampf, im Leben nach dem Leben.

Aber mal ganz von vorn. Sando und seine Klavierlehrerin Maria, welche auch seine heimliche Liebe ist, befinden sich auf einer Busfahrt, inmitten einer Wüste in Marokko, als es passiert. Vermummte überfallen den Reisebus – eine Geiselnahme. Sando und Maria wissen nicht wie ihnen geschieht, waren sie doch soeben in einem Gespräch und voller Freude über die Urlaubszeit.

Als die hintere Bustür sich öffnet, sieht Sando seine Chance. Er könnte es schaffen zu flüchten und Hilfe für alle zu holen. Vorher allerdings nimmt er Marias Amulett an sich, eine christliche Madonna in der sich ein Geheimfach befindet. Er wagt den Schritt aus dem Bus, doch Sando schafft es nicht, eine Plastiktüte ist sein Schicksal, denn diese ist der Grund, warum sein plötzlich erscheinendes Gegenüber den Abzug drückt. Maria gelingt es nicht Sando zurück in sein junges Leben zu verhelfen und wird, als sie versucht sich zu wehren, ebenfalls erschossen.

Kein normales Schmuckstück - der einzige Schlüssel....

Katharsia – eine Welt die alle Seelen die mit ihrer Vergangenheit noch nicht im Reinen sind, nach ihrem Tod auf der Erde erreichen um dort abzuschließen, um anschließend erfüllt ins ewige Licht zu kommen.

Gemeinsam mit Sando kommen wir an, körperlos auf unsere Seelen reduziert. Die Summe unserer Erinnerungen eingekapselt im Bewusstsein unseres gelebten Lebenstraumes, stehen wir an der Pforte jener magischen Zwischenwelt. Sando schafft es in seinem Körper anzukommen, denn gewöhnlich erhalten alle Neuankömmlinge  Retamin, um ihre körperliche Hülle zurück zu erhalten. Wir Literatwos allerdings bleiben Seelen.

Eine Entscheidung ist bereits gefallen. Nicht die Hölle ist unser Ziel, keine Zelle des Hades ist für uns reserviert – wir atmen auf. Die Katharsis liegt vor uns – jener Zustand der Selbstreinigung – das mit sich und seinem Leben ins Reine kommen. Aber irgendetwas scheint hier nicht zu stimmen. Wir werden in eines der Warteheime geleitet. Wir sind eben nur Seelen – einen Körper kann man uns nicht geben, da man dafür Retamin benötigt. Und gerade jetzt – just in dem Moment unsere Ankunft ist dieses Wunderelixier nicht mehr verfügbar.

Wir können nur hoffen und warten und uns Katharsia genauer anschauen. Jeder Ort auf unserer Welt findet hier eine Entsprechung – wenn man einen Körper hat, kann man reisen, sogar in seine Heimatstadt und viele der Bewohner von Katharsia leben seit vielen hundert Jahren in dieser Parallelwelt. Dazu ausersehen, entweder dort zu bleiben oder schließlich einen Zustand zu erreichen, der es ihnen ermöglicht ins Paradies zu gelangen.

Der Präsident von Katharsia hat versprochen, allen Seelen diese Welt so angenehm wie möglich zu machen – so sicher wie nur denkbar und so lebenswert wie auf Erden erhofft. Der Hades ist verschlossen – streng bewacht – keine böse Seele kann uns stören, sollte man denken.

Wir brauchen nur noch Retamin, nur das. Wir hören davon, dass jener Sando eine einzigartige Begabung hat. Er kann Seelen sehen und mit ihnen reden. Ein Auvisor – der erste seit ewigen Zeiten in Katharsia. In ihn setzt das ganze Land die Hoffnung, das geheime Wissen um das verlorene Retamin wieder zu entdecken. Und dazu muss er einen ganz besonderen Schlüssel finden – nur ihm kann das gelingen.

Mit einer Schar von Gefährten, neuen Freunden mit gemeinsamer Vergangenheit, versucht er, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Wir können nur hoffen und bangen und mit uns ins Reine kommen. Und wenn genau jetzt der Kampf um das Retamin ausbricht, wenn genau jetzt das Böse seinen Einzug in Katharsia vorbereitet, wenn genau jetzt die gefangenen Seelen des Hades Teil eines dunklen Plans werden, dann sind wir in Gefahr. Und diese Gefahr ist weitaus schlimmer, als unsere Leben zu verlieren – wir laufen Gefahr unser Seelenheil einzubüßen.

Bitte nicht… Sando – das musst du regeln… bitte…

Der SCHATTENHAIN in Katharsia....

Wir schweben zum magischsten Ort in Katharsia, jenem Schattenhain – einem nie enden wollenden Feld aus metallenen Ähren. Gewidmet den Opfern der realen Welt und als Mahnmal errichtet gegen diejenigen, die jemals ihre Schatten auf das Leben unschuldiger Menschen warfen. So werfen die Statuen der Tyrannen von einst, ihre Schatten auf die Ähren, die hier jeweils für ein geopfertes Leben stehen.

Kann Präsident Wanderer an der Macht bleiben und seine Versprechen gegenüber den Seelen Katharsias halten, ohne selbst einen einzigen Schatten zu werfen? Geht das? Können Sando und seine Freunde das Schicksal unserer Seelenwelt retten, das dringend benötigte Retamin finden – und werden sie im Kampf gegen die Täter der Vergangenheit bestehen? Wir können es nur hoffen.

Die Sonne geht auf, die Schatten werden länger, die goldglänzenden Halme verdunkeln sich und das Wort „Putsch“ macht die Runde. Chamäleons nähern sich der Festung Makala. Der letzte Kampf um unsere Seelen hat begonnen und wir können nichts tun. Ist dies der letzte Sonnenaufgang in Katharsia? Ein wenig Retamin könnte alles ändern….

Vorab ganz dick und in Farbe – Katharsia ist ein Meisterwerk. Anders kann man dieses über 700 Seiten, voller Abenteuer steckende Buch, nicht bezeichnen. Jürgen Magister legt mit seinem Werk ein fantastisches Glanzstück seinen Lesern in die Hände und das als sein Debüt.

Wir Literatwos haben bisher schon viele Ausflüge im Genre Fantastik hinter uns und konnten wahrliche einiges erleben. Doch Katharsia hat, und das könnte man bei diesem Seitenumfang denken, nicht eine schwache Stelle, nicht eine Unplausibilität, nicht zu viel oder zu wenig Gefühl, von der Abenteuerspannung ganz abgesehen. Es ist gigantisch, es ist bildreich, es löst einen Lesestrudel aus, den man nicht bremsen kann. Keine einzige Seite, keinen einzigen Protagonist, keinen einzigen Ort, wollen wir missen.

Jürgen Magister löst Bilderfluten im Kopf aus, erzeugt eine einzigartige Atmosphäre und begeistert durch und durch.

Katharsia - Wunschwesen unterwegs zur Festung Makala

In Katharsia haben wir eine Buchperle gefunden, die mit ihrem leuchtenden grün unter allen anderen Perlen hervorstrahlt, sich abhebt und tief verankert hat.

Literatwo empfiehlt Katharsia... wir sind beseelt von diesem Roman

John Boyne – Der Junge mit dem Herz aus Holz… und mehr…

John Boyne – Der Junge mit dem Herz aus Holz

„Noah Barleywater runs away“, der Originaltitel des neuesten Werkes von John Boyne, dem Autor des Weltbestsellers „Der Junge im gestreiften Pyjama“, trifft den Kern der märchenhaft anmutenden Parabel mit dem deutschen Verlagstitel „Der Junge mit dem Herz aus Holz“ mehr als auf den Punkt.

Noah Barleywater läuft weg…. Er kann nicht mehr… er mag nicht mehr… er hat Angst, zu lange zu warten. Er hält es zuhause einfach nicht mehr aus. Zu übermächtig ist die Furcht davor, der Erkrankung seiner geliebten Mutter ins Auge zu schauen – zu übermächtig ist der Wunsch, einfach zu fliehen – zu gewaltig ist die Verlustangst, die Noah schlaf- und hoffnungslos werden lässt.

Noah läuft weg. Viel zu jung für eine solche Flucht, viel zu schwer beladen mit tonnenschweren Gefühlen, aber mit jedem Meter, den er sich von seinen Eltern entfernt, mit jedem Zentimeter wachsender Distanz beginnt er klarer zu sehen. Der Albtraum zerfließt im aufziehenden Nebel der selbst gewählten Blindheit.

Noah Barleywater läuft weg.

John Boyne macht uns fortan zum Fluchtbegleiter des achtjährigen Jungen. Wir folgen atemlos dem Weg, der immer märchenhafter zu werden scheint und an mancher Abzweigung sind wir versucht, Noah zu warnen, ihn aufzuhalten – aber das ist uns nicht möglich. Zu aufregend sind die kleinen Geschichten, die er in den Dörfern erlebt, die am Wegesrand auf ihn zu warten scheinen und zu magisch ist seine Begegnung mit einem scheinbar lebenden Baum. Das vorläufige Ziel seiner Reise liegt unmittelbar neben jenem Baum, der seine Äste hinter seinem Stamm versteckt, wenn man sich ihm nähert.

Ein Spielzeugladen der besonderen Art lässt Noahs Augen größer werden und fasziniert von einer bunten Welt aus Holz betritt er das Reich des betagten Holzschnitzers…. Lange schon scheint kein Kunde mehr nach den nostalgisch anmutenden Marionetten, Figuren, Spielen und Formen gefragt zu haben. Einsam und in sich gekehrt wirkt der alte Mann, als habe er nur auf Noahs Ankunft gewartet. Als hätte er ihn kommen sehen… als hätte er ihn geahnt.

Das Schnitzen als Metapher …

Ach, wie hat sich dieses Geschäft in meinem Herzen verankert. Leblosem Holz eine neue, bleibende Form zu geben erweckt das Herz jeden Lesers und man fühlt, mit welchem Maß an Liebe der alte Spielzeugmacher zu Werke geht. Ich konnte den Holzleim und die Farben plötzlich riechen, habe den Geschmack von Sägespänen im Mund verspürt und mich herzlich über die skurrilen Gegenstände amüsiert, denen ich in die Arme lief.

Jenen murrenden Wecker, der nur leicht angesäuert dazu bereit war, seine Aufgabe zu erfüllen.
Die vergessliche Türglocke, die in ihren tiefen Erinnerungen kramen musste um dann doch wesentlich zu spät den Besuch eines Kunden zu signalisieren.
Diese einzige Türe im Haus, die an einem vorbeihuscht, wenn man sich auf die Treppe zum Obergeschoss begab. Man musste sie an sich vorbei lassen, damit sie sich rechtzeitig oben befand, um sich zu öffnen.
Die schlecht gelaunte Kuckucksuhr, an deren widerwilligen Klang man ihre Stimmung besser ablesen konnte, als die Zeit.
Und schließlich die Fußbodendielen in der Küche, die durch rasende Bewegungen versuchten, das Fehlen ihrer im Feuer bereits verloderten Gefährten zu ersetzen.

Ach wie warm und wohl war mir ums Herz, als ich mit Noah Barleywater beim alten Holzschnitzer zu Gast war. Und genau dieser magischen Atmosphäre bedurfte es, um Noahs Zunge zu lösen, um die Belastung abfallen zu lassen und seine Geschichte zu erzählen. Im Gegenzug für die Geschichten des alten Mannes, die für den Jungen zu einem Blick in den auf Hochglanz polierten Spiegel des eigenen Lebens werden. Ein Blick zur rechten Zeit – an jener Kreuzung, die ein Umkehren unmöglich macht, wenn man sich einmal für einen Weg entschieden hat.

Mehr darf nicht verraten werden – mehr kann nicht verraten werden – und wer mehr verrät, der beraubt den Leser um eine der sensationellsten Begegnungen der Literaturgeschichte. Jeder lesende, lebende, erzählende, hörende und singende Mensch – jeder, der jemals seinen Kopf der Fantasie der Literatur überlassen hat, wird zu einem individuellen Zeitpunkt in diesem großen Roman das Gefühl bekommen, jemanden sehr gut zu kennen.

Dieses Gefühl wächst mit der Spannung der Geschichten – dieses Gefühl gipfelt in einem Moment des Erkennens und dieser Moment gehört dann dem Leser selbst. Es ist das größte Geschenk der Fantasie, das ich von John Boyne erhalten habe. Dieses Erkennen werde ich niemals vergessen und ich werde niemanden um sein Gefühl betrügen…. Deshalb sei hier nichts weiter verraten.

Nur soviel, dass ihr lesen müsst. Lesen müsst … ansonsten entgeht euch ein großer Moment der Literatur.

Wir werden John Boyne auf der Buchmesse in Leipzig zu einem Interview treffen und freuen uns bereits jetzt schon sehr darauf, diesem kreativen Genie einige Fragen stellen zu können.

Ganz besonders hervorheben muss man das weite Feld seiner Schaffenskraft, legt er doch gleichzeitig zum All-Age-Märchen Der Junge mit dem Herz aus Holz den Erwachsenenroman Das späte Geständnis des Tristan Sadler vor.

Das Weltkriegsrama erzählt die Geschichte des 1919 traumatisiert aus dem Grabenkampf in Nordfrankreich zurückkehrenden jungen Soldaten Tristan Sadler. Er reist nach Norwich, um dort die Schwester seines toten Kameraden Will zu treffen. Ein Bündel Briefe trägt er mit sich, aber dies ist nicht die einzige Last, die er zu schultern hat. In seinen Erinnerungen begleiten ihn die Gräuel des Zermürbungsskrieges, die gemeinsamen Erlebnisse an der Front, das menschenunwürdige Dahinsiechen junger Männer, Gefühle der Zuneigung und des Vertrauens – aber auch das unaussprechliche Geheimnis um die wahre Todesursache seines Freundes.

Ein Roman, der nichts beschönigt und in seiner Sogwirkung den Leser immer tiefer in sich aufnimmt, obwohl er ab einem bestimmten Punkt nicht mehr weiß, ob er die ganze Wahrheit des Tristan Sadler überhaupt ertragen kann. Ein großes Buch… Ein Drama in Reinform…

Zwei druckfrische Neuerscheinungen auf der Buchmesse zu präsentieren, zwei so unterschiedliche Genres in dieser Qualität mit seinem Namen zu belegen – das ist ganz großes Kino….

Alles von John Boyne auf AstroLibrium – HIER

Wir sehen uns in Leipzig, Mister Boyne….

Der May ist gekommen… Hadschi Halef Omar im Wilden Westen…

Literatwo hat immer wieder über Schriftsteller geschrieben, deren Federn schon lange nicht mehr über Manuskriptseiten streichen, deren Stimmen verstummt und deren Ideen für künftige Geschichten mit ihnen gestorben sind.

David Foster Wallace, Charles Dickens, Mark Twain, Ernest Hemingway und viele andere große Autoren der Vergangenheit haben uns ihre Werke als Nachlass übergeben und bei jeder gelesenen Geschichte überkommt den Leser die traurige Erkenntnis, dass dieser Fundus immer kleiner wird. Man hält inne, wenn man die letzten Zeilen eines ihrer Bücher liest und die Sehnsucht erwacht, wie ein immerwährender Traum – verbunden mit der Frage: „Worüber würde er heute schreiben, wenn er noch unter uns wäre….?“

Ein trauriges Gefühl, auch wenn die alten Geschichten mit ihren Protagonisten uns bis heute beflügeln – die Sehnsucht bleibt – die Suche nach dem verstummten und so lieb gewonnenen typischen Stil, der unvergleichbaren Erzählweise und den schillernden Akteuren eines längst geträumten Autorenlebens.

Was aber nun, wenn jemand behaupten würde, eben diese Feder wieder aufzugreifen und das Erbe einer literarischen Legende antreten zu wollen, um quasi eine posthume Hommage entstehen zu lassen – und dies in der Sprache des hochverehrten Idols? Wie würde man darauf reagieren? Ein gewagtes Spiel – wir spielen mit…

5 Februar 1842 – 30 März 1912

Werfen wir einen gemeinsamen Blick auf Karl May. Klangvoll und bildbehaftet ist dieser Name. Er steht für unsere Jugendbücher, für Winnetou, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi und schließlich auch für jenen schier unauslöschlichen Hadschi Halef Omar. Kein anderer deutscher Schriftsteller hat es vermocht, sein grenzenloses Publikum im so untypischen Genre Western gepaart mit vermeintlicher Reiseliteratur in einer Art und Weise zu fesseln, wie er.

Seine Phantasie hat tiefe Spuren in der gesamtdeutschen Kultur hinterlassen – seine Akteure leben weiter und erfreuen sich in eigens organisierten Festspielen zunehmender Beliebtheit. Unter dem Pseudonym Karl Hohenthal schrieb Karl May ebenfalls – allerdings nicht mit der gleichen Wirkung. Doppelpseudonymisch ist er immer noch bei uns. Am 30. März vor 100 Jahren starb diese große deutsche Feder.

Und nun halte ich ein Buch in Händen, das so sehr nach dem großen Meister aussieht. Das Cover erinnert an die Cover meiner Jugend und der Autorenname lässt alle buchigen Frühwarnsystem Alarm schlagen. Da schreibt ein gewisser Karl Hohenthal einen Roman mit dem Titel

und das Titelbild zeigt unverkennbar die Helden der Vergangenheit auf einem Fleck – Winnetou, Old Shatterhand und Hadschi Halef Omar – ich bin neugierig… sehr sogar.

Schon auf den ersten Seiten stelle ich für mich fest, dass dies kein Experiment ist – kein Versuch, auf einer Welle zu reiten oder ein Trittbrett der Literatur zu besteigen. Dieses Buch ist eine gewachsene Liebeserklärung an Karl May. Der Autor – nun mehrfachpseudonymisch spiegelnd schreibend – erzählt eine Geschichte, die nur erzählt werden kann, wenn man tief im Werk von Karl May verhaftet ist, der ja selbst je nach globalem Schauplatz in die Rolle des Old Shatterhand oder des Kara Ben Nemsi geschlüpft ist. Nun muss Karl May zulassen, dass ein Autor der Moderne in alles schlüpft, was ihm und seiner Fantasie zur Verfügung steht.

Was wäre, wenn jener Kara Ben Nemsi im fernen Algier dringend benötigt würde? Was wäre, wenn sein treuer Gefolgsmann Hadschi Halef Omar in eine Zwangslage geriete, die nur einen Ausweg böte: nach Amerika zu reisen und genau dort nach jenem Kara zu suchen, wohl wissend, dass er sich dort Old Shatterhand nennt.

Was wäre, wenn die treuesten Gefährten jenes Doppelprotagonisten aufeinanderträfen – wie würden sie aufeinander reagieren? Jener unantastbare, fast sakrosankte Häuptling Winnetou und der ständig zu Übertreibungen neigende Hadschi Halef Omar? Ein niemals gedachter Gedanke – und nun wird er einem sprachgewaltigen Roman Realität. Er materialisiert sich in einer so typischen Karl May – Erzählung, in einer so lange vermissten Sprache, dass man nach wenigen Seiten nicht mehr glauben kann, dass nicht der alte Meister selbst hier geschrieben hat.

Mehrfachpseudonymisch in die Reihe der Großen - Karl Hohenthal

Diese Hommage ist kein Experiment – Karl Hohenthal (oder wie auch immer er heißen mag) legt den Liebhabern von Karl May eine Geschichte zu Füßen, die liebevoller nicht hätte geschrieben werden können. Hochachtung und Respekt gegenüber Karl May sind in jedem Kapitel fühlbar und die reine Qualität der Story ist so überzeugend, dass man dieses Spiel gerne mitspielt.

Hohenthal spielt auf höchstem Niveau und er gibt seine Leser am Ende frei – er bietet ihnen die Chance, den letzten Traum alleine zu leben und in den Gedanken von Karl May eine Reise zu beenden, die für viele seiner Fans völlig undenkbar war.

Wir werden jenen Schriftsteller in Leipzig treffen – keine Ahnung, wer er ist, keine Ahnung, ob er als Westmann oder Araber vor uns steht – keine Ahnung ob er den Henrystutzen bei sich hat oder ob gar Hatatitla oder Rih vor den Messehallen festgebunden ist. Und letztlich ist es nicht ausgeschlossen, dass jener legendäre Hadschi Halef Omar selbst vor uns steht und in seiner typischen Bescheidenheit ausruft: „Ungläubiger, wer sonst, wenn nicht ich – jener mit allmächtiger Eingebung gesegnete Weiseste unter der Sonne Arabiens – sollte diese Geschichte geschrieben haben?“

Der Autor von Hadschi Halef Omar im Wilden Westen im Interview mit Literatwo...

Vielleicht liegt die Lösung des großen medialen Geheimnisses aber auch darin begründet, dass in einer beispiellosen Form des literarischen Understatements diesmal nicht ein Autor, sondern das Buch an sich in den Vordergrund gestellt werden soll. Diesen Eindruck jedenfalls gewinnt man, wenn man die Ausstrahlung des ZDF-Nachtstudios vom 26. Februar 2012 verfolgt. Neben Jürgen von der Lippe sitzt dort mitnichten der allgemein als MayPseudonymjongleur hoch gehandelte Franz Xaver Kroetz, sondern der reale Autor des Romans…

Wir freuen uns einfach darauf, jemanden kennenzulernen, der literarisch zu lieben vermag – mit jeder Faser jedes einzelnen Wortes. Und wir werden sein Geheimnis verraten… genau hier