Das frühe Geständnis des John Boyne…

John Boyne – tiefe Worte zu Tristan Sadler und Noah Barleywater

Erst vor wenigen Tagen haben wir darüber berichtet, dass der irische Erfolgsautor John Boyne auf der Leipziger Buchmesse 2012 gleichzeitig mit dem All-Age-Märchen „Der Junge mit dem Herz aus Holz“ und dem Weltkriegsdrama „Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ vertreten ist.

Nach seinem Welterfolg „Der Junge im gestreiften Pyjama zeigt er uns Lesern die breite Palette seiner Kreativität und trotz der augenscheinlich großen thematischen Unterschiede scheinen seine Bücher magisch miteinander verbunden zu sein. Wir haben John Boyne in Leipzig beim Arche Verlag zu einem exklusiven Interview getroffen und viel darüber erfahren, was es für ihn bedeutet, literarisches Neuland zu betreten.

„Es war sehr spannend für mich, dieses Neuland zu betreten…“ – John Boyne

Lassen Sie uns bitte einige Fragen zu Ihren beiden aktuellen Büchern stellen, Herr Boyne. Unsere Neugier, zu erfahren, wie er aussieht, der ideale Leser von John Boyne und für wen Sie Ihre Bücher schreiben, begründet sich in der Unterschiedlichkeit der beiden Werke. Ist es der jugendliche oder doch eher der erwachsene Leser?

Der Erste an den ich denke, wenn ich ein Buch schreibe, bin ich selbst. Ich versuche Bücher zu schreiben, die ich gerne selbst lesen würde. Ob dies nun in einem Kinder-, Jugend- oder Erwachsenenbuch geschieht, ist eher zweitrangig, da ich in erster Linie emotionale und zu Herzen gehende Geschichten erzählen möchte. Das ist meine Wesensart. Ich denke gar nicht so sehr an die Leser – das habe ich auch nicht getan, als ich noch nicht veröffentlicht wurde. Ich dachte eigentlich nie, dass irgendjemand meine Geschichten lesen würde, also habe ich den Blick eher nach innen gerichtet. Es ist schwer zu realisieren, dass man dann doch gelesen wird. Der Blick auf mich selbst hält mich in Bewegung und genau dies ist sehr wichtig bei den Geschichten, die ich schreibe.

Ist es nicht ein wenig problematisch, dass Ihre beiden Bücher gleichzeitig in Deutschland publiziert werden?

Nein, auf gar keinen Fall. Es ist eher als ungewöhnlich zu bezeichnen. Ich mache die erfreuliche Erfahrung, auf diese Weise feststellen zu können, dass meine Kinder- und Jugendbücher von Erwachsenen gelesen werden und die Bücher für Erwachsene auch von intelligenten Jugendlichen (und davon gibt es ja in Deutschland eine ganze Menge!). Beide Bücher gleichzeitig vorzulegen, ermöglicht es mir, den deutschen Lesern beide Seiten meines Schreibens zeigen zu können. Ich schließe in diesem kreativen Prozess keine Zielgruppe aus und damit öffne ich jedem die Türen zu beiden Erzählungen.

„Tristan Sadler“ ist eine ernsthafte, emotionale historische Geschichte. „Der Junge mit dem Herz aus Holz“ ist vielmehr eine besondere Art von Fantasy – etwas, das ich zuvor noch nie geschrieben habe. Es war sehr spannend für mich, dieses Neuland zu betreten. Es ist amüsant zu vermuten, dass Leser nicht auf die Idee kämen, dass diese beiden Bücher vom gleichen Autor verfasst wurden. Aber genau so ist es eben.

„Der Junge mit dem Herz aus Holz“ führt jeden Leser zu einem unterschiedlichen Zeitpunkt des Lesens zu einer der emotionalsten und einfallsreichsten Begegnungen, die wir jemals zuvor erlesen durften. Haben Sie keine Angst, dass Rezensenten oder Kritiker diesen magischen Moment verraten und den Leser um diese Begegnung betrügen?

Ich denke, dass Rezensenten der Geschichte gegenüber eine Sensibilität an den Tag legen, die genau dies verhindert. Bei der Veröffentlichung des Buches in England hat niemand das Geheimnis verraten. Aber jeder hat auf diese Begegnung hingewiesen und sie besonders hervorgehoben. Ich kann nur hoffen, dass dieser Teil der Geschichte ein Geheimnis zwischen meinen Lesern und mir bleiben darf.

Dies ist im eigentlichen Sinne auch die Verbindung zwischen den beiden Geschichten. In „Der Junge mit dem Herz aus Holz“ erkennt man, mit wem man es eigentlich im Buch zu tun hat und in „Tristan Sadler“ realisiert man, wie lange es dauert, bis Tristan am Ende seiner Reise endlich Worte für sein großes Lebensgeheimnis findet. Dies ist die Aufgabe des Lesers in beiden Romanen. Ich denke, dass auf diese Weise genau die Spannung erzeugt wird, die sich ein Leser erhofft. Wenn der Moment der Erkenntnis reift, möchte ich, dass die Entwicklung der Charaktere bis zu diesem Moment genau nachvollzogen und verstanden werden kann. Und wenn der Autor seinen „Job“ gut gemacht hat, dann stellt sich der Moment der Überraschung ein.

„Ich habe niemals zuvor über Homosexualität geschrieben …“ – John Boyne

Wenn wir versuchen, John Boyne in seinen Büchern wiederzufinden, wie viel John Boyne ist in Noah Barleywater und wie viel in Tristan Sadler verborgen?

Oh, man findet mich in all meinen Hauptfiguren wieder. Das hat schon mit „Der Junge im gestreiften Pyjama“ begonnen. Ich bin wie Bruno – ein Entdecker, liebe Bücher, mein Lieblingsbuch ist ebenfalls „Die Schatzinsel“ und ich sammle ständig gute Zitate. Ganz besondere Nähe empfinde ich natürlich zu Tristan Sadler. Ich habe niemals zuvor über Homosexualität geschrieben und es war völlig neu für mich, dafür Worte zu finden. Gerade die frühe Phase des Erwachsenwerdens und das Experimentieren mit der eigenen Sexualität habe ich niemals zuvor zum Teil meiner Geschichten werden lassen.

Ja, Bruno und Tristan sind wohl die beiden Figuren, die mir am ähnlichsten sind.

Auch Noah Barleywater fühle ich mich sehr nah. Die Geschichte beschäftigt mich schon seit sehr langer Zeit. Es begann damit, dass ein Junge in unserer Schule den Tod seiner Mutter zu verkraften hatte, und damit kamen wir alle in eine Phase, in der wir unter einer enormen Verlustangst zu leiden begannen. Ich habe eine riesige Furcht empfunden, weil ich erlebte, dass er eine Erfahrung machen musste, die selbst für Erwachsene kaum zu bewältigen ist. Ich habe mich dann von dem Jungen distanziert, weil ich mich nicht mehr getraut habe, mit ihm über dieses traumatische Ereignis zu reden, und das hat mich eigentlich niemals losgelassen. Diese Kindheitserinnerung und die damit verbundene Angst war die Triebfeder für „Der Junge mit dem Herz aus Holz“.

John Boyne und Patrick Ness – Bücher voller Hoffnung

Haben sie jemals von „Sieben Minuten nach Mitternacht“ gehört? Das zentrale Thema des Romans von Patrick Ness beschäftigt sich ebenfalls mit dieser kindlichen Urangst und der Flucht eines Jungen vor der Realität.

Aber natürlich – ich habe das Buch vor wenigen Monaten gelesen und ich halte den Roman für absolut brillant. Ich war angenehm erstaunt über das Buch, da Patrick und ich das gleiche Thema für uns entdeckt hatten. Er ist ein herausragender Autor und unsere Romane haben viel gemeinsam. Und genau hier liegt das Faszinierende für mich. Typisch für das Genre Kinder- und Jugendbuch enden beide Geschichten an einem Punkt der Hoffnung. Darauf können wir beide mehr als stolz sein. Ich möchte Kinder bewegen und ihnen zeigen, dass Gefühle nie verborgen werden sollten. Und trotzdem verdränge ich die Realität nicht. Menschen sterben – das ist es, was passiert – aber du selbst kannst es überleben. Du kannst deine Erinnerungen bewahren, die Zeit bis zum Abschied richtig nutzen, trauern und schließlich selbst überleben. Ich möchte meinen Geschichten genau diese Dimension der Hoffnung verleihen.

Ich kann nicht für Patrick sprechen, aber ich denke, auch er hat genau diese Botschaft im Sinn gehabt, als er seine Geschichte erzählte. Du kannst es überleben.

[Anmerkung von Literatwo: John Boyne hat richtig vermutet – siehe unser Interview mit Patrick Ness zu dessen Roman]

Gibt es auch Hoffnung für Tristan Sadler?

Bei Tristan Sadler sieht es natürlich wesentlich dunkler aus. Das ist ein reines Erwachsenenbuch. Tristan ist nicht in der Lage „er selbst“ zu sein. Es ist der falsche Zeitpunkt in der historischen Vergangenheit, so zu sein wie er. Er kann sich selbst nicht von seiner Schuld befreien. Auch wenn eine Geschichte ein dramatisches Ende hat, so vermag sie doch den Leser davon zu überzeugen, dass unser Leben einfach zu kurz ist, um es zu verschwenden, oder uns nur nach der Wahrnehmung der „Anderen“ zu richten. Dies ist der falsche Weg – er bedeutet, sein ganzes Leben wegzuschmeißen. Wir sollten uns unseres Lebens freuen.

Welches Projekt bewegt das kreative Herz von John Boyne im Moment?

Das nächste Buch ist ein Kinderbuch und wird im August in England erscheinen. Es geht um eine Familie, in der die Eltern es nicht akzeptieren können, wenn jemand in irgendeiner Beziehung „anders“ ist. Zwei ihrer Kinder entsprechen ihren Vorstellungen, aber da gibt es eben noch ihren Sohn Barnaby“ und er ist alles andere als „normal“. Er schwebt. Und er ist einsam. Wie will man auch in zehn Metern Höhe Freunde finden?

Seine Eltern schämen sich sehr für dieses Kind und lassen es ziehen.

John Boyne fliegt mit Barnaby… Mit einem Klick seid ihr dabei…

Unsere Interviews enden traditionell mit der gleichen Frage und wir sind auch bei Ihnen sehr gespannt auf die Antwort. Gibt es eine Frage, die Sie in einem solchen Gespräch gerne einmal beantworten würden? Das einzige Problem: Sie wurde Ihnen noch nie gestellt!

(lacht) Oh ja – bisher hat mich noch niemand gefragt: „Wenn Sie „Der Junge im gestreiften Pyjama“ niemals geschrieben hätten, wie wäre wohl Ihre Karriere verlaufen?“ Dieser Roman hat so viele Türen geöffnet und meine ersten vier Bücher wurden vorher kaum zur Kenntnis genommen. Ich habe mich schon oft selbst gefragt, was heute wäre, wenn das Buch nicht einen solchen Erfolg gehabt hätte.

Herr Boyne, mir fällt da ganz spontan eine letzte Frage ein. Denken Sie, Ihre Karriere hätte ohne „Der Junge im gestreiften Pyjama“ einen vergleichbaren Verlauf genommen?

Eine wirklich überraschende Frage! Ich denke: JA. Im Rückblick auf mittlerweile neun Bücher stelle ich fest, dass jedes neue Buch ein wenig besser erscheint als das vorherige. Ich entwickle mich ständig weiter und messe den Erfolg eines Romans nicht an Verkaufszahlen, sondern an seinem Inhalt. Es ist mir wichtig, dass meine Erzählungen interessant und einfach gut sind. Ich bin auf mein neuestes Buch „Das späte Bekenntnis des Tristan Sadler“ mehr als stolz. Ich habe das Gefühl, mein Bestes gegeben zu haben. Das ist mehr als wichtig für mich – das alleine zählt.

Herr Boyne, wir freuen uns auf ihren neuen Roman und danken für dieses Gespräch….

Zwei Genres – zwei große Romane – ein Autor – John Boyne

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