Kann die Literatur ein Schiff namens Titanic versenken?

Sind die Schriftsteller dieser Welt schuld am Untergang der Titanic?

Ein guter historischer Roman zeichnet sich dadurch aus, dass er fundiert recherchierte reale Begebenheiten zur Grundlage einer dann oftmals fiktionalen Handlung erhebt. Dabei werden den gesichert existenten und historisch verbrieften Persönlichkeiten erfundene Weggefährten beiseite gestellt und schon ist der Weg bereitet, durch diese neu geschaffene Perspektive reale Handlung und Romanstoff zu einem großen Ganzen zu verdichten. Der so erschaffene künstliche Charakter lässt uns Leser einen präzisen Blick auf die Lebensumstände einer Epoche, auf die denkweise der Menschen und letztlich natürlich auch das Handeln der prominenten realen Persönlichkeiten werfen.

Das ist insofern unproblematisch, wenn sich diese Technik auf Ritterromane, Erzählungen aus dem 30jährigen Krieg oder die englischen Rosenkriege beschränkt. Das Feld ist hier im wahrsten sinne des Wortes weit und die erfundenen Gestalten bevölkern einen Landstrich in dem sie weiter nicht ins Gewicht fallen.

Dies trifft in seiner Ausgangsbetrachtung sowohl für das gute Buch als auch für den historischen Film zu (und jener basiert häufig auf literarischen Vorlagen oder zumindest auf einem von Autorenhand geschriebenen Drehbuch).

So haben Schriftsteller und Regisseure aller Generationen beharrlich dafür gesorgt, dass den abertausenden geschichtlichen Gestalten eine ebenso große Heerschar an fiktiven Personen rein buchig über den Weg gelaufen ist…. Und dies zu unser aller Vergnügen!

Was aber, wenn sich die versammelte Autorenschar (und hier meinen wir sehr wohl auch Drehbuchautoren) an einem Szenario vergreift, das gar keinen Platz für zusätzliche Protagonisten lässt? Was, wenn die Rahmenhandlung bereits dermaßen überbevölkert erscheint, dass schon ein einzelner fiktionaler Akteur zu weiterem Ungemach führt und im Sinne des Ganzen nicht wirklich plausibel dort sein kann, wo er hingeschrieben wurde?

Was dann?

Zu viele Bücher für einen einzigen Luxusliner? Titanic...

Sind sich die Autoren der Gefahren bewusst, die sie da heraufbeschwören oder handeln und denken sie nicht im kollektiv der Weltkulturschaffenden, sondern eher egozentrisch und frei nach dem Motto „Den habe ich jetzt erfunden und da bleibt er auch – was die Anderen vor mir gemacht haben interessiert doch mich nicht!“?

Ja – es bleibt festzuhalten – Autoren, die so denken, handeln grob fahrlässig und verändern den Lauf der Geschichte. Vor diesen Menschen muss gewarnt werden. Wir versuchen dies am Beispiel der Titanic zu belegen. Jenes Schiffes, das uns aufgrund des nun anstehenden 100. Jahrestages seines Untergangs und durch unser lang angelegtes Projekt besonders ans Herz gewachsen ist.

Haben die Literatur und das große Kino die Titanic versenkt? Wir denken (und das ist noch vorsichtig formuliert): JA

Betrachten wir die historisch gesicherte Ausgangssituation der ersten und letzten Fahrt der Titanic. Als größtes Passagierschiff der Welt und in nie zuvor erlebten Dimensionen maritimen Komforts beherbergte sie insgesamt 1339 Passagiere in den Kabinen der Ersten bis zur Dritten Klasse und stellte diesen insgesamt 885 Mann / Frau Bestatzung zur Seite. Trotzdem das Schiff nicht bis auf den letzten Platz ausgebucht war, reichten die vorhandenen Rettungsmittel auch bei einem idealtypisch positiv verlaufenden Unglücksszenario nur für 1178 Menschen an Bord.

Lediglich 20 Rettungsboote befanden sich an den eigens dafür vorgesehenen Davits – fast genau 40 hätten es eigentlich sein müssen! Es ist also augenscheinlich, dass jeder zusätzliche Passagier das Missverhältnis zwischen Rettungsboot und Mensch dramatisch verändert hätte.

Der Katastrophe fielen 820 Passagiere und 693 Angehörige der Crew zum Opfer (also insgesamt 1513 Menschen), während lediglich 711 Menschen mit dem Leben davonkamen. Ein hoher Blutzoll für die Verbreitung der Nachricht, dass die unsinkbare Technik des aufstrebenden 20. Jahrhunderts die Naturgewalten besiegt hatte.

Aber stimmen diese Zahlen aus rein kultureller (also buchiger und cineastischer) Sicht? Was hat die Literatur seit dem Untergang der Titanic mit diesem bereits überbuchten Luxusliner veranstaltet? Und man darf als gesichert annehmen, dass kein Autor der Welt in seinem jeweiligen Roman zur Titanic auch nur einen einzigen realen Passagier „von Bord geschrieben“ hat, um andererseits Platz für seine erfundenen Charaktere zu schaffen.

Ein paar trockene Fakten:

Es gibt insgesamt c.a. 350 Romane, die sich mit dem Untergang der „Unsinkbaren“ beschäftigen und insgesamt 12 filmische Großproduktionen haben das größte Schiff der damaligen Zeit immer und immer wieder gegen den gleichen Eisberg fahren lassen. Subsummieren wir dies unter dem Sammelbegriff Literatur, da wie schon beschrieben auch die Filme auf entsprechenden Büchern basieren.

Alleine die Entourage von Rose Dewitt Bukater hätte zwei Rettungsboote benötigt...

In jedem einzelnen dieser Werke wurden, im guten Stil historischer Romane, fiktionale Gestalten an Bord der Titanic versetzt. Alleine schon James Camerons an Bord versammelte Großfamilie einer gewissen Rose Dewitt Bukater, inklusive Zofen, Dienern und Pagen, einem zufällig aufgegabelten Zeichner namens Jack, dessen Freunden und erfundenen Randfiguren hätte dazu geführt, dass die Titanic bereits vor ihrem Auslaufen eine dezente Schlagseite aufgewiesen hätte. Vom Gepäck der Herrschaften einmal ganz abgesehen.

Eine überschaubare Rechnung:

Pro Roman ca.:
3 erfundene Charaktere = 1116 fiktionale Passagiere
1 erfundenes Besatzungsmitglied = 362 erdachte Crewmitglieder

Pro Roman:
Werden von diesen Protagonisten durchschnittlich die Hälfte gerettet = 739 Glückliche

Die Folge:

Die Literatur hat die Titanic mit insgesamt 3702 Menschen an Bord auf ihre Jungfernfahrt geschickt. Kein einziger realer Passagier wurde von Bord geschrieben, kein Rettungsboot zusätzlich erfunden! Nachweislich haben sich 739 fiktionale Charaktere in Rettungsbooten und auf sonstigem Treibgut retten können.

Unverantwortlich, was die schreibende Zunft in den letzten einhundert Jahren diesem legendären Schiff aufgebürdet hat. Einerseits wäre sie bereits beim Auslaufen gekentert, andererseits fehlt aus der Sicht der Belletristik von den realen 711 Überlebenden eigentlich jede Spur, da jeder Autor sich, frei nach dem Motto „Kinder und Protagonisten zuerst“, nur um seine Schäfchen kümmerte. Fatal!

Ein Schiff als Großraumtatort - Die Titanic...

Nur am Rande sei erwähnt, dass die Literatur während der ansonsten langweiligen Überfahrt mehr Verbrechen an Bord der Titanic stattfinden ließ, als es weltweit bei vergleichbarer Population nachweisbar gewesen wäre. Mordfälle, Diebstähle, Schmuggel, Vergewaltigungen, Befehlsverweigerungen und Körperverletzungen hätten eigentlich die Anwesenheit einer Hundertschaft Bereitschaftspolizei erforderlich gemacht. Aber für die war nun wirklich kein Platz mehr.

In Anbetracht dieser Fakten haben sich die Passagiere der Titanic in allen Klassen nur so gestapelt, während ihnen aus allen Richtungen Kugeln um die Ohren flogen. Nichts da mit gediegenem Ambiente und ein wenig Tanzen oder Promenieren. Und der Eisberg erscheint vor diesem Hintergrund fast als das geringste Übel.

Die Belletristik hat die Titanic versenkt – soviel steht fest. Die Literatur hat die wenigen Überlebenden zusätzlich dezimiert, um die eigenen Helden zu retten. Die Literatur hat die Titanic zum Zentrum der Kriminalität erhoben. Und es ist zu vermuten, dass dies endlos weitergeht. Ich möchte nicht wissen, wie viele Protagonisten ihren Fahrschein schon in irgendeinem Manuskript gelöst haben. Ich mag keine Ahnung davon haben, welche neuen Verbrechen man sich zur Abwechslung ausdenkt, um die langatmige Überfahrt ein wenig mit Spannung zu würzen.

Ich weiß nur, dass spätestens in 100 Jahren das Gleiche mit der Costa Concordia geschehen sein wird. Zu gewissenlos sind die Autoren unserer Zeit und schon bald werden Atomwaffenschmuggler und Serienmörder auf diesem traurigen Schiff einchecken, um ihr Unwesen zu treiben.

Macht nur weiter so, liebe Autoren – aber seid Euch der Konsequenzen bewusst…. Ihr verändert mit jedem Wort die Geschichte…. Auch wenn ihr das niemals zugeben würdet… (und jetzt lese ich mit Bianca gemeinsam in Elisabeth Büchles Titanicroman „Der Klang des Pianos“ weiter und wir freuen uns darauf, mit der Stewardess Norah Casey und dem Klavierbauer Richard Martin an Bord zu gehen…. Beide natürlich ERFUNDEN…. Aber einfach gut) 😉

So hätte sie aussehen müssen - die Titanic für alle Romanfiguren der Literatur.

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