Linda Maria Koldau im Interview zu „Titanic – Das Schiff – Der Untergang – Die Legenden“

Linda Maria Koldau - Das Interview

Eine Katastrophe ist keine Sache – ein Traum ist keine Sache – Leid ist keine Sache und Schicksal ist keine Sache. Dieses Buch mag ein Sachbuch sein – aber es ist keine Sache… es lebt…

Unter dieser Überschrift haben wir erst vor wenigen Tagen Linda Maria Koldaus Buch „Titanic – Das Schiff – Der Untergang – Die Legenden“ vorgestellt. Die Vielschichtigkeit und der schwungvolle Stil des inhaltsreichen Werks haben uns überzeugt und wir waren mehr als glücklich, die Autorin während der Buchmesse in Leipzig zu einem exklusiven Interview am Stand des C.H. Beck Verlages treffen zu dürfen.

Wir hatten viele Fragen in unseren Überseekoffern und stießen auf eine mehr als sympathische und aufgeschlossene Schriftstellerin.

Linda Maria Koldau im Interview mit Literatwo - TITANIC

Frau Koldau, was hat Sie dazu veranlasst, das 1000ste Sachbuch zum Untergang der Titanic zu schreiben, den 1000sten Ablaufplan der Katastrophe zu entwerfen und wie ist es Ihnen gelungen, es dann doch so deutlich von der Masse der Publikationen zu diesem Thema abheben zu können?

Der Ursprung ist lustigerweise immer noch in meiner „Erstqualifikation“ verankert. Ich bin ja Professorin für Musikwissenschaft und habe darüber natürlich sehr viel zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Ich bin dann irgendwann über U-Boote zur Filmmusik gekommen und durch diese Filmmusikarbeit habe ich dann für meine Vorlesungen angefangen, nach guten Filmen zu suchen an deren Beispiel man Studenten erklären konnte, wie Filmmusik funktioniert.

Ich habe 1997 den Film „Titanic“ von James Cameron nicht gesehen, sondern kam erst viele Jahre später zur DVD. Die Filmmusik ist gut und ich habe festgestellt, dass es noch viel mehr Titanicfilme gibt. Genau an dieser Stelle begann mein Interesse zu wachsen. Mein im Sommer erscheinendes Ursprungsprojekt über die „Titanic im Film“ und ein geplantes Kapitel über die komplexen Hintergründe der Katastrophe führten dazu, dass ich mir unwahrscheinlich viel über das Schiff angeeignet und sehr viel Material gesammelt hatte. Irgendwann stellte sich im direkten Kontakt zum C.H. Beck Verlag die Frage, ob nicht Interesse an einem eigenständigen kulturhistorischen Buch über die Titanic besteht.

Das Interesse war da und so entstand dieses Buch. Es hat einen riesigen Spaß gemacht, weil es eben nicht im harten wissenschaftlichen Stil mit unendlichen Fußnoten und Quellenangaben versehen werden sollte, sondern, rein journalistisch aufbereitet, mein Wissen in lockerer Art und Weise vermitteln durfte. Und nach Abschluss der Arbeiten an diesem Buch gelang es mir an einem Nachmittag, das historische Kaptiel für das englische Buch zu Papier zu bringen. Insofern ist dieses Kapitel eigentlich ein Buch im Buch, wobei mir die journalistische Aufbereitung in meinem Buch eigentlich viel besser gefällt…

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Wir haben in den letzten Jahren viele Bücher zum Thema gesammelt und unsere kleine Bibliothek reicht vom Kinderbuch (Polar – Der Titanic Bär) über die Bildbände zu Filmen bis hin zu reinen Sachbüchern. Wir waren angenehm überrascht, schon im Inhaltsverzeichnis Ihres Buches zu erkennen, dass Sie Themen mit aufgreifen, die in einem solchen Sachbuch eigentlich keinen Raum einnehmen. Legenden, Filmmusik und Mythen findet man selten in anderen Werken… und Sie nähern sich den Passagieren der „Zweiten Klasse“ an, die bisher immer ausgeblendet wurden. Wie kamen Sie auf diesen Schwerpunkt?

Das gehört eigentlich zum Mythos Titanic. Der Untergang dieses Schiffes ist eigentlich nur ein einzelnes Ereignis und trotzdem beschäftigt es die Menschen seit fast genau 100 Jahren. Das hat mich vor dem kulturwissenschaftlichen Hintergrund sehr interessiert. Es gibt sogar ein Pixi-Buch für Kleinkinder über die Katastrophe. Wie gesagt, es ist ein Mythos, der sich das ganze 20. Jahrhundert über erhalten und je nach historischem Kontext verändert, vieles aber auch beibehalten hat.

Wissenschaftlich lässt sich der Mythos am besten in die sogenannten „Kategorien“ der modernen Kulturwissenschaft fassen. Ich persönliche sehe das nicht so gerne in harten Rastern, denn man kann mit Theorien nicht die Welt erklären. Aber es ist eben so, dass einige Themen immer wieder kommen, egal in welcher Kultur, und die Titanic bietet einfach alles, was hier gebraucht wird. Die Geschlechterrollen, die Klassenunterschiede, nationale Eigenarten und Identitäten, Religion und gerade bei den verschiedenen Klassen werden alle Klischees perfekt bedient. Die schillernde Erste Klasse mit all ihrem Reichtum und die Dritte Klasse der armen aber ehrlichen Menschen. Diese Klasse dient im Mythos eigentlich eher zur Vermittlung von Lokalkolorit, und zwar auch bei James Cameron, der ja so gerne „politically correct“ dastehen will: Jack Dawson ist ja nur zufällig in der Dritten Klasse gelandet und bewegt sich in der Ersten mit aller Selbstverständlichkeit. Er steht im Film über allen Klassen, eben der Superheld.

Die langweilige Zweite Klasse hat hier scheinbar nichts zu bieten – daüber kann man keine guten Geschichten schreiben. „SOS Titanic“ bildet hier eine absolute Ausnahme (der Film ist übrigens deutlich besser, als sein Ruf… man kann sich in der Originalfassung auf Youtube davon überzeugen), da der Zweite-Klasse-Passagier Lawrence Beesley eine wichtige Rolle spielt. Aber grundsätzlich ist es so. Die zweite Klasse bietet einfach zu wenig gute Geschichten.

Was halten Sie von Verschwörungstheorien über den Untergang der Titanic? Sind Sie im Rahmen Ihrer Recherchen auf solche Anhaltspunkte gestoßen?

Die Theorien, die gerade in den letzten 20 Jahren aufgekommen sind, versuchen aus meiner Sicht lediglich Aufmerksamkeit zu erregen, und es ist mir immer noch absolut unverständlich, wie nach dem Auffinden des Wracks die Theorie weiter verbreitet werden kann, es sei die Olympic gewesen. Man kann doch überall die Produktionsnummern erkennen.

Verschwörungstheorie klingt mir einfach zu stark, aber es ist etwas Typisches geschehen, das war ein ganz normaler Prozess: Die White Star Line und der Mutterkonzern haben versucht, so weit wie möglich die Verantwortung abzuwälzen und sehr viel unternommen, dass ihre Angestellten daran mitwirken. Hier müsste sich jemand, der sich sowohl juristisch als auch psychologisch gut auskennt, den Untersuchungsprotokollen widmen. Das wäre sehr, sehr spannend.

Ich habe die Protokolle durchgearbeitet und mir ist aufgefallen, dass eben sehr viel ausgewichen wird. Es ist auffällig, dass bei besonders heiklen Fragen zu Notsignalen und Leuchtraketen genau an der Stelle, an der es spannend wird, die Richtung geändert wird. Man biegt ab und wechselt das Thema im Kreuzverhör. Das weist darauf hin, dass viel getan wurde, um Probleme auszublenden. Das Ziel kann nur gewesen sein, zu verhindern, dass die Verantwortung der White Star Line deutlich wird.

Linda Maria Koldau - Die Titanic - über Verantwortung und Verdrängung

Hier sind wir in einem ganz aktuellen Themenbereich: Verantwortungskultur. Die Titanic hat in der Bewältigung der Katastrophe im maritimen Bereich sicherlich Maßstäbe gesetzt. Fühlen Sie sich betroffen, wenn Sie heute in den Nachrichten verfolgen, wie die Verantwortlichen mit der Havarie der Costa Concordia umgehen?

Ich würde jetzt gar nicht über die Costa Concordia sprechen, sondern über die Universitätskultur, die ich in Dänemark erlebe und die gerade im Lande sehr diskutiert wird. Das ist Verantwortungsleugnung in ganz großem Stil. Man hat es hier mit einer Leitung zu tun, die alles unternimmt, damit nicht über den Begriff Verantwortung gesprochen wird und alles tut, damit im Konfliktfall die Verantwortung auf den Konfliktgegner abgeschoben wird.

Im Fall der Costa Concordia weiß ich nicht, wie der Stand der Seeuntersuchung steht. Ich werde mich im Sommer intensiv damit auseinandersetzen, weil ich einen Artikel schreiben werde mit dem Titel „Titanic und Costa Concordia“. Hier ist der Vorteil, gegenüber der Universitätskultur, das es ganz klare Regeln und ein großes öffentliches Interesse gibt. Ich denke, hier wird sich die Reederei nicht ganz so leicht aus der Verantwortung ziehen können. Auffällig ist (wenn man der Berichterstattung aufmerksam folgt) dieser „Schurkenkapitän“. Man kann sich eigentlich als normaler Mensch nicht vorstellen, dass sich jemand so dusselig und so unmöglich verhält. Wenn dies den Tatsachen entspricht, dann hat man den idealen Sündenbock. Für mich stellt sich jedoch eher die Frage, ob hier nicht weitaus mehr Verantwortung von anderen mitgetragen werden muss. Es kann nicht sein, dass hier einer alleine die Verantwortung hat!

Es ist für mich sehr interessant zu beobachten, wie in unserer Gesellschaft diejenigen, die in der Verantwortung stehen und dafür auch richtig gut bezahlt werden, damit umgehen, wenn sie gefragt sind. Es scheint zur Norm zu werden, erstmal alles abzuwälzen und das schwächste Glied zu identifizieren. Und das kann man ja dann feuern!

Fahren Sie selbst zu See? Unternehmen Sie Kreuzfahrten?

Nein… (lacht) – ich glaube auch nicht, dass ich mir das antun würde. Im Hotel habe ich gerade einen Bericht über Kreuzfahrten gesehen und ich musste mich fragen, wie man sich sowas freiwillig antun kann. Ich wohne bei Kiel und ich finde es schon sehr beeindruckend, den riesigen Fähren beim Auslaufen zuzusehen. Also das könnte ich mir vorstellen – eine Fährfahrt über die Ostsee nach Oslo. Aber wochenlang auf einem Schiff eingesperrt zu sein, nur im Kreis laufen zu dürfen.. das wäre nichts für mich!

Hören Sie eine bestimmte Musik, wenn Sie an Ihr Buch denken – welche Hintergrundmusik würden Sie Ihren Lesern empfehlen?

Das kann man eigentlich nicht sagen, auch wenn der Verdacht naheliegen könnte, dass es die Filmmusik zu Titanic ist. Diese Filmmusik höre ich gelegentlich, wenn ich arbeite und mich nicht sehr auf die Musik konzentrieren möchte. Aber nicht diesen Popsong, obwohl ich zugeben muss, dass er handwerklich sehr gut gemacht ist. Das Lied ist perfekt und erreicht genau das, was beabsichtigt ist. Mich faszinieren die Filmmusikpassagen zum Untergang des Schiffes, aber ob man dabei konzentriert lesen kann, wage ich zu bezweifeln…

Wenn wir uns 100 Jahre in die Zukunft versetzen und gemeinsam in eine große Bibliothek gehen. Unter „T – wie Titanic“ ist die Weltliteratur aufgereiht und jemand greift zu Ihrem Buch. Was würden Sie sich wünschen, wenn er etwas dazu sagen sollte: „Die Koldau hat damals…“?

„…endlich den Anfang gemacht, dass Leute begonnen haben, diese Legenden aufzudecken und den Mythos genauer unter die Lupe zu nehmen – einen Mythos, der aus einer nicht zu entflechtenden Verquickung von Legende und Wahrheit besteht. Und es macht Spaß, dieses Buch zu lesen, weil es flott geschrieben ist!“. Das wäre toll…

Auf welche, nie gestellte, Interviewfrage würden Sie gerne einmal antworten?

Gefragt wurde ich, obwohl das ja nahe läge, nie: „Warum schreiben Sie eigentlich?“ Das ginge dann wirklich an den Kern!

Wie würde ich darauf antworten? Weil ich das Schreiben brauche, wie die Luft zum Atmen – weil ich es liebe, spannendes Wissen in spannende Sprache zu fassen – weil ich es liebe, mich auf neue Themen einzulassen und so richtig tief zu graben – weil ich meine, dass es noch immer so viel zu sagen gibt – weil ich erzählen und fesseln will – weil ich den Kontakt mit anderen Menschen will, über das Wort…

Nicht nur mit dem Wort hat sie uns begeistert... Linda Maria Koldau

Nach dem Interview ist vor dem Interview, könnte man sagen. Der Kontakt zu Linda Maria Koldau ist bis zum heutigen Tag nicht abgerissen und sie gab uns sogar die Ehre, unser Literatwo-Treffen in Leipzig mit ihrer Anwesenheit zu bereichern.

Der Umstand, dass sie ausgerechnet die „Eisberg-Karte“ für unsere Titanic-Aktion am 15. April gezogen hat, darf keinerlei Rückschlüsse auf ihre Persönlichkeit zulassen. Gewöhnlich gut unterrichtete Quellen wissen zu berichten, dass sie diese Karte seit Leipzig immer bei sich trägt 😉

Wir danken für die Offenheit und freuen uns darauf, Linda Maria Koldau auch am nächsten Sonntag an Bord der MS Literatwo begrüßen zu dürfen!

Alle Mann an Bord... Leinen los am 15. April...

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