NEARER, MY GOD, TO THEE – Der 15. April 1912

Dieser Text wurde zu folgendem Choral geschrieben – vielleicht sollte man ihn auch beim Lesen hören. Ich denke, das sollte man vielleicht…

Ruhig war es geworden… immer ruhiger. Und schlagartig dunkel. Die Geräusche von berstendem Stahl, die Hilfeschreie von Menschen im Wasser und die Musik an Bord waren verstummt. Die letzen Erinnerungen an den Choral „Nearer, my God, to Thee“ schienen sich in den leichten Wellenbewegungen des friedlichen Atlantiks zu spiegeln. Tief in sich zusammengesunken, betend, murmelnd, weinend und lachend saßen sie nun bunt zusammengewürfelt und nicht mehr nach Klassen getrennt in den Rettungsbooten der White Star Line.

Mit einem letzten schrecklichen Seufzer war sie vor wenigen Stunden gesunken. Der Stolz der Meere – das größte Passagierschiff seiner Zeit – die Titanic existierte nicht mehr. Mit an Bord unzählige Geschichten und Schicksale, die unerwähnt geblieben sind. Mit an Bord unzählige Legenden und Mythen, die ein Jahrhundert überdauert haben.

Mit an Bord: Ehemänner, erwachsene Söhne und Besatzungsmitglieder, die einem uralten Ehrenkodex folgend, den Weg in die Rettungsboote niemals antraten.

Mit an Bord: Frauen, die sich nicht von ihren Partnern trennen wollten; Familien, die zu spät an Deck erschienen und die stattliche Anzahl der Unglücklichen, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Die wenigen Überlebenden froren bitterlich, trieben in heilloser Ungewissheit und, trotz der Erleichterung über die eigene Rettung, gezeichnet von großen Verlusten und schlechtem Gewissen an der Oberfläche des Atlantiks, der noch Stunden zuvor zum nassen Grab für Verwandte, Freunde und Kameraden geworden war.

Überlebt… und doch keine Erleichterung. Wenige Stunden zuvor noch hatte man sich an Bord zum Essen verabredet, lauschte dem Klang der Pianos, suchte in den jeweiligen Kabinen nach den so begehrten Einreiseunterlagen und träumte von einem Leben in einer anderen und vielleicht besseren Welt. Man überlegte, was man seinen Freunden erzählen konnte – wie man ihnen vermitteln würde, wie faszinierend die Fahrt an Bord der Titanic verlaufen war. Die Faszination wich nun dem Schrecken und der Schrecken dominierte das Denken.

Wer war noch am Leben? Wo waren all die Anderen? Wie mutig muss man gewesen sein, um bis zum letzten Atemzug, die Kessel zu befeuern um die Titanic so lange wie möglich am Leben zu halten. Wie verzweifelt muss man gewesen sein, schwimmend zu realisieren, dass die Rettungsboote nicht umkehren würden. Wie hilflos muss man gewesen sein, wenn man dann doch realisierte, was es an diesem Tag bedeutete nicht zu der Gruppe der „Frauen und Kinder zuerst“ zu gehören.

Und wie große musste die Angst gewesen sein, als das letzte Kommando an Bord erteilt wurde: „Rette sich wer kann…. Gentlemen, every man for himself“.

Hoffnungen und Träume waren untergegangen. Familien waren zerrissen, junge Ehen durch den Tod geschieden und kleine Kinder des ersehnten langen Lebens beraubt. So trieben sie in den neuen Tag. Trieben, ohne selbst handeln zu können – traumatisiert und im Wechselbad der Gefühle. Treibgut einer der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte.

„Nearer, my God, to Thee“ waren sie niemals zuvor und nun mussten sie hoffen, dass ihre neuen Gebete erhört wurden. Sie trieben und waren sich darüber im Klaren, welch Unterschied das Treiben im Vergleich zum Sinken darstellte. Leben.

Als am Horizont die Schornsteine der Carpathia auftauchten, schloss sich das Kapitel des Untergangs der Titanic und der Rettung ihrer Überlebenden. Und gleichzeitig begann die Welt um diese wenigen Menschen herum neue Bücher zu schreiben – neue Kapitel aufzuschlagen, die dieses Drama romantisierten, glorifizierten und mystifizierten.

Die Realität sah anders aus. Not und Leid griffen um sich. Die White Star Line zum Beispiel betrachtete die Stunde des Untergangs ihres Vorzeigeschiffs gleichzeitig als das automatisierte Vertragsende mit der Besatzung. Überlebende erhielten ihre Heuer bis zu genau dieser Stunde und Angehörige von ertrunkenen Heizern, Matrosen und Offizieren wurden ebenfalls so abgefunden. Die Heuer wurde so zum Ungeheuer. Da war nichts mit Romantik, mit Mythos oder Heldentum.

Die Realität war hart. Den Menschen, die an Bord geblieben waren galt die Aufmerksamkeit. Den Überlebenden wurden die unterschiedlichen Stempel aufgedrückt: Glück, Feigheit oder Bestechung lauteten ihre Inschriften.

Man hatte sich zu schämen…. als Überlebender. Was für ein Leben. All dieser Menschen gedenken wir heute, 100 Jahre nach dem Untergang der Krone der maritimen Schöpfung. Der Toten der Titanic, wie der Überlebenden gedenken wir. Und doch kann sich niemand auch nur näherungsweise vorstellen, wie die Einen fühlten und die Anderen litten.

Niemand kann das…. Nearer, my God, to Thee

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