Stadt der Bücher – ein KunstWerk

Ein kongeniales Team – Weltensammler Trojanow und Anja Bohnhof

„College Street ist keine Straße, es ist kein Viertel und keine Hochschule; College Street ist das Versprechen, jedes Buch zu finden, das man begehrt.“

„Dieses Versprechen durchdringt… jede Nische eines Labyrinths, das von den Hauptstraßen in die Nebenstraßen und Seitengassen führt, ein Labyrinth aus bedrucktem Papier; von den Bürgersteigen zu den Durchgängen, von den Türen über Treppen bis hinauf zu vollgestopften Dachgeschossen stapeln sich Bücher zu Fassaden, Ecken und Erkern.“

Wenn ich jetzt fragen würde, in welcher Stadt diese College Street liegt, erhielte ich wohl nicht allzu viele richtige Antworten. Mir ging es ähnlich, als ich dieses Buch sah, es berührte, aufschlug und so gefangen war, dass mir keine Wahl blieb, als es zum Teil meiner Bücherwelt zu machen.

Stadt der Bücher – ein absoluter Lustkauf. Ein Buch, das mich im Sturm erobert hat und mich auch Tage nach dem Lesen und Betrachten magisch in seinem Bann gefangen hält. Wenn ich erneut fragen würde, in welcher Stadt diese Straße – dieses literarische Versprechen – liegt, dann würden wir noch immer im geographisch trüben Wasser fischen.

Und wenn ich dann die indische Metropole Kalkutta erwähne, dann ernte ich vergleichbare Reaktionen. Sie reichen von „Das hätte ich nicht gedacht“ bis „Ich hätte schwören können, es geht um Paris oder New York.“ So dachte ich auch.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlages (© Anja Bohnhof)

Bis zum ersten Satz – bis zum ersten Bild – bis zum ersten Gedanken – bis zum ersten Gefühl. Kalkutta – Ziel einer buchigen Reise.

Kein gewöhnliches Buch halte ich in Händen – eher ein wertvolles Gesamtkunstwerk mit einer eigenartigen Dynamik. Der Text des mehrfach ausgezeichneten „Weltensammler“-Autors Ilija Trojanow, seine Sprache und die persönlich leichte Art und Weise, mir die letzten und ersten Geheimnisse dieses Bücherparadieses zu verraten, zwingen mich zu lesen – sie beschleunigen meinen Atem, da ich als bekennend bibliophiler Mensch quasi vor einem bisher unentdeckten Schatz stehe und nur dieser Autor im Besitz des Schlüssels zu sein scheint.

Lesen möchte ich – alles erfahren.

Vom Leben des Straßenfegers, der nebenbei Bücher zu den tausenden Buchhändlern Kalkuttas transportiert, um überleben zu können. Von den Möglichkeiten, die dieser Mikrokosmos eines urbanen Literaturwunders bietet, in dem alle Berufsgruppen beheimatet sind, die es ermöglichen ein Manuskript schneller als in jedem anderen Land der Welt zum gebundenen Buch werden zu lassen.

Von den existenziellen Ängsten und Sorgen der Kleinverleger und Papierschneider vor den Großverlagen und ihrer Macht, und letztlich von den Verdiensten dieses, mit einem Ameisenstaat vergleichbaren, Bücherkosmos, der es den Menschen in einem von Armut geprägten Land erst ermöglichte, Bildung und Unterhaltung zu erschwinglichen Preisen zu erwerben.

All dies möchte ich lesen – in einem Zug – es ist packend und neu – es liest sich unverbraucht, inspirierend und zieht im Unbewussten Vergleiche zu unserer Welt der Bücher…

Eine textlich / visuelle Hommage an die Macht des Buches…

Ich könnte lesen… nur: Dieses Buch lässt genau das nicht zu. Anja Bohnhof, Fotografin und kongeniale „Stadt der Bücher“-Partnerin von Trojanow hält mich fest.

Ihre einzigartigen Bilder fesseln meinen Blick von Seite zu Seite mehr – sie lassen mich zurückblättern und genießen, machen nachdenklich und fröhlich, lassen mich schmunzeln und grübeln. Sie korrespondieren mit dem Text, als würden sie die Botschaft Trojanows mit einer eigenen Harmonie in die Welt tragen. Sie zeigen, was wir Leser erträumen, was Trojanow beschreibt und was doch unvorstellbar ist.

In hochauflösender Großformattechnik entstanden Bilder (analoges „High End-Material“) von vielen dieser typischen Buchgeschäfte und den sich stapelnden Werken aus allen Genres der Welt- und Fachliteratur in einer Detailtreue, die nur dem menschlichen Auge zu entsprechen scheint.

Keine Unschärfen – alles ist gestochen klar zu erkennen – bis zu den liebevoll platzierten und scheinbar wertvolleren Büchern im Hintergrund. Scharf bewacht vom Händler – bibliophiles Bücherbummeln scheint unmöglich – man muss nach einem Werk fragen – ganz gezielt und dann setzt sich dieser Kosmos in Bewegung, bis nach kurzer Zeit auch die seltensten Bücher den Weg zum Kunden finden. Bücher selbst in Augenschein zu nehmen – dies zeigen die Bilder – ist unmöglich.

Text und Bild gehen Hand in Hand und dort, wo sie gemeinsam eine Straße zu überqueren scheinen, genau dort sehen wir Bilder des Lebens in der literarischsten Straße des Erdballs. Hier zaubert Anja Bohnhof „bewegte Bilder“ in dieses Kunstwerk.

„College Street fehlt jedes Maß,
Bescheidenheit oder Beschränkung sind Fremdworte,
die in keinem der örtlichen Dialekte auftauchen.
Wer sich hier verirren sollte,
wird einer Überdosis Wissen erliegen.“

Mit einem Klick zum Set in Kalkutta – Das Interview mit Anja Bohnhof

Editorische Notiz:

Über Ilija Trojanows Zeilen zu schreiben war ein pures Vergnügen. Der Text transportiert Emotion und Wissen, schweift nicht ab und beschränkt sich auf die Magie des unbestechlichen Wortes. Die Rezension zum Textteil des KunstWerks ließ sich nicht bremsen – sie ging ihren eigenen Weg.

Über Anja Bohnhofs Bilder zu schreiben war eine Ehre. Warum? Literatwo ist ein stark visuell ausgerichtetes Blog-Konzept. Ohne die Bilder aus dem Buch zeigen zu können, wäre es mir nicht möglich gewesen, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen, da sie an die Grenzen der publizierbaren Möglichkeiten gestoßen wären.

Eine Ehre ist es, weil ein Anruf bei Anja Bohnhof ausreichte, um diese Lücke zu schließen. Zwei Bilder zur exklusiven Veröffentlichung und die Verabredung zu einem Interview über die Entstehung und den Ablauf dieses Prokjektes aus Sicht der Fotografin waren Ergebnisse dieses Telefonates. Und schon waren sie da – meine Worte, auch zu den Bildern – vielleicht besonders zu den Bildern.

Hier geht es zum Interview mit exklusiven Fotos vom Set in Kalkutta!

The PATH continues… Literatwo & PATH….

Es liegt nahe, dieses Projekt gemeinsam mit unserem Teamfotografen PATH ( in der Literaturszene bekannt durch unsere gemeinsamen Projekte, wie Leo Tolstoi, Das Flamingobuch und Corine 2010) anzugehen, da auch er von den Bildern Anja Bohnhofs begeistert ist und (wie wir) mehr erfahren möchte über ein großes Projekt in Indien.

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