Als gäbe es einen Himmel…

Literatwo gegen das Vergessen – Als gäbe es einen Himmel – Els Beerten

Literatwo hat sich das Schreiben „Gegen das Vergessen“ auf die literarische Fahne geschrieben. Bücher, die geschrieben wurden, um uns die Vergangenheit vor Augen zu führen und die dafür Sorge tragen, dass Begriffe wie Holocaust, Genozid, Deportation und Verfolgung nie in Vergessenheit geraten, stehen hierbei im Vordergrund.

Sie bilden für uns die Ausgangssituation, ein neues Aufflammen solcher Ideologien schon in unserem Denken für alle Zukunft einzudämmen und viele dieser Neuerscheinungen oder Klassiker sollten zur Pflichtlektüre in unseren Schulen erhoben werden, da sie nicht nur stilistische Meisterwerke sind, sondern eine Botschaft transportieren, an der man nicht achtlos vorübergehen darf!

Mit dem Roman „Als gäbe es einen Himmel“ von Els Beerten nähern wir uns diesem Herzensanliegen diesmal von einer Seite, die für diktatorische Systeme idealtypisch ist. Die Beeinflussung Jugendlicher, ihre Verführung und die kollektive Verblendung sowie die lebenswichtige Entscheidung zwischen Mitlaufen, Kollaborieren oder Widerstand sind die zentralen Themen des zeitlos bewegenden Jugendbuches.

Als gäbe es einen Himmel von Els Beerten

Ich habe meine Freunde nie verraten.
Wer das dennoch tat, wurde schwer bestraft.
Denn man überlebt dank der Freunde.

Und nicht trotz seiner Freunde…

Kein Zitat aus dem Roman „Als gäbe es einen Himmel“ trifft den Kern der geschilderten Geschehnisse treffender – kein Satz bleibt länger im Gedächtnis als dieser.

Belgien kurz nach der Besetzung des Landes durch deutsche Truppen im zweiten Weltkrieg. Die Geschwister der Familie Claessen leben im wohlbehüteten Kokon einer kleinen Schutzinsel namens „Wegschauen“ und „Nicht Auffallen“. So versucht der Vater seine kleine heile Welt zu bewahren. Verbunden durch die gemeinsame Leidenschaft zur Musik und im Kontakt mit den Angehörigen des kleinen Orchesters muss die kleine Familie allerdings schnell realisieren, dass ihre geschlossene Gemeinschaft im Dorf so langsam zu bröckeln beginnt.

Das nationalsozialistische Gedankengut beginnt wie ein Spinnennetz zu wuchern und um den Kokon der Familie einen zweiten zu legen, der umso undurchdringlicher scheint, je mehr Zeit ins Land geht. Es wird eng im Dorf. Das Misstrauen geht auf wie eine gut gedüngte Saat.

Mitläufer, Kollaborateure und die Widerstandsbewegung stehen in härterem Kampf gegeneinander, als ein vereinigtes Belgien der Flamen gegen die Deutschen stehen könnte.

Die Strategie der Machthaber scheint aufzugehen. Nur die Familie Claessen versucht allen äußeren Einflüssen zu trotzen. Bis Ward erscheint. Ein brillanter Saxophonist, der mit seiner Mutter ins Dorf kommt. Er ist so anders, faszinierend und charismatisch. Bei einer Orchesterprobe lernt er die Geschwister Claessen kennen.

Er bringt das Leben der Familie durcheinander. Die Tochter Renée verliebt sich in ihn, der ältere Bruder Jef wird zu seinem Weggefährten und der jüngere Bruder Remi träumt davon, Wards bester Freund zu werden, wenn er nur endlich älter wäre. Doch besonders an Ward gehen die Parolen der NAZIS nicht spurlos vorüber und aufgestachelt durch Lehrer und die gemeinsame Angst vor einem noch viel mächtigeren Feind aus dem Osten, beschließt er, seine Zukunft in die eigene Hand zu nehmen und auf Seiten der Deutschen gegen die Russen zu kämpfen. Er wählt den Weg in die Waffen-SS.

Eine Entscheidung, die beide Kokons der Familie zu zerreißen droht. Denn im Widerstreit der unterschiedlichen Parteien ist ein behütetes Zuschauen nicht mehr möglich und jede individuelle Entscheidung ist eine für oder gegen das eigene Land – und auch eine Entscheidung für oder gegen Ward. Und eine Entscheidung gegen Ward ist die Entscheidung für den Widerstand.

Alles entscheidet sich in einer einzigen Nacht – alles gipfelt in einer Katastrophe – alles verändert sich in der Stunde, in der Besatzer und die Resistance aufeinandertreffen und Jef zum Helden wird…. Zumindest aus Sicht der Widerstandsbewegung.

Els Beerten – Als gäbe es einen Himmel – Beginn eines neuen Denkens

Als gäbe es einen Himmel…. Als gäbe es jenen Himmel, zu dem jeder betet, den jeder in seinen gequälten Stunden sucht, an den jeder seine Hoffnungen richtet und der sich doch für alle Beteiligten so sehr zu verdunkeln scheint. Als gäbe es jenen Himmel, versucht jeder seinen Weg durch die Katastrophe des Krieges zu finden… aber es gibt keinen Himmel im Belgien der Jahre 1940 – 1945. Es gibt nur Wolken und Blitze, Donner und Niederschlag. Es gibt keinen Himmel – zumindest keinen gemeinsamen.

Ein multiperspektivischer Roman, der gerade durch die wechselnden Sichtweisen die Dynamik des Lebens in einem zerrissenen Dorf hervorhebt. Jeder kommt zu Wort – jeder sieht das Geschehen nur aus seiner Sicht und jeder erkennt nur seine Wahrheit. Wir Leser besitzen das Privileg das Prismenglas dieser Perspektiven scharf stellen zu können und im brutalen Fokus der gebündelten Lichtstrahlen der einzelnen Handlungsstränge die EINE Wahrheit zu erkennen, die zum völligen Desaster führt.

Ein großer Roman über Vorverurteilung, Heldenverehrung und ein Leben in der letzten Konsequenz der eigenen Entscheidung. Ein großes Buch der Missverständnisse und vertanen Chancen. Ein wichtiges Buch. Es trägt dazu bei, sich über den Gräbern von einst die Hand zu reichen… Ein nicht zu unterschätzender Beitrag, den die Literatur heute zu leisten vermag!

Hier geht es sofort weiter! Mit einem deutschen Mädel und dem Befehl ihres Vaters.

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David Foster Wallace – Ein erstes Gedicht – The Viking Poem

David Foster Wallace – The Viking Poem – Ein Wikingergedicht

„Es gibt bei uns ein Sprichwort: Gib einem Mann genug Seil, und er erhängt sich.“ (D.F.W. -> 2007 Zeit-Interview)

„Ich wollte mir nicht unbedingt weh tun. Oder mich irgendwie bestrafen. Ich hasse mich nicht. Ich wollte bloß raus. Ich wollte nicht mehr mitspielen, das ist alles.“ (D.F.W. -> Unendlicher Spaß)

„Es ist keineswegs Zufall, dass Erwachsene, die mit Schusswaffen Selbstmord begehen, sich fast immer in den Kopf schießen. Und in Wahrheit sind die meisten dieser Selbstmörder eigentlich schon tot, lange bevor sie den Abzug drücken.“ (D.F.W. -> Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken)

„In Wahrheit ist das Sterben nicht schlimm, es dauert nur ewig lange.“ (D.F.W. -> Good Old Neon)

Es mag sein, dass David Foster Wallace schon zu Lebzeiten viele Spuren ausgelegt hat, die auf seinen Selbstmord im September 2008 hindeuten. Es mag sein, dass selbst seine treuesten Leser immer wieder versuchen, die schwere Erkrankung des Schriftstellers mit der Eloquenz seines Schreibens in Verbindung zu bringen. Xenos

Als „lebenslangen Kampf gegen sich selbst“ bezeichnen namhafte Kritiker sein literarisches Schaffen und seine Depressionen werden häufig für sein ausschweifendes, von Anmerkungen und „Errata“ flankiertes Schreiben verantwortlich gemacht.

David Foster Wallace – lachenschreiben

Aber ist es wirklich nur die tiefe Tragik im Leben dieses begnadeten Schriftstellers, die seine Qualität definiert? Können wir beim Lesen seiner Bücher jemals ausblenden, vor welchem Hintergrund sie entstanden sind?

Können wir sein Werk noch neutral und vorurteilsfrei bewerten– und vor allem ohne Mitleid?

Ich denke: Ja! In seinen Essays, Kurzgeschichten und Romanen gibt es ebenso viele hoffnungsvolle, fröhliche und lebensbejahende Zitate, wie vermeintliche Selbstmordankündigungen. Sein subtiler Humor und seine Begabung, als Professor für kreatives Schreiben nachhaltig und konstant auf seine Studenten einwirken zu können, lassen darauf schließen, dass David Foster Wallace trotz aller inneren Zerrissenheit die Kraft und Muße besaß, seine Fantasie zu übertragen.

Lachenschreiben – ich denke, das konnte er. Die Smileys auf seinen Manuskriptseiten sprechen eine deutliche Sprache!

David Foster Wallace – Das hier ist Wasser – Mit einem Klick ins Aquarium

Seine positive Strahlkraft, seine charismatische Fähigkeit, Menschen zum Perspektivwechsel zu bewegen, sieht man wohl am deutlichsten in seiner magischen Abschlussrede vor Studenten des Kenyon-Colleges.

Das hier ist Wasser“ – eine Anstiftung zum Denken“ setzt Maßstäbe in der Betrachtung des Menschen und Schriftstellers. Diese Rede machte ihn zur Legende – er wurde zum tiefen Wasser – zum Lebenselixier einer jungen aufstrebenden Generation junger Autoren und Leser. Retten konnte ihn dies jedoch nicht.

Das Ende ist bekannt: Am 12.09.2008 wurde David Foster Wallace von seiner Frau in ihrem gemeinsamen Zuhause im kalifornischen Claremont tot aufgefunden. Erhängt. Kein Abschiedsbrief, keine sentimentale Videobotschaft, kein Grab. Er verschwand.

David Foster Wallace – Hard to fill – Mehr als eine Lücke

Er hinterließ eine Garage voller Manuskripte und Notizen, Smileys und Anmerkungen, Post-Its und kleinen Zeichnungen. Er hinterließ einen Mikrokosmos aus dem sein letzter Roman The Pale King konstruiert werden konnte. Er hinterließ seine Schuhe – „Hard to fill“ – so schwer zu füllen aus Sicht seiner Witwe Karen Green.

Und er hinterließ das früheste Zeugnis seines Schaffens. Ein Gedicht, das er im Alter von sechs Jahren verfasste. Sein erstes Werk, mit vollem Namen unterschrieben. Zeilen aus einer Zeit der unbeschwerten Jugend, Zeilen aus einem jungfräulichen Leben ohne jegliche Depression und Versagensangst eines Erwachsenen.

„The Viking Poem“:

Ein Gedicht ist ein Gedicht, ist ein Gedicht, könnte man sagen. Dies ist nicht nur ein Gedicht. Dies ist die Spur zu einem großen Künstler. Eine unbewusst ausgelegte Fährte voller Poesie, Rhythmusgefühl und Potential. Es ist mehr als das… verfasst im Alter von sechs Jahren… unglaubliches Talent…

Vikings oh! They were so strong,
Though there warriors won’t live so long.
For a long time they rode the stormy seas,
Whether there was a great big storm or a little breeze,
There ships were made of real strong wood
As every good ship really should.
If you were to see a viking today,
It’s best you go some other way.
Because they’ll kill you very well,
And all your gold they’ll certainly sell.
For all these reasons stay away,
From a viking every day.

David Foster Wallace

„Weinen sie ruhig, ich verrat`s schon nicht…“
(D.F.W. -> Good Old Neon)

Zur David Foster Wallace – Artikelserie auf AstroLibrium

„Feuer und Glas“ von Brigitte Riebe – Geschichte trifft Fantasy

Feuer & Wasser - Brigitte Riebe - Elemente

Feuer & Wasser – Brigitte Riebe – Elemente

Was passiert, wenn eine promovierte Historikerin und etablierte Schriftstellerin „Historischer Romane“ die Entscheidung trifft, einen fantastischen Roman zu schreiben? Was passiert, wenn eine renommierte Autorin das Genre wechselt und zu all den verbrieften historischen  Fakten die eigene Imaginationskraft hinzufügt?

Die Mischung verspricht explosiv zu sein und im Falle von Brigitte Riebe entsteht ein neues Genre. Vielleicht müssen die Buchhandlungen bald einer neuen literarischen Kategorie ein paar Regalmeter widmen:

„FantOry“ – die Kombination aus Fantasy und History wird wohl künftig untrennbar mit Brigitte Riebe verbunden sein. Und Literatwo hat diesem Genre einen Namen gegeben 😉

Und nun mitten hinein, in ein beginnendes 16. Jahrhundert – auf nach Venedig und lernt mit uns gemeinsam Milla und Luca kennen. Lasst euch von der wahrheitsliebenden Katze Puntino verzaubern. Genießt einen All-Age-Jugendroman ohne einen einzigen Vampir, ohne Dystopie, ohne zaubernde Internatsschüler, aber dafür mit viel Gefühl und Spannung! Betretet mit uns die Brücken von Venedig und passt gut auf euch auf… es wird brenzlig…!

Was „Feuer & Glas – Der Pakt“ im tiefsten Inneren des geneigten Lesers auslöst, könnt ihr sehr schnell erkennen, wenn ihr euch die Rezension von Bianca auf der literarischen Zunge zergehen lasst:

Brigitte Riebe hat uns entführt und zwar nach Venedig. In die Stadt der Liebe und der vielen Gondeln und unzähligen Wasserwege.

Gerade angekommen, setzen wir unsere Füße aufs Land und sehen auch schon Milla. Sie steht auf einer Brücke, tief in Gedanken versunken und scheinbar doch hellwach, denn ihr Blick ist auf einen jungen Mann gerichtet. Dieser fährt in einer Gondel, welche blau leuchtet, außerdem ist eine Katze bei ihm. Im nächsten Moment rennt Milla aber auch schon los in Richtung Piazza auf der sich hunderte von Menschen tümmeln, denn die Handelsflotten sind da. Die Fähren aus Konstantinopel, welche zwei Mal im Jahr in Venedig ankommen. Millas Blick sucht und sucht, scheinbar möchte sie jemanden abholen.

 

Wir erfahren, dass sie nach dem Feuerkopf, ihrem Vater Leandro Ausschau hält. Sie erwartet ihn schon lange zurück, doch nur sie hat noch die Hoffnung, dass er jemals zurückkehrt. Seit fünf Jahren schon ist er verschwunden, in der Stadt wird er als Verräter bezeichnet, der sich nach Konstantinopel abgesetzt hat. Ihr Herz schlägt höher, als sie von weitem schon einen feuerroten Haarschopf sieht, doch sie wird enttäuscht und der Mann stellt sich als Marco Bellino vor.

Milla ist verzweifelt und begibt sich auf den Heimweg, in die Ippocampo, die Taverne, in der sie ihrer Mutter Savinia und ihrer Tante Ysa hilft. Dort findet sie auch Salvatore vor, der um die Gunst ihrer Mutter buhlt und diese kurz davor ist, ihren eigentlich immer noch heiß geliebten Ehemann für tot zu erklären, um ein neues Glück zu beginnen. Milla hasst Salvatore und würde ihn als neuen Vater nie akzeptieren. Im Hinterhof versucht sie sich zu beruhigen und findet wie immer die streunenden Katzen vor. Um ihre Beine streift eine neue Katze, doch Milla stutzt, denn die Katze ist jene von der blauen Gondel. Sie tauft sie Puntino.

Der Kater folgt ihr auf den Markt und führt sie dann aber direkt in das Domizil, in dem sich der Junge aus der Gondel, niedergelassen hat. Milla ist neugierig und gleichzeitig auch geblendet von dem Blau des Jungen und seiner Anziehungskraft, die er auf sie ausübt. Puntino bringt Luca und Milla ein weiteres Mal zusammen, aber auch der Neuankömmling Marco ist ständig in Millas Nähe. Und dann sehen wir, wie Milla förmlich in einen Strudel aus Ereignissen gezogen wird, denn der Stadt Venedig scheint ihr Ende bevor zu sehen.

Der geschlossene Pakt ist zerbrochen und sie steht zwischen den Feuer- und den Wasserleuten. Die Gefahr lauert in den Gassen, auf den Wasserwegen, ihr gesamtes Umfeld verändert sich und sie kann scheinbar niemandem mehr trauen, außer Puntino.

Wir Literatwos sind sofort angekommen in Venedig.

In Milla lodert das Feuer und das Leben, sie ist eine junge Protagonistin in der Magie steckt. Selbige Magie welche auch in den Feuer- wie auch Wasserleuten steckt. Ein Roman der magisch anzieht, sehr romantisch ist und gleichzeitig seitenweise Spannung in sich trägt. Ein Roman zum Fühlen und Schmecken, ein Roman zum Wohlfühlen.

Ein Jugendbuch, welches für alle Jugendlichen geeignet ist, ein Jugendbuch, welches fantastisch ist und ohne viel Gewalt und ohne dystopische Elemente auskommt. Brigitte Riebe schafft aus den Elementen Feuer und Wasser eine große greifbare Geschichte mit der sie den Leser in die Welt Venedigs abtauchen lässt. Eine Welt voller Geheimnisse, eine Welt voller Licht- und Schattenseiten, eine Welt aus Gut und Böse, verpackt in einer Mischung aus Realität und Fantasie.

Die Autorin lässt die italienische Insel vor den Augen des Lesers emporwachsen, lässt ihn das Gefühl haben, selbst in einer Gondel zu fahren und die Gassen der Stadt zu erkunden. Ihre Leidenschaft für Katzen findet ihren Platz in der Katze Puntino, welche den Roman bereichert und gleichzeitig andersartig macht.

In der Stadt der Liebe angekommen, wollen wir gern verweilen, aber aus der Ferne scheint Konstantinopel zu rufen, denn Milla und Luca haben noch viel vor. Alle Geheimnisse sind noch nicht gelüftet, das Wasser scheint die Magie zu spiegeln und die Liebe lodert wie das Feuer.

Das Buch ist geschlossen, die Geschichte lebt weiter und Puntino muss uns einen Weg weisen, wie wir die Zeit bis zur Fortsetzung überstehen können.

Denn nun fragen wir uns, was passiert, wenn ebenjene Brigitte Riebe diese Geschichte auf zwei Bücher verteilt? Was passiert mit uns, wenn wir am Ende des ersten Teils vor Spannung zu platzen drohen und doch nicht mit leeren Händen in der magischen Lagunenstadt verweilen müssen?

Wir freuen uns auf die Fortsetzung – wir freuen uns auf das zweite Buch und ein bestimmt emotionales Cover. Auf dem zweiten Teil wird Luca im Mittelpunkt stehen, den Blick zu Milla gewandt und so entsteht mehr als eine literarische Einheit.

Und wir freuen uns auf Konstantinopel… Sehr sogar!

Besucht die Buchseite zu „Feuer & Glas“ auf Facebook und lasst euch überraschen, was dort in den nächsten Wochen passiert. Literatwo ist nicht ganz unbeteiligt und wir danken schon jetzt Theresa Engel für die wundervollen Katzen, die vorerst noch „nur“ unsere Artikelbilder umrahmen! Es wird viele Überraschungen geben und die Wartezeit bis zur Fortsetzung vergeht dann wie im Flug!

Wir sind jedenfalls dabei 😉

Brigiite Riebe 2017 – „Marlenes Geheimnis“ – Der Leseweg geht weiter…

„Stadt der Bücher“ – Anja Bohnhof, eine Fotografin in Kalkutta

Stadt der Bücher – Fotografin Anja Bohnhof im Interview

In unserer Buchvorstellung zur “Stadt der Bücherhaben wir schon unterstrichen, dass es sich hierbei um ein literarisch – fotografisches Gesamtkunstwerk handelt und wir wollten von Anja Bohnhof, dem “Auge” des Projektes wissen, wie es war, all die Bücher in Kalkutta auf die analogen Platten zu bannen.

Die geniale Komposition aus Text (Ilija Trojanow) und Bild (Anja Bohnhof) baut eine Brücke in eine der faszinierendsten Städte unserer Erde. So nah wie Armut und Reichtum zusammenliegen, so nah liegt auch der Wunsch nach Bildung und Wissen im Wesen der Menschen begründet.

„College Street ist keine Straße, es ist kein Viertel und keine Hochschule; College Street ist das Versprechen, jedes Buch zu finden, das man begehrt.” (Ilija Trojanow)

Besonders unser Teamfotograf PATH (Peter Helbig) war natürlich sehr an den Hintergründen dieses Projektes interessiert und wir verdanken ihm eine Reihe mehr als interessanter Fragen von “Auge zu Auge”. Anja Bohnhof hat sie alle beantwortet – und nicht nur das.

Ein Blick hinter die Kulissen dieses Projekts ist nicht nur mit Worten möglich. Anja Bohnhof hat uns exklusives Bildmaterial zur Verfügung gestellt, damit wir einen richtigen Einblick genießen können. Wir danken herzlich dafür!

Stadt der Bücher – Fotografin Anja Bohnhof im Interview von „Auge“ zu „Auge“

Fotografie ist für mich:

Meine Möglichkeit, mir etwas zugänglich zu machen, mich auseinanderzusetzen, ein bisschen Welt zu erobern.

Ein gutes Bild ist für mich:

Roland Barthes hat einmal kritisierend über, wie er es nennt, Schockfotos geschrieben, dass der Fotograf dem Betrachter nichts gelassen habe als das Recht der geistigen Zustimmung.  Allem jenseits dessen ist meiner Meinung nach zumindest das Potential eines guten Bildes zuzusprechen.

Nach welchen Kriterien haben sie ihre Motive ausgewählt? Hatten Sie den Text von Trojanow schon gelesen oder waren Sie hierbei auf sich alleine gestellt… es ist die berühmte Frage, was zuerst da war – das Huhn oder das Ei 😉

Die literarische und die fotografische Arbeit zu diesem Buch sind voneinander losgelöst entstanden und können, denke ich, auch so bewertet werden. Weder illustriert der Text die Bilder, noch die Bilder den Text. Weitere kluge verlegerische Entscheidungen haben dann letztlich zu dem Werk geführt, so wie es jetzt vorliegt.

Waren sie künstlerisch frei in der Wahl Ihrer Methodik?

Ja, ich arbeite nicht oder nur sehr ungern innerhalb enger Vorgaben, denn selten sind mir die Ergebnisse dann wirklich eine Freude.

Stadt der Bücher – Die große Kunst der Anja Bohnhof – Originale

In ihren Interviews kann man sehr oft nachlesen, dass die Fotografie ein elementarer Baustein in der heutigen digitalen Welt ist. Warum haben Sie sich dazu entschieden, in einer traditionellen analogen Form zu fotografieren?

Ich entscheide von Projekt zu Projekt, wie ich arbeite. Architektonische Themen erarbeite ich gerne analog mit einer Großformatkamera. Die technische Umsetzung und notwenige Konzentration bei der Aufnahme kommen den hohen kompositorischen Anteilen innerhalb der Bildschaffung sehr entgegen.

Zudem ist die Qualität von analogen Großbildnegativen immer noch äußerst hervorragend und da es sich in der Regel bei meinen Projekten auch um Ausstellungsprojekte handelt, ist hierüber die Erstellung großer Bildformate auch in sehr guter Abbildungsqualität möglich. Auch diese Arbeit aus „Stadt der Bücher“ wird unter dem Titel books for sale“ in Galerien und Museen ausgestellt.

Was hat die digitale Fotografie in Ihrem Beruf verändert. Ein befreundeter Profifotograf sagte mir einmal „Das digitale Bild hat uns die Neugier auf das Ergebnis geraubt, da wir  sofort sehen können, wie die Aufnahme geworden ist…“ Können Sie das bestätigen?

Ich schätze die digitalen Bearbeitungsmöglichkeiten hinsichtlich der Möglichkeiten von Bildoptimierungen wirklich sehr. Die Dunkelkammer vermisse ich persönlich nicht sonderlich.

Die Bilderstellung mittels digitaler Technik ist aber in der Regel auch nicht meine erste Wahl. Ich denke, das liegt aber auch an einer anderen Konditionierung und ist vielleicht sogar eine Frage der Gewohnheit. Ich werde oft etwas ungenau, wenn ich digital fotografiere, muss mich mehr zwingen, mich auch wirklich zu konzentrieren.

Ich weiß nicht, ob es wirklich die Neugierde ist, die mir dabei fehlt, aber wirklich beglückend finde ich es auch bis heute nicht, obgleich das Arbeiten mit digitaler Technik nun schon Jahre auch zu meinem Arbeitsalltag gehört.

Stadt der Bücher – Anja Bohnhof – Eine großformatige Künstlerin

Zu Kalkutta selbst: Wie sah Ihr Tagesablauf aus?

Ich habe mit drei Assistenten vor Ort gearbeitet. Wir sind meist früh in das Viertel rund um die College Street gefahren. Denn nur so konnten wir nach und nach die einzelnen Buchstände fotografieren, es war immer wichtig, dass die Stände rechts und links möglichst noch geschlossen waren, um eine optimale Konzentration auf das einzelnen Objekt zu erreichen.

Zudem waren die Lichtverhältnisse stets zu berücksichtigen, harte Kontraste über Licht und Schatten galt es zu vermeiden. Mittags haben wir dann meist erschöpft im Indian Coffee House eine Pause eingelegt und dann noch solange weitergemacht, bis das Menschenaufkommen in den Straßen und an den Ständen zu hoch war, um überhaupt noch fotografieren zu können. So haben wir über drei Wochen gearbeitet.

Stadt der Bücher – Fotografin Anja Bohnhof am Set in Kalkutta

Mussten Sie am Set Absperrungen vornehmen, um den hohen Belichtungszeiten zu entsprechen und Menschen aus den Bildern fernzuhalten?

Für einen ausreichenden Betrachtungsabstand zum Objekt war es nicht selten notwendig, mit Kamera und Stativ mitten auf der Straße zu stehen, das ist in einer Metropole wie Kalkutta nicht unbedingt risikofrei. So war es zwingend notwendig, dass das Team stets den Verkehr um mich herum im Auge hatte und ggf. reagieren konnte. Auch, um die Menschen zum Zeitpunkt der Aufnahme aus dem Bild zu halten, waren temporäre, aber dann ja nicht lang dauernde Absperrungen nötig.

Die beiden indischen Assistenten aus meinem Team arbeiten eigentlich im Bereich Security Service und Crowd Controlling, das war sehr dankbar für dieses Projekt. Auch mein aktuelles Projekt Bahak über Lastenträger in Kalkutta habe ich wiederum mit Ihrer Hilfe umsetzen können.

Wie sah das typische Set aus? (Diese Frage wurde in Bildern beantwortet, die wir hier exklusiv veröffentlichen dürfen)

Anja Bohnhof in der College Street von Kalkutta – Stadt der Bücher

Sind Sie selbst mit dem Gesamtergebnis zufrieden – nach der Hochzeit zwischen Wort und Bild ergab sich ja eine neue Dimension in Ihrem Schaffensprozess!

Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis, es freut mich wirklich sehr, dass dieses Buch zusammen mit Ilija Trojanow zusammen entstanden ist, denn ich kenne keinen zeitgenössischen Autor, von dem ich lieber etwas über Indien und die Welt erfahren mag, und in manchem war es recht, mich einfach auch auf die verlegerische Kompetenz des Langen Müller Verlages zu verlassen.

Und eine letzte Frage: Auf welche Frage würden Sie gerne einmal in einem Interview antworten… nur: Man hat sie Ihnen leider noch nie gestellt.

So viele Interviewfragen habe ich noch nicht beantwortet, als dass sich mir diese Frage bisher schon einmal aufgedrängt hätte…

Stadt der Bücher – Das perfekte Geschenk für bibliophile Menschen

Wir danken für dieses aufschlussreiche Gespräch und die Möglichkeit, exklusives Bildmaterial aus Kalkutta veröffentlichen zu dürfen. Auch Ilija Trojanow hat uns seine Bereitschaft zu einem Interview signalisiert und so werden wir uns auf die Suche nach der „Stimme“ des Projekts begeben, um auch hier beides miteinander zu einem großen Ganzen zu verbinden!

Hier geht es dann bald zum Interview mit Ilija Trojanow

Von Vorschauen, neuen Büchern, ganz viel Wasser und einem Interview

Nachrichten über Nachrichten… Die literawoische Villa kommt nicht zur Ruhe und ehrlich gesagt, will sie das auch gar nicht. Ganze LKW-Ladungen neuer Bücher sind einzusortieren und zu lesen, Vorschauen zu sichten, Interviews zu bearbeiten und der EBook-Reader läuft in manchen Stunden heiß…

Magisches Blättern schallt durch die Räume, Post-Its pflastern unseren Weg und alle inspirierenden Gedanken werden sofort zu Papier gebracht. Auch an den ruhigen Tagen des Lebens widmen wir uns ganz unserer Welt und schreiben darüber, damit wir die Tür für euch offen halten um Teil dieses literarischen Naturschutzgebietes zu sein…

Herzlich willkommen… Der Kaffee ist fertig 😉

The Pale King – David Foster Wallace – EBook

„Past the flannel plains and blacktop graphs and skylines of canted rust, and past the tobacco-brown river overhung with weeping trees and coins of sunlight through them on the water downriver, to the place beyond the windbreak, where untilled fields simmer shrilly in the A.M. heat….“

Es ist mal wieder soweit – aussteigen um einzusteigen… Es konnte ja nicht mehr lange dauern, bis ich mich in das ultimative Wagnis des unvollendeten letzten Romans von David Foster Wallace stürze. THE PALE KING – in der Originalfassung….

Es handelt sich hiebei genau um jenes Werk, dessen Manuskriptseiten man in der Garage Davids fand, nachdem er am 12. September 2008 seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Zu stark waren die Depressionen und auch die Versagensangst angesichts seines neuen Romans. Der große Gegenentwurf zu  Unendlicher Spaß wird auch bald in Deutschland erscheinen und ich taste mich langsam durch die poetische und manchmal unendlich langsam anmutende Sprache des Autors bis zu den Wurzeln seines Schaffens.

Den posthumen Pulitzerpreis hat man David Foster Wallace in diesem Jahr verweigert. Mehr dazu in der Kolumne zu „The Pale King“.

Die Foster Wallace Bibliothek komplettiert sich…

Das David Foster Wallace Regal bekommt darüber hinaus täglich neuen Zuwachs – auch in Dresden ist gestern ein Geburtstagsbuch eingetroffen:

Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken vom Verlag Kiepenheuer & Witsch ist endlich in Buchform eingetrudelt… Es handelt sich hierbei um  jene legendäre Abschlussrede vor College-Absolventen, die David schier unsterblich machte. Das besondere Highlight diese kleinen Büchleins besteht darin, dass sowohl der englische Originaltext als auch die geniale Übersetzung abgedruckt sind. Warum ich es trotzdem für falsch halte, im Vorwort lediglich zu schreiben: „David Foster Wallace starb am 12. 09.2008“, habe ich im Artikel Anstiftung zum Denken ausführlich erklärt!

Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich war wieder ein Versuch, den großen Schriftsteller für ein Projekt zu gewinnen… als Writer in Residence auf einem Kreuzfahrtschiff sollte er von den Vorzügen einer solchen Reise berichten. Seitdem ist die „Zenith“ untrennbar mit der unfassbaren Beobachtungsgabe des Autors verbunden. Er schrieb über über das Leben an Bord dieser „schwimmenden Hochzeitstorte“, über skurrile Passagiere, unvergessliche Landgänge und den Terror des Amüsierzwangs. Ich freue mich auf dieses Buch!

Dass nicht jede Auftragsarbeit zum gewünschten Ergebnis führt hatte David bereits deutlich unter Beweis gestellt. Am Beispiel des Hummers… lest selbst… Dieser Schuss eines Gourmet-Magazins ging nach hinten los… jedoch nicht für David und die Hummer!

Das wird ein schöner warmer Winter…

Wenn der Postmann zweimal klingelt… Unter diesem Titel könnte dieser kleine Absatz stehen! In München und Dresden ist das große Vorschau-Paket des Aufbau Verlages eingetroffen. Unsere Briefträger beginnen so langsam, uns auf die Watchlist der ungeliebten Kunden zu setzen, da sie ganz schöne Lasten für uns durch die Welt zu wuchten haben!

Na dann haben wir ja eine literatwoische Aufgabe, die so ganz zu uns passt…. Das Paket enthält nicht nur die Ankündigung der Bücher für einen kalten Winter… nein – das ist eine herzerwärmende Vernissage durch ein Verlagsprogramm und macht Hoffnung auf kuschelige Lesestunden. Wir werden ausführlich über viele Bücher berichten!

Wir stöbern und werden viele Themen für uns finden… Zum Beispiel strahlt uns das neue Werk über Mark Twain schon ganz besonders an… Den kennen wir nämlich schon sehr gut aus seinen Sommerwogen auf Literatwo!

Dieser Blick hinter die Kulissen wird begeistern…

Auch zur „Stadt der Bücher“ gibt es erfreuliche Neuigkeiten!

Dieses Buch ist ein literarisch – fotografisches Gesamtkunstwerk und wir wollten von Anja Bohnhof, dem „Auge“ des Projektes wissen, wie es war, all die Bücher in Kalkutta auf die analogen Platten zu bannen.

„College Street ist keine Straße, es ist kein Viertel und keine Hochschule; College Street ist das Versprechen, jedes Buch zu finden, das man begehrt.” (Ilija Trojanow)

Besonders unser Teamfotograf PATH (Peter Helbig) war natürlich sehr an den Hintergründen dieses Projektes interessiert und wir verdanken ihm eine Reihe mehr als interessanter Fragen von „Auge zu Auge“. Anja Bohnhof hat sie alle beantwortet – und nicht nur das.

Ein Blick hinter die Kulissen einer Profi-Fotografin in Kalkutta folgt bald! Wir können sogar Bilder veröffentlichen, die das Leben hinter der Kamera sehr anschaulich machen… Morgen dazu mehr…

Hier geht es dann morgen weiter – Stadt der Bücher – Hinter den Kulissen…

Und zu guter Letzt: Am 21. Mai 2012 ist es endlich soweit. Unter der Überschrift „Geschichte trifft Magie“ erscheint das große historisch-fantastische Epos der Erfolgsschriftstellerin Brigitte Riebe:

FEUER und GLAS – Der Pakt stellt hierbei den Auftakt einer zweiteiligen Fantasy-Reihe über die sechzehnjährige Milla und den geheimnisvollen jungen Gondoliere Luca dar. Venedig ist der farbenprächtige Rahmen für die magische Geschichte um Liebe, Vertrauen und Vergangenheit. Wir bleiben ihnen auf der Spur – egal, wohin ihr Weg sie führen mag. Literatwo ist gefesselt!

Es bleibt nur eine Frage: Wem kann man noch trauen in dieser Welt des beginnenden 16. Jahrhunderts? Eigentlich niemandem, gäbe es da nicht eine Katze namens Puntino, die Milla und Luca immer wieder zusammenführt und einen natürlichen Instinkt für Wahrheit zu besitzen scheint…

Es wird magisch und spannend… Feuer und Glas….

„Die Filmerzählerin“ von Hernán Rivera Letelier

Die Filmerzählerin - Eine traumhafte Erzählung...

Die Filmerzählerin – Eine traumhafte Erzählung…

„Einen Film zu erzählen ist, als erzählte man einen Traum.
Ein Leben zu erzählen ist, als erzählte man einen Traum
oder einen Film.“

Hernán Rivera Letelier (52), einer der bedeutendsten Autoren der spanischsprachigen Welt, schrieb sein erstes Gedicht aus Hunger. Mit aller Fantasie und Leidenschaft wollte er den ersten Preis eines Poesiewettbewerbs gewinnen: Ein Abendessen in einem feinen Restaurant. Letelier, arm und ohne jegliche Perspektive, lebte zu diesem Zeitpunkt als Heranwachsender in einer Minensiedlung in der chilenischen Atacama-Wüste und verfasste ein vierseitiges Liebesgedicht, das ihm die Tür zu einer anderen Welt öffnete.

Seine eigene Welt hat er nie vergessen und nun reicht er seinen deutschen Lesern die Hand und nimmt sie mit in seine alte Heimat. Die Filmerzählerin – eine große Erzählung von der Macht der Begabung, ihren Schattenseiten und dem Kampf eines jungen Mädchens gegen ein auswegloses Leben.

Die Filmerzählerin - Eine kleine Hütte und Vaters Sessel...

Die Filmerzählerin – Eine kleine Hütte und Vaters Sessel…

Chile, eine kleine Wellblechhütte in der Atacama-Wüste. In der erschreckenden Armut einer Salpetersiedlung lebt die zehnjährige Maria Margarita mit ihrem gelähmten Vater und vier Brüdern. Von der Mutter verlassen und von den Minenbesitzern nur noch geduldet, reicht die karge Invalidenrente gerade zum Überleben… Nur einen einzigen Luxus – eine Abwechslung – eine Fluchtmöglichkeit aus dem harten Alltag existiert:

Ein kleines Kino… und die Vorführungen sind teuer.

Zu teuer, um mit fünf Kindern einen Film anzuschauen und zu unerreichbar für den immobilen Vater, der an seinen Stuhl gefesselt um das letzte Vergnügen seines Lebens gebracht scheint. Wäre da nicht seine kleine Tochter.

Maria Margarita verfügt über die wundervolle Begabung, die das Leben ihrer Familie verändert. Sie kann Filme erzählen, die sie vorher im Kino gesehen hat. Schwerelos und traumhaft sicher lässt sie im Wohnzimmer der kleinen Hütte die Filme auferstehen, die für den Rest der Familie unerreichbar sind. So entscheidet man, Maria in die Vorstellungen zu schicken, um sie dann in ihrem Herzen nach Hause zu tragen. Das Kino wirft seinen magischen Schatten auf das junge Mädchen…

„Ich drehte den Kopf, um zu sehen, wie die Strahlen durch das Fensterchen des Vorführraums flirrten, die Leere über unseren Köpfen durchmaßen, auf die Leinwand trafen und in Bildern und Tönen zerstäubten.“

Das Kino macht aus Margarita einen anderen Menschen – sie leuchtet von innen und wird, nicht nur für ihre Familie, zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Bald schon strömen die Menschen des Dorfes zu ihr, um sich unterhalten zu lassen.

Von Ben Hur bis zu mexikanischen Musikfilmen – Maragrita verzaubert ihre Welt. Sie schlüpft in die Rollen der bekanntesten Schauspieler und lebt die Filme nach. Sie singt und tanzt, duelliert sich und kapert fremde Schiffe…. sie bringt das große Kino in die kleine Hütte. Für jeden erschwinglich und auf unnachahmliche Weise.

Die Filmerzählerin - Magisches Kopfkino

Die Filmerzählerin – Magisches Kopfkino

„Mir war als schwebte ich in der Luft…“

Doch kein Glück währt ewig… und so ist auch Margaritas Lebenskunst eine Grenze gesetzt, die sie nicht mehr überschreiten kann…. Sie wächst heran und vieles beginnt ihr über den Kopf zu wachsen. Und bei aller Farbe der cineastischen Meisterwerke beginnen ihre eigenen Erinnerungen langsam zu verblassen… das Gesicht ihrer Mutter verschwimmt zu einem Schleier… was bleibt von Maria, wenn der Vorhang zum letzten Mal fällt?

Die Filmerzählerin“ – Eine Liebeserklärung an das große Kino dieser Welt – an das sprachlose Staunen von Menschen, für die ein Film der letzte greifbare Traum zu sein scheint und ein großer Roman über Hoffnung und die individuelle Kraft in aussichtslosen Situationen.

Ein Buch für ruhige und ein wenig melancholische Stunden. Eine Geschichte, die einen kleinen Kinosaal der Fantasie in unseren Herzen eröffnet. Eine einfach große Geschichte. Ein Roman mit einem Ende, das niemanden kalt lässt… Versprochen!

Die Filmerzählerin - Was bleibt, wenn der letzte Vorhang fällt?

Die Filmerzählerin – Was bleibt, wenn der letzte Vorhang fällt?

Hereinspaziert… sie sehen Maria Margarita… „Die Filmerzählerin“…

Editorischer Nachtrag: Diese Buchvorstellung folgt meiner Begeisterung nach einen absoluten buchigen „Lustkauf“. Ich war überrascht und begeistert von der Tiefe dieser Erzählung. Dieser Artikel ist jedoch kein normaler Literatwo-Artikel für mich. Es ist ein Geburtagsgeschenk für meine bessere literatwoische Hälfte BIANCA! Das Buch ist bereits unterwegs und all diese Worte gehören heute nur ihr! Herzlichen Glückwunsch, Bini!

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Das späte Geständnis des Tristan Sadler – John Boyne

Das späte Geständnis des Tristan Sadler - John Boyne

Das späte Geständnis des Tristan Sadler – John Boyne

John Boyne kann vor allem eines: So richtig gut erzählen…

John Boyne verfügt über eine narrative Begabung, die uns in seinen Weltbestsellern „Der Junge im gestreiften Pyjama“ und Der Junge mit dem Herz aus Holz“ bereits mehrfach vom literarischen Hocker gehauen hat. Geschichten, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis brennen und buchige Begegnungen, die unvergessen bleiben, prägen seine Werke. Besonders für jugendliche Leser beinhalten seine bisherigen Romane einen wahren Schatz als zentrale Botschaft.

„Anders“ zu sein ist immer ein Problem… aber Du kannst es überleben… – Du kannst damit zurecht kommen, ohne Dich selbst zu leugnen.“

Was kann man einem Menschen mehr mit auf den Weg geben, der sich in einer emotionalen Findungsphase befindet und grundsätzlich das Gefühl vermittelt bekommt, doch so ganz „aus der Art geschlagen“ zu sein? Wer kennt das nicht?

Nun wendet sich John Boyne in „Das späte Geständnis des Tristan Sadler mit einem großen Weltkriegsroman an seine erwachsenen Leser. Er schreibt in aller Härte von der unbegreiflichen Brutalität des Krieges und gibt dabei jedoch seinem Protagonisten Raum genug, in seinen Gefühlswelten zu versinken. Zu leiden, zu lieben, zu verzagen und zu träumen. Der erste Weltkrieg wird zum alles zermalmenden Rahmen – Uniformität und Gehorsam werden zum Programm – ein Abweichen von diesen Normen führt unweigerlich zum individuellen Versagen.

Gleichförmigkeit und gesellschaftliche Restriktionen lassen keinen Platz für das „Ich“.

Da wir John Boyne inzwischen mehr als gut kennen, wissen wir, dass auch dieser Roman vom Unterschied geprägt ist. Seine Botschaft zieht sich durch sein Schaffen, wie jener unsichtbare rote Faden seine Geschichten miteinander verbindet.

Eine Flucht in den Krieg - Das späte Geständnis des Tristan Sadler

Eine Flucht in den Krieg – Das späte Geständnis des Tristan Sadler

Tristan Sadler zieht in den Krieg…. Nicht ganz freiwillig, zugegeben, aber es ist dennoch eine Erlösung für ihn, die Flucht zu ergreifen und sich als vollwertiges Mitglied einer Gesellschaft in Not zu empfinden. Ein Skandal in der Schule hat ihn isoliert… verstoßen von Freunden, Lehrern und letztlich auch dem eigenen Vater meldet er sich freiwillig an die Front…

„Vielleicht haben wir alle Glück und du wirst als einer der Ersten getroffen…“ – diese Worte seines Vaters lasten schwer auf dem Gefühl des jungen Mannes. Flucht in den Krieg und niemand wartet zuhause auf seine Rückkehr. Zu sehr hat er die Konventionen verletzt. Was für ein Skandal.

„Anders sein“ als Ursache für die gesellschaftliche Ächtung… und dies allein wegen eines Kusses… Nur war eben kein Mädchen Ziel seiner zärtlichen Gefühle…

Vor dem ersten Einsatz an der Front lernt Tristan seinen Kameraden Will Bancroft kennen und sie beginnen sich von Tag zu Tag besser zu verstehen. Das gemeinsame Schicksal als Frontsoldat knüpft ein stabiles Band, wäre da nicht ein gewisses „Mehr“, das sich in aller Intensität über ihre Freundschaft legt. Und diese Freundschaft wird der schwersten Belastungsprobe unterzogen, die sich ein Mensch nur vorstellen kann.

"Anders sein" in Zeiten des Krieges... lebensgefährlich..

„Anders sein“ in Zeiten des Krieges… lebensgefährlich..

Gefühle führen zum Denken – Denken führt zu Zweifel und Zweifel führt zur inneren Verweigerung. Feigheit nennen es die Anderen. Man macht es sich sehr einfach mit den Schubladen – besonders in Zeiten des Krieges.

Tristan kehrt alleine aus Frankreich zurück. Im Gepäck trägt er die größte Schuld seines Lebens und die Briefe, die Will an der Front von seiner Schwester erhielt. Tristan droht an dieser Last zu zerbrechen und wagt es trotzdem, die junge Frau zu besuchen, um ihr die Briefe zu übergeben.

Wird er es auch wagen, ihr von seinen wahren Gefühlen gegenüber Will zu berichten? Wird er darüber reden können, welche Schuld er trägt und was Will in Frankreich zugestoßen ist? Wird er reden können?

Die weiße Feder - Das Symbol für Feigheit im Krieg - Ein Makel?

Die weiße Feder – Das Symbol für Feigheit im Krieg – Ein Makel?

John Boyne bleibt sich selbst treu. Stilistisch ausgereift, spannend und hochemotional ist sein Roman. Er scheut sich hier nicht mehr davor, die Andersartigkeit beim Namen zu nennen und verstrickt seine Protagonisten in eine doppelte Außenseiterrolle. Liebe in Kriegszeiten ist ein Fremdwort – Homosexualität ein Tabu – und wenn Liebe unter Männern auch noch dazu führt, dass der Sinn des Kämpfens in Frage gestellt wird, dann gibt es nur eins….

John Boyne hat uns im exklusiven Interview viel zu diesem Roman erzählt und sich sehr weit geöffnet.

Ein bewegendes Interview - John Boyne und Literatwo - Hier klicken

Ein bewegendes Interview – John Boyne und Literatwo – Hier klicken

Sein Bekenntnis, Tristan Sadler sehr nahe zu stehen ist für uns ein persönliches Bekenntnis der besonderen Art und mehr als ein Vertrauensbeweis gegenüber seinen Lesern. Wir haben den roten Faden aufgenommen – Anders zu sein trägt für uns keinen Makel. Damit zu leben und zu überleben verlangt in jedem gesellschaftlichen Rahmen vielleicht mehr ab, als eine stromlinienförmige Existenz ohne das Bekenntnis zu sich selbst.

Dieses Buch bedeutet uns viel – unser Interview ist ein Meilenstein in unserem Schreiben und vor John Boyne ziehen wir unsere Hüte!

Das späte Bekenntnis des Tristan Sadler - Signiert

Das späte Bekenntnis des Tristan Sadler – Signiert

Wichtige Information für Fans des Romans: Unbedingt lesen – „So fern wie nah“ von John Boyne… ihr werdet euch wundern:

So fern wie nah - John Boyne - Ein Klick und alles wird klar

So fern wie nah – John Boyne – Ein Klick und alles wird klar

David Foster Wallace – Literatwo und „Unendlicher Spaß“

David Foster Wallace – Unendlicher Spaß – endlich hier angekommen

Drei Jahre sind inzwischen vergangen und es wird Zeit, einen Blick zurück zu werfen und intensiv darüber nachzudenken, was jener Klotz von Buch, jenes Mammutwerk Unendlicher Spaß von David Foster Wallace bei mir langfristig ausgelöst hat. Und nicht nur bei mir alleine. Xenos

Im Jahr 2009 war es eine bewusste Leselebensentscheidung, dieses Buch zu lesen. Es galt als „en vogue“ und bei näherer Betrachtung konnte man feststellen, dass viele Leser, die sich in ihrem Umfeld mit diesem weißen Ziegelstein zeigten, diesen lediglich als intellektuelles Statussymbol bei sich trugen – gelesen hatten es nicht viele. Geredet hat plötzlich jeder darüber.

Das sollte mir so nicht passieren. Ich entschied mich dazu, alle Lesepläne über Bord zu werfen und mich dann doch für insgesamt mehr als zwei Monate aus dem Vielleser-Leben abzumelden und in einem Werk zu versinken, das so viel Tiefe bot, dass man in diesem Bermudadreieck der US-amerikanischen Literatur verschwinden konnte.

Nichts ist lebendiger, als die Rezension von einst – nichts ist eindringlicher als die Zeilen unmittelbar nach dem Schließen des letzten Kapitels – nach dem Lesen des letzten Satzes und nach dem letzten Atemhauch mit „Unendlicher Spaß“. Hier sind sie nun… umgebettet aus meinem ehemaligen kleinen Literaturcafé in das moderne und gediegene Ambiente unserer literatwoischen Villa. Diese Zeilen gehören hierhin. Sie sind ein Muss…. Ohne sie macht vieles keinen Sinn… sehr vieles…

David Foster Wallace – Unendlicher Spaß – Rezension 2009

Hier liegen sie nun gestapelt, vorwurfsvoll schmollend neben mir.

“Die Karte meiner Träume” unter dem “Winter in Maine”, zwischen “Limit” aber über “2666” und scheinen miteinander zu kommunizieren. Sie lachen und wollen Recht behalten – sie schauen mich an als wollten sie jetzt sagen “Siehst Du – wenn Du auf “Unendlicher Spaß” verzichtet hättest, dann wären wir jetzt Teil Deines Lebens, unsere Bilder wären die Deinen“ und sie fragen, „Na Raily, hat es sich gelohnt auf uns zu verzichten, uns zwei Monate lang zu ignorieren?”

Und ich frage mich, ob sie Recht haben.

„Unendlicher Spaß“ ist die Geschichte einer modernen amerikanischen Gesellschaft, die unter einem grauen Schleier aus Kommerz, Sucht, Ablenkung und Oberflächlichkeit versinkt, und in der sich das Individuum nur in tiefer von Versagensangst bedingter Depression oder durch Drogenabhängigkeit der brutalen Realität entziehen kann.

Dieses Amerika ist nicht mehr imperialistisch – nein im Gegenteil – Experialismus ist die Maxime des außenpolitischen Handelns. Eigene Gebiete werden dem Nachbarn Kanada aufgezwungen, um dann jenseits der eigenen Grenzen aus diesen ehemaligen US-Gebieten riesige Mülldeponien entstehen zu lassen. Aktivistengruppen ersinnen einen einzigen, erfolgversprechenden Plan um ihr Land zu befreien und den großen Nachbarn mit seinen eigenen Waffen endgültig zu besiegen.

Der angehende Tennisprofi Hal Incandeza erlebt den zermürbenden Leistungsdruck in der vom Doping verseuchten Tennisakademie in Boston. Sein Bruder Orin ist vor diesem Druck geflohen und hat nach einer Affaire mit der schönsten Frau der Welt, Joelle, nie mehr rechten Boden unter die Füße bekommen. Ihr Vater James hat kurz vor seinem Selbstmord einen Film mit ebenjener Joelle produziert.

Die Unterhaltungspatrone (so werden diese DVDs sehr passend bezeichnet) heißt “Unendlicher Spaß” und man sagt dem Film nach, dass er den Betrachter in eine tödlich endende Abhängigkeit versetzt. Seit James` Suizid gilt der Film als verschollen.

Die Kanadischen Freiheitskämpfer, durch misslungene Mutroben an ihre Rollstühle gefesselt, setzen alle verfügbaren Hebel in Bewegung, um in den Besitz dieser Patrone zu gelangen und der amerikanischen Gesellschaft durch Veröffentlichung im Kabelnetz den unterhaltsamen letalen Fangschuss zu versetzten.

Sie ziehen ihr Netz eng und enger, bis letztlich nur der direkte Zugriff auf die unmittelbar am Film Beteiligten und die Familie des Regisseurs zum Masterplan reift.

Ja – ich frage mich am Ende des Buches, ob mein Stapel der ungelesenen Schätze Recht hat. Ich habe mir durch das Lesen des “Unendlichen Spaßes” quasi selbst die Patrone an den Kopf gesetzt, bin der Unterhaltung erlegen und habe anderen Werken dauerhaft entsagt.

Ich versank in den Bildern, kann nicht mehr an Mikrowellengeräten vorbeigehen ohne darüber nachzudenken, wie man sich darin umbringen kann; denke bei Frauen mit Designer-Handtaschen an transplantierte Außen-Kunstherzen, die von einem Dieb gestohlen werden könnten; sehe in Rollstuhlfahrern potenzielle Anarchisten; lache bei dem Gedanken, dass es auf der Welt zu einem gegeben Zeitpunkt immer nur eine klar begrenzte Anzahl an Erektionen gibt; bekomme die fatale Geschichte mit dem Besen einfach nicht mehr aus dem Kopf und ich weiß Schönheit jetzt wie folgt zu definieren:

“… als hätte sich das Licht der ganzen Welt verdichtet und Gesichtsform angenommen.“

Ich bin der Sucht erlegen – ich kann das Buch nicht empfehlen, nur davor warnen. Man muss wissen auf was man sich einlässt und es dann mit jeder Faser des Geistes tun. Wenn man sich einlässt, dann erwartet den Leser von David Foster Wallace ein Meilenstein moderner Literatur.

Ich bin auf Entzug und werde versuchen, bei meinen verschmähten Büchern Zuflucht zu finden. Was ich nun brauche ist ein Marschflugkörper von einem Beruhigungsmittel…

David Foster Wallace und was er für immer verändert hat… Zwei Leben

Es war um mich geschehen. Die aufgezwungene Enthaltsamkeit kam mir vor, wie ein mehrwöchiger Aufenthalt in einem Kloster – kein Buch weit und breit und nur David Foster Wallace in meinem Kopf. Je mehr sich der Inhalt verfestigte, umso weniger Gespräche konnte ich über das Buch führen, denn außer ein paar „Abbrechern“ fand ich niemanden, der die Dimension dieses Werkes mit mir teilen konnte oder wollte. „Unendlicher Spaß“ hat mich schrecklich einsam gemacht. Mitleidvolle Kommentare zu meiner „Einkehr“ erreichten mich auch auf Lovelybooks und in einem Zustand geistiger Isolation begab ich mich zu meiner ersten Buchmesse in Frankfurt.

Nur ein Ziel vor Augen – den KiWi – Verlag und ein „fast“ unverkäufliches Exemplar einer kurzzeitig erhältlichen Ausgabe „Über Unendlicher Spaß“ zu ergattern. Was dann geschah, ist aus heutiger Sicht nur als magisch zu bezeichnen. Ich begegnete einem Menschen, der nicht eine Zeile in diesem Buch gelesen hatte und doch ebenfalls auf der Suche nach dem kleinen Taschenbuch-Kleinod war. Warum auch immer. Ein kurzes Gespräch hat gereicht. Ich konnte nicht anders, als die Bedeutung des Romans auf eine kurze Episode zu komprimieren. Mehr Zeit war nicht.

Ich erzählte von einer jungen Frau, die ein transplantiertes Außen-Kunstherz in einer Designerhandtasche mit sich herumtrug. Verbunden mit jenem lebenswichtigen künstlichen Organ lediglich durch ein paar unbedeutende Kabel. Ich erzählte von jenem Taschendieb der ihr diese Tasche von der Schulter riss und sie nach enttäuschtem Blick auf den, für ihn, so wertlosen Inhalt, ein paar Straßenzüge weiter in einen Müllcontainer warf. Ich erzählte von jener Frau, die auf der Straße liegend den eigenen Herzschlag dumpf und monoton aus diesem Container vernahm, während sie herzlos starb…. All das erzählte ich.

Bianca war meine Zuhörerin. Und ohne je eine Zeile in „Unendlicher Spaß“ gelesen zu haben (und dies danach auch jemals zu tun), war es so als hätte ich ihr in wenigen Sätzen das gesamte Buch erzählt. Es scheint mir noch heute, als wüsste sie um jede Seite, um jeden Satz und jedes Bild in diesem Roman. Der Rest ist Geschichte.

2009 – Der Beginn – Das erste Treffen – Das Ende 2014 – Zum Artikel

Nur aus diesem Grund sind wir gemeinsam hier… diese Episode war der Beginn unserer Lese-Lebensgemeinschaft. Literatwo entstand auf diese Art und Weise. Jedoch „unendlich“ war der Spaß nicht….

Was für eine Erfüllung es dann war, schließlich das kleine limitierte Taschenbüchlein in Händen zu halten, verstehen wohl nur wahre biblioman veranlagte Leseratten. David Foster Wallace hatte sich in meinem Geist eingenistet und ich beschäftigte mich fortan intensiv mit seinem Leben und seinem Werk. Wahre Bücherketten löste „Unendlicher Spaß“ aus und hier bei Literatwo ist jedes dieser Bücher verewigt worden. Eine kleine Artikelübersicht findet ihr genau hier

In memoriam… 21.2.62 – 12.9.08

Mein Dank gilt immer wieder den Verlagen Kiepenheuer & Witsch und Rowohlt, die unabhängig von Verkaufszahlen und Markterfolg die Fahne dieses Autors hoch halten. Ohne ihre Bemühungen, wären seine Geschichten nicht dauerhaft in unseren Regalen beheimatet. Und dies auch noch dreieinhalb Jahre nach seinem tragischen Selbstmord…

Entschuldigt, wenn ich so oft von ihm schreibe… aber ich kann nicht anders… es ist ein Muss… Das letzte Kapitel schreibt „Der bleiche König“ im Jahr 2014 und mit diesem letzten Roman aus seiner Feder, endet nicht nur sein Schreiben…

Der bleiche König - Mit einem Klick zur Rezension

Der bleiche König – Mit einem Klick zur Rezension und mehr… Ende und Neubeginn

Die gesamte Werkschau:

Eine Lesekette – ausgelöst von „Unendlicher Spaß“

DER AUFRECHTE MANN von Davide Longo

Davide Longo – Der aufrechte Mann – Eine gewaltige Dystopie

„Kurz vor dem Einschlafen hatte er den Eindruck, zum ersten Mal die ganze Schrecklichkeit dessen zu erahnen, was vorging. Eine neue Zeit begann, eine nackte Zeit, die Dauer verhieß und deren Schlüsselbegriff „ohne“ sein würde, wie der der vorangegangenen Epoche „mit“ gewesen war.“

An der Seite von Leonardo begeben wir uns in diese neue dauerhafte Zeit, in der nichts mehr ist, wie es einmal war. Schleichend aber unaufhaltsam beraubt das „Ohne“ jenes zur Gewohnheit gewordene „Mit“ jeglicher Grundlage und katapultiert den Menschen an den Boden der lehrbuchkonformen Bedürfnispyramiden.

Italien ohne Benzin, ohne funktionierendes Währungssystem, ohne staatliche Ordnung, ohne Internet und Telefon, ohne Güterverkehr, ohne jegliche Struktur… Ein Italien in nicht so ferner Zukunft, so ganz ohne alles, was Sicherheit und Leben verspricht.

Davide Longo – Ein Leben im „OHNE“ – Der aufrechte Mann – L`Uomo verticale

Hier lebt Leonardo – 52, Schriftsteller, Intellektueller, gescheiterter Professor, geschieden – inmitten dieser um sich greifenden Leere und versucht sich abzufinden. „Es wird schon wieder gut“ – so sein Denken. „Ich komme schon damit zurecht“ – so sein Gefühl… „Es könnte schlimmer sein“ – so sein Trugschluss.

Ein Gelehrter in einem Umfeld, das um sein Überleben kämpft wirkt als Fremdkörper. Essen, Wärme, Schutz…. Alles muss selbst organisiert werden. Aus dem Dorf in dem er lebt wird eine eigene, abgeschottete Welt. Extern ist jeder, der nicht dort wohnt. Externe sind diejenigen, die Gefahr verheißen. Vor Externen gilt es sich zu schützen.

An den Grenzen soll das Chaos toben. Den Nachbarländern soll es nicht besser gehen – so hört man. Gewissheit gibt es jedoch nicht. Und unter all jenen Kämpfern um das tägliche Dasein: Ein Intellektueller, der es nie gelernt hat für sich oder andere einzustehen. Ein in sich zusammengesunkener Mann… horizontal verweilend… in sich gefangen, fast leblos.

Mehrfach gefangen und doch nicht allein – Der aufrechte Mann

Bis seine ehemalige Frau auftaucht, ihm seine Tochter und ihren Sohn aus zweiter Beziehung übergibt und ihn bittet, für beide zu sorgen, bis sie ihren jetzigen Mann ausfindig gemacht hat. In den Wirren verschwunden… in den Reihen der Nationalgarde verschollen… so ihre Vermutung.

In der Welt des „Ohne“ findet sich Leonardo nun mit einem ungewohnten „Mit“ konfrontiert: mit seiner Tochter Lucia. Abstrakte Gefühle beginnen in ihm zu keimen. Verantwortung tragen und für jemanden sorgen – bisher unbekannte Denkwelten für Leonardo.

Genau in dem Moment des Erwachens väterlicher Gefühle wird diese kleine Welt von einem Orkan marodierender Jugendlicher überrollt, die ihrem charismatischen Führer Richard und dessen neuen Göttern „Droge, Gewalt und Sex“ bedingungslos folgen. Leonardo wird als Gefangener von einer Welle der Gewalt an den Rand des Wahnsinns gespült. Zum Tanz in den Flammen erniedrigt, verbrennen nicht nur seine Füße – auch sein Inneres lodert angesichts der Qualen, die Lucia zu erdulden hat.

Feuertänzer – Davide Longo – Der aufrechte Mann

In seinem Käfig nur ein einziger Gefährte… ein einsamer Elefant. Standhaft… ein Koloss… ein Halt.

Gemeinsam durchbrechen sie den Kreislauf aus Gewalt und Tyrannei, befreien Lucia und begeben sich in Begleitung weniger Menschen und eines Esels auf eine verzweifelte Flucht. Nur ein Ziel vor Augen… sich selbst treu zu bleiben, sich selbst nicht zu verlieren und gemeinsam in Würde zu leben…. Und dies bei all dem „Ohne“, das sie umgibt wie ein Kokon aus Verlust

Hier beginnt der Roman das Versprechen seines Titels einzulösen…. Der aufrechte Mann…..

Davide Longo hat eine wahrlich grandiose Erwachsenen-Dystopie verfasst. Bestechend ist hierbei die Perspektive, die man als „Leben im Symptom“ bezeichnen muss. In einer Situation, in der niemand den Überblick hat, gewährt er auch seinen Protagonisten und letztlich dem Leser niemals den Blick auf Ursachen. Nur die Auswirkung – das „Ohne“ – ist greifbar. Niemals das „Warum“. Genau dies macht den Roman greifbar und packend, man hat sich mit der Situation abzufinden um das Beste daraus zu machen, oder unterzugehen.

Dabei durchwandern wir ein „ortloses“ Italien. Städte und Dörfer werden nur mit einem Buchstaben genannt, wodurch die Dimesnion des „Überall“ entsteht. Überall spielt dieser Roman – zeitlos – raumlos.

Uns bleibt keine Wahl. Wir spiegeln lesend unser eigenes Leben. Wären wir überlebensfähig in dieser Welt des „Ohne“? Könnten wir in diesem absoluten Gegenentwurf zu unserer globalisierten Gesellschaft unsere Wertvorstellungen retten, oder würden wir fortgespült? Wie lange würde es dauern bis zum endgültigen und letzten Versagen.

Davide Longo entwirft hierbei kein Bild einer neuen Gesellschaft, (Vergleiche mit dem „Herrn der Fliegen“ sind wenig angebracht) – er schildert die beginnende Auferstehung nach dem tiefsten Fall und hält uns vor Augen, dass die Denker unserer Welt, all die Intellektuellen, spätestens dann wieder gesucht werden, wenn das erste Gefühl von Sicherheit in unserer Seele Raum gewinnt.

Flucht – Erhebung – Erwachen – Der aufrechte Mann von Davide Longo

Longo hat einen psychologischen und dunklen, gewalttätigen Roman geschrieben. Und doch ist es im Angesicht des Endes seiner Erzählung DAS große Hoffnungsbuch dieses Jahres. Es strahlt in Dimension und Aussagekraft so energisch wie kein Zweites. Wir haben das Buch durchlitten und durchhofft, durchzweifelt, durchstaunt und durchweint… und letztlich standen wir lachenweinend Hand in Hand vor dem Beginn einer neuen Zeit.

Ich sehe seitdem in meinen Träumen das Bild eines Mannes mit einem Elefanten an seiner Seite… aufrecht gehend, dem Meer zugewandt, zielstrebig und ungebrochen. Ich sehe dieses Bild sehr oft und es hat mir viel bedeutet, dieses Bild zum Teil dieser Besprechung zu machen.

Es steht für alles in diesem Buch…

Dieses Bild steht für alles im Buch – Der aufrechte Mann – Davide Longo