DER AUFRECHTE MANN von Davide Longo

Davide Longo – Der aufrechte Mann – Eine gewaltige Dystopie

„Kurz vor dem Einschlafen hatte er den Eindruck, zum ersten Mal die ganze Schrecklichkeit dessen zu erahnen, was vorging. Eine neue Zeit begann, eine nackte Zeit, die Dauer verhieß und deren Schlüsselbegriff „ohne“ sein würde, wie der der vorangegangenen Epoche „mit“ gewesen war.“

An der Seite von Leonardo begeben wir uns in diese neue dauerhafte Zeit, in der nichts mehr ist, wie es einmal war. Schleichend aber unaufhaltsam beraubt das „Ohne“ jenes zur Gewohnheit gewordene „Mit“ jeglicher Grundlage und katapultiert den Menschen an den Boden der lehrbuchkonformen Bedürfnispyramiden.

Italien ohne Benzin, ohne funktionierendes Währungssystem, ohne staatliche Ordnung, ohne Internet und Telefon, ohne Güterverkehr, ohne jegliche Struktur… Ein Italien in nicht so ferner Zukunft, so ganz ohne alles, was Sicherheit und Leben verspricht.

Davide Longo – Ein Leben im „OHNE“ – Der aufrechte Mann – L`Uomo verticale

Hier lebt Leonardo – 52, Schriftsteller, Intellektueller, gescheiterter Professor, geschieden – inmitten dieser um sich greifenden Leere und versucht sich abzufinden. „Es wird schon wieder gut“ – so sein Denken. „Ich komme schon damit zurecht“ – so sein Gefühl… „Es könnte schlimmer sein“ – so sein Trugschluss.

Ein Gelehrter in einem Umfeld, das um sein Überleben kämpft wirkt als Fremdkörper. Essen, Wärme, Schutz…. Alles muss selbst organisiert werden. Aus dem Dorf in dem er lebt wird eine eigene, abgeschottete Welt. Extern ist jeder, der nicht dort wohnt. Externe sind diejenigen, die Gefahr verheißen. Vor Externen gilt es sich zu schützen.

An den Grenzen soll das Chaos toben. Den Nachbarländern soll es nicht besser gehen – so hört man. Gewissheit gibt es jedoch nicht. Und unter all jenen Kämpfern um das tägliche Dasein: Ein Intellektueller, der es nie gelernt hat für sich oder andere einzustehen. Ein in sich zusammengesunkener Mann… horizontal verweilend… in sich gefangen, fast leblos.

Mehrfach gefangen und doch nicht allein – Der aufrechte Mann

Bis seine ehemalige Frau auftaucht, ihm seine Tochter und ihren Sohn aus zweiter Beziehung übergibt und ihn bittet, für beide zu sorgen, bis sie ihren jetzigen Mann ausfindig gemacht hat. In den Wirren verschwunden… in den Reihen der Nationalgarde verschollen… so ihre Vermutung.

In der Welt des „Ohne“ findet sich Leonardo nun mit einem ungewohnten „Mit“ konfrontiert: mit seiner Tochter Lucia. Abstrakte Gefühle beginnen in ihm zu keimen. Verantwortung tragen und für jemanden sorgen – bisher unbekannte Denkwelten für Leonardo.

Genau in dem Moment des Erwachens väterlicher Gefühle wird diese kleine Welt von einem Orkan marodierender Jugendlicher überrollt, die ihrem charismatischen Führer Richard und dessen neuen Göttern „Droge, Gewalt und Sex“ bedingungslos folgen. Leonardo wird als Gefangener von einer Welle der Gewalt an den Rand des Wahnsinns gespült. Zum Tanz in den Flammen erniedrigt, verbrennen nicht nur seine Füße – auch sein Inneres lodert angesichts der Qualen, die Lucia zu erdulden hat.

Feuertänzer – Davide Longo – Der aufrechte Mann

In seinem Käfig nur ein einziger Gefährte… ein einsamer Elefant. Standhaft… ein Koloss… ein Halt.

Gemeinsam durchbrechen sie den Kreislauf aus Gewalt und Tyrannei, befreien Lucia und begeben sich in Begleitung weniger Menschen und eines Esels auf eine verzweifelte Flucht. Nur ein Ziel vor Augen… sich selbst treu zu bleiben, sich selbst nicht zu verlieren und gemeinsam in Würde zu leben…. Und dies bei all dem „Ohne“, das sie umgibt wie ein Kokon aus Verlust

Hier beginnt der Roman das Versprechen seines Titels einzulösen…. Der aufrechte Mann…..

Davide Longo hat eine wahrlich grandiose Erwachsenen-Dystopie verfasst. Bestechend ist hierbei die Perspektive, die man als „Leben im Symptom“ bezeichnen muss. In einer Situation, in der niemand den Überblick hat, gewährt er auch seinen Protagonisten und letztlich dem Leser niemals den Blick auf Ursachen. Nur die Auswirkung – das „Ohne“ – ist greifbar. Niemals das „Warum“. Genau dies macht den Roman greifbar und packend, man hat sich mit der Situation abzufinden um das Beste daraus zu machen, oder unterzugehen.

Dabei durchwandern wir ein „ortloses“ Italien. Städte und Dörfer werden nur mit einem Buchstaben genannt, wodurch die Dimesnion des „Überall“ entsteht. Überall spielt dieser Roman – zeitlos – raumlos.

Uns bleibt keine Wahl. Wir spiegeln lesend unser eigenes Leben. Wären wir überlebensfähig in dieser Welt des „Ohne“? Könnten wir in diesem absoluten Gegenentwurf zu unserer globalisierten Gesellschaft unsere Wertvorstellungen retten, oder würden wir fortgespült? Wie lange würde es dauern bis zum endgültigen und letzten Versagen.

Davide Longo entwirft hierbei kein Bild einer neuen Gesellschaft, (Vergleiche mit dem „Herrn der Fliegen“ sind wenig angebracht) – er schildert die beginnende Auferstehung nach dem tiefsten Fall und hält uns vor Augen, dass die Denker unserer Welt, all die Intellektuellen, spätestens dann wieder gesucht werden, wenn das erste Gefühl von Sicherheit in unserer Seele Raum gewinnt.

Flucht – Erhebung – Erwachen – Der aufrechte Mann von Davide Longo

Longo hat einen psychologischen und dunklen, gewalttätigen Roman geschrieben. Und doch ist es im Angesicht des Endes seiner Erzählung DAS große Hoffnungsbuch dieses Jahres. Es strahlt in Dimension und Aussagekraft so energisch wie kein Zweites. Wir haben das Buch durchlitten und durchhofft, durchzweifelt, durchstaunt und durchweint… und letztlich standen wir lachenweinend Hand in Hand vor dem Beginn einer neuen Zeit.

Ich sehe seitdem in meinen Träumen das Bild eines Mannes mit einem Elefanten an seiner Seite… aufrecht gehend, dem Meer zugewandt, zielstrebig und ungebrochen. Ich sehe dieses Bild sehr oft und es hat mir viel bedeutet, dieses Bild zum Teil dieser Besprechung zu machen.

Es steht für alles in diesem Buch…

Dieses Bild steht für alles im Buch – Der aufrechte Mann – Davide Longo

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