„Stadt der Bücher“ – Anja Bohnhof, eine Fotografin in Kalkutta

Stadt der Bücher – Fotografin Anja Bohnhof im Interview

In unserer Buchvorstellung zur “Stadt der Bücherhaben wir schon unterstrichen, dass es sich hierbei um ein literarisch – fotografisches Gesamtkunstwerk handelt und wir wollten von Anja Bohnhof, dem “Auge” des Projektes wissen, wie es war, all die Bücher in Kalkutta auf die analogen Platten zu bannen.

Die geniale Komposition aus Text (Ilija Trojanow) und Bild (Anja Bohnhof) baut eine Brücke in eine der faszinierendsten Städte unserer Erde. So nah wie Armut und Reichtum zusammenliegen, so nah liegt auch der Wunsch nach Bildung und Wissen im Wesen der Menschen begründet.

„College Street ist keine Straße, es ist kein Viertel und keine Hochschule; College Street ist das Versprechen, jedes Buch zu finden, das man begehrt.” (Ilija Trojanow)

Besonders unser Teamfotograf PATH (Peter Helbig) war natürlich sehr an den Hintergründen dieses Projektes interessiert und wir verdanken ihm eine Reihe mehr als interessanter Fragen von “Auge zu Auge”. Anja Bohnhof hat sie alle beantwortet – und nicht nur das.

Ein Blick hinter die Kulissen dieses Projekts ist nicht nur mit Worten möglich. Anja Bohnhof hat uns exklusives Bildmaterial zur Verfügung gestellt, damit wir einen richtigen Einblick genießen können. Wir danken herzlich dafür!

Stadt der Bücher – Fotografin Anja Bohnhof im Interview von „Auge“ zu „Auge“

Fotografie ist für mich:

Meine Möglichkeit, mir etwas zugänglich zu machen, mich auseinanderzusetzen, ein bisschen Welt zu erobern.

Ein gutes Bild ist für mich:

Roland Barthes hat einmal kritisierend über, wie er es nennt, Schockfotos geschrieben, dass der Fotograf dem Betrachter nichts gelassen habe als das Recht der geistigen Zustimmung.  Allem jenseits dessen ist meiner Meinung nach zumindest das Potential eines guten Bildes zuzusprechen.

Nach welchen Kriterien haben sie ihre Motive ausgewählt? Hatten Sie den Text von Trojanow schon gelesen oder waren Sie hierbei auf sich alleine gestellt… es ist die berühmte Frage, was zuerst da war – das Huhn oder das Ei 😉

Die literarische und die fotografische Arbeit zu diesem Buch sind voneinander losgelöst entstanden und können, denke ich, auch so bewertet werden. Weder illustriert der Text die Bilder, noch die Bilder den Text. Weitere kluge verlegerische Entscheidungen haben dann letztlich zu dem Werk geführt, so wie es jetzt vorliegt.

Waren sie künstlerisch frei in der Wahl Ihrer Methodik?

Ja, ich arbeite nicht oder nur sehr ungern innerhalb enger Vorgaben, denn selten sind mir die Ergebnisse dann wirklich eine Freude.

Stadt der Bücher – Die große Kunst der Anja Bohnhof – Originale

In ihren Interviews kann man sehr oft nachlesen, dass die Fotografie ein elementarer Baustein in der heutigen digitalen Welt ist. Warum haben Sie sich dazu entschieden, in einer traditionellen analogen Form zu fotografieren?

Ich entscheide von Projekt zu Projekt, wie ich arbeite. Architektonische Themen erarbeite ich gerne analog mit einer Großformatkamera. Die technische Umsetzung und notwenige Konzentration bei der Aufnahme kommen den hohen kompositorischen Anteilen innerhalb der Bildschaffung sehr entgegen.

Zudem ist die Qualität von analogen Großbildnegativen immer noch äußerst hervorragend und da es sich in der Regel bei meinen Projekten auch um Ausstellungsprojekte handelt, ist hierüber die Erstellung großer Bildformate auch in sehr guter Abbildungsqualität möglich. Auch diese Arbeit aus „Stadt der Bücher“ wird unter dem Titel books for sale“ in Galerien und Museen ausgestellt.

Was hat die digitale Fotografie in Ihrem Beruf verändert. Ein befreundeter Profifotograf sagte mir einmal „Das digitale Bild hat uns die Neugier auf das Ergebnis geraubt, da wir  sofort sehen können, wie die Aufnahme geworden ist…“ Können Sie das bestätigen?

Ich schätze die digitalen Bearbeitungsmöglichkeiten hinsichtlich der Möglichkeiten von Bildoptimierungen wirklich sehr. Die Dunkelkammer vermisse ich persönlich nicht sonderlich.

Die Bilderstellung mittels digitaler Technik ist aber in der Regel auch nicht meine erste Wahl. Ich denke, das liegt aber auch an einer anderen Konditionierung und ist vielleicht sogar eine Frage der Gewohnheit. Ich werde oft etwas ungenau, wenn ich digital fotografiere, muss mich mehr zwingen, mich auch wirklich zu konzentrieren.

Ich weiß nicht, ob es wirklich die Neugierde ist, die mir dabei fehlt, aber wirklich beglückend finde ich es auch bis heute nicht, obgleich das Arbeiten mit digitaler Technik nun schon Jahre auch zu meinem Arbeitsalltag gehört.

Stadt der Bücher – Anja Bohnhof – Eine großformatige Künstlerin

Zu Kalkutta selbst: Wie sah Ihr Tagesablauf aus?

Ich habe mit drei Assistenten vor Ort gearbeitet. Wir sind meist früh in das Viertel rund um die College Street gefahren. Denn nur so konnten wir nach und nach die einzelnen Buchstände fotografieren, es war immer wichtig, dass die Stände rechts und links möglichst noch geschlossen waren, um eine optimale Konzentration auf das einzelnen Objekt zu erreichen.

Zudem waren die Lichtverhältnisse stets zu berücksichtigen, harte Kontraste über Licht und Schatten galt es zu vermeiden. Mittags haben wir dann meist erschöpft im Indian Coffee House eine Pause eingelegt und dann noch solange weitergemacht, bis das Menschenaufkommen in den Straßen und an den Ständen zu hoch war, um überhaupt noch fotografieren zu können. So haben wir über drei Wochen gearbeitet.

Stadt der Bücher – Fotografin Anja Bohnhof am Set in Kalkutta

Mussten Sie am Set Absperrungen vornehmen, um den hohen Belichtungszeiten zu entsprechen und Menschen aus den Bildern fernzuhalten?

Für einen ausreichenden Betrachtungsabstand zum Objekt war es nicht selten notwendig, mit Kamera und Stativ mitten auf der Straße zu stehen, das ist in einer Metropole wie Kalkutta nicht unbedingt risikofrei. So war es zwingend notwendig, dass das Team stets den Verkehr um mich herum im Auge hatte und ggf. reagieren konnte. Auch, um die Menschen zum Zeitpunkt der Aufnahme aus dem Bild zu halten, waren temporäre, aber dann ja nicht lang dauernde Absperrungen nötig.

Die beiden indischen Assistenten aus meinem Team arbeiten eigentlich im Bereich Security Service und Crowd Controlling, das war sehr dankbar für dieses Projekt. Auch mein aktuelles Projekt Bahak über Lastenträger in Kalkutta habe ich wiederum mit Ihrer Hilfe umsetzen können.

Wie sah das typische Set aus? (Diese Frage wurde in Bildern beantwortet, die wir hier exklusiv veröffentlichen dürfen)

Anja Bohnhof in der College Street von Kalkutta – Stadt der Bücher

Sind Sie selbst mit dem Gesamtergebnis zufrieden – nach der Hochzeit zwischen Wort und Bild ergab sich ja eine neue Dimension in Ihrem Schaffensprozess!

Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis, es freut mich wirklich sehr, dass dieses Buch zusammen mit Ilija Trojanow zusammen entstanden ist, denn ich kenne keinen zeitgenössischen Autor, von dem ich lieber etwas über Indien und die Welt erfahren mag, und in manchem war es recht, mich einfach auch auf die verlegerische Kompetenz des Langen Müller Verlages zu verlassen.

Und eine letzte Frage: Auf welche Frage würden Sie gerne einmal in einem Interview antworten… nur: Man hat sie Ihnen leider noch nie gestellt.

So viele Interviewfragen habe ich noch nicht beantwortet, als dass sich mir diese Frage bisher schon einmal aufgedrängt hätte…

Stadt der Bücher – Das perfekte Geschenk für bibliophile Menschen

Wir danken für dieses aufschlussreiche Gespräch und die Möglichkeit, exklusives Bildmaterial aus Kalkutta veröffentlichen zu dürfen. Auch Ilija Trojanow hat uns seine Bereitschaft zu einem Interview signalisiert und so werden wir uns auf die Suche nach der „Stimme“ des Projekts begeben, um auch hier beides miteinander zu einem großen Ganzen zu verbinden!

Hier geht es dann bald zum Interview mit Ilija Trojanow

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