Die Mechanik des Herzens – Der Pulsschlag des Lesens

Die Mechanik des Herzens – Der Pulsschlag des Lesens

Herzlich willkommen in Edinburgh. 

Und das „Herzlich“ meinen wir ernst, obwohl wir an diesem 16. April 1874 gerade den kältesten Tag seit ewigen Zeiten erleben. Menschen erfrieren in den verlassenen Gassen der Stadt, Vögel fallen tot vom Himmel und zu Eis erstarrte Tränen kullern über das rutschige Kopfsteinpflaster.

Und doch: Herzlich willkommen, denn wir feiern den Geburtstag von Jack. Genau an diesem frostigen Tag erblickt ein ganz besonderer Junge das Licht der Welt. Eigentlich kein guter Tag für eine Geburt. Die eigene Mutter will ihn nicht behalten und die als Hexe in Verruf geratene Hebamme Dr. Madeleine hat alle Hände voll zu tun. Und dann passiert auch noch, was passieren musste. Das Herzchen des kleinen Jack schlägt nicht….

Es ist erfroren, bevor es auch nur einmal im Licht des Tages schlagen konnte.

Dr. Madeleine handelt extrem schnell. Nichts scheint unmöglich in ihrem Haus. Sie verbindet das stehende Herz mit einer kleinen Kuckucksuhr und angetrieben von dieser zuverlässigen Mechanik beginnt es damit, dem kleinen Jack Leben einzuhauchen.

Jeder Herzschlag ein Wunder – und bis auf das Ticken der Uhr, die sichtbaren Zeiger auf Jacks Brust und die Tatsache, dass sie regelmäßig aufgezogen werden muss, gibt es nur ein paar kleine Regeln, die zu berücksichtigen sind, um fortan in Frieden Leben zu können:

Die Mechanik des Herzens – Das Verbot, zu lieben

Sich nicht verlieben zu dürfen, weil das kleine Uhrwerk dies nie verkraften würde – nun, dies scheint für den jungen Jack eine erträgliche Nebenwirkung zu sein. Damit lässt sich leben – denkt er. Bis er im zarten Alter von 10 Jahren der kleinen Flamencotänzerin Miss Acacia begegnet.

Sein Herz spielt sofort verrückt und das kleine Uhrwerk droht zu verglühen. Was würde erst geschehen, wenn er alle Gefühle zu verkraften hätte, die mit der Liebe einhergehen? Wie käme er mit Eifersucht, Sehnsucht und Leidenschaft zurecht? Doch so schnell, wie Miss Acacia in seinem Leben auftaucht, so schnell verschwindet sie wieder. Nach Andalusien, so sagt man…

Vier lange Jahre vergehen, doch Jack hat seine kleine Tänzerin nie vergessen. Die drohende Gefahr des drohenden mechanischen Herztodes schlägt er in den Wind und beginnt verzweifelt um seine Liebe zu kämpfen…

Eine wahre Herzensreise nimmt ihren magischen Verlauf…

Die Mechanik des Herzens“ von Mathias Malzieu ist ein Roman der großen Gefühle und magischen Begegnungen. Ein mehrdimensionales Märchen für Erwachsene, in dem der mechanisch angetriebene Herzschlag den Rhythmus bestimmt.

Die Faszination dieser emotionalen Geschichte erschließt sich jedem Leser, dessen Herz für die wahre und unverfälschte Liebe weit geöffnet ist. Nichts läuft mechanisch ab in „Die Mechanik des Herzens“! Organisch fühlen sich die märchenhaften Handlungsfäden an, die wie Adern zu pulsieren scheinen.

Das Herz dieses Romans schlägt auf seine ganz eigene Weise. Es überträgt seine Arrhythmien auf den Herzens-Leser. Herzrasen, -klopfen und -stillstand sind sowohl Begleiterscheinungen als auch Nebenwirkungen des Lesens. Man kann es nicht aufziehen, es läuft nicht wie ein Uhrwerk, es hat ein Eigenleben, es ist empfindlich und kann gebrochen werden… Oh ja.. das kann passieren…

Die Mechanik des Herzens – Zeitloses Lesen

Die Zeit verliert ihre Dimension durch die Sprache Malzieus. Die Geschichte, die im Jahr 1874 beginnt streckt ihre Fühler in unsere Tage aus. Sie überwindet diese Grenzen durch die geschickte Wahl von Wörtern und Bildern, die es Ende des 19. Jahrhunderts niemals gegeben haben kann.

Wir fühlen Hubschrauber im Herzen; empfinden lange Reisen wie eine niemals enden wollende Etappe der Tour de France; sind dabei, wenn Zimmer laserartig durchsucht werden; werden Zeuge, wenn Jack sich am liebsten an einen anderen Ort teleportieren möchte; können nachempfinden, dass  eine funkensprühende Stimme so wirkt, als sei sie aus Erdbeertränengas und sehen Personen, die sich uns in Zeitlupe nähern.

Wie zarte Wortsamen hängen diese Begriffe an Pusteblumenschirmchen fest und schweben in unser heutiges Leben. Dimensionslose Größe erreicht man durch dieses ungewöhnliche Stilmittel, das in jedem historischen Roman zum störenden Fiasko würde. Genau hier jedoch öffnet sich unser Herz, verweigert jegliche rationelle Mechanik und pumpt frisches Wörterblut in den Kreislauf der Geschichte. Grandios einfach – einfach grandios.

Die Mechanik des Herzens – Die Botschaft der Wortsamen

Die einzige konstante Dimension ist Miss Acacia. Sie ist absolut ewig. Sie steht für das zeitlose Ziel allen Begehrens, symbolisiert den Grund für jedes Liebesopfer und ist in ihrer Unschuld selbst so sehr verletzbar.

Als hätten sich alle Sirenen der Weltliteratur in Acacia vereinigt (Helena, Dulcinea, Esmeralda) tanzt sie in aller Wildheit den Flamenco des Lebens und hinterlässt ihre Spuren mit jedem einzelnen „Klack“ ihrer Tanzschuhe.

Sie gibt den Takt der Liebe vor und ist dabei selbst die ewig Suchende, getrieben von der Sehnsucht nach der unschuldigen Sehnsucht und dem jungfräulichen Begehren eines alles wagenden Herzens. Ob sie es bei Jack findet?

Die Moral der „Mechanik des Herzens“ wiegt sehr schwer. Herzen können Herzen brechen. Herzen können im Lauf der Zeit herzlos werden. Auch mechanische Herzen können organische Motoren der Liebe sein und man kann sich doch in jedem Herzen täuschen. Weit weg von jeder Mechanik – weit weg von jedem Rational.

Niemals wurde ein Herz treffender beschrieben als in diesem bahnbrechenden Märchen.

Ich kann euch dieses Buch nur ans Herz legen, da ich mein eigenes Herz zwischen den bewegenden Seiten verloren habe. Genießt den Luxus, die Geschichte unverfälscht zu erlesen, bevor die Verfilmung im Kino erscheint. Gönnt es euch, die Bilder Malzieus selbst zu entdecken und sie zu euren Bildern zu machen. Es lohnt sich so sehr!

Und nun ist es soweit – die Verfilmung des Romans unter dem Titel „Jack und das Kuckucksuhrherz“ kommt am 03. Juli 2014 in die Kinos. Pflichttermin der Herzen!

Jack und das Kuckucksuhrherz - Jetzt im Kino

Jack und das Kuckucksuhrherz – Jetzt im Kino

Und nach dem mechanischen Herzen kann man nun endgültig sein Herz verlieren, wenn man Mathias Malzieu in seine neue Geschichte Der kleinste Kuss der Welt folgen:

Der kleinste Kuss der Welt - Mit einem Klick zur Rezension

Der kleinste Kuss der Welt – Mit einem Klick zur Rezension

Alessandro Baricco… Ein Lebens-Leseweg und seine Kreuzungen

Alessandro Baricco – Eine Werkschau – Teil 2

Das Thema „Lebensbücher“ bestimmt mein Lebens-Leseweg immer wieder. Wie eine magische Route führen uns diese Werke durch unseren Alltag und bereichern unsere Phantasie mit den Kopfkinobildern, ohne die wir nicht leben können. Doch jenseits der Hauptstraße unserer Lieblingsbücher existieren viele Abzweigungen und Kreuzungen, die uns zu Büchern führen, die eng mit unseren wichtigsten literarischen Schätzen verbunden sind.

Alessandro Baricco hat mit „Seide mein Lebensbuch geschrieben und mir in seinem epischen Roman Land aus Glas zudem noch mit Mr. Rail einen Wegbegleiter und einen Namen an die Seite gestellt, unter dem ich seit Jahren über Literatur schreibe.

Emotional getragene Artikel lassen tiefe Einblicke in die Seelenwelt eines begeisterten Baricco-Anhängers zu. Aber dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem kreativen Schaffen des populären italienischen Autors. Weitere beeindruckende Werke von ihm habe ich am Wegesrand meiner Leseroute gefunden und sie sind ein wichtiger Teil meiner Bibliothek.

Vielleicht möchtet ihr ja auch einmal ein wenig vom „Weg abkommen“ und jenseits des Mainstreams einen Roman lesen, der euch verändern kann. Diese Wegweiser zu Alessandro Baricco könnt ihr gerne in euer „Literatur-Navigations-System“ eingeben und euch überraschen lassen, wohin der Weg euch führt 😉

Alessandro Baricco – Oceano Mare

Oceano Mare

Die mehr als idyllische Pension Almayer beherbergt irgendwo am Meer eine Gruppe außergewöhnlicher Gäste.

Eine junge Frau, die in der Abgenschiedenheit des Strandes von der Liebe genesen will; einen geheimnisvollen Maler der das Meer täglich mit Meerwasser neu zu malen beginnt; einen Wissenschaftler auf der Suche nach den Grenzen der Ozeane und zuletzt ein Mädchen – die junge Elisewin – zu zart zum Leben und zu lebendig zum Sterben.

Obwohl sich ihre Wege bisher nur in der kleinen Pension kreuzen, beginnen sich ihre Geschichten auf magische Weise miteinander zu verflechten. Gebannt bleibt dem Leser keine andere Wahl, als sich selbst ein Zimmer im Almayer zu mieten und täglich zu beobachten, was die Flut der Ereignisse mit sich bringt.

“Wer hätte je gedacht, wie weit man sehen kann, wenn man die Augen eines Mannes küsst – wenn man die Beine eines Mädchens streichelt, wie schnell man laufen und fliehen kann…”

Dieser Roman öffnet einen neuen Mikrokosmos Alessandro Bariccos und verhilft nicht nur Elisewin, sondern auch dem geneigten Leser zu neuem Leben.

Alessandro Baricco - City

Alessandro Baricco – City

City

Nun – Hier wird es selbst für den Baricco–Fan recht schwierig.

Sprachgewalt, Wortwitz und Lebendigkeit im Stil sind typisch für Baricco. Wenn beispielsweise der legendärste Boxkampf aller Zeiten in Form einer Radioreportage im Buch erscheint, dann ist man gebannt, live dabei, Zeuge eines ungeheuren Vorgangs – in Dynamik und Schärfe nicht zu überbieten. Man fühlt die Schläge, sieht den Schweiß spritzen und springt auf, wenn die ersten Treffer ihr Ziel erreichen.

Beim Aufspüren eines Handlungsstranges, der die “baricco`schen” Personen miteinander verbindet, bleibt man doch oft ein wenig ratlos zurück.

Gould, ein Dreizehnjähriger auf dem Weg zum Nobelpreis (egal in welcher Kategorie), denn er hat das Zeug dazu, in jeder zu überzeugen; seine Freunde Poomerang und Diesel (randgruppengezeichnet, einer stumm, einer riesig); sein westernschreibendes, jede Idee auf Tonband aufnehmendes Kindermädchen Shazzy Shell und die kleine Geschichte der Eltern von Gould (Mutter in der Psychiatrie und Vater beim Militär) runden die illustre Protagonistenschar ab.

Gould`s einzige wahre Gemeinsamkeit mit seinem Vater: Radioreportgagen von Boxkämpfen gemeinsam zu hören. Mehr verbindet die beiden nicht und mehr scheint auch Gould selbst nicht mit dem realen Leben zu verbinden. Entscheidet er sich für den Nobelpreis oder bleibt er der unbekannte, im Badezimmer Boxkämpfe moderierende Junge?

Auch wenn dieser sprachgewaltige Roman überhaupt nicht einzuordnen ist und keinem Archetyp entspricht, so bleibt das ungeheure Vergnügen, ihn gelesen zu haben.

Alessandro Baricco – Novecento

Novecento

Der wohl größte Pianist der Welt kennt nur die engen Grenzen des Luxusliners Virginian.

Dort als Baby an Bord ausgesetzt und von einem Besatzungsmitglied adoptiert hat Novecento sein Leben den Wellen und den Passagieren des Dampfers angepasst.

Spielerisch vertont er all seine Beobachtungen am Klavier. Er spielt das Leid, die Eifersucht und die Liebe und unterhält auf mit dieser einzigartigen Musik die Reichen dieser Welt. Novecento schlägt sogar den berühmtesten Jazzpianisten seiner Zeit in einem virtuosen musikalischen Vergleich an Bord und lebt fortan in der trügerischen Hoffnung, seinen Platz im Leben gefunden zu haben.

Jeder Versuch, von Bord zu gehen, endet in der beängstigenden Feststellung, dass dort einfach zu viel Welt auf Novecento wartet. Den Weg ins richtige Leben findet er nicht auf diese Weise. Die Virginian ist seine Welt – nur hier fühlt er sich sicher und nur hier spielt die Musik in seinem Herzen.

Das Schiff wird abgewrackt und letztlich gesprengt – mit Novecento an Bord?

Die Bilder des berührenden Romans über die Enge der eigenen Welt haben ihren Platz in der einzigartigen und sehr eng am Buch angelehnten Verfilmung „Die Legende des Ozeanpiansten“ durch Giuseppe Tornatore gefunden.

Ennio Morricone wurde für seine herausragende Filmmusik mit dem Golden Globe ausgezeichnet. Dieses Buch zu verfilmen ist eine ganz eigene Herausforderung für sich, die „geschriebene“ Musik Alessandro Bariccos zu vertonen, das ist einen brillantes Meisterwerk! Und nun auch in neuer Auflage als Westentaschenbuch.

Alessandro Baricco – Diese Geschichte

Diese Geschichte

Ein nicht immer typischer Baricco! Sprachlich bewegt sich der Autor zumindest bei der Schilderung der Kriegshandlungen auf absolut ungewohntem Terrain, dann aber lässt er mit Ultimo einen Protagonisten entstehen, der wie zuvor Novecento und Hervé Joncour auf der Jagd nach dem ultimativen Lebenstraum in jeder Dimension Bariccos  sowohl scheitert, als auch auch jedes Ziel erreicht, das zu erreichen er sich jemals gewünscht hat. Ob es ihm allerdings gelingt, die Prinzessin wiederzufinden, in die er sich unsterblich verliebt hat, das muss man schon selbst erlesen 😉

Die Auto-Rennbahn des Lebens zu bauen – ein Straßenprofil als Abbild eines Lebensweges anzulegen – allein dieses Bild macht “Diese Geschichte” zu dem was sie ist.

Genau an diesen Stellen entfaltet sich die besondere Magie Bariccos, weil seine Bücher miteinander verbunden sind und an ganz besonderen Buchkreuzungen auf den gleichen Weg abbiegen.

Über Land aus Glas und Mr. Rail habe ich bereits ausführlich geschrieben. Über jenen Mann, dessen Lebensziel daraus bestand, eine schnurgerade Eisenbahnstrecke zu bauen und seiner Lokomotive Elisabeth zur endlosen Fahrt zu verhelfen. Und nun befinden wir uns in einem Roman, in dem es darum geht, eine Auto-Rennbahn in Form des eigenen Lebensweges zu konstruieren… und hier lesen wir folgendes:

„Ich will ihnen etwas erzählen, Florence.

Mein Vater war ein sehr reicher Mann, er war viel reicher als ich. Er hat fast alles durchgebracht, weil er einen verrückten Traum verfolgte, irgend etwas mit Eisenbahnen, ein Blödsinn. Er liebte Züge. 

Als er anfing, seine Besitztümer zu verkaufen, ging ich zu meiner Mutter und fragte sie: Warum hältst du ihn nicht auf?…

Meine Mutter gab mit eine Ohrfeige. Dann sagte sie…: Wenn du jemanden liebst, der dich liebt, zerstöre ihm niemals seine Träume.“

Seide und Mr. Rail

Auch in „Seide“ finden wir ein Zitat, das den Leser Bariccos einfach gefangen nimmt und nicht mehr los lässt. Jener legendäre Mr. Rail hat auch hier seine tiefen Spuren hinterlassen. Seine Vision ist Maßstab für das Handeln und Denken der Charaktere in diesen Romanen. Visionen brauchen keine Begründungen:

„Ich kannte einmal einen Mann, der eine Eisenbahnstrecke ganz allein für sich bauen ließ…

Und das Beste daran ist, dass er sie schnurgerade anlegen ließ, Hunderte von Kilometern ohne eine Kurve. Es gab auch ein Warum, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern. An das Warum erinnert man sich nie…“

Leser von Baricco erinnern sich immer… Das Warum ist nicht entscheidend…

Ich hoffe, dass mein Lebens-Leseweg mit Alessandro Baricco noch sehr lange andauern wird. Ich kann nur empfehlen, in seinem eigenen Leseleben zumindest ein Buch von ihm zu lesen. Wegweiser habe ich genügend aufgestellt… Ihr habt die Wahl!

Und wenn es euch interessiert, wie Alessandro Baricco diesen Lesensweg fortsetzt: Hier ist Mr. Gwyn. Und nicht nur das. Es ist auch der letzte Wunsch des Rezensenten.

Alessandro Baricco – Das Schreiben als Vision

Wieso eigentlich Mr. Rail? Eine gute Frage…

Alessandro Baricco – Leselebenswegbegleiter

Auf die Frage: „Du hast doch sicher ein Lieblingsbuch?“ fällt wohl jedem bibliophil veranlagten Leser eine Antwort ein. Manche von uns haben sogar mehrere Antworten auf den Lippen, da wir uns nicht immer sofort entscheiden können und uns bei dieser Frage sofort eine ganze Bibliothek durch das Lesegedächtnis rauscht.

Absolute Lebensbücher werden ausschließlich von Lieblingsautoren geschrieben – Lieblingsbücher von Leselebenswegbegleitern verfasst. Aber was macht ein Buch zum Lebensbuch, was bringt die literarischen Saiten eines Lesers so zum Schwingen, dass man ohne dieses bestimmte Buch nicht der Mensch geworden wäre, der man zu sein glaubt? Wie wird man zum Resonanzkörper eines Lebensbuches?

Liegt die Antwort schon in der magischen Frage verborgen: “Welche drei Bücher würden sie auf eine einsame Insel mitnehmen?“ Begründet sich das Lebensbuch alleine dadurch, dass man sich in den ruhigen Minuten des Alltags an jede Nuance, an jede Seite eines Buches erinnert und quasi in die Rolle eines Protagonisten schlüpfen kann, um dessen Leben auch außerhalb der Geschichte weiterzudenken?

Kopfkino-Eintrittskarte

Oder liegt das Geheimnis darin verborgen, dass man sich einfach mit der EINEN großen Idee eines Romans identifizieren kann und somit DIE einzigartige Eintrittskarte für das Kopfkino des eigenen Lebens in Händen hält?

Schwer zu sagen! Auf die magische Inselfrage würde ich jedoch antworten: „Nein – Bücher von Alessandro Baricco würde ich sicher nicht mitnehmen!“ Kein einziges. Warum? Weil ich sie in und auswendig kenne – sie vollkommen aufgesaugt habe und ich mit Sicherheit kein Buch mit mir herumtragen werde, dessen Geschichten bereits zum bestimmenden Teil meines Lebensgedächtnisses geworden sind.

Sie haben meinen Weg beeinflusst, meinen Blick auf die Welt, mein Gefühl für Sprache, meine eigene Sprache, mein Schreiben und mein Fühlen – was kann man mehr von einem Schriftsteller erwarten. Was habe ich Alessandro Baricco alles zu verdanken!

Alessandro Baricco – SEIDE – Mein Lebensbuch… und mehr als das…

Mein Lebensbuch: Seide

“Es war das Jahr 1861, Flaubert schrieb gerade den Schluss von Salambó, das elektrische Licht war noch graue Theorie, und Abraham Lincoln führte jenseits des Ozeans einen Krieg, dessen Ende er nie erleben sollte.”

Kein anderes Buch hat mich so sehr geprägt, kein anderes Buch verbindet mich so sehr mit mir selbst und mit meinen Gefühlen. Es ist definitiv das Buch meines Lebens. Der Roman hat seine Spuren in mir hinterlassen – Spuren der Freundschaft, Spuren des Todes und die Spur der Liebe. Diese Spuren sind tief und sie werden es bleiben!

Der Artikel „Lebensbücher – Seide von Alessandro Baricco“ hier auf Literatwo zeigt mehr als deutlich, welchen Stellenwert der Roman auch für Bianca hat und wie sehr uns dieses Buch miteinander verbindet. Wenn ihr mehr zu „Seide“ und zum gleichnamigen Film erfahren möchtet, einfach hier weiterlesen!

Was könnte also näher liegen, als mir aus diesem absoluten Lebensbuch auch gleich mein Pseudonym, unter dem ich nun schon seit drei Jahren schreibe, von Alessandro Baricco zu borgen? Mr. Rail. Richtig gelesen – es handelt sich um eine Romanfigur aus seinem epischen Meisterwerk Land aus Glas„.

Warum nur gefiel mir Mr. Rail – jener Mann, dessen einziges Lebensziel darin besteht, eine absolut schnurgerade Eisenbahnlinie zu bauen und seine Lokomotive Elisabeth zum höchsten Tempo zu bringen?

Ganz einfach: Wie im richtigen Leben wird Mr. Rail bewiesen, dass es keine gerade Strecke gibt, dass diese schnurgerade Linie nicht existieren kann und dass auch die schnellste Lokomotive schnell an ihre Grenzen stößt… Ein Suchender – ein Abenteurer mit Träumen – ein Mann mit einer unglaublichen Vision… Und er taucht immer wieder in den Romanen von Baricco auf … er ist vielleicht der „Rote Faden“ aller Geschichten und das Konzentrat der Charaktere aus der Feder des italienischen Meisters.

In „Land aus Glas“ jedenfalls ist Mr. Rail zuhause. Hier habe ich ihn zuerst entdeckt und seine Spur nie wieder verloren. Was ist also zum Roman zu sagen? Es ist, wie es ist: Ich muss deutlich davor warnen, ihn zu lesen!

Land aus Glas – Eine unendliche Reise durch die menschliche Seele…

Land aus Glas

„Es war einmal ein Mann der fortging, durch die Welt reiste, und jedesmal wenn er zurückkehrte, kam vor ihm, in einem mit Samt ausgeschlagenen Kästchen, ein Juwel an.“

Wer erfahren möchte, warum Mr. Rail versucht, eine schnurgerade Eisenbahnstrecke zu bauen, was seine Frau Jun damit zu tun hat und was von der alten Lokomotive Elisabeth erwartet wird, der sollte sich auf diese Geschichte einlassen.

Baricco entführt seine Leser in das glasklare Spiegelkabinett einer unwirklichen Welt. Einer so phantastischen Welt, die man zuerst ablehnen muß, weil man sie nicht verstehen kann. Aber dann wird man immer weiter hineingezogen in dieses Glashaus, dem man anfangs so misstraut hat, und man merkt, dass es drinnen verführerisch und phantasievoll zu funkeln scheint.

Und alles schließt sich um den Leser, wie ein zarter Kokon. Man ist so geschützt und will nicht mehr hinaus. Und in diesem Moment läßt der Autor dieses Glashaus über dem entsetzten Leser einstürzen, wobei dieser unter einem Haufen von Traum- und Phantasiesplittern begraben wird und, sobald er sich davon befreit hat, wieder der kalten Wirklichkeit ausgesetzt ist.

Das Buch ist wirklich nicht sehr angenehm und man neigt hinterher dazu es zu verdammen, weil man sich vom Autor verraten und in eine Falle gelockt fühlt. Aber zu einer Verführung gehört auch immer jemand, der verführt werden will. Wer sich nach einem solchen Glashaus sehnt, der ahnt nun, daß es wirklich existieren kann, man muß es nur selbst bauen und seine Schwächen kennen, es notfalls verlassen, bevor es einstürzt.

Land aus Glas – Hier wohnt Mr. Rail

Dieses Buch ist in sich selbst als geschlossene Einheit des Erzählens schon genial, aber man muss wissen, dass alle  Stilmittel und „Spinnereien“ nur dem größeren Ziel dienen, den Leser zu verändern. Ihm eine Lehre zu erteilen. Und das macht dieses Buch brillant.

„Nur noch dreimal …… bis Amerika“ – unvergesslich…

Und wenn es euch interessiert, wie Alessandro Baricco diesen Lesensweg fortsetzt: Hier ist Mr. Gwyn. Und nicht nur das. Es ist auch der letzte Wunsch des Rezensenten.

Hier geht es bald weiter – Baricco – Eine Werkschau

Myk Jung mischt Mittelerde auf…

Myk Jung und DIE deutsche Tolkien-Parodie

Es ist landauf, landab – ja sogar hügelhoch und bergan, vielleicht auch flussauf- und -abwärts mehr als bekannt, dass ich bekennender Anhänger der fantastischen Werke von J.R.R. Tolkien bin. Auenländer darf man mich nennen, Elbenfreund oder Gandalfianer gar. Den „Herrn der Ringe“ habe ich einst verschlungen, als sei es das erste und letzte Buch auf Erden zugleich und im „Hobbit“ lebe ich in meinen Träumen und Gedanken noch immer.

In tiefer und aufrichtiger Zuneigung habe ich hier über die Werke des großen Schriftstellers berichtet und freue mir bereits jetzt Helms Klamm auf die polierte Rüstung, weil am Ende des Jahres endlich der „Hobbit“ in der lange erwarteten filmischen Adaption von Peter Jackson die Kinosäle erobern wird.

Der eine Film, sie alle zu knechten…. Wahrlich… so wird es kommen.

Nur ernsthaft kann ich mit meinem „Schaaaatzzzz“ umgehen, nur in absoluter Demut lesen und im nie enden wollenden Gemälde der Tolkien`schen Welt umherwandern. Man mache alles mit mir… aber eines mache man nicht…! Man mache sich nicht über Frodo, Herrn Bilbo und Aragorn lustig… nicht in meiner Anwesenheit! Das käme einem Sakrileg gleich! Also Vorsicht mit mir… ich bin da empfindlich….

Öhm… dachte ich!

Myk Jung beim Literaturfest Meißen 2012

Bis wir nach Meißen kamen. Eigentlich waren wir mit Freunden vom Dresdner Buchverlag zu einer Lesung verabredet, aber leider saß dort noch jemand auf dem „Lesethron“ und erschreckt stellte ich fest dass dieser Autor so gar nicht in mein Weltbild passte. Äußerlich nicht gerade das Ebenbild eines seriösen Schreiberlings und inhaltlich keimte sofort ein schrecklicher Verdacht in mir, als ich dann seine Stimme vernahm, die mein Tolkienherz in Wallung versetzte. Ich hörte die folgenden Sätze wie im Traum und aus weiter Ferne:

„Als dann, gegen Ende des Drittletzten Zeitalters, SAURUM der Dunkle Herrscher wieder eine hässliche Gestalt angenommen hatte, die NAZGULASHS abermals kreischend übers Firmament zirkulierten und letztendlich offenbar geworden war, dass FAHRDUMANN, der Weiße Zauberer auf der Suche nach dem Einen Ohrring in seinem Ohr-Tank tatsächlich abgerissene Ohren sammelte, da waren die Nerven der zurückgebliebenen Albernen zum Zerreißen gespannt.“

Als ich dann noch Namensfragmente, wie „GANZHALB der Graue, FROHDOOF und GARD ARIEL“ vernahm, war mir schlagartig alles klar. Hier hatte sich jemand an meinem „Herrn der Ringe“ vergriffen und parodierte lachend und scheinbar völlig unbeeindruckt von meinem Erschrecken die heiligste aller Fantasygeschichten.

Der Mann muss vom Lesethron geschubst und mit Schimpf und Schande aus der Stadt gejagt werden. Anders konnte man auf diese literarische Provokation nicht reagieren. Und ich selbst war im Zustand höchster Aufregung. Gänsehaut überzog meinen Körper und alle Nackenhärchen hatten sich zur Schlachtformation aufgestellt.

Doch irgendetwas hielt mich zurück – ja, schien mich fast zu lähmen. Und in einem Moment der tiefsten Erschütterung musste ich feststellen, dass mir eine kleine Träne die Wange herunter lief. Und es war zu meinem Entsetzen eine Träne des Lachens. Die Gänsehaut war kein Protest gegen jene Lesung – nein, im Gegenteil. Sie war äußeres Zeichen innerer Begeisterung und die Nackenhaare hatten sich nur hochgestellt, weil meine Ohren so etwas bisher noch nie gehört hatten.

Myk Jung – Der Herr der Ohrringe

Da saß er nun:

Myk Jung – studierter Germanist und Politologe, Independent-Musiker, Frontman verschiedener Bands, Autor und Kolumnist…. Und – ja man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen – bekennender Liebhaber des „Herrn der Ringe“.

Nur wer „so“ liebt, kann „so“ parodieren. Nur wer so tief im originalen Text steckt, kann so weit davon abweichen und doch im Herzen Tolkinianer bleiben. Und nur wer so liest, wie Myk Jung, vermag es, sein Publikum mit Stimme und Text so sehr an sich zu binden… an den Einen, sie alle zu fesseln.

Und er las, wie der Teufel – er las mit einer so unverwechselbaren Stimme, dass Bianca und ich uns sofort einig waren. So eine Stimme hatten wir in einer Lesung noch nicht gehört. Vielleicht in den großen PIXAR Filmen im Kino. Da kann man ab und an eine solche Synchronstimme vernehmen. Aber doch nicht bei einem Schriftsteller selbst.

Ungewöhnlich… seine Präsenz, seine Nuancierung und seine Lautstärke, wenn er die Mittelmäßige Welt vor den KNORKS zu warnen versucht. Und Meißen lauschte…

Literatwo konnte nicht widerstehen. Unmittelbar nach der Lesung knüpften wir den ersten Kontakt und waren dann doch länger als geplant im tiefen Gespräch versunken. Wir werden das komplette Buch lesen. Wir werden uns den Herrn der Ohrringe zu Gemüte führen. Wir können nicht anders, als auch in dem „Einen“ Hörbuch zum Roman zu versinken und dann mit gebanntem Blick darauf zu warten, was mit uns geschieht, wenn dann im Herbst auch noch der „Hobknick“ erscheint. Auch am „Hobbit“ hat Myk Jung seine persiflierende Autorenhand angelegt…

Eine Parodie ist eine Parodie, ist eine Parodie… möchte man meinen. Hier haben wir es wohl eher mit einem mehr als interessanten Gesamtkunstwerk zu tun. Sein Name: Myk Jung.

Unglaublich?… Na einfach mal zuhören… Augen schließen, konzentrieren, wieder hinschauen, wieder Augen schließen und dann einfach die Gänsehaut wegbügeln und sich auf mehr von Myk Jung freuen. Hier bei Literatwo.

Jeder stirbt für sich allein… Hans Fallada zeitlos gegen das Vergessen

Hans Fallada – Jeder stirbt für sich allein

„Eine Hälfte des Volkes sperrt die andere ein, das kann nicht mehr lange dauern. Nun, ich jedenfalls werde hier wohnen bleiben, mich wird niemand einsperren… Je schlimmer, je besser. Umso eher nimmt dies ein Ende!“

Eigentlich wusste ich, was mich erwartet. Eigentlich. Ich nehme mir den Stadtplan von Berlin aus dem Jahr 1940 und begebe mich zu Fuß in die Jablonskistraße. Ich folge dabei den Spuren Hans Falladas, die er mit seinem Nachkriegsroman Jeder stirbt für sich allein mehr als deutlich in der deutschen Literatur hinterlassen hat.

Jablonskistraße 55. Nicht gerade die beste Gegend. Arbeiterviertel. Hochgezogene Mietshäuser mit schummrigen Innenhöfen und tief liegenden Mansardenwohnungen. Die Stadt strahlt im Glanz des Dritten Reichs. Hakenkreuzflaggen und Dauerberieselungen aus den heimischen Volksempfängern und in Wochenschauen. Es wird der triumphale Sieg über Frankreich gefeiert.

Die Kapitulation des „Erzfeindes“ vollendet einen Weg, der im Jahr 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begonnen hat. Wobei es wohl eher eine Machtübergabe war – das bis zu diesem Zeitpunkt freie deutsche Volk der Weimarer Republik hatte gewählt und Adolf Hitler mehr als den Steigbügel zur Diktatur gehalten.

Jeder stirbt für sich allein – Berlin – Jablonskistraße 55

Die Jablonskistraße 55. Ein Mikrokosmos des Dritten Reiches. Ein mehrgeschossiges Haus, in dem sich alle Schichten des kriegsgeschüttelten euphorischen Landes unter einem Dach versammeln. Eine Familie aufstrebender Parteifunktionäre, ein des Amtes enthobener Richter, einige kleine Nazi-Spitzel und Gelegenheitsganoven, eine auf die Deportation wartende alte Jüdin und das Arbeiterehepaar Anna und Otto Quangel.

Das Reich funktioniert in diesem Haus im Kleinen wie im Großen. Vom Mitläufer bis zum Pseudomachthaber, von den Opfern bis zu den gewissenlosen Tätern – das gefährliche Gleichgewicht der Bedrohung hält das Machtgefüge in der Waage. Bis ein Brief eintrifft und das Ehepaar Quangel in heroischen Phrasen vom Heldentod des einzigen Sohnes an der Front in Kenntnis setzt. Viele solcher Briefe sind im Umlauf… und es werden immer mehr.

Das unauffällige Paar, das mit den Nazis politisch wenig am Hut hat und um den Preis des Nicht-Auffallens in der Masse zu verschwinden sucht, sieht gemeinsam keinen Sinn mehr in der Passivität des eigenen Verlustes. Irgendetwas müsse man doch tun, irgendetwas ändern, sich erheben, aber langsam und mit möglichst wenig Risiko, aber sich erheben…! Das beschließen die Beiden in einer Nacht der Trauer um ihren Sohn. Ein großer Schritt – allein das Eingeständnis von Gefühlen. Die Quangels als emotionale Menschen zu bezeichnen wäre verfehlt. Sie sind einfache Arbeiter und funktionieren – jeder dabei seinen Weg gehend – für die großen Gefühle bleibt da wenig Zeit. Hinter den dicken Mauern des Alltags sind alle Emotionen verborgen… Bis zu diesem Tag.

„Ottochen ist nicht mehr….“

Selbst der Vater zeigt plötzlich eine Seite, die ihm selbst fremd zu sein scheint. Man schreibt Postkarten, ruft zum Widerstand auf, warnt vor dem Regime, verteufelt die Partei und den Führer. Man legt diese Protestkarten gemeinsam in Berliner Häusern aus. Fensterbänke, Treppen und dunkle Flure. Das sind die Tatorte des Widerstandes. Offen widersteht man auch, indem man den Rausschmiss aus allen Organisationen heraufbeschwört, die mit DER Partei in Verbindung stehen.

Jeder stirbt für sich allein – Karten gegen Hitler – Karten gegen die NAZIS

Die ersten Karten werden gefunden, erste Karten wandern zur GESTAPO, erste Fähnchen markieren die Fundorte der Karten auf einer Karte im Dienstzimmer eines Kommissars. Die Schlinge beginnt sich zuzuziehen. Und währenddessen tobt das System sich im Hause der Quangels aus. Spitzeltum und Parteiprivilegien gehen Hand in Hand, die jüdische Frau wird zum Spielball und nur der des Amtes enthobene Richter bleibt im Geheimen standhaft. Zum offenen Widerstand kommt es trotzdem nicht – die schiere Existenzangst lähmt alle Schritte ans Licht.

Jeder lebt für sich allein – und jeder stirbt für sich allein – dieser rote Faden zieht sich durch das gesamte Buch, durch jedes Kapitel, durch jeden Satz. Man ist allein, egal auf welcher Seite man stehen mag. Selbst als NAZI unterliegt man dem Druck des Systems. Tausend kleine Widerstände verpuffen auf diese Weise landesweit im Wind. Tausend Sabotagen verfehlen ihr Ziel und tausend Delikte werden im Tausendjährigen Reich mit der gleichen Konsequenz bekämpft. Der Volksgerichtshof, zu dem das Volk nur auf der Anklagebank Zutritt hat, wird zur Bühne tausender Schauprozesse.

Der Todestrakt von Plötzensee ist dann der letzte Ort, an dem wir den Quangels begegnen. Am Ende haben sie fast mehr als 200 Karten in Umlauf gebracht, nur um festzustellen, dass fast alle Aufrufe ungelesen bei der GESTAPO abgeliefert wurden. Die Fähnchen auf der Karte haben sie umzingelt, Spitzel haben sie eingekreist und der gemeinsame Weg endet öffentlich gedemütigt vor dem Volksgerichtshof. Und doch stirbt jeder für sich allein. Und zieht doch andere, völlig Unbeteiligte, mit sich in den Tod.

Und doch hatten sie die Wahl. Sie hatten die Wahl, auf welcher Seite sie stehen wollten.

Die Quangels hat es wirklich gegeben. Fallada orientierte sich an Ermittlungsakten aus den Jahren 1940 bis 1942 gegen das Arbeiterehepaar Elise und Otto Hampel. Echte Kartenschreiber, inhaftiert, verurteilt, hingerichtet. Fallada schrieb sich mit diesem Roman ein tausendjähriges Berufsverbot als unerwünschter Autor von der Seele und wurde mit Veröffentlichung des Romans zum Fundament des Aufbau Verlags. Allerdings zu spät für Fallada selbst….

Hans Fallada – Ein AUFBAUhelfer nach 1000 Jahren Schreibverbot…

Fallada wurde neu entdeckt und in der erstmals ungekürzten Fassung seines Romans zeigt sich die zeitlose Frische seines Stils. Die deutsche Literatur hat Hans Fallada vieles zu verdanken. Ein widerstehendes Arbeiterehepaar aus dem Berlin der 40er Jahre verdankt ihm ein bleibendes Denkmal!

Der Nationalsozialismus verdankt ihm eine lebenslange Absage.

Das Ende seines Romans aus dem Aufbau Verlag verdankt ihm einen der größten literarischen Hoffnungsschimmer für ein neues Land. Ein Schlussakkord der mich vor Freude weinen ließ!

Lest Fallada…. Lasst euch von ihm in die Todeszelle von Plötzensee entführen. Lest, wie gewaltig dieser Mensch geschrieben hat und überdenkt dann, auf welcher Seite ihr gestanden hättet…. Eines der größten deutschen Bücher.

Mit einem Klick zur Radio-Rezension zu Hans Fallada

Mit einem Klick zur Radio-Rezension zu Hans Fallada

Hans Fallada schrieb das Buch 1946 in schlechter gesundheitlicher Verfassung. Nur drei Monate nach Fertigstellung seines Manuskripts verstarb er am 5. Februar 1947. Die Veröffentlichung von Jeder stirbt für sich allein hat er nicht mehr erlebt… Sein Buchtitel hatte ihn zuvor eingeholt…

Warner Bros bringt die herausragend besetzte Verfilmung des Bestsellers von Hans Fallada mit Daniel Brühl, Emma Thompson und Brendan Gleeson in den Hauptrollen am 17. November 2016 in die deutschen Kinos. Dies ist mir eine Radio-Reportage wert.

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