Jeder stirbt für sich allein… Hans Fallada zeitlos gegen das Vergessen

Hans Fallada – Jeder stirbt für sich allein

„Eine Hälfte des Volkes sperrt die andere ein, das kann nicht mehr lange dauern. Nun, ich jedenfalls werde hier wohnen bleiben, mich wird niemand einsperren… Je schlimmer, je besser. Umso eher nimmt dies ein Ende!“

Eigentlich wusste ich, was mich erwartet. Eigentlich. Ich nehme mir den Stadtplan von Berlin aus dem Jahr 1940 und begebe mich zu Fuß in die Jablonskistraße. Ich folge dabei den Spuren Hans Falladas, die er mit seinem Nachkriegsroman Jeder stirbt für sich allein mehr als deutlich in der deutschen Literatur hinterlassen hat.

Jablonskistraße 55. Nicht gerade die beste Gegend. Arbeiterviertel. Hochgezogene Mietshäuser mit schummrigen Innenhöfen und tief liegenden Mansardenwohnungen. Die Stadt strahlt im Glanz des Dritten Reichs. Hakenkreuzflaggen und Dauerberieselungen aus den heimischen Volksempfängern und in Wochenschauen. Es wird der triumphale Sieg über Frankreich gefeiert.

Die Kapitulation des „Erzfeindes“ vollendet einen Weg, der im Jahr 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begonnen hat. Wobei es wohl eher eine Machtübergabe war – das bis zu diesem Zeitpunkt freie deutsche Volk der Weimarer Republik hatte gewählt und Adolf Hitler mehr als den Steigbügel zur Diktatur gehalten.

Jeder stirbt für sich allein – Berlin – Jablonskistraße 55

Die Jablonskistraße 55. Ein Mikrokosmos des Dritten Reiches. Ein mehrgeschossiges Haus, in dem sich alle Schichten des kriegsgeschüttelten euphorischen Landes unter einem Dach versammeln. Eine Familie aufstrebender Parteifunktionäre, ein des Amtes enthobener Richter, einige kleine Nazi-Spitzel und Gelegenheitsganoven, eine auf die Deportation wartende alte Jüdin und das Arbeiterehepaar Anna und Otto Quangel.

Das Reich funktioniert in diesem Haus im Kleinen wie im Großen. Vom Mitläufer bis zum Pseudomachthaber, von den Opfern bis zu den gewissenlosen Tätern – das gefährliche Gleichgewicht der Bedrohung hält das Machtgefüge in der Waage. Bis ein Brief eintrifft und das Ehepaar Quangel in heroischen Phrasen vom Heldentod des einzigen Sohnes an der Front in Kenntnis setzt. Viele solcher Briefe sind im Umlauf… und es werden immer mehr.

Das unauffällige Paar, das mit den Nazis politisch wenig am Hut hat und um den Preis des Nicht-Auffallens in der Masse zu verschwinden sucht, sieht gemeinsam keinen Sinn mehr in der Passivität des eigenen Verlustes. Irgendetwas müsse man doch tun, irgendetwas ändern, sich erheben, aber langsam und mit möglichst wenig Risiko, aber sich erheben…! Das beschließen die Beiden in einer Nacht der Trauer um ihren Sohn. Ein großer Schritt – allein das Eingeständnis von Gefühlen. Die Quangels als emotionale Menschen zu bezeichnen wäre verfehlt. Sie sind einfache Arbeiter und funktionieren – jeder dabei seinen Weg gehend – für die großen Gefühle bleibt da wenig Zeit. Hinter den dicken Mauern des Alltags sind alle Emotionen verborgen… Bis zu diesem Tag.

„Ottochen ist nicht mehr….“

Selbst der Vater zeigt plötzlich eine Seite, die ihm selbst fremd zu sein scheint. Man schreibt Postkarten, ruft zum Widerstand auf, warnt vor dem Regime, verteufelt die Partei und den Führer. Man legt diese Protestkarten gemeinsam in Berliner Häusern aus. Fensterbänke, Treppen und dunkle Flure. Das sind die Tatorte des Widerstandes. Offen widersteht man auch, indem man den Rausschmiss aus allen Organisationen heraufbeschwört, die mit DER Partei in Verbindung stehen.

Jeder stirbt für sich allein – Karten gegen Hitler – Karten gegen die NAZIS

Die ersten Karten werden gefunden, erste Karten wandern zur GESTAPO, erste Fähnchen markieren die Fundorte der Karten auf einer Karte im Dienstzimmer eines Kommissars. Die Schlinge beginnt sich zuzuziehen. Und währenddessen tobt das System sich im Hause der Quangels aus. Spitzeltum und Parteiprivilegien gehen Hand in Hand, die jüdische Frau wird zum Spielball und nur der des Amtes enthobene Richter bleibt im Geheimen standhaft. Zum offenen Widerstand kommt es trotzdem nicht – die schiere Existenzangst lähmt alle Schritte ans Licht.

Jeder lebt für sich allein – und jeder stirbt für sich allein – dieser rote Faden zieht sich durch das gesamte Buch, durch jedes Kapitel, durch jeden Satz. Man ist allein, egal auf welcher Seite man stehen mag. Selbst als NAZI unterliegt man dem Druck des Systems. Tausend kleine Widerstände verpuffen auf diese Weise landesweit im Wind. Tausend Sabotagen verfehlen ihr Ziel und tausend Delikte werden im Tausendjährigen Reich mit der gleichen Konsequenz bekämpft. Der Volksgerichtshof, zu dem das Volk nur auf der Anklagebank Zutritt hat, wird zur Bühne tausender Schauprozesse.

Der Todestrakt von Plötzensee ist dann der letzte Ort, an dem wir den Quangels begegnen. Am Ende haben sie fast mehr als 200 Karten in Umlauf gebracht, nur um festzustellen, dass fast alle Aufrufe ungelesen bei der GESTAPO abgeliefert wurden. Die Fähnchen auf der Karte haben sie umzingelt, Spitzel haben sie eingekreist und der gemeinsame Weg endet öffentlich gedemütigt vor dem Volksgerichtshof. Und doch stirbt jeder für sich allein. Und zieht doch andere, völlig Unbeteiligte, mit sich in den Tod.

Und doch hatten sie die Wahl. Sie hatten die Wahl, auf welcher Seite sie stehen wollten.

Die Quangels hat es wirklich gegeben. Fallada orientierte sich an Ermittlungsakten aus den Jahren 1940 bis 1942 gegen das Arbeiterehepaar Elise und Otto Hampel. Echte Kartenschreiber, inhaftiert, verurteilt, hingerichtet. Fallada schrieb sich mit diesem Roman ein tausendjähriges Berufsverbot als unerwünschter Autor von der Seele und wurde mit Veröffentlichung des Romans zum Fundament des Aufbau Verlags. Allerdings zu spät für Fallada selbst….

Hans Fallada – Ein AUFBAUhelfer nach 1000 Jahren Schreibverbot…

Fallada wurde neu entdeckt und in der erstmals ungekürzten Fassung seines Romans zeigt sich die zeitlose Frische seines Stils. Die deutsche Literatur hat Hans Fallada vieles zu verdanken. Ein widerstehendes Arbeiterehepaar aus dem Berlin der 40er Jahre verdankt ihm ein bleibendes Denkmal!

Der Nationalsozialismus verdankt ihm eine lebenslange Absage.

Das Ende seines Romans aus dem Aufbau Verlag verdankt ihm einen der größten literarischen Hoffnungsschimmer für ein neues Land. Ein Schlussakkord der mich vor Freude weinen ließ!

Lest Fallada…. Lasst euch von ihm in die Todeszelle von Plötzensee entführen. Lest, wie gewaltig dieser Mensch geschrieben hat und überdenkt dann, auf welcher Seite ihr gestanden hättet…. Eines der größten deutschen Bücher.

Mit einem Klick zur Radio-Rezension zu Hans Fallada

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Hans Fallada schrieb das Buch 1946 in schlechter gesundheitlicher Verfassung. Nur drei Monate nach Fertigstellung seines Manuskripts verstarb er am 5. Februar 1947. Die Veröffentlichung von Jeder stirbt für sich allein hat er nicht mehr erlebt… Sein Buchtitel hatte ihn zuvor eingeholt…

Warner Bros bringt die herausragend besetzte Verfilmung des Bestsellers von Hans Fallada mit Daniel Brühl, Emma Thompson und Brendan Gleeson in den Hauptrollen am 17. November 2016 in die deutschen Kinos. Dies ist mir eine Radio-Reportage wert.

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