Der Nachtzirkus – Was beim Lesen geschah

Alles begann, wie es eigentlich immer beginnt: Mit einem Lustkauf. Ein Kurzbesuch beim Buchhändler meines Vertrauens, ein kurzer Blickkontakt mit einem Cover, die stille Vereinbarung sich später wieder zu sehen und ein kleiner Rundgang durch die heiligen Hallen.

Es war, als würde mich das Titelbild im Blick behalten und schweigend an unsere Übereinkunft erinnern wollen. Immer wieder schaute ich mich um und fand, was ich suchte. Ein schwarz-weißes Zirkuszelt, ein ansonsten gänzlich glänzend dunkles Äußeres und der magisch anmutende Titel

Der Nachtzirkus

von Erin Morgenstern (Ullstein Verlag) verfolgten mich durch die Weite des bibliophilen Raums. Ich wusste auch sofort, woran dies lag, war diese Begegnung doch nicht unsere erste! Bereits vor Wochen stand ich mit Bianca im Thalia Dresden vor ebenjenem Buch und wir spürten die besondere Anziehungskraft, hatten jedoch kurz vor dem Literaturfest Meißen gerade wenig Zeit für ein neues Leseabenteuer.

Der Nachtzirkus hat dies nicht vergessen – so scheint es… und man sieht sich immer zweimal im Leben!

Ein Blick in den Klappentext war ausreichend:

„Er kommt ohne Ankündigung und hat nur bei Nacht geöffnet: der Cirque des Rêves – Zirkus der Träume“.

Eine schwarz-weiße Zirkus-Zeltstadt hinter deren Kulissen sich der tödliche Wettstreit zweier verfeindeter Magier abspielt. Nicht sie selbst bekämpfen einander – zwei Kinder werden aufeinander losgelassen und es passiert das, was nie hätte passieren dürfen: sie verlieben sich ineinander und riskieren im Kampf um ihre Gefühle die Existenz der traumhaften Welt, in der sie und ihre Freunde leben.

Meine Fantasie kam augenblicklich in Schwung und der wohlmeinende Blick meines Lieblingsbuchhändlers reichte aus, um mit meinem neuen Schatz zur Kasse zu stürzen. Ich hätte nie gedacht, was dann passierte.

Das Bild der schwarz-weißen Zirkuszelte beschäftigte mich sofort und schon während des Lesens suchte ich in den Weiten des Internets nach Bildern für einen Artikel.

Es entwickelte sich ein sukzessives Lesen – Blättern, lesen, schauen und basteln. Als dann auch noch Tarot-Karten ins Zentrum der Handlung rückten und immer wichtiger wurden, war ich plötzlich vom Wunsch beseelt, ähnliche Karten zu besitzen, um greifbar zu machen, was ich las.

Das goldene Klimt-Tarot war der Folge-Lustkauf und ich begann sogleich die Kartenkonstellationen aus dem Roman vor mir auszubreiten. Der Magier, die Liebenden, der Gehängte und viele Bilder mehr entstanden so nicht nur vor meinem geistigen Auge. Erste Foto-Impressionen entstanden und wurden in Facebook gepostet. Zu meiner Überraschung mit großer Resonanz.

Hatte ich doch über das Buch hinaus einen Weg zum Tarot und zu Gustav Klimt gefunden. Mein Leseplatz schimmerte nur noch in den goldenen Tönen der Karten und Ausdrucke von Zirkuszelten rundeten mein Lesegefühl vollends ab.

Der Fantasievirus übertrug sich schnell auf Bianca und auch in Dresden schossen Bilder in den Himmel, da es wirklich kaum möglich ist, sich dem Kopfkino des Romans auszusetzen, ohne einzelne Impressionen bildlich festzuhalten. Es geht nicht.

Eine fantastische Reise inner- und außerhalb des Buches begann.

Dresden und München sind Stationen des Nachtzirkus – wie sollte es auch anders sein… einfach magisch. Ein zweites Tarot-Spiel mit Motiven von Da Vinci fand den Weg zu mir und fügte sich in das schwarz-weiße Ambiente der Traumzirkuswelt ein. Die Zukunft wurde zunehmend greifbar und der Umgang mit den Karten machte mich zum guten Freund der kleinen Isobel… einer Wahrsagerin, die mit ihren Karten nicht nur die Zukunft deuten kann… eine Karte kann sehr viel mehr.

Bindungen zu Romanfiguren entstanden – Zitate waberten durch unsere Köpfe und Bilder zum Festhalten lagen vor uns. Auch wenn die Geschichte sich langsam dem Ende nähert… sie geht scheinbar weiter. Der Nachtzirkus – Tarot – Klimt und die Liebenden. Verwoben durch ein magisches Band.

Google überraschte uns morgens mit einem ganz besonderen doodle. Klimts 150. Geburtstag und das Gemälde „Die Liebenden“ waren plötzlich in aller Munde. Bei uns lag das Bild schon seit Tagen metaphorisch für die streitenden Magier Celia und Marco auf dem Tisch. Und nun schlossen sich die Kreise. Das Buch brachte den Zirkus auf verschiedenen Zeitachsen an einen Punkt, an dem alle Fäden zusammenliefen, kollidierten, sich überschnitten, verwickelten und auflösten.

Der Höhepunkt der magischen Ausstrahlung ist kaum erklärbar. Gestern im neu dekorierten Schaufenster meiner Buchhandlung blicke ich auf das Cover eines neu erschienen Buches und wage kaum, es anzufassen. Klimt – „Die Liebenden“ ziert das Äußere – Goldschrift spricht von Liebe und den großen Geschichten für die Ewigkeit….. Als mir dann auch noch zwei literatwoische Kladden in passendem Design in die Hand fallen steht endgültig fest:

Bücher finden Menschen – Menschen finden Bücher – Bücher finden andere Bücher – Menschen finden Menschen.

Bücher und Menschen sind ebenso aneinander gebunden, wie die beiden Magier, deren Wettstreit den Nachtzirkus aus den Angeln zu heben scheint….

Und kein Bild könnte besser beschreiben, was Celia und Marco miteinander verbindet, als „Die Liebenden“ von Gustav Klimt.

Ein Traum…. Wir haben die Bilder zum Roman gefunden und überlassen es unseren Lesern ihren eigenen Leseweg durch ein großartiges Buch zu finden. Auch ihr werdet Tarot-Karten suchen und gerne nachts lesen… dann erstrahlt der Zirkus in seinen schönsten Farben…

Der Schlüssel zum Nachtzirkus – Es muss dunkel sein…

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