Der Himmel über Jerusalem

Können Bücher Mauern einreißen? Der Himmel über Jerusalem…

Literatwo schreibt regelmäßig „Gegen das Vergessen„. Wir versuchen, in Erinnerung zu rufen, was nie verdrängt werden darf. Wir kämpfen mit unseren Worten dafür, dass sich Geschichte nicht wiederholen darf.

Wir stehen mit unseren Artikeln aufrecht gegen Verfolgung aus religiösen, ethnischen oder ideologischen Gründen. Wir verzagen nicht in unserem Streben und doch ist uns bewusst, dass Worte oftmals nicht ausreichen, dass Worte manchmal nur eine stumpfe Waffe im politischen Alltag sind und wir wissen, dass weltweit viele historisch angelegte Konflikte schwelen und die Jugend von heute einen Krieg ausfechten muss, dessen Wurzeln sie nie erlebt hat.

Worte heizen hier Konflikte an – Worte verursachen Handlungen – Worte machen zu Tätern und Opfern und Worte setzen eine Spirale der Gewalt und Gegengewalt in Gang, die schwerlich aufzuhalten ist. Hier haben Worte Macht… Überlieferungen und Legenden erzielen hier oftmals größere Erfolge, als jedes vermittelnde Wort… Rache wärt ewig… Träume entstehen auf verbrannter Erde.

Wir träumen von Träumen auf immergrünen Wiesen.  Wir träumen auch vom Frieden in Israel. Der Himmel über Jerusalem von Gabriella Ambrosio träumt diesen Traum mit uns. Vorbehaltlos und ohne Partei zu ergreifen. Lasst uns von ihrer Geschichte erzählen – vielleicht geht ihr die Traumstraße gemeinsam mit uns. Und vielleicht – ja ganz vielleicht – verändert man den Lauf der Geschichte auch mit solchen Büchern. Wir hoffen dies sehr.

Man kann es drehen, wie man will – es gibt nur Opfer! Der Himmel über Jerusalem

Wenn wir uns heute den Himmel über Jerusalem anschauen, dann finden wir tiefe Spuren der Geschichte. Narben, die der Holocaust der Nazis im Zweiten Weltkrieg in ein Land geschlagen hat. Wunden, die nach diesem Krieg verursacht wurden, weil man im Versuch, den überlebenden Juden eine Heimat zu geben, ein historisches Pulverfass künstlich gestaltete.

„Wir waren zu müde, als wir auf diesem Boden angekommen sind, Nathan. Wir sind angekommen nach mehr als zweitausend Jahren Verfolgung und einer Shoah, die jeden zweiten von uns getötet hat. Einer Shoah, die bei uns nicht nur Schmerz, Verbitterung… und Schrecken, sondern auch Scham hinterlassen hat. Die Scham darüber, dass wir uns nicht gewehrt haben, dass wir uns wie Schafe zur Schlachtbank führen ließen. Dass wir eine Million Kinder… nicht beschützt haben.“

Die neuen Bürger Israels, traumatisiert und sich ihrer letzten territorialen Chance bewusst, wollten ein solches Desaster nicht erneut erleben und kämpften fortan um ihr Leben.

Die neue Heimat erwies sich jedoch nach kurzer Zeit als lebensfeindliches Territorium. Palästinenser wurden umgesiedelt, enteignet und aus religiösen Gegnern wurden erbitterte politische Feinde, um den verlorenen Lebensraum zurück zu gewinnen. Israel setzte sich gegen jeden Protest zur Wehr. Selbstmordanschlägen folgten Vergeltungsschläge und diesen folgten erneute Anschläge.

Eine neue Welt aus den Angeln. Ein Leben ohne Sicherheit und Balance. Menschen auf zwei Seiten und doch bleiben nur Opfer am Wegesrand der Geschichte zurück. Unversöhnlich bis zum heutigen Tag. Der Himmel über Jerusalem trägt Trauer.

Hier begegnen wir zwei 18jährigen Frauen, Myriam und Dima. Beide von ihrem Umfeld geprägt und perspektivlos auf der Suche nach der Verwirklichung ihrer eigenen Träume. Beide Opfer der bisherigen Geschichte.

Die Jüdin Myriam verlor ihren Freund bei einem Selbstmordanschlag und ihr Bruder erlebt als Soldat den täglichen Schrecken angesichts der pausenlosen Attentate. Sie sieht ihre Zukunft nicht mehr in Israel – die Angst ist übermächtig. Eigentlich sieht sie kaum eine Zukunft, aber das Leben hat sie zu sehr enttäuscht, um sich noch Träume erlauben zu dürfen.

Die Palästinenserin Dima, traumatisiert von unaufhörlichen Israelischen Vergeltungsschlägen, den Repressalien, einem Leben in Flüchtlingslagern und niemals enden wollenden Ausgangssperren, sieht für sich nur einen einzigen Ausweg: Ihrem Volk als Märtyrerin zu dienen!

Wir begegnen den beiden Frauen, als sie gleichzeitig ein Einkaufszentrum betreten. Am Rande ihrer Träume – an der Grenze der eigenen Zukunft und mit unterschiedlichen Lebenszielen. Zwei junge Frauen, die einander ähneln, als seien sie Schwestern – zwei Frauen eines Landes – und doch unterscheidet sie an diesem Tag nicht nur ihre Herkunft und ihr Glaube.

Dima trägt eine Tasche bei sich, in der eine Bombe darauf wartet, inmitten einer Menschenmenge gezündet zu werden. 

„Der Himmel über Jerusalem“ ist kein Buch der idyllischen Hoffnung – es ist kein versöhnendes Buch, lindert keine Schmerzen und löst keine Konflikte. Der Roman orientiert sich an der wahren Geschichte von Ayat al Akhras und Rachel Levy, und genau dies macht die Geschichte so greifbar. Es erlaubt uns nicht, an den Beweggründen zu zweifeln, es erlaubt uns nicht zu vermuten, dass es sich so nie zugetragen haben kann.

Das Buch erlaubt uns aber erstmals einen Blick ohne jegliche Stigmatisierung, ohne Schuldspruch, ohne Verurteilung. Dank Gabriella Ambrosio werfen wir einen Blick auf zwei Opfer ihrer Zeit. Wir erleben zwei Mädchen an der Schwelle des selbständigen Lebens und können nachvollziehen, welche Zwänge und Verletzungen ihrem Handeln zugrunde liegen. Die Jugend von heute führt die Kriege, die sie niemals verursacht hat.

Der Himmel über Jerusalem“ ist ein großes Werk des Verstehens, da jegliche schwarz-weiß-Zeichnung unterbleibt. Ambrosios Roman wurde in Palästina und Israel verlegt und allein dies gibt doch ein wenig Grund für einen leichten Hoffnungsschimmer.

Was wir lernen können? Ich denke, man muss sich bewusst machen, dass ein Stein, den wir heute werfen, in genau 60 Jahren zu einer Explosion führen kann. Wir tragen Verantwortung für unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder. Wenn wir hier versagen, bleiben nur Opfer zurück… Vergebliche Opfer!

Nach der wahren Geschichte von Ayat al Akhras und Rachel Levy

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Wir beide irgendwann…

Wir beide irgendwann. Eine moderne Zeitreise via Facebook…

Tote Mädchen lügen nicht… Mit diesem zeitlosen Roman hat sich Jay Asher einen sicheren Platz in der ewigen Bestenliste von Literatwo erobert. Gespannt warteten wir nun auf sein neues Buch „Wir beide irgendwann“ und schon seit der Buchmesse in Leipzig konnten wir es kaum erwarten, uns der Frage zu widmen, was wohl passiert, wenn man via Facebook einen Blick in die eigene Zukunft werfen könnte.

Was würden wir sehen, was wollten wir sehen und was auf keinen Fall…? Wir haben uns diesem Roman von zwei Perspektiven aus genähert. Werfen wir zuerst einen Blick zurück und dann einen Blick nach vorne… Folgt uns einfach.

Wir beide, irgendwann – Eine Zeitreise dank Facebook

Binea:

1999 – ein Computer zieht in mein Jugendzimmer ein. Von AOL gibt es eine CD Rom, auf der steht, dass die ersten 100 Stunden Internetnutzung frei sind. Internet – endlich. Was war das für ein tolles Gefühl, auch Zuhause surfen zu können. Bisher kannte ich es ja nur aus der Schule. Also los, CD rein und eine Verbindung herstellen. Das Modem machte Knack- und Piepgeräusche und dann war es geschafft. Ich legte mir eine Emailadresse an und die Dame von AOL begrüßte mich mit „Willkommen“. An diese Zeit erinnere ich mich auf den ersten Seiten von „Wir beide irgendwann“ zurück.

Auch Emma geht es so, dass sie zum ersten Mal das Internet von ihrem Zimmer aus betreten kann, denn sie hat wie ich damals, 100 Freistunden. Stundenlang könnte sie also online bleiben, wären da nicht ihre Eltern, die sie davon abhielten. Absolut authentisch, denn mir ging es genauso. Meine Eltern baten mich ebenfalls, die Verbindung zu trennen, da sie sonst nicht telefonieren können. Ich zögerte den Moment so lange wie möglich heraus, da ich gerade die Chaträume von AOL entdeckte und zudem noch Emails versenden wollte.

Wir beide, irgendwann – Was wäre, wenn ich heute wüsste…?

Ein Facebook-Button begegnete mir allerdings nicht, Emma schon. Genau hier endet das gemeinsame Erlebnis, das ich mit der Protagonistin teilte. Emma kann nicht fassen, was sie gerade sieht. Sie entdeckt ihr Profil in der Zukunft. Ihr Nachbar und ehemaliger bester Freund Josh hat ihr die CD Rom mit den Freistunden geschenkt, er muss wissen, was es mit dieser merkwürdigen Seite auf sich hat. Sie möchte ihm die Seite zeigen und mit ihm darüber reden, was sie darauf gefunden hat. Genau sie, Emma Nelson Jones, wird in der Zukunft unglücklich sein, stellt sie anhand der Einträge fest. Ein Punkt der auf ihr lastet, ihr nicht mehr aus dem Kopf geht.

Sie findet Einträge von sich aus der Zukunft, liest sich alle Meldungen durch, die sie finden kann und blättert durch ihre Zukunfts-Fotogalerie. Emma kann es nicht glauben und auch Josh ist sprachlos fasziniert. Beide wollen das Geheimnis für sich behalten und vermuten, Klassenkameraden spielen ihr einen Streich. Die Onlinezeit wird durch die Eltern begrenzt und so können beide erst am nächsten Tag wieder auf das Facebook-Profil von Emma zugreifen.

Wir beide, irgendwann – Bin das wirklich ich? Emma…

Keine vierundzwanzig Stunden später stellt sich heraus, dass sich einige Statusmeldungen vom gestrigen Tag verändert haben. Die Zukunft scheint nicht, noch nicht, festgelegt zu sein und einige Ereignisse können anscheinend positiv wie negativ beeinflusst werden.

Mr. Rail:

So weit, so gut… Genau bis zu diesem Punkt waren wir gefesselt von der Ausgangssituation und in vielen Telefonaten haben wir unseren Gedanken freien Lauf gelassen und spekuliert, welche Irrungen und Wirrungen wohl noch auf Emma und Josh zukommen würden. Dabei hatten wir stets Jay Asher im Hinterkopf, da wir seit Tote Mädchen lügen nicht genau wussten, in welche Abgründe und Tiefen er abzutauchen vermag. Wir waren bereit zum Tauchgang… Wir waren es wirklich…

Wir beide, irgendwann – Warum ist heute bald gestern?

Doch schon früher als uns lieb war mussten wir feststellen, dass wir mit unseren Erwartungen ein wenig über die Realität dieses Romans hinausgeschossen waren. Die brillante Idee fand in ihrer Umsetzung lediglich dort ihren Niederschlag, wo es darum ging, jeden Morgen die „Zeitmaschine“ Facebook zu öffnen und auf der eigenen Profilseite lediglich die fokussierte Beziehungszukunft zu betrachten.

Allein eine Frage steht im Mittelpunkt: „Mit wem bin ich denn diesmal verheiratet?“  Und sollte einer der Einträge im Profil von Emma nicht den persönlichen Wünschen entsprechen, dann wird eben schnell durch eine Entscheidung im Jahr 1996 die Zukunft geändert. Dabei reicht es in der Theorie der Romankonstruktion aus, sich zum Beispiel klar und deutlich einzureden „Ich werde nie in London wohnen“, um einen möglichen Lebenspartner loszuwerden, der laut Facebook mal eben Emmas Geld für ein IPad ausgegeben hat.

Am nächsten Tag ist auf Emmas Profil von jenem Ehemann keine Spur mehr zu finden und die Geschichte entwickelt sich in eine andere Richtung, hin zum nächsten „unmöglichen“ Weggefährten, während die Zukunft von Emmas bestem Freund Josh sich weitgehend unverändert an der Seite des reichsten und tollsten Mädchens der gemeinsamen Schule vollzieht…

Unfassbar!

In Emma haben wir keine romantische und hoffnungsvolle Protagonistin gefunden, sondern eher eine von Neid und Egoismus angetriebene junge Frau, die nicht nur ihr Leben pausenlos verändern möchte, sondern auch Josh nicht ansatzweise sein persönliches Glück zu gönnen scheint. Kein Stoff für eine große Romanze oder gar eine Liebesgeschichte. Zumindest nicht für uns.

Wir beide, irgendwann – Ein Blick in die Zukunft – Unbekanntes

Augenscheinliche Oberflächlichkeiten geben den Ausschlag für jede Richtungsänderung und wenn Emma sich immer mehr der Frage widmet, was Josh eigentlich so anziehend macht, dann nur, weil sie seine Zukunft an der Seite einer so hübschen Frau nicht verkraftet. Der (eigentlich zu viel verratende) Romantitel „Wir beide irgendwann“ klingt dann immer mehr nach einer Drohung, als nach romantischer Fügung des Schicksals. Er klingt nach Emmas Drohung…!

Das größte Manko des Romans ist für uns allerdings das Ausblenden jeglicher gesellschaftlichen Veränderung in den 15 Jahren bis hin zu Emmas Facebook-Profil. Der Roman spielt eher im seichten Taka-Tuka-Land, als im von Wirtschaftskrise, Krieg und Terror (Nine Eleven) massiv veränderten Amerika. Jede Tiefe, die an jeder Stelle des Buches locker zu erzeugen gewesen wäre, bleibt auf der Strecke der seichten Oberfläche… Mehr als schade…

Ein einziger Schulfreund zum Beispiel, der den Weg in die Army gewählt hätte und im Jahr 2011 auf Klassenfotos eines Ehemaligentreffens nicht mehr auftaucht, hätte ausgereicht, die Handlung in einen plausiblen Kontext einzubetten. Die Tatsache, dass Emma auch nur auf ihrer Profilseite landet und es scheinbar keine Startseite gibt, auf der sie viel über das Leben des Jahres 2011 erfahren hätte, dient hierbei nur der besseren Oberflächenhaftung der Handlung.

Wir beide, irgendwann – Wird wirklich alles fortgesetzt?

So bleibt uns nur ein Fazit: Wer ein leicht und locker geschriebenes Buch im Stile einer üblichen College-Lovestory lesen möchte, dabei die grundlegende Idee einer virtuellen Zeitreise nicht unsympathisch findet und sich einfach mal nur unterhalten lassen möchte, dem sei der Griff zu „Wir beide irgendwann“ empfohlen. Ein durchaus schönes Sommerbuch!

Wer allerdings, besonders vor dem Hintergrund des Namens Jay Asher, mehr erwartet, der wird vielleicht so enttäuscht wie wir auf dem Weg zurückbleiben. Wenig Liebe, kaum wahre Gefühle, oberflächliche Romantik und eine weitgehend verpuffte Idee von einer Zeitreise via Facebook haben uns nicht überzeugt!

Begrabt mein Buch an der Biegung des Flusses…

Umberto Eco – Der Friedhof in Prag – Nomen est Omen

Kein zweiter Autor hat meinen Lebensleseweg so sehr begleitet; keinen zweiten Schriftsteller musste ich in tiefen Diskussionen über die moderne Literatur so vehement verteidigen und von keinem anderen Wortgenie besitze ich so viele Bücher, wie von Umberto Eco!

Jedes einzelne seiner Werke musste ich mir intensiv „erarbeiten“ und schon bei meiner ersten Lesereise an der Seite von Umberto Eco wurde mir klar, dass genau dies sein Anspruch ist. Seine Werke eignen sich nicht zum schnellen Genießen oder zum unreflektierten Lesen an der Oberfläche. Eco will mehr und ich war immer bereit, dieses „Mehr“ zu geben.

Unvergessene Glanzlichter meines bibliophilen Weges bleiben daher „Der Name der Rose“ und „Das Foucaultsche Pendel“. Zu beiden Werken fand ich einen tiefen inneren Zugang, versorgte mich freiwillig mit Sekundärliteratur und habe die Leitmotive dieser historischen Romane bis zum heutigen Tag in meinem Lesegedächtnis gespeichert.

Tempelritter, christliche Ordensstrukturen, Geheimgesellschaften sowie wilde und haarsträubende Verschwörungstheorien sind für mich immer mit dem Namen Umberto Eco verbunden.

Mr. Rail`s Umberto Eco – Lebensbibliothek

Wenn ich dann mit einigen seiner Romane so meine kleinen Probleme bekam und Handlungsstränge oder versteckte „rote Fäden“ vergeblich aufzuspüren versuchte, so lag dies augenscheinlich nur an mir selbst. Ich blieb ich bei  „Die Insel des vorigen Tages“ mehr als rat- und hilflos auf der literarischen Strecke und redete mir immer wieder ein, dass ich nicht bereit für diese Geschichte war. „Baudolino“ und „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ konnten mich teilweise mit mir selbst versöhnen, ein leichtes Unbehagen jedoch blieb zurück.

Inzwischen werde ich von dem Gefühl getragen, mit zunehmendem Alter (meinem eigenen und seinem) Umberto Eco immer mehr zu verlieren. Umso erwartungsvoller freute ich mich auf sein neues historisches Meisterwerk und konnte keine Sekunde widerstehen, bis sich „Der Friedhof in Prag“  endlich in meine Eco-Lebensbibliothek einreihen konnte.

Der Friedhof in Prag – Verschwörung global im 19. Jahrhundert

Den Roman endlich in Händen halten zu dürfen, war schon ein Erlebnis für sich. Reichhaltig illustriert, prächtig dekoriert, die goldene Titelprägung mit transparentem Umschlag geschützt und in verschiedenen Schriftarten gedruckt. Ein Meisterwerk der Buchdruck-Kunst. Ich war begeistert!

Und dann auch noch die verheißungsvolle Inhaltsangabe, die mich auf die Spuren „meines“ alten und neuen Eco zurückführen würde. Das Paris der Belle Époque gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Sammelbecken aller philosophischen Strömungen seiner Zeit und Schmelztiegel jeder nur denkbaren Gruppierung, deren einziges Ziel es ist, die Weltherrschaft in spiritueller und politischer Weise an sich zu reißen.

Jesuiten, Juden, Freimaurer, Geheimgesellschaften, Regierungen, Weltreligionen, Kirchen und skrupellose Einzelgänger ziehen an den unzähligen Enden eines Gewirrs aus Machtfäden, um das jeweilige Gegenüber aus dem Gleichgewicht zu bringen. „Jeder gegen Jeden“ und inmitten des Verschwörungsszenarios ein einzelner Akteur, der sich mordend, fälschend, intrigierend und konspirierend seinen Weg bis nach Paris gebahnt hat.

Hauptmann Simon Simonini… eine schillernde und facettenreiche Figur… und wir Leser sitzen ehrfürchtig vor seinem Tagebuch.

Garibaldi, Freimaurer, Juden, Jesuiten – Der ultimative Verschwörungsmix

Ebenjener Simonini verändert den Lauf der Geschichte, indem er selbst eine Verschwörungstheorie in Umlauf bringt und mit den sogenannten „Protokollen der Weisen von Zion“ den Nachweis des großen Plans zur Übernahme der Weltherrschaft durch das Judentum kolportiert. Diese unglaubliche Theorie bringt das schon erschütterte Gleichgewicht zwischen den einzelnen Strömungen gänzlich aus der Waage und ein wahnwitziger Tanz um die Macht beginnt.

Der Regisseur des großen Dramas heißt Simonini, der in immer unterschiedlichen Verkleidungen und mit immer neu gefälschten Dokumenten den Flächenbrand von allen erdenklichen Seiten aus neu erfacht. Freimaurer, Jesuiten, Juden, Geheimdienste werden zu Marionetten seines Plans… Er selbst jedoch wird zunehmend verwirrt durch die Vielzahl der von ihm gespielten Rollen. Simonini verliert sich selbst in seinem Tagebuch.

Und dann geschieht auf Seite 150 etwas, das ich mir selbst zunächst nicht eingestehen möchte. Ich beginne ins Bodenlose zu stürzen!

Der Friedhof in Prag – Eine bezeichnende Illustration aus dem Buch

Ich weiß plötzlich nicht mehr, wo Simonini beginnt und wo seine unzähligen Rollen enden – ich verliere den Überblick über die zahllosen Strömungen und Ideologien – kann die Fälschungen nicht mehr von den Originalen unterscheiden – beobachte ein immer konfurseres Tagebuch, in dem unser netter Protagonist inzwischen psychotische Einträge vornimmt und sich selbst zu jagen scheint (Freud hätte seine Freude gehabt) – ich weiß nicht mehr, ob ich mehr im Buch oder in google lese, um Hintergründe zu verstehen und letztlich überkommt mich allumfassende LANGEWEILE, da die eigentliche Handlung nicht mehr erkennbar ist.

Aus dem grandios beginnenden Roman wird eine konfuse Loseblattsammlung der Verschwörungstheorien. Absichtlich durcheinander gewirbelt, nicht mehr zu ordnen und kaum noch inhaltlich nachzuvollziehen. Ich kämpfe mich weiter und scheitere bei jedem neuen Kapitel. PostIts und Querverweise verlieren ihre Bedeutung und ich erliege dem ungezähmten Spieltrieb Umberto Ecos.

Der Betrug erreicht in „Der Friedhof in Prag“ eine Dimension, die sogar den Leser um sein ersehntes Leseerlebnis zu betrügen vermag. Ich fühle mich überfordert und mit Informationen überflutet. Ich finde keine Struktur und verliere den Halt in der Geschichte, da es keinen geeigneten Spannungsbogen mehr gibt, der mich das nächste Kapitel erlesen lassen möchte.

Der Friedhof in Prag… Kryptisch – geheimnisvoll – langweilig!

Ein Spaziergang auf dem Friedhof in Prag ist spannender. Es ist meine Schuld – das ist mir wieder einmal klar. Das Feuilleton feiert diesen Roman als ein Meisterwerk. Ich war dem nicht gewachsen und mein deprimierendes Gefühl bleibt am Ende bestehen. Ich habe meinen Umberto Eco verloren.

Mit großer Wehmut begrabe ich das Buch „an der Biegung des Flusses“. Dieses Zitat von Dee Brown ein wenig abwandelnd breche ich den Roman auf Seite 274 verwirrt ab, trage ihn für mich zu Grabe und werde trotzdem die Hochkultur Umberto Ecos in Ehren halten. Sie hat mein Leseleben verändert und geprägt. Aber auch Hochkulturen können untergehen… Wie einst am Wounded Knee.

Diesen Artikel schrieb ich, wie einst Dee Brown mit Blut und Tränen!

Nur mein Gefühl… nicht mehr und nicht weniger…

Sag` mir, was Du liest – und ich sag` Dir, wer Du bist…

Wenn ein Fluch zum Segen wird…

Sag` mir, was Du liest – und ich sag` Dir, wer Du bist…

Solche oder ähnlich formulierte Schlagzeilen finden Literatur-affine Mitmenschen immer häufiger in gängigen Massenmedien. Na klar. Jeder Leser eines Psychothrillers läuft in seiner Freizeit mit Kettensäge und Drohbriefen durch sein Leben, Leser historischer Romane tragen ein Kettenhemd unter dem T-Shirt und sinnen auf Rache für verlorene Kreuzzüge und Freunde eines humorigen Buches sind grundsätzlich Spaßvögel.

Ganz abgesehen von den Lesern von „Shades of Grey, über die wir uns besser kein Urteil bilden 😉

Der Blick in die individuelle Lebensbibliothek scheint hierbei ebenso aufschlussreich zu sein, wie eine tiefe Gruppendiagnose beim nächstbesten Psychotherapeuten. „Mein Name ist Raily und ich lese sehr gerne Romane von David Foster Wallace!“ Ups… das hätte ich besser nicht gesagt, da ich nun in die Ecke der depressiven Leser geschoben werde und man stündlich mit meinem Selbstmord rechnet.

Man kann jeden Effekt umkehren und zum eigenen Vorteil nutzen!

Ab in die Schublade mit dem lesenden Volk… das ist wirklich mehr als leicht. Ein Blick auf unser aktuelles Buch reicht vollkommen aus – und wir sind gescannt, analysiert und kategorisiert. Vorurteile werden gebildet und wir stecken mittendrin im Klischee  eines bestimmten Genres.

Damit kann man leben…. Muss man aber nicht! Ganz besonders nicht im Urlaub

Im Wissen um diesen schrecklichen Automatismus möchten wir nun ein paar Tipps an Leser weitergeben, die sich diesen Effekt zunutze machen möchten. Ihr wollt ungestört bleiben? Ihr möchtet in eurem literarischen Exil, in jenem gebundenen Refugium der fliegenden Gedanken, nur mit euch und der Geschichte selbst verweilen? Kein Problem.

Wir stellen euch Bücher vor, deren Besitz alleine schon ausreicht, gänzlich ungestört durch den Lesetag zu wandern. Das hilft in jeder Situation und geht weit über die selige Urlaubsidylle hinaus. Legt einfach dem jeweiligen Anlass entsprechend eines der folgenden Bücher vor euch und ihr werdet staunen, wie ruhig es auf einmal wird – und glaubt uns: Die Investition lohnt sich!

Ungestörte Lesezeit am Pool und die eigenen Kinder dienen als Schutzschild

Wer kennt das nicht? Mit der Familie im Urlaub und die eigenen Kinder schleppen in rasender Geschwindigkeit einen halben Kindergarten neuer Freunde an, man mutiert selbst zum Entertainer für diese Bande, während sich deren Eltern amüsiert zurücklehnen und faulenzen. An Entspannung oder gar tiefes individuelles Lesen ist fortan nicht mehr zu denken.

Schluss damit.

Den Ratgeber „Masern – Die unterschätzte Krankheit“ einfach deutlich sichtbar auslegen und so wird selbst die überfüllteste Ferienanlage zu einem kleinen Biotop der Ruhe….

Himmlischer Friede im Urlaub – Da ist kein Platz zum Flirten

Frau möchte einfach mal nur Frau sein? Frau möchte gerne ein Buch wie „Shades of Grey“ lesen, ohne in den Augen der Umwelt als lüsternes Sexobjekt wahrgenommen zu werden? Frau möchte nicht mit allen möglichen Männern in ihrer Umgebung über diesen aktuellen Roman und ihre eigenen bevorzugten Sexualpraktiken sprechen?

Na – da hilft nur noch der Schwangerschaftsratgeber „Ich erwarte ein Kind“ – vielleicht auffällig unauffällig so drapiert, dass er dezent aus der Handtasche lugt! Und meine Damen, er hilft wirklich, ultimativ und dauerhaft… Man sollte es kaum glauben 😉

Dieses Buch auf dem Tisch hält Frauen fern… Ruhe pur…

Welche Frau spricht schon gerne freiwillig einen bekennenden Workaholic an? Welche Frau möchte wirklich aus dem eigenen Zuhause eine Firmenzentrale machen oder damit leben, dass der eigene Partner sich im Job zuhause fühlt? KEINE!

Also Männer… ihr könnt euch entspannen und die ruhigen Mußestunden des Tages genießen, wenn ihr nur das kleine Büchlein „Keine Zeit“ vor euch legt und dann in einem spannenden Thriller verschwindet. So ruhig war es selten um euch herum! Ehrlich…

Ob Mann, ob Frau… ein typisches Distanzbuch…

Ein todsicherer Tipp für Mann und Frau! Der Ratgeber „Materielles Scheidungsrecht“ auf der Liege des Pools macht aus den unruhigsten Stunden des Urlaubs eine wahre Freude. Ihr werdet euch vorkommen, wie auf einer einsamen Insel und euch wundern, wie schnell das interessierte Gegenüber plötzlich die Flucht ergreift, wenn es die Überschrift des Buches realisiert.

Fast so erfolgreich wie alle Fachbücher zum Thema „Strafvollzug unter Bewährungsauflagen“, aber eben deutlich intensiver in der Langzeitwirkung… 😉

Die ultimative Abstandswaffe… Ein Buch wie Isoliermateriela

Wenn nichts mehr hilft! Wenn alle Waffen versagen! Wenn die präsentierten Bücher nicht die beabsichtigte Wirkung erzielen! Wenn ihr kurz vor der Verzweiflung angelangt seid!

Dann hilft nur der literarische Atomschlag, um euer Umfeld eindringlich auf Distanz zu halten.  Ihr seid es euch wert – eure Zeit mit euch selbst ist wertvoll und hier heiligt der Erfolg das Mittel. Probiert es aus… Isolation ist die Folge – ein Traumergebnis!

Wer nicht alleine bleiben möchte, der sollte einfach jedes andere Buch mitnehmen, ihm aber nicht mehr Platz im Leben einräumen, als einer neuen guten Bekanntschaft.

PS: Auch unabhängig vom Urlaub können Bücher Lebenswege beeinflussen. Solltet ihr angehende Autoren sein und euer mühsam verfasstes Manuskript an einen Verlag schicken, so legt einfach den neuen Bestseller Lektorenmord bei – vielleicht werdet ihr ja eine Überraschung erleben.

Sagt uns, was ihr lest und wir sagen Euch, wer Ihr seid…. so long… 😉

Gegen das Vergessen – Lienekes Hefte

Lienekes Hefte – Ein Vater schreibt seiner Tochter – Gegen das Vergessen

Vor unserer Abreise versammelte uns Mama um ihr Bett, das sie wegen ihrer Krankheit nicht verlassen konnte.

„Von heute an“, hat sie zu uns gesagt, „können wir nicht mehr zusammen sein. Wir werden uns eine Zeitlang nicht sehen. Von heute an sind wir nicht mehr dieselbe Familie. Alles muss sich ändern. Ihr seid nicht mehr die, die ihr einmal wart…

Ihr seid keine Juden mehr.“

Lienekes Hefte – Getrennt von seiner Tochter rettet ein Vater ihre Fantasie

Im Jahr 1940 besetzen deutsche Truppen die Niederlande und bringen neben Gewaltherrschaft und Unterdrückung auch das ideologische Banner ins Land, auf dem die Vernichtung des Judentums geschrieben steht.

Als die ersten Judendeportationen beginnen beschließen die Eltern der neunjährigen Lieneke van der Hoeden unterzutauchen. Die Familie trennt sich und das kleine Mädchen wird von einer Schutzfamilie zur nächsten weitergereicht, stets unter Lebensgefahr für alle Beteiligten.

Die vorerst letzte Station auf der Flucht des inzwischen 11jährigen Mädchens führte sie nach Den Ham, wo sie bis zum Kriegsende im Haus von Dr. Hein Kohly versteckt wird. Trotz des behüteten Lebens bei den Freunden ihrer Eltern vereinsamt Lieneke zusehends und fühlt sich ohne Eltern und Geschwister verlassen und verloren.

Doch eines Tages erreicht sie ein Brief ihres Vaters – nein, mehr als das – es ist ein phantasie- und liebevoll gestaltetes Schulheft, in dem er seiner Tochter sehr hoffnungsvoll und fröhlich aus seinem Alltag berichtet, ihr Neuigkeiten von der Familie erzählt und beginnt, am Leben seiner jüngsten Tochter aktiv teilzunehmen.

Lienekes Hefte – Schulhefte zeugen von der Existenz der Familie – Hoffnung

Dr. Kohly war im Widerstand organisiert und erhielt diese kleinen Heftchen über seine geheimen Verbindungen. Nach und nach gingen insgesamt neun dieser zu Heftchen gebundenen Briefe bei ihm ein. Lieneke durfte jedes Lebenszeichen ihres Vaters nur einen Tag lang behalten; danach sollte es vernichtet werden, damit bei einer Durchsuchung durch die Gestapo kein gefährliches Beweismaterial vorgefunden würde.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs folgte dann doch eine große Überraschung für Lieneke – sie durfte auch ihren Frieden machen… Mit allen Briefen ihres Vaters. Kohly hatte sie in einer Dose unter einem Apfelbaum im Garten versteckt und es nach eigener Aussage „nicht übers Herz gebracht“, die Heftchen zu vernichten. Als Lienekes Vater seine Tochter drei Wochen nach der Kapitulation der Nazis in die Arme schließen konnte, trübte der Tod der Mutter das Glück des Wiedersehens. Alle anderen Familienmitglieder hatten die Wirren des Krieges weitgehend unbeschadet überlebt.

Die Familie wanderte nach dem Krieg nach Israel aus, Lieneke heiratete und lebt noch heute dort unter dem Namen Nili Goren. Die originalen Briefe ihres Vaters übergab sie dem israelischen Kindermuseum Yad LaYeled.

Dort wurde die französische Schriftstellerin Agnes Desarthe auf die Heftchen aufmerksam, nahm Kontakt mit der Familie auf und begann, in aller Tiefe zu recherchieren. Sie veröffentlichte alle neun Briefe in einem Schuber unter dem Titel Lienekes Hefte (derzeit leider nicht im Schuber erhältlich) und erzählt in einem zehnten Heft die Geschichte, die sich dahinter verbirgt. Ein wunderbares literarisches Kleinod…

Neun Hefte des Vaters und in einem zehnten Heft erzählt Agnès Desarthe

Die kleine Kassette enthält diese zehn einzigartigen Dokumente, die gleichzeitig Zeugnis väterlicher Hilflosigkeit als auch Zeichen des gelebten Widerstandes und Kampfes für die eigene Familie sind. Wer sich und seine Kinder heute diesem Thema behutsam und nachhaltig nähern möchte, dem sind dies Heftchen besonders ans Herz zu legen.

Jeden Mittag um viertel drei
kommt der Briefträger vorbei.
Meistens geht er dann schnell weiter,
hat ja nichts für mich dabei.

Jeden Tag wart ich erneut
auf eine Karte – einen Brief.
Es gibt doch so viele Leut`
doch wohl niemand hat mich lieb.

Aber heut`, hurra, hurra!
Heut` gibt es was zu lesen,
Heut` ist in der Morgenpost,
was für mich dabei gewesen.

Mit einem Klick hinein in die Hefte… traumhaft…

Nachtrag: Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem ehrte unter Anderen das Ehepaar Kohly als „Gerechte unter den Völkern“. Wir denken – mit Recht. Zivilcourage kann Maßstäbe setzen und unvergessen bleiben – und Vaterliebe kann seltsame Wege beschreiten – dieser hier ist einzigartig!

Literatwo schreibt weiter „Gegen das Vergessen“ – Wir danken fürs Lesen dieser Zeilen… Bleibt aufrecht…

Die Schildmaid ritt voran…

Ein besonderer Charakter in einem großen Genre - Die Schildmaid in der Fantasy

Ein besonderer Charakter in einem großen Genre – Die Schildmaid in der Fantasy

Im Genre Fantasy begegnen wir immer wieder ganz besonderen Charakteren, die uns mit ihren besonderen Fähigkeiten in ihren Bann ziehen. Magier, Zwerge, Krieger, Heiler, Waldläufer und viele mehr beeinflussen den Verlauf der jeweiligen Geschichte und prägen das Leben der „normalen“ Menschen in ihrem Umfeld. Versierte Fantasy-Autoren bedienen sich mehr als dankbar aus dieser Besetzungsliste und stehen damit in der Tradition der großen Autoren aus diesem magischen Genre.

Den Maßstab setzte mit Sicherheit J.R.R.Tolkien, der in seiner imaginären Welt Mittelerde alles neu erschuf, was er für dieses monumentale Werk zwingend benötigte. Ganze Völker, Landschaften, Wesen und Unwesen entschlüpften seiner epochalen Fantasie und finden sich in Abwandlungen auch in den Neuerscheinungen der fantastischen Literatur immer wieder.

Doch auch J.R.R. Tolkien griff beim „Casting“ für sein Werk auf die Besetzungsliste der Myhologie zurück und viele seiner legendären Charaktere basierten auf den Sagengestalten der Vergangenheit.

Einer dieser Figuren setzte er mit EOWYN im „Herrn der Ringe“ ein emotionales Denkmal und seitdem freue ich mich immer wieder ganz besonders, in modernen Romanen jene Gestalt zu entdecken, die vielleicht im Lauf der Zeit nicht die Beachtung fand, die sie eigentlich verdient hätte.

Mythologisch verbunden - Schildmaid und Walküre

Mythologisch verbunden – Schildmaid und Walküre

Gemeint ist die „Schildmaid“… jene starke Frauengestalt, die sich bewusst für ein Leben in Harnisch und Helm entschieden hat, ihre persönlichen Belange dem Schicksal eines Volkes unterordnet und mit allem Mut dieser Welt sogar den größten Widersachern selbstlos trotzt. Häufig ist ihr Leben mit einem Fluch belegt, der ihr keinen Ausweg lässt, als diesen Weg als Kriegerin und Hüterin eines Volkes zu beschreiten.

Dabei entstammt die Schildmaid der skandinavischen Mythologie und steht für eine Jungfrau, die sich einem Leben als Kriegerin verschrieben hat. Sie war das Vorbild für die Walküren der nordischen Mythologie, jene weiblichen Geisterwesenin Odins Gefolge, die aus den auf dem Schlachtfeld Verstorbenen die „ehrenvoll Gefallenen“ auswählen, um sie nach Walhall zu führen. Im Laufe der Zeit wandelte sich das Bild der Walküren und es entstanden menschliche Wesen, die sich trotz ihres Schicksals sogar verlieben können. Zumeist in Krieger – zumeist unglücklich. Ihre Rolle ist jedoch unverändert geblieben: Sie lenken das Schicksal der Helden einer Geschichte von der Wiege bis zur Bahre, ohne dabei an ihr eigenes Glück zu denken.

Die Figur der Schildmaid in der modernen Fantasy – Starke Frauen mit Schwert und Bogen… Ich bin ihnen oft begegnet und stelle gerne meine persönlichen Favoritinnen vor:

Der Herr der Ringe - EOWYN - Théodens Nichte und Schilmaid Rohans

Der Herr der Ringe – EOWYN – Théodens Nichte und Schilmaid Rohans

EOWYN – Wohl die berühmteste aller literarischen Schildmaiden. J.R.R. Tolkiens Feder haben wir diese starke Frauenfigur zu verdanken. Als Nichte König Théodens von Rohan erfüllt sich ihr Schicksal als Schildmaid. Die Verantwortung für ihr Volk und die Liebe zum König führen sie in die Schlacht auf den Pelennor-Feldern. Als Mann verkleidet stellt sie sich den unheimlichen Nazgul und rettet mehr als nur das Leben des alten Königs.

Für ihr eigenes Glück bleibt kaum Raum. Ihre unendliche Liebe zum Waldläufer Aragorn bleibt unerwidert und ihrer Bestimmung folgend, verändert ihr Einsatz die Geschicke eines ganzen Landes.

Aragorn: „Ihr seid geschickt mit dem Schwert!“
Eowyn: „Die Frauen Rohans haben gelernt, dass jene ohne Schwerter trotzdem durch ein Schwert sterben können. Ich fürchte weder Tod noch Schmerz.“
Aragorn: „Was fürchtet Ihr dann, Herrin?“
Eowyn: „Einen Käfig. Hinter Gittern zu bleiben bis Gewohnheit und hohes Alter sich damit abfinden; und alle Aussichten große Taten zu vollbringen unwiderrruflich dahin sind.“
Aragorn: „Ihr seid eine Tochter von Königen, eine Schildmaid Rohans. Ich glaube nicht, dass dies Euer Schicksal sein wird.“ (aus „Die zwei Türme“)

Eowyn bleibt am Ende des Herrn der Ringe als Siegerin auf dem Schlachtfeld zurück. Ein befreites Land und ein glückliches Volk sind der Preis für ihr eigenes Schicksal. Die große Liebe hat sich für sie nicht erfüllt. Eine Schildmaid, wie sie im Buche steht!

Die Schildmaid von Hyddenworld - Eine Prophezeiung erfüllt sich

Die Schildmaid von Hyddenworld – Eine Prophezeiung erfüllt sich

Birmingham im Hier und Heute – Die Menschen haben die alten Legenden lange vergessen.  Sie ahnen nichts von der Prophezeiung eines alten Schmieds, sie wissen nichts von der Existenz des kleinen Volkes unmittelbar in ihrer Nähe und sie verdrängen jeden Gedanken an mögliche Gefahren.

Wird es den „kleinen Leuten“ und ihren menschlichen Gefährten gelingen, die verheißene Schildmaid zu finden? Nur in ihren Händen liegt das Schicksal zweier Völker und des gesamten Universums – so die Prophezeiung.

Wer wissen möchte, welche Last eine Schildmaid zu tragen hat – wer sich dafür interessiert, über welche Eigenschaften sie verfügen sollte und wem eine besondere Geschichte ans Herz gelegt werden darf, der sollte zu Hyddenworld greifen… Dem Rätsel der Schildmaid kommt man erst am Ende des ersten Teils auf die Spur…

Sie wird auf den letzten Seiten des „Frühlings“ gefunden – sie wird die Tür zum Sommer öffnen. Allein dieser Fund hat mich sprachlos gemacht. Emotional und wundervoll berauschend ist das Ende der ersten Jahreszeit. Ich werde die Schildmaid durch alle Jahreszeiten begleiten und kann es kaum erwarten, bis der „Sommer“ erscheint!

Svenya - Die Hüterin Midgards - Eine moderne Schildmaid

Svenya – Die Hüterin Midgards – Eine moderne Schildmaid

Mit SVENYA, der „Hüterin Midgards schlägt schließlich Ivo Pala in der epischen Elbenthal-Saga“ die Brücke in unsere Zeit. Ein junges Mädchen, obdachlos und abseits jeglicher Perspektiven, wird plötzlich damit konfrontiert, eine unsterbliche Elbenprinzessin zu sein. Und nicht nur das… ihre Aufgabe geht weit über das Begreifbare hinaus…

Plötzlich und unerwartet steht Svenya an der Schwelle des eigenen Schicksals. Nur sie wird in der Lage sein, die Menschheit gegen die dunklen Kräfte der Vergangenheit zu verteidigen und ihr eigenes Volk der Elben vor der endgültigen Vernichtung zu bewahren. Opferbereitschaft, Mut und der Verzicht auf jede Frage nach ihrer eigenen Vergangenheit sind hierbei nur einige der Rahmenbedingungen ihres Handelns.

Eine moderne Schildmaid von Format, die Ivo Pala im malerischen Dresden in den Kampf schickt. In enger Anlehnung an die nordischen Walküren ist auch ihr Leben mit einer Fügung des Schicksals zu vergleichen – ihr Dasein von Verzicht und Treue gekennzeichnet und schließlich stellt sich für sie auch die Frage, ob dies alles ein Leben ohne Liebe wert sein kann. Tradition trifft Moderne – Ivo Pala vom Feinsten!

„Ich sah drei Neunerreihen Maiden,
doch eine ritt voran…
Der Bauer kauert wie das Lamm vorm Adler,
wenn Odins Schildmaid ziehet in die Schlacht“

Eine Adaption der besonderen Art - Avatar - Auch eine Schildmaid

Eine Adaption der besonderen Art – Avatar – Auch eine Schildmaid

Nicht nur in der Fantasy-Literatur begegnen wir unseren mutigen Schildmaiden. Filmadaptionen, wie zum Beispiel Avatar von James Cameron stellen auch in reinsten Fantasie-Szenarien starke Frauengestalten in den Mittelpunkt, die durchaus auf die Ebene der traditionellen Schildmaid gehoben werden können.

Neytiri möchten wir gerne in diese Phalanx aufnehmen, da sie wirklich in allen Eigenschaften und Wesensmerkmalen in die illustre Reihe der modernen Schildmaiden gehört. Mit einem Unterschied… sie darf lieben und ihre Liebe wird erwidert. Das Bild scheint sich erneut zu wandeln.

Eine Adaption der besonderen Art - Avatar - Auch eine Schildmaid

Die Schildmaid bei Literatwo… ein großes Thema

Ich liebe die Gestalt der Schildmaid. Sie verleiht den fantastischen Romanen sehr oft eine besonders romatisch-tragische Nuance und im Wissen um die Unerfüllbarkeit eines Lebens mit tiefer eigener Emotionalität steht die Schildmaid häufig nur als Beobachterin des Glücks der Anderen am Rande der Geschichte.

Ich schwöre lesend einer Schildmaid gerne meine Treue und folge ihr auf ihren Wegen… ich fühle mit ihr, begleite sie in den Kampf und sorge mich um ihr Leben und ihre Gefühle. Ja – ich gestehe: Kein anderer Charakter fesselt mein Herz so sehr.

Ist Euch in Eurem Leseleben bisher auch schon eine solche Maid begegnet? Wir würden uns über sachdienliche Hinweise sehr freuen.. Immer auf der Suche – Literatwo 😉