Begrabt mein Buch an der Biegung des Flusses…

Umberto Eco – Der Friedhof in Prag – Nomen est Omen

Kein zweiter Autor hat meinen Lebensleseweg so sehr begleitet; keinen zweiten Schriftsteller musste ich in tiefen Diskussionen über die moderne Literatur so vehement verteidigen und von keinem anderen Wortgenie besitze ich so viele Bücher, wie von Umberto Eco!

Jedes einzelne seiner Werke musste ich mir intensiv „erarbeiten“ und schon bei meiner ersten Lesereise an der Seite von Umberto Eco wurde mir klar, dass genau dies sein Anspruch ist. Seine Werke eignen sich nicht zum schnellen Genießen oder zum unreflektierten Lesen an der Oberfläche. Eco will mehr und ich war immer bereit, dieses „Mehr“ zu geben.

Unvergessene Glanzlichter meines bibliophilen Weges bleiben daher „Der Name der Rose“ und „Das Foucaultsche Pendel“. Zu beiden Werken fand ich einen tiefen inneren Zugang, versorgte mich freiwillig mit Sekundärliteratur und habe die Leitmotive dieser historischen Romane bis zum heutigen Tag in meinem Lesegedächtnis gespeichert.

Tempelritter, christliche Ordensstrukturen, Geheimgesellschaften sowie wilde und haarsträubende Verschwörungstheorien sind für mich immer mit dem Namen Umberto Eco verbunden.

Mr. Rail`s Umberto Eco – Lebensbibliothek

Wenn ich dann mit einigen seiner Romane so meine kleinen Probleme bekam und Handlungsstränge oder versteckte „rote Fäden“ vergeblich aufzuspüren versuchte, so lag dies augenscheinlich nur an mir selbst. Ich blieb ich bei  „Die Insel des vorigen Tages“ mehr als rat- und hilflos auf der literarischen Strecke und redete mir immer wieder ein, dass ich nicht bereit für diese Geschichte war. „Baudolino“ und „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ konnten mich teilweise mit mir selbst versöhnen, ein leichtes Unbehagen jedoch blieb zurück.

Inzwischen werde ich von dem Gefühl getragen, mit zunehmendem Alter (meinem eigenen und seinem) Umberto Eco immer mehr zu verlieren. Umso erwartungsvoller freute ich mich auf sein neues historisches Meisterwerk und konnte keine Sekunde widerstehen, bis sich „Der Friedhof in Prag“  endlich in meine Eco-Lebensbibliothek einreihen konnte.

Der Friedhof in Prag – Verschwörung global im 19. Jahrhundert

Den Roman endlich in Händen halten zu dürfen, war schon ein Erlebnis für sich. Reichhaltig illustriert, prächtig dekoriert, die goldene Titelprägung mit transparentem Umschlag geschützt und in verschiedenen Schriftarten gedruckt. Ein Meisterwerk der Buchdruck-Kunst. Ich war begeistert!

Und dann auch noch die verheißungsvolle Inhaltsangabe, die mich auf die Spuren „meines“ alten und neuen Eco zurückführen würde. Das Paris der Belle Époque gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Sammelbecken aller philosophischen Strömungen seiner Zeit und Schmelztiegel jeder nur denkbaren Gruppierung, deren einziges Ziel es ist, die Weltherrschaft in spiritueller und politischer Weise an sich zu reißen.

Jesuiten, Juden, Freimaurer, Geheimgesellschaften, Regierungen, Weltreligionen, Kirchen und skrupellose Einzelgänger ziehen an den unzähligen Enden eines Gewirrs aus Machtfäden, um das jeweilige Gegenüber aus dem Gleichgewicht zu bringen. „Jeder gegen Jeden“ und inmitten des Verschwörungsszenarios ein einzelner Akteur, der sich mordend, fälschend, intrigierend und konspirierend seinen Weg bis nach Paris gebahnt hat.

Hauptmann Simon Simonini… eine schillernde und facettenreiche Figur… und wir Leser sitzen ehrfürchtig vor seinem Tagebuch.

Garibaldi, Freimaurer, Juden, Jesuiten – Der ultimative Verschwörungsmix

Ebenjener Simonini verändert den Lauf der Geschichte, indem er selbst eine Verschwörungstheorie in Umlauf bringt und mit den sogenannten „Protokollen der Weisen von Zion“ den Nachweis des großen Plans zur Übernahme der Weltherrschaft durch das Judentum kolportiert. Diese unglaubliche Theorie bringt das schon erschütterte Gleichgewicht zwischen den einzelnen Strömungen gänzlich aus der Waage und ein wahnwitziger Tanz um die Macht beginnt.

Der Regisseur des großen Dramas heißt Simonini, der in immer unterschiedlichen Verkleidungen und mit immer neu gefälschten Dokumenten den Flächenbrand von allen erdenklichen Seiten aus neu erfacht. Freimaurer, Jesuiten, Juden, Geheimdienste werden zu Marionetten seines Plans… Er selbst jedoch wird zunehmend verwirrt durch die Vielzahl der von ihm gespielten Rollen. Simonini verliert sich selbst in seinem Tagebuch.

Und dann geschieht auf Seite 150 etwas, das ich mir selbst zunächst nicht eingestehen möchte. Ich beginne ins Bodenlose zu stürzen!

Der Friedhof in Prag – Eine bezeichnende Illustration aus dem Buch

Ich weiß plötzlich nicht mehr, wo Simonini beginnt und wo seine unzähligen Rollen enden – ich verliere den Überblick über die zahllosen Strömungen und Ideologien – kann die Fälschungen nicht mehr von den Originalen unterscheiden – beobachte ein immer konfurseres Tagebuch, in dem unser netter Protagonist inzwischen psychotische Einträge vornimmt und sich selbst zu jagen scheint (Freud hätte seine Freude gehabt) – ich weiß nicht mehr, ob ich mehr im Buch oder in google lese, um Hintergründe zu verstehen und letztlich überkommt mich allumfassende LANGEWEILE, da die eigentliche Handlung nicht mehr erkennbar ist.

Aus dem grandios beginnenden Roman wird eine konfuse Loseblattsammlung der Verschwörungstheorien. Absichtlich durcheinander gewirbelt, nicht mehr zu ordnen und kaum noch inhaltlich nachzuvollziehen. Ich kämpfe mich weiter und scheitere bei jedem neuen Kapitel. PostIts und Querverweise verlieren ihre Bedeutung und ich erliege dem ungezähmten Spieltrieb Umberto Ecos.

Der Betrug erreicht in „Der Friedhof in Prag“ eine Dimension, die sogar den Leser um sein ersehntes Leseerlebnis zu betrügen vermag. Ich fühle mich überfordert und mit Informationen überflutet. Ich finde keine Struktur und verliere den Halt in der Geschichte, da es keinen geeigneten Spannungsbogen mehr gibt, der mich das nächste Kapitel erlesen lassen möchte.

Der Friedhof in Prag… Kryptisch – geheimnisvoll – langweilig!

Ein Spaziergang auf dem Friedhof in Prag ist spannender. Es ist meine Schuld – das ist mir wieder einmal klar. Das Feuilleton feiert diesen Roman als ein Meisterwerk. Ich war dem nicht gewachsen und mein deprimierendes Gefühl bleibt am Ende bestehen. Ich habe meinen Umberto Eco verloren.

Mit großer Wehmut begrabe ich das Buch „an der Biegung des Flusses“. Dieses Zitat von Dee Brown ein wenig abwandelnd breche ich den Roman auf Seite 274 verwirrt ab, trage ihn für mich zu Grabe und werde trotzdem die Hochkultur Umberto Ecos in Ehren halten. Sie hat mein Leseleben verändert und geprägt. Aber auch Hochkulturen können untergehen… Wie einst am Wounded Knee.

Diesen Artikel schrieb ich, wie einst Dee Brown mit Blut und Tränen!

Nur mein Gefühl… nicht mehr und nicht weniger…

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