Peggy Steike – Malerin gegen das Vergessen

Eine weites Feld – Das Spektrum der politischen Malerin Peggy Steike

Gegen das Vergessen lesen und schreiben – Ich habe mich diesem Ziel verschrieben. Den Opfern von Verfolgung, Genozid und Holocaust gedenken und Hintergründe beleuchten, dies wollen wir mit unseren Artikeln über die Literatur zu diesem Thema bewirken. Gegen das Vergessen zu schreiben ist auch in der heutigen Zeit das mutige Ziel vieler Schriftsteller. Schade, dass viele Menschen nicht lesen wollen, oder nicht bereit sind, sich mit den Lehren aus der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Im weiten Feld der Kultur ist die Konfrontation mit den dunklen Stunden der Weltgeschichte nicht nur auf die Literatur begrenzt. Die Malerei ist eines der wohl eindrucksvollsten Felder, Gedankenketten auszulösen und Bildersamen in die Herzen der Menschen zu pflanzen.

Mit nur einem vorsichtigen Klick gelangt ihr ins Atelier von Peggy Steike

Wir begegnen Peggy Steike, die man wohl mit Fug und Recht als politische Malerin bezeichnen kann. Die Künstlerin setzt sich intensiv und erfolgreich mit den Epochen auseinander, die man unter der Überschrift „Verfolgung“ zusammenfassen kann.

Ihre Bilder sind Schreie, die jede Zeit überdauern – Schreie der Einzelnen, die einst im Kollektiv der hilflosen Masse in den sicheren Tod gehen mussten – Kindliche Schreie der Einsamkeit nach der gewaltsamen Trennung von Vater und Mutter – Schreie des atemlosen Schweigens im Angesicht der menschenverachtenden Macht. Jedes ihrer Bilder verknüpft sich mit einem unserer Bücher, einem Artikel oder der Vision des Schreckens. Eindrücke, denen wir ruhelos folgen um aufzurütteln.

Peggy Steike rüttelt an uns… sie greift mit ihren Bildern auf unsere tiefsten Gefühle zu und wir möchten mit ihr gemeinsam zeigen, was geschieht, wenn wir zusammenführen, was zusammengehört. Wort und Bild… Text und Impression…

Die Mehrdimensionalität des Erinnerns!

Wort trifft Bild – Eine Symbiose gegen das Vergessen

DAS AUSCHWITZ-ALBUM

Holocaust – Lili Jacob – Ein unbeschreibliches Schicksal

Es geschah im Mai 1944. Ein Zug fährt ein – Viehwaggons im Schlepptau – jeder einzelne von ihnen sinnlos überfüllt mit hungernden Menschen jüdischen Glaubens. Dieser Transport war nur einer von unzähligen Deportationszügen, die an der Todesrampe ankamen.Von der ganzen Welt scheinbar unbemerkt und hinter einem Schleier des Schweigens verborgen erreichte Lili Jacob (18) das Todeslager Auschwitz in Polen.

An diesem Tag jedoch geschah etwas unfassbares…

Mit den Photos, die im „Auschwitz Album“ veröffentlicht wurden, haben SS – Offiziere ungewollt das Schweigen gebrochen – sie haben zwar mit keinem Wort etwas ausgesagt, und doch mehr veröffentlicht als sie jemals zu beabsichtigen glaubten. Sie griffen an einem Tag im Mai 1944 in Auschwitz zu einem Photoapparat und dokumentierten den Ablauf der industrialisierten Massentötung am Beispiel eines Transportes ungarischer Juden. (weiter…)

Porträt des befreiten Häftlingskindes Janek Szlajtsztajn (Haft-Nr. 116543 – Lager Buchenwald – von Peggy Steike

Peggy Steike – Buchenwald 1945

Peggy Steike zu ihrem Bild: 

Ich hatte von diesem Ort schon als Kind gehört. In der Schulzeit waren wir dort zur „Besichtigung“. Ich kann nicht beschreiben was in mir vor ging – schon als Kind habe ich gespürt das dieser Ort über die Jahre nichts von seiner Grausamkeit eingebüßt hat. Auch die schöne Gegend konnte nicht darüber hinwegtäuschen, ich erinnere mich, wie unwirklich mir das vorkam.

Ich bin älter geworden, habe selbst ein Kind, bin belesen und habe mich mit dem Thema Shoa auseinandergesetzt. Doch die Unfassbarkeit von damals ist geblieben. Angesichts der heutigen Gesellschaft ist es mir mehr als nur ein Anliegen aufzurütteln und zu erinnern. Denn das wozu der Mensch damals fähig war, darf sich nicht wiederholen. Und leider gibt es auch heute noch jene, die diese Form der Intoleranz fortsetzen…

GEDANKENKETTEN

Bücher lösen Gedankenketten aus – Die Vergangenheit immer im Sinn

Das große Eingangstor mit der Aufschrift “Jedem das Seine” machte mir damals Angst. Es zu durchschreiten, war als ob ich in eine anderen Welt ging, in die ich nie gehen wollte, die es für mich am Liebsten nie gegeben haben sollte. Eva Mozes Kor musste das Tor mit der Aufschrift “Arbeit macht frei” damals in Auschwitz kennen lernen, ein Tor das auch sie ganz sicher nie durchschreiten wollte.

Ihr war kalt, mir war an diesem Tag kalt und doch war ich nur zur Besichtigung dort, sie musste um ihr Überleben kämpfen. Bedrückend, ungeheuerlich, eine Vorstellung die schmerzt. (weiter…)

Jedem das Seine (Eingangstor KZ Buchenwald) – von Peggy Steike

Peggy Steike – Buchenwald

Peggy Steike zu ihrem Bild:

Im Konzentrationslager Buchenwald stand die zynische Inschrift, nach innen gerichtet, auf dem Haupttor. Der inhaftierte Bauhauskünstler Franz Ehrlich gestaltete diese. Was müssen sich die Menschen gedacht haben, die dieses Tor zum sicheren Tod durchschritten haben?

Wir waren damals Kinder, Schüler einer 6. Klasse und wir alle verstummten schlagartig als wir durch das Tor gingen. Jeder von uns musste seine Gedanken und Gefühle für sich ordnen. Keiner war zu einer Äußerung fähig. Erst auf der Heimfahrt wurde langsam und flüsternd über das Gesehene gesprochen… 

DIE KUNST DES VERGEBENS

Eva Mozes Kor – Eine Überlebende verzeiht den Tätern

Eva und Miriam Mozes verloren alles, was ein Kinderleben in der heutigen Zeit ausmacht. Ihre Identitäten, ihr wohlbehütetes Elternhaus, ihre Menschenrechte und ihre Würde. Als Laborkinder wurden sie über Monate vom „Todesengel“ von Auschwitz, Dr. Josef Mengele für pseudomedizinische Versuche missbraucht.

Krankheitserreger wurden der einen Schwester injiziert– unbekannte Substanzen der anderen. Vergleichen wollte Mengele. Vergleichsgut waren Zwillinge. Nach dem Tod des Einen wollte er dann über die gesunden Organe des Anderen verfügen. Pervers – menschenverachtend. (weiter…)

Zdenka Hlavica (ermordet in Auschwitz) – von Peggy Steike

Peggy Steike – Zdenka Hlavica – ermordet in Auschwitz

Peggy Steike zu ihrem Bild:

Zdenka Hlavica – Ein Portrait nach einem Lichtbild (Erfassungsfoto aus dem KZ Auschwitz, 1942) aus der Häftlingskartei des KZ Auschwitz. Die 1900 geborene Jüdin Zdenka Hlavica starb zwei Monate nach ihrer Deportation nach Auschwitz.

Es gibt Bilder, die mich zum Malen zwingen. Dieses Portrait ist eines davon. Die junge Frau ist auf dem Foto etwa so alt wie ich. Hatte sie Kinder? Einen Mann? Wer war sie? Sie sieht freundlich aus, wie die Frau von nebenan. Sie könnte eine Freundin sein…. Fragen die ich mir unweigerlich stellte und Gedanken die mir im Kopf kreisten als ich das Foto vor mir hatte und in diese warmen, angstgefüllten Augen sah.

Aber wie kann ich all diese Gefühle zu Papier bringen die ich in Ihren Augen lesen kann? Niemals! Und doch musste ich es wenigstens versuchen..

DRESDEN BRENNT

Dresden brennt – Die Bombennacht des 13.02.1945

Dresden, 13. Februar 1945.

Es ist eine kalte Dienstagnacht – man hört ein sonores Geräusch am Himmel und die „Volksempfänger“ warnen vor feindlichen Bomberverbänden. Sirenen heulen, Lichtkegel erhellen die Nacht. Sekunden später versinkt eine Stadt im Flammenmeer. Für tausende und abertausende Menschen bedeutet dieses barbarische Flächenbombardement den sicheren Tod. (weiter…)

Dresden 2005 von Peggy Steike

Peggy Steike – Dresden

Peggy Steike zu ihrem Bild:

Dieses Bild entstand kurz nach einem Bild welches Dresden 1945 zeigt. Es ist der Abschluss einer Serie oder Werkgruppe in der die Deutsche Normalisierung im Vordergrund steht und die Personen die dies ermöglicht haben.

Meine Großmutter ist in Dresden geboren und aufgewachsen. Mein Großvater hat an der Semperoper mitgebaut, er war Maurer. Mein Bezug zu dieser wunderschönen Stadt kommt also nicht von ungefähr. Zum Zeitpunkt der Angriffe zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 lebten beide ca. 60 Kilometer entfernt.

Mein Großvater sagte einmal zu mir: „Wir waren so weit weg. Aber wir haben bis hierher den Himmel brennen sehen…“ Diese Worte habe ich nie vergessen. Es war für mich damals unfassbar, wie man denn das sehen konnte, es war doch so weit entfernt. Ja, der Krieg ist unfassbar. Er ist unfassbar grausam. Er bringt unfassbares Leid mit sich.

Die Frauenkirche war für mich ein Mahnmal dessen und ich muss gestehen das ich erst unbegeistert war, als es hieß sie wird wieder aufgebaut. Heute sehe ich es als Abschluss. Nicht als Abschluss bei dem man vergisst, sondern als Abschluss bei dem man bewältigt…

In der Vorbereitung zu diesem Artikel schrieb uns ein Facebook-User, dessen Profilbild ihn als leidenschaftlichen Motorrad-Fan zeigt: Lass uns nicht vergessen in die Zukunft zu schauen…“. Wir möchten diesen Artikel gerne mit der Antwort auf diesen Hinweis beenden und versprechen schon jetzt, dass wir Peggy Steike in einem exklusiven Interview für Literatwo wieder begegnen werden. Und ihre Bilder werden wir mit nach Dresden nehmen.. Das ist Ehrensache… Da müssen sie einfach mal hin!

Doch nun meine Antwort zum Blick nach vorne: „Der Blick in den Rückspiegel ist die Lebensversicherung, auch für Motorradfahrer. Mit der Geschichte ist es ähnlich… Gute Fahrt 😉

Ein irdisches Geleit – Zuhause bei Oda Schaefer

Die Jahre verschwimmen – Ein Besuch bei Oda Schaefer… ©AS

Suche du mich!
Finde du mich!
Bis ich dir wiederkehr
so federleicht,
Ist alles still und leer,
Was mir noch gleicht.

Oda Schaefer „Die Verzauberte“

Oda Schaefer – Plötzlich so nah ©AS

Ein sonniger Nachmittag hüllt uns mit wohliger Wärme ein, während wir doch Gänsehaut verspüren, als sich die Tür zu einer längst vergangenen Welt erstmals öffnet. So viele Zeilen von ihr haben wir gelesen, so viele Gedanken in Geheimen geteilt – so viel haben wir geschrieben und doch waren wir Oda Schaefer noch nie so nah wie jetzt.

Wir wollten so viel – wir wollten unmögliches und waren doch immer skeptisch, ob es uns gelänge. Eine Vergessene ins Bewusstsein bringen, eine Verlorene wiederfinden und einer Verstummten eine Stimme verleihen. Den anfänglichen Zweifeln gesellten sich schicksalhafte Fügungen an die Seite.

Wir fanden Menschen, die wussten, wo ihr Grab zu finden ist. Wir fanden Menschen, die sie kannten und ihr viel zu verdanken haben. Wir fanden Menschen, die gerade eine Magisterarbeit über sie schreiben und letztlich fanden wir den Erben und Nachlassverwalter von Oda Schaefer.

Als hätte sie noch eben hier geschrieben… Zeit verflüchtigt sich… ©AS

Und ebenjener Bewahrer Odas irdischer Schätze lässt uns ein und gibt uns Zeit… Zeit zu atmen, zu staunen und die Eindrücke wirken zu lassen, die auf uns einströmen. Unsere Artikel hat er gelesen und er weiß, was dieser Moment bedeutet. Ich muss mich setzen und fühlen. Die Zeit verschwimmt zu einer nicht mehr spürbaren Dimension und ich sitze an einem Schreibtisch, der so wirkt, als hätte Oda vor wenigen Minuten noch an ihren Werken geschrieben.

Manuskriptseiten, Briefe und Notizen, Fotografien und Bücher liegen zum Greifen nah und ich kann nicht anders. Ich muss die Zeilen berühren und ihren zeitlosen Geist ertasten. Oda so nah. So nah wie nie zuvor. Der Nachlass, den wir in dieser schwabinger Wohnung finden ist ein wahrer Schatz – greifbar jedoch unfassbar zugleich. Und während wir staunen und berühren, erzählt uns der Enkel Odas von seinen Erinnerungen an die Frau, deren leiblicher Enkel er nie war.

Seinen Vater hatte sie als ihren Sohn betrachtet – und ihn als ihren Enkel, den sie niemals haben sollte, da ihr eigen Fleisch und Blut im Krieg verschollen war. Bande, die niemals gelöst wurden und bis zum letzten Tag in Odas Leben hielten. Und weit darüber hinaus, wie wir an den liebevoll gehegten Artefakten ihres Lebens erfühlen können.

Eine Widmung… „Meiner lieben Mutter…“ ©AS

So lassen wir uns ein auf eine Oda Schaefer, die wir so bisher nicht kannten. Wir finden eine Tochter, die ihrer Mutter in aufrichtigen und zarten Zeilen ihre Bücher widmet. Wir sehen an den Manuskriptseiten die Akribie und Leidenschaft des Schreibens, spüren die vielen Schritte bis zum fertigen Gedicht. Selbst die abgedruckten Zeilen in ihren Büchern werden von ihr markiert und kommentiert. Nie zufrieden… ruhelos und von lyrischer Perfektion getrieben.. So war sie wohl.

Wir sehen Bilder einer stolzen Frau mit magischer Anziehungskraft und erfahren noch viel mehr von ihr. Die Trostlosigkeit einer Mutter, die ihren einzigen Sohn im Krieg verlor und die unendliche Kraft, die sie benötigte um ihren traumatisierten Ehemann Horst Lange nach dem Krieg nicht alleine zu lassen. Schmerzen, Erinnerungen und eine verletzte Seele veränderten ihn so sehr, dass es manchmal kaum erträglich schien.

Doch Oda blieb. Oda war da… Immer! Und sie schrieb sich die Seele aus dem Leib!

Eine stolze Frau – Ein verlorener Sohn – Ein traumatisierter Mann – Oda ©AS

Der Verlust der Heimat – die tiefen Erinnerungen an das vergangene Landgut Poll in Estland – die tief in ihr ruhende baltische Seele und die Wirrnisse des Schicksal ließen ihre Stimme reifen und veränderten ihre Lyrik. Wenige Dinge konnte sie retten, wenig greifbares blieb aus Poll – ein paar Mokkatassen, eine aus den Flammen gerettete Ikone – nicht viel mehr.

Heute diese Gegenstände berühren zu dürfen ist mehr als ein Privileg. Wir überwinden die Zeit und haben oft das Gefühl, mit Oda selbst zu plaudern. Oh ja, ich denke, sie hätte uns so viel erzählt und wir hätten sie so gut verstanden. Und doch wird uns bewusst, dass Oda nur noch in ihren Büchern lebt. Bücher die lange Zeit nicht mehr verlegt wurden und dem Vergessen ausgeliefert waren.

Bücher, die heute langsam wieder erscheinen. Zeitlos, magisch und strahlend sich aus der Asche erheben und die Stimme der Autorin in die Welt hinaus tragen. Lyrik basiert auf Erlebtem. Lyrik reift am Schmerz, sagt man so leichthin. Oda Schaefers Lyrik hat den Schmerz eines Lebens aufgesaugt und ihn, gewürzt mit der unendlichen Kraft einer kreativen Frau, in kraftvolle Poesie verwandelt.

Gerettet vom Landgut Poll… Oda Schaefers Mokkaservice ©AS

Ihr Lebenswerk legt Zeugnis ab – ungeschönt und doch so schön.

Wir wollten so viel. Wir wollten unmögliches. Und heute stehen wir an dieser Stelle und können in aller Bescheidenheit behaupten, dass wir viel erreicht haben. Das Interesse wächst. Bücher werden mutig gedruckt und die Resonanz bei den Lesern von Literatwo ist ungebrochen. Die Aufmerksamkeit, die unserem Projekt gezollt wird, ist der Schlüssel zum Wagemut von Verlegern, die uns deutlich sagen: „Wenn nicht jetzt, wann denn dann“…

Und bald endet auch unser Schreibwettbewerb „Wörterkränze für Oda Schaefer„. Ihr habt nicht nur gelesen… Wahrlich nicht. Viele Einsendungen haben uns gezeigt, wie sehr unsere Leser in die Welt Odas eingetaucht sind und in Form von ergreifenden Gedichten helfen, die Zeitlosigkeit der Poesie zu untermauern.

Bis zum 30. September sind die Tore noch geöffnet – schreibt für Oda und werdet Teil dieses Projektes.

Oda Schaefers Lebenswerk… als wäre sie nur auf Reisen ©AS

So wie wir Oda Schaefer erfühlt haben und so wie Clara Luisa Demar sie uns als ihren Mentor geschildert hat, wissen wir, wie sehr ihr an der Förderung junger Talente gelegen war. Unsere Idee, dem Gewinner unseres Poesie – Wettbewerbs einen Platz in einem Buch zu verschaffen, hätte ihr gefallen. Davon sind wir mehr denn je überzeugt.

Ihre Bücher sprechen eine deutliche Sprache und wir sind sehr stolz darauf, am Ende dieses Weges ein neues Gedicht in die Welt tragen zu dürfen. Teil einer Lyrik-Anthologie des Piepmatz Verlages zu werden heißt für uns, zeitlos zu werden und aktiv teilzuhaben am Prozess einer großen deutschen Lyrikerin den verdienten Tribut zu zollen.

Wir hätten Oda gerne davon erzählt. Wir saßen noch lange an ihrem Tisch, auf ihrem Sessel und hielten magisch anmutende Gegenstände in Händen. Irgendwie jedoch haben wir das Gefühl, dass wir gehört werden. Die Summe der Zufälle, die unser Schreiben über Oda begleitet ist derart ungewöhnlich, dass wir eben nur noch an schicksalhafte Fügung denken können.

Aus dem brennenden Haus gerettet – mehr als nur eine Ikone ©AS

Genau diese Fügung, die uns heute an diesen Ort geführt hat und uns erstmals mit dem Menschen Oda Schaefer konfrontiert. Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie sympathisch sie uns auf Anhieb war. Warmherzig, energisch und bescheiden – so erzählt ihr Enkel, sei sie gewesen. Und dabei strahlt die Erinnerung so warm aus seinen Augen.

Die gleiche Fügung, die Ikonen aus brennenden Häusern rettet, Bücher bewahrt und Tassen von Poll nach München führt. Die Fügung, die uns einander wahrnehmen lässt und in der Erkenntnis verbindet, dass wir das Gedächtnis an eine Frau bewahren, die vom Leben oft so bitter geschlagen wurde und die doch immer wieder aufstand und ihr Leid in Kreativität zu wandeln vermochte.

Eine bibliophile Frau, deren größtes Glück nach dem Krieg es war, ein erstes Buch zu besitzen. Marcel Proust – eine wiedergefundene alte Liebe als Zeichen des Aufbruchs in ein neues Leben. Ein erstes Buch, das heute strahlend vor uns liegt und wir verstehen die Botschaft so deutlich, als würde Oda zu uns sprechen. Die Literatur hilft uns zu überleben. Damals wie heute.

Ein Neubeginn nach dem Krieg – Das erste Buch der neuen Bibliothek ©AS

Wir sind natürlich auch der Oda Schaefer in ihren letzten Jahren begegnet, sahen zum ersten Mal ein Foto von ihr, auf dem sie im Alter verschmitzt lächelnd in ihrem Wohnzimmer sitzt und fanden wertvolle Zeitdokumente vor. Das Notizbuch eines langen Lebens, in dem immer mehr Namen gestrichen waren. Die Last des Alters, wenn gute Freunde dahinscheiden und man letztlich fast alleine bleibt.

Wir fanden Zeugnisse ihres Schaffens und der Anerkennung, die ihr gezollt wurde. Die Medaille „München leuchtet“ leuchtet noch heute in ihrem Namen und die letzten Erinnerungen an ihren 1971 verstorbenen Ehemann liegen noch so, als hätte Oda sie gerade noch berührt. Eine Augenklappe, eine Erkennungsmarke und die Kreuze, die seinen Weg begleiteten. Ein großer Schriftsteller auch er – Horst Lange!

Mit dem letzten Bild dieses Artikels möchten wir euch nicht alleine lassen. Es sind Oda Schaefers letzte Worte – im Pflegeheim auf eine zerrissene Medikamentenschachtel geschrieben. Ein letzter Versuch zu dichten, bevor das Fenster sich schließt. Wir zitieren aus der uns vorliegenden Rede am Grab, die jener Mann hielt, den sie wie ihren Sohn liebte. Worte auf dem Waldfriedhof München am 8. September 1988. Worte voller Liebe und Zuneigung… Wir sind dankbar, dass wir sie an dieser Stelle exklusiv veröffentlichen dürfen!

Ein Notizbuch – München leuchtet – letzte Zeichen eines langen Lebens ©AS

Zwei Wochen vor ihrem Tod sagte sie, sie wolle sanft entschweben in die Ewigkeit, ihre Seele bleibe hier. Am Tag danach hatte sie wieder einen fast euphorischen Auftrieb, erzählte sie mir, dass sie Fontane lese, „Meine Kinderjahre“, erzählte das Gelesene und noch Anekdotisches aus ihrer Berliner Zeit, voll Humor bis zuletzt.

Aber dann ließen ihre Kräfte rasch nach, und am Ende erfüllte sich ihr Wunsch.

Oda Schaefer entschlief, entschwebte am Sonntagnachmittag zwölf Uhr, frei von Schmerzen. Ein milder Tod holte sie, der das Leben keine Milde brachte.

Erst wenn du zweifelst
kommen die Engel

heißt es in einem ihrer Verse. Ihre Seele bleibe hier, sagte sie. Ihre Seele ist gegenwärtig in ihren Gedichten.

Es ist so weit… Letzte Worte… Oda Schaefer ©AS

Immer war ich.
Immer werde ich sein.
In welcher Gestalt auch,
oder gestaltlos, Geist

Auch nach dem Tode:
Immer werde ich sein.
Immer bin ich,
Ich bin immer.

Oda Schaefer

Das Auge für Oda Schaefer- Alle Fotos made by PATH (Peter Helbig) ©AS

Eins wollt ich Dir noch sagen…

Eins wollt ich Dir noch sagen… Briefe die zwei Leben retten..

Diese Felder sind uns literarisch leider sehr vertraut. Grau, trist, schlammig und nebelverhangen – zerfurcht, umgepflügt und von Gräben durchzogen – mit Stacheldraht gesäumt und Meter um Meter hart umkämpft. Die Schicksale einzelner gehen auf im Schicksal der Masse. Zermürbung – Vernichtung – Abnutzung.

Es sind Schlachtfelder und sie werden ihrem grausamen Ruf in der Realität des Ersten Weltkrieges mehr als gerecht. Es wird geschlachtet – es wird abgeschlachtet. Die jungen Generationen dieser Erde entrichten einen bitteren Blutzoll auf dem Richtblock der Geschichte.

Eins wollt ich Dir noch sagen – wie ein Nachruf wirkt der Titel dieses Romans von Louisa Young – wie ein nie erhörter Sehnsuchtshauch aus der Heimat und damit auch aus längst vergangener Zeit.

Eins wollt ich Dir noch sagen – Keine Zeit für Heldentum

Der Krieg beginnt nicht inmitten des Romans. Bereits der raucherfüllte und ohrenbetäubende Prolog entführt den Leser in eine hart umkämpfte Juninacht des Jahres 1917. Der Schlachtenlärm aus Frankreich wird von den Daheimgebliebenen in England als leiser Donner vernommen und das Ferne ist plötzlich so nah. Die Geliebten, Freunde, Väter und Söhne sind jedoch weiter entfernt, als jemals zuvor.

Die Geschichte in der Geschichte ist eigentlich schnell erzählt und doch strahlt sie über allem. Nadine und Riley lernen sich bereits als Kinder kennen, verlieren sich niemals aus den Augen und doch trennen sie im von Standesunterschieden geprägten England mehrere Welten. Nadine stammt aus gutem Hause – aus zu gutem Hause für Riley und damit ist sie mehr als unerreichbar für ihn. Ein Phantombild der Liebe. Nicht greifbar.

Eine Barriere, die sich auch nicht löst, als Riley mit Glück und Verstand Schritt für Schritt zu einem ansehnlichen jungen Mann der Mittelschicht reift. Doch für Nadine wird dies niemals reichen. Zu groß ist und bleibt der Unterschied zwischen ihnen… denkt zumindest Riley.

Eins wollt ich Dir noch sagen – Eine Flucht in den Krieg…

Nadines Zuneigung zu Riley spricht eine andere Sprache. Eine geheime, kaum hörbare, aber sie spricht in eigenen Worten. Ihre Eltern und der Krieg sabotieren ihre Gefühle und letztlich folgt, was unausweichlich scheint. Riley folgt seiner Pflicht fürs Vaterland, vor unerfüllter Liebe fliehend und mit schlechtem Gewissen gegenüber den schon kämpfenden Soldaten angetrieben.

In Frankreich wird er von der alles zermalmenden Walze des Krieges schneller eingeholt, als er begreifen kann und aus Riley droht eine funktionierende Tötungsmaschine ohne Zukunft zu werden. Wären da nicht die Briefe von Nadine, die selbst in der dunkelsten Kriegsnacht einen Funken Hoffnung erzeugen können.

Der Briefwechsel zwischen Nadine und Riley bewahrt beide davor, sich selbst zu verlieren. Bis an einem ganz normalen Tag in Frankreich die Katastrophe geschieht. Riley wird schwer verwundet – nichts erinnert mehr an sein früheres Ich. Von seinem Gesicht bleiben nur die einst strahlenden Augen… der Rest… grausam verstümmelt.

RILEY:

„Morgen kehren wir zur Kampflinie zurück. Ich werde wieder abtauchen und Dir nicht mehr schreiben. Bete darum, dass ich wieder auftauche, und sei da, meine Liebste, um mich am Ende herauszuziehen, wenn ich es denn schaffe.“

NADINE:

„Wenn es erlaubt wäre, wütend auf einen tapferen jungen Mann zu sein, der an der Front sein Letztes gibt, dann, Riley, bin ich wütend auf Dich. Stinkwütend. Wütende Grüße, Deine Nadine.“

Kann ein Mann sein Gesicht verlieren und doch geliebt werden?

In einem von Opferbereitschaft geprägten Leben geht Riley den selbstlosen nächsten Schritt und befreit Nadine in einem letzten Brief von dem Monster, das er zu sein scheint. Er verletzt sie so sehr, dass ihr keine Wahl bleibt, als Vergessen zu suchen. Diese Zeilen gehen unter die Haut und hinterlassen tiefe Spuren!

Nadine flieht auf die Schlachtfelder in Frankreich – als freiwillige Krankenschwester…. mit einem einzigen Ziel:

„Ich bin das Mädchen, das jeden Soldaten so versorgt, als wäre er ein ganz bestimmter Soldat…“

Nadine und Riley werden auf ihren Wegen von Kameraden, Freunden und Zufallsbekanntschaften begleitet. Doch zufällig sind diese Menschen nicht an ihrer Seite. Sie sind Wegweiser in den dunkelsten Stunden und Hoffnungsträger für zwei Menschen, die durch mehrere Abgründe voneinander getrennt sind.

Und eine gemeinsame Bekannte bewirkt ein wahres Wunder…

Louisa Young gelingt in der scharfen Kontrastierung zwischen Krieg und blühender Poesie ein mehr als außergewöhnlicher Roman ohne jegliches Pathos, ohne Kitsch und ohne gekünstelte Romantik. Ihr gelingt es, die einzigartige Größe der Liebe zu beschreiben, die sich auch in Zeiten des Krieges vom Schicksal nicht besiegen lassen möchte. Ihre Worte strahlen großes Gefühl aus, vermitteln den zerstörerischen Schrecken des Krieges und beleuchten das weite Feld der Anfänge der plastischen Chirurgie äußerst fundiert und in harten ungeschönten Beschreibungen.

Gute Bekannte… Zwei große Romane, ein Krieg…

Die Flucht in den Krieg hat auch John Boyne zu Tristan Sadler inspiriert. Die Flucht vor gesellschaftlicher Ächtung, die Angst vor dem Bruch mit Konventionen und die Unaussprechlichkeit der eigenen Gefühlslage haben Tristan und Riley fast gleichzeitig nach Frankreich geführt. Zwei Geschichten, die einander doch die Hand reichen.

„Eins wollt ich Dir noch sagen…“ – Ein großer Liebesroman, ein bestürzender Kriegsroman und vor allem eines… ganz groß erzählt! Man kann im Krieg im wahrsten Sinne des Wortes sein Gesicht verlieren und sich doch treu bleiben. Dieses Gleichnis überdauert…

Wenn diese Geschichte längst vergangen ist, wenn alle Worte jemals verblassen sollten, eines bleibt für immer in meinem Herzen. Die eine und einzige gemeinsame Nacht während eines kurzen Fronturlaubs. Eine kurze Atempause vom Krieg. Worte, die mich nicht mehr loslassen – Worte die mich niemals loslassen werden:

„Ihr kleines Geschenk bestand aus zwei Körpern und einem Bett, mehr gab es nicht in Zeit und Raum: sie beide, hier, in dem kleinen Zimmer, verlegen, lachend, warm, tastend, hingebend, überwältigt, beunruhigt, staunend, erschauernd, ermattend, schlafend, wach, lernend, liebend, erlöst. Glücklich.“

Hinter jedem historischen Roman steckt eine wahre Geschichte….

Wenn eine Autorin für ein Buch recherchiert stößt sie manchmal auf unfassbare Übereinstimmungen zu ihrer beabsichtigten Geschichte. So schreibt Louisa Young im Nachwort zu ihrem Roman folgenden sehr beeindruckenden Satz:

„Insbesondere denke ich oft an Corporal Riley, Fall 139 in Major Gillies` Buch Plastische Gesichtschirurgie (1920)!“

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Worüber wir reden, wenn wir mit Nathan Englander reden…

In besonderes Treffen im Amerikahaus München

Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden ist ein mutiges und wichtiges Buch. Keine einzelne Erzählung kann man für sich isoliert betrachten – sie sind in ihren inneren Kernen miteinander verwoben. Wir sehen das Buch in einem Spinnennetz der geschichtlichen, religiösen und menschlichen Entwicklung. Nathan Englander gelingt das Unfassbare in der Kombination traditioneller Erzählkunst mit modernen Techniken. Er überwindet Schranken und reduziert Berührungsängste mit Gedanken, die häufig nur in Demut gedacht werden dürfen.

So lautete unser Fazit im Artikel zum Erzählband und wir freuten uns schon sehr darauf, den in New York lebenden Schriftsteller vor seiner Lesung im Amerikahaus München zu einem exklusiven Interview zu treffen. Gemeinsam mit Peter Helbig, unserem Teamfotografen (PATH), und Lovelybooks-Ikone „Asita“ richteten wir im Foyer eine kleine Pressezone ein und trafen auf einen mehr als sympathischen und auskunftsfreudigen Nathan Englander.

Nathan Englander – Das größtmögliche Glücksgefühl…

Nathan Englander, würden sie uns bitte ihre aktuelle Gefühlslage beschreiben. Sie stellen gerade ihr Buch im Rahmen einer Lesereise in Paris, Wien und München vor, treffen dabei auf begeisterte Leser und haben die Möglichkeit zum unmittelbaren Gedankenaustausch zu ihrem Werk. Ist dies nicht der größtmögliche Glückszustand für einen Schriftsteller?

Ich bin aufrichtig dankbar für die Möglichkeiten, die sich mir im Moment bieten. Ich wollte immer das Leben eines Schriftstellers führen. Ich wollte immer scheiben und erzählen. Und selbst an Tagen, an denen ich morgens völlig übermüdet aufstehen muss um alle Termine zu bewältigen mache ich es mir bewusst, welch großes Glück es ist, schreiben zu dürfen und zu können. (Aber ich gebe zu, dass dies manchmal nicht der allererste Gedanke ist… lacht)

„Der Leser“ heißt eine der Geschichten in meinem Buch und sie handelt von einem Schriftsteller, der bei Lesungen nur auf einen einzelnen Zuhörer trifft. Die Idee hinter dieser Geschichte trifft den Kern eigentlich sehr genau. Ich möchte Geschichten erzählen und wenn es mir dabei gelingt, auch nur mit einem einzigen Menschen zu interagieren, der sich dafür interessiert, dann habe ich schon ein Ziel erreicht.

Die Magie der Übersetzung in verschiedene Sprachen ermöglicht es mir, mich mit Lesern aus vielen Ländern auszutauschen und ich empfinde hierfür einfach nur tiefe Dankbarkeit. Ich lerne unglaublich viel bei diesen Kontakten. Inspirationen und Erkenntnisse, die ich auf dieser Reise gewonnen habe, werden sicherlich in mein künftiges Schreiben einfließen.

Aus Interviews und Gesprächen kann ich sehr gute Rückschlüsse ziehen, wie meine Geschichten bei Lesern ankommen, wie sie funktionieren und das hilft mir enorm, weil ich durch diesen Kontakt viel über meine eigene Arbeit erfahre.

Nathan Englander – Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden

Verspüren sie nicht manchmal die Angst, bei einer ihrer Lesungen nur auf einen einzigen Zuhörer zu treffen, womit ihre Erzählung “Der Leser“ zur gelebten Realität würde?

Man kann selbst nicht beeinflussen, wer sich auf den Weg macht, um eine Lesung zu besuchen. Es gibt keine Garantie was den Schriftsteller erwartet, bis man die Tür zum Auditorium öffnet und dann muss man einfach dankbar für jeden einzelnen Gast sein. Den Einen Leser oder Zuhörer zu finden, bei dem eine Geschichte ankommt ist schon ein erstrebenswertes Ziel. Und manchmal kann man nicht einmal dies garantieren, wenn man in einem ausverkauften Stadion liest.

Diese Erzählung ist mein persönlicher Ansporn. Sie ist wie ein Totem für mich und bereitet mir keine Angst sondern motiviert mich viel eher. Ich glaube an meine Geschichten, ich glaube an meine Bücher. Wenn es dem Werk bestimmt ist zu leben, dann wird es auch leben.

Nathan Englander – Diese Geschichte ist mein Totem…

Ihre Geschichten basieren auf ihrem jüdischen Glauben und handeln von tiefen religiösen Zweifeln, Hoffnungen, Irrungen und überlieferten Traditionen. Trotzdem habe ich niemals das Gefühl gehabt, ein religiöses Buch zu lesen. Wie ist ihnen dieser Spagat gelungen?

Ich bin mehr als froh darüber, dass sie dies so sehen, weil ich meine Erzählungen genau so verstanden wissen möchte. Das ist für einige Leser aus meinem religiösen Umfeld vielleicht manchmal schwer nachzuvollziehen, da ich zwar über jüdische Charaktere in jüdischer Umgebung mit jüdischen Anliegen schreibe, mich selbst aber nicht als jüdischen Schriftsteller verstehe.

Auf dieser Lesereise habe ich deutlich erfahren, dass oft von mir erwartet wird, ich hätte als Autor die jüdische Kultur zu repräsentieren. Dem kann ich in meinen Kurzgeschichten nicht entsprechen. Die Basis meiner Stories ist so jüdisch, wie sie bei Charles Dickens britisch war. Wir schreiben über außergewöhnliche Lebensumstände und die so erzeugten Bilder können auf viele vergleichbare „Umgebungen“ übertragen werden.

Eine funktionierende Geschichte muss diesen universellen Aspekt erfüllen, ansonsten funktioniert sie eben nicht!

Ich hatte beim Lesen konstant den Eindruck, dass ihre Geschichten miteinander verbunden sind. Ich beschrieb dies im Artikel als Spinnennetz. Wenn man den Faden einer Erzählung berührt, schwingt der gesamte Erzählband harmonisch, wagemutig und provokant und hält seinen Leser gefangen. War dies ihre Absicht bei der Zusammenstellung der Sammlung?

Es ist herrlich mit ihnen zu reden. Die Verbindung zwischen den einzelnen Geschichten basiert nicht auf einer gezielten Absicht. Es ist viel mehr mein Glaube daran, dass eine solche Sammlung nicht einfach nur ein zufällig geschnürtes Bündel zusammenhangloser Geschichten sein darf, wenn sie den Leser berühren soll.

Das ist wie bei den Kapiteln eines Buches. Die Geschichten sollen ineinander greifen und zueinander führen. Ja – es gibt dieses gemeinsame Dach über meinen Stories und ich bin sehr dankbar, wenn dies so erkannt wird. „Peep Show“ schrieb ich vor mehr als 12 Jahren und nachdem ich „Der Leser“ beendet hatte kam der „Aha-Effekt“, dass beide Geschichten in dieses Buch gehören.

Die Vision vom Ganzen ist essenziell. Wir leben auf der Erde und sind Teil des Universums. Dieses Buch sollte ein komplettes Universum sein!

Nathan Englander – Die Vision vom Ganzen

Bevor nun die Lesung beginnt, eine letzte Frage, die wir immer zum Ende eines solchen Gespräches stellen. Welche Antwort würden sie gerne einmal in einem solchen Interview geben? Einziges Problem: Niemand hat ihnen bisher die passende Frage gestellt….

Exzellent… (lacht)… Ich liebe meinen Hund und vermisse ihn gerade sehr. Ich würde mich einfach sehr über eine Hunde-Frage freuen, da ich endlos über ihn erzählen könnte 😉

Wenn wir jetzt nicht beide zur Lesung müssten, dann könnten wir uns wirklich endlos über unsere Hunde austauschen. Nathan Englander, Literatwo bedankt sich für ein grandioses Buch und für dieses aufschlussreiche Gespräch.

Die Lesung – Knut Cordsen (li.) moderiert – Nathan Englander liest…

Die anschließende Lesung selbst findet im gediegenen Ambiente des Amerikahauses München vor voll besetztem Auditorium statt. „Der Leser“ hat sich wieder einmal nicht bewahrheitet. Souverän und gekonnt moderiert Knut Cordsen vom Bayerischen Rundfunk die Veranstaltung und liest die deutschen Passagen der Erzählungen von Nathan Englander.

Cordsen und Englander – ein wunderbar harmonierendes Team sowohl lesend, als auch im Dialog über die Hintergründe zu den Stories und ihrer Entstehungsgeschichte. Gebannt lauschende, betroffene, herzhaft lachende und berührte Zuhörer verfolgen die Lesung und danken mit aufrichtigem Applaus. Ein wahrlich inhaltsreicher und unterhaltsamer Abend, über dem der Name Anne Frank wie ein Mantra stand – ohne erhobenen Zeigefinger, fern ab jeden Opferschemas und genau deshalb so unvergessen.

Nathan Englander ließ es sich nicht nehmen ein Exemplar seines Buches für einen Leser von Literatwo zu signieren. Viele Grüße konnten wir ihm ausrichten und viele gute Gedanken zu seinem Werk übermitteln. Ich denke, er war überrascht von der großen Resonanz auf Literatwo. Seine persönliche Entscheidung, das Buch „Schmetterlings Literatrurreise“ zu widmen lässt sich allein schon dadurch begründen, dass er zuvor noch nie ein Buch für „Butterfly“ signiert hatte.

For Butterfly – With thanks for your support – All my best – Nathan Englander

PS: Alle Fotos zum Interview made by PATH (Peter Helbig)…

„Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden“

Nathan Englander – Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden…

Auch der vergangene Monat stand wieder im Zeichen des Lesens und Schreibens „Gegen das Vergessen“. Mit tiefen Artikeln zu Der Himmel über Jerusalem und Lienekes Hefte habe ich mir erneut ins Gedächtnis gerufen, welch tiefe Wunden der Holocaust für die Opfer und die nachfolgenden Generationen hinterlassen hat.

Nathan Englanders Erzählsammlung „Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden“ hat bereits auf der diesjährigen Buchmesse in Leipzig seine Fühler nach mir ausgestreckt und Interesse geweckt.

Natürlich macht der Titel neugierieg – natürlich ist es hochinteressant zu lesen, was ein etwas über 40jähriger moderner jüdischer Autor schreibt, wenn er im Brückenschlag von Historik zur Moderne Kurzgeschichten verfasst, in deren Mittelpunkt das jüdische Leben in all seiner religiösen und kulturellen Komplexität steht.

Natürlich ist es spannend, dieses Buch auf sich wirken zu lassen, von dem namhafte Schriftsteller und Kritiker behaupten, es sei eine einzigartige und tief beeindruckende Verbindung feinsinniger Komik und erschütternder Tragik (Jonathan Frantzen).

Und natürlich ist es mehr als genial, ein Buch zu öffnen, dessen Umschlag den Leser eindringlich zum Anhalten ermahnt. Ich bin der Empfehlung des Verlages gefolgt, habe Tempo aus dem Alltag genommen, bin stehen geblieben und habe dann, an einem sehr ruhigen Tag meine Leseampel auf „grün“ geschaltet. Ich liebe dieses Cover, da es sich zum Synonym konzentrierten Lesens erhebt ohne dabei mit erhobenem Zeigefinger zu mahnen. Schon der erste Schritt ins Lesen zeigte mir, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich fühlte mich willkommen.

Der richtige Weg zu Nathan Englander… Wir fühlten uns willkommen

Was wir lesen, wenn wir über Anne Frank lesen wurde uns schon zu Schulzeiten in die Wiege gelegt. Der Name allein löst Assoziationen aus und setzt Gefühle frei, die auch in unserer Zeit ihre Wirkung nicht verfehlen. Diesen Namen über das gesamte Buch zu stellen macht Sinn, denn jede einzelne Geschichte Englanders ist getragen von den Verletzungen, Hoffnungen, Träumen, Erlebnissen, Sehnsüchten und Perspektiven einer Generation der Shoa-Überlebenden und ihrer Nachfahren.

Und genau hier beginnt die große Überraschung in den Erzählungen des Autors. Eine berührende Komik, tiefe Innenansichten und überraschende Selbstbetrachtungen verdrängen hier das in der Literatur oftmals allzu übermächtige Opferschema solcher Erzählungen.

Wir lernen jüdische Menschen kennen, die das Anne-Frank-Spiel“ spielen, in dem es darum geht, sich mit der folgenden Frage auseinanderzusetzen: „Wenn wir heute an der Schwelle eines erneuten Holocausts stünden, welcher unserer Freunde würde uns für die nächsten Jahre unter Einsatz seines eigenen Lebens bei sich zuhause verstecken und versorgen?“ Die Antworten werden zum persönlichen Debakel.

Wir lernen Überlebende des Holocaust kennen, die sich in der heutigen Zeit in der Sauna begegnen und deren eintätowierte Häftlingsnummern sich nur um drei Ziffern voneinander unterscheiden. Sie müssen damals im KZ fast unmittelbar nebeneinander gestanden haben – unglaublich… Die Erkenntnis aus diesem Zufall ist allerdings noch unglaublicher, als man es sich nur vorzustellen vermag.

Darüber reden wir, wenn wir Nathan Englander lesen!

Wir lernen Menschen kennen, die sich von ihrem jüdischen Glauben losgesagt haben und in einem emotionalen Befreiungsschlag zum ersten Mal eine Peep-Show betreten. Als sich die Klappe öffnet, erscheint jedoch keinesfalls das heiß ersehnte Lustobjekt, sondern die tiefe Erkenntnis des Lebens.

Wir erfahren einen dramatischen Wechsel amüsanter Passagen gepaart mit den tiefen Wurzeln eines Lebens im jüdischen Glauben. Wir lernen nebenbei viel über die inneren Ansichten zur israelischen Siedlungspolitik und die Zweifel moderner Juden, was sie der komplexen Lebensgeschichte ihrer Familien eigentlich noch hinzufügen können.

Wir lernen auch einen Autor kennen, der nach jahrelangem Schreiben während einer Lesereise immer nur einem einzigen Zuhörer begegnet – einem einzigen Leser, der auch noch den Anspruch erhebt, die Veranstaltung möge doch bitte stattfinden, da die wichtigsten beiden Menschen anwesend seien. Autor und Leser. Momente unglaublicher Komik – Momente unglaublicher Melancholie – Momente großer Tragik.

Nathan Englander – Magische Verbindungen zwischen den Geschichten…

Keine einzelne Erzählung kann man für sich isoliert betrachten – sie sind in ihren inneren Kernen miteinander verwoben. Ich sehe sie in einem dichten Spinnennetz der geschichtlichen, religiösen und menschlichen Entwicklung. Wenn man den Faden einer Erzählung berührt, schwingt dieser gesamte Erzählband harmonisch, wagemutig und provokant mit und hält seinen Leser gefangen.

Nathan Englander gelingt das absolut Unfassbare in der Kombination traditioneller Erzählkunst mit modernen Techniken. Er überwindet viele Schranken und reduziert Berührungsängste mit Gedanken, die häufig nur in Demut gedacht werden dürfen. „Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden“ ist ein mutiges und wichtiges Buch.

Nathan Englander und Literatwo – Ein Interview auf das wir uns freuen…

Ich werde Nathan Englander am 12.09.2012 zu einem exklusiven Interview vor seiner Lesung in München treffen. Ich habe viele Fragen und viele Bilder im Kopf, von denen ich ihm erzählen werde. Ich möchte von ihm wissen, wie es ist vor Shakespeare and Company zu lesen, einem meiner Traumorte auf dieser Welt. Ich möchte in Erfahrung bringen, wie sein religiös geprägtes Umfeld auf die Geschichten reagiert hat und ich werde ihn fragen, ob die Verbindungslinien zwischen den Geschichten von ihm genau so angelegt wurden, wie ich sie empfunden habe.

Der Weg zum Interview führt über diese Worte: Nathan Englander

Mit einem Klick zum Interview mit Nathan Englander

„Legend – Fallender Himmel“ von Marie Lu

"LEGEND" von Marie Lu - Dystopische Utopie mit magischen Momenten

„LEGEND“ von Marie Lu – Dystopische Utopie mit magischen Momenten

Wieder einmal. Das war unser erstes Gefühl, als wir uns dazu entschlossen, den Jugendroman Legend – Fallender Himmel von Marie Lu gemeinsam zu lesen. Wieder einmal eine Trilogie, wieder einmal eine düstere Dystopie und wohl wieder einmal eine dramatische Liebesgeschichte in einer eigens dafür geschaffenen Szenerie.

Wie oft haben wir uns frohen Mutes auf die mehrteiligen Lesewege begeben, die uns genau an die Schwelle einer solchen Geschichte brachten und wie oft haben wir dann im Laufe der Fortsetzungen festgestellt, dass der jeweils außergewöhnlichen Grundidee sehr oft auch grundlegende Schwächen folgten.

Die Tribute von Panem hatten am Ende jede nachvollziehbare emotionale Plausibilität verloren, Auswahl und Flucht konfrontierten den Leser bereits im zweiten Teil mit einer schwer nachvollziehbaren Trennung der Protagonisten (wohl um das Buch auf drei Teile zu strecken) und bei Bestimmung hegten wir bereits im ersten Teil grundsätzliche Zweifel an der Nachvollziehbarkeit der Entscheidungen der handelnden Personen.

Gelesen haben wir sie alle – teilweise begeistert, manchmal ein wenig enttäuscht und immer hoffnungsvoll, dass die Konstruktion der jeweiligen Trilogie durch alle Bände tragen möge.  Mit diesen Erfahrungen und Hoffnungen öffneten wir die wertvolle Vorschau-Box des Loewe Verlages, staunten nicht schlecht über die wertvolle Aufmachung von „Legend“ und das beigefügte stylische Notizbuch.

Wir sollten es wirklich benötigen… es hat uns wertvolle Dienste erwiesen.

Begeben wir uns in das Amerika der Zukunft und betrachten den Handlungsrahmen von „Legend“. Das Land ist überbevölkert und knapp. Naturkatastrophen haben für eine Konzentration der Menschen auf wenige, nicht überflutete Regionen der Republik gesorgt. Wahrzeichen von einst sind die Relikte von heute. Die Regierung sorgt mit systematisch angelegten Plänen für die Überlebensfähigkeit seiner Bürger und steht dabei im kriegerischen Konflikt mit Bewohnern der Kolonien und Rebellen aus dem Inneren.

Man hat sich diesen Plänen zu fügen – man hat seine Rolle zu spielen und sich einzugliedern, unterzuordnen, ansonsten steht man auf der falschen Seite. Alle Jugendlichen werden einem komplizierten Auswahltest unterzogen und entsprechend ihrem jeweiligen Resultat den zukünftigen Tätigkeiten für das Land und die Gesellschaft zugeordnet.

Je besser das Ergebnis ausfällt, desto angesehener ist die Rolle, die man zukünftig einzunehmen hat. Und Versagern versagt die Regierung so ziemlich alles. Sie sind wertlos im Kampf gegen innere und äußere Feinde – wertlos für die Gemeinschaft und wohl auch nicht überlebensfähig angesichts der drohenden Seuchen, die das Land immer wieder heimsuchen.

Genau hier lernen wir unsere zukünftigen Wegbegleiter kennen. In einer Gesellschaft, deren Regierung mit den üblichen Machtinstrumenten (Information, Gesundheit und Schutz der Gemeinschaft) agiert und in der das Individuum sehr schnell in den Fokus geraten kann… Day und June stehen im Fokus – jeder auf eine besondere Weise!

Die 15jährige June – gehorsame Tochter einer Elitefamilie – lebt einem der wohlhabendsten Distrikte der Republik, sieht ihre Zukunft im leidenschaftlichen Dienst für ihr Land und gilt als absolutes Wunderkind. Nur sie hat es bisher geschafft, den „großen Test“ mit der maximalen Punktzahl zu bestehen – und dies mit Leichtigkeit. June steht eine große Karriere im Militär bevor und sie befindet sich zu Beginn der Geschichte auf einer der besten Universitäten – dem eigentlichen Zeitplan um vier Jahre voraus.

„Ich bin schlau. Ich habe das, was die Republik als gute Gene bezeichnet – und je besser die Gene, desto besser die Soldaten…“

Der 15jährige Day hingegen scheint in einer anderen Welt zu leben. Aufgewachsen in den Slums des seuchengeplagten Lake Sektors gilt Day, nachdem er sang- und klanglos beim „großen Test“ versagt hat und anschließend untertauchte, als der Staatsfeind Nummer 1. Terroristische Anschläge, Körperverletzung, Brandstiftung und Behinderung militärischer Einsätze werden ihm zur Last gelegt und sein Fahndungsvideo wird pausenlos und landesweit ausgestrahlt.

„Die Republik hat keine Ahnung, wie ich aussehe… Darum hassen sie mich so, darum bin vielleicht nicht der gefährlichste Verbrecher des Landes, aber der meistgesuchte. Denn ich lasse sie ziemlich alt aussehen!“

Eigentlich hätten sich die Wege von June und Day niemals gekreuzt. Aber dann überschlagen sich die Ereignisse. Junes Bruder wird bei einem Polizeieinsatz ermordet und der landesweit gesuchte Hauptverdächtige heißt Day! Den gefährlichsten Verbrecher des Landes kann nur das allseits anerkannte Wunderkind zur Strecke bringen und so wird June persönlich auf den Staatsfeind Nummer 1 angesetzt.

Die Jagd beginnt!

Doch schon die erste Begegnung zwischen Jägerin und Gejagtem wirft Fragen auf, die das ganze Potential der Geschichte offenbaren. Wie kann ein Junge, der den Test nicht besteht so intelligent und stark sein, ein ganzes Land in Atem zu halten? Sind seine Motive wirklich so bösartig, wie von allen Medien behauptet wird? Wenn all dies eine Lüge ist, wozu ist die Regierung insgesamt bereit, um an der Macht zu bleiben? Und wenn Day unschuldig ist, wer hat dann Junes Bruder ermordet?

Der einmal ins Wasser geworfene Stein des Zweifels beginnt konzentrische Kreise zu ziehen und kleine Details erlangen große Bedeutung. Days Amulett – ein Geschenk seines Vaters – verbirgt in seinem Inneren eine Münze, die mehr ist als eine bloße Erinnerung. Und June erhält eine Nachricht von ihrem toten Bruder – eine zu seinen Lebzeiten erstellte Internetseite, die ihre dunkelsten Ahnungen bestätigt. Es geht um die verheerenden Seuchen und ihre Ursachen…

„Legend“ beginnt im Stile eines großen Pageturners genau an dieser Stelle seinem Untertitel „Fallender Himmel“ eine eigene Dimension zu verleihen. Nichts ist, wie es scheint und weder June noch Day sind gewillt, sich in die Rolle von Spielbällen der Regierung zu fügen. Die Kulissen geben Zug um Zug ihre Geheimnisse preis und mit dem fallenden Himmel erwacht zwischen June und Day mehr als das Gefühl, nur gemeinsam etwas ändern zu können.

Es erwacht DAS Gefühl zwischen ihnen, das sie fortan verbindet…

Eine Legende auf Literatwo… Ganz pur und ohne Schnörkel

So fällt unser gemeinsames Fazit mehr als euphorisch aus! Was für ein Auftakt für eine dystopische Trilogie. Keine Probleme mit situativer oder persönlicher Plausibilität, keine Zweifel an der Motivation der Protagonisten und soviel Potential für die Fortsetzungen, auf die man nun wirklich gespannt sein muss. Marie Lu lässt ihren Lesern kaum eine Atempause, sie erreicht wahrhaftig ein breit gestreutes All-Age-Publikum und vermag es durch die brillante Charakterzeichnung eine große Portion Indentifizierungspotential mit June und Day zu schaffen.

Im Vergleich zu unseren bisherigen dystopischen Trilogien wohl der verheißungsvollste Startband. Wir werden June und Day auf der Spur bleiben, wissen schon jetzt, welche Probleme in der Fortsetzung auf beide warten und ahnen ein wenig, dass uns die Schriftstellerin zwar manchmal auf die falsche Fährte locken wird – aber an der literarischen Nase führt sie uns nicht herum. Das ist die Form von Vertrauen, die ein Leser gerade bei mehrteiligen Romanen zum Schriftsteller aufbauen muss.

Wir vertrauen! Legendär…

„Zu schnell“ von John Boyne… Eine Sekunde, die alles verändert

John Boyne und Literatwo - Ein langer gemeinsamer Weg...

John Boyne und Literatwo – Ein langer gemeinsamer Weg…

Es sind die Augenblicke im Leben, die auf einen Schlag alles verändern können, vor denen wir uns oftmals so sehr fürchten. Es sind diese schicksalhaften Momente, die das bisherige Leben in ein DAVOR und DANACH aufteilen. Es ist unsere Angst vor der Hilflosigkeit im Angesicht dieser Situationen, die uns nachts aufschrecken lässt. Es ist eine menschliche Urangst, die uns allen innewohnt.

Zu schnell“ von John Boyne greift dieses Thema auf einzigartige Weise auf. Er wählt nicht nur die Perspektive eines 12jährigen Jungen, dessen Leben sich in genau dieser einen Sekunde dramatisch verändert, John Boyne geht noch einen bedeutenden Schritt weiter und erzählt diese Geschichte in der Sprache eines Heranwachsenden. Dieses Stilmittel erzeugt eine unmittelbare Nähe zum Protagonisten und lässt uns in eine Situation eintauchen, die so noch nicht erzählt wurde.

Danny freut sich eigentlich auf einen sorglosen Sommer und nicht enden wollende Fußballspiele mit seinem besten Freund Luke. Das Leben ist unbeschwert und Danny wächst in einem intakten Umfeld auf. Eine schöne Jugend, könnte man sagen. Bis er an einem Mittwochabend im Juli nach Hause kommt und feststellt, dass er völlig alleine ist. Mit seinem Vater kann er erst in einer Stunde rechnen, aber dass er seine Mutter nicht antrifft ist mehr als ungewöhnlich.

Als sein Vater von der Arbeit kommt fehlt immer noch jede Spur von Dannys Mutter Rachel. Ratlosigkeit macht sich breit – sie hat keine Nachricht hinterlassen und überraschende Ausflüge kennt man nicht von ihr. Wie es sich in solchen Situationen gehört, wird der 12jährige erstmal ins Bett geschickt – alles weitere würde sich finden. Typisches Elternverhalten eben.

Doch dann kommt alles anders, als Rachel in sichtlich schockiertem Zustand von der Polizei nach Hause gebracht wird. Danny erfährt noch am gleichen Abend von seinem Vater, dass sie einen Unfall hatte. Ein kleiner Junge sei ihr vors Auto gelaufen, er liege im Krankenhaus und es ginge ihm zwar nicht gut, aber Danny solle sich keine Sorgen machen! „Alles wird wieder gut“ – ein typischer „Vaterspruch“.

„Hoffentlich wurde er wieder gesund. Aber irgendetwas sagte mir, dass er nicht wieder gesund werden würde. Und dass bei uns zu Hause nichts je wieder so sein würde wie vorher.“

Dannys Gefühl scheint sich zu bestätigen, als erste Gerüchte an sein Ohr dringen: Seine Mutter sei schuld gewesen, weil sie wohl betrunken war und der Junge liege im Koma und es sehe nicht gut aus – unvorstellbar. Alles kommt zum Erliegen – das Leben steht still und die erdrückenden Schuldgefühle legen sich auf das Elternhaus wie ein dunkler Schatten. Und Dannys Mutter liegt nur noch im Bett – nicht ansprechbar.

Danny bleibt nur die Rolle des passiven Beobachters – ihm bleibt nur zuzuhören, wie Vorwürfe von allen Seiten laut werden und er fühlt die Isolation zunehmend Raum ergreifen. Bis wenige Tage nach dem Unfall plötzlich ein fremdes Mädchen vor dem Haus der Familie zu lauern scheint, um Danny zu beobachten.

So lernt er die gleichaltrige Sarah kennen – die Schwester des Jungen, der im Koma liegt und schnell bemerkt Danny, dass sie ein schreckliches Geheimnis mit sich herumschleppt. Beide vertrauen einander ihre Gefühle an und begehen in ihrer Hilflosigkeit einen verhängnisvollen Fehler!

„Wir waren wie zwei Geheimagenten, die von dem ganzen Theater die Schnauze voll hatten und beschlossen, aus der Deckung zu kommen.“

John Boyne und Literatwo - Ein langer gemeinsamer Weg...

John Boyne und Literatwo – Ein langer gemeinsamer Weg…

Ein langer gemeinsamer Leseweg verbindet Literatwo mit John Boyne. Wir müssen nicht mehr erwähnen, dass er der Autor des Welt-Bestsellers „Der Junge im gestreiften Pyjama“ ist, da man dieses Prädikat nicht mehr benötigt für einen Schriftsteller, der mit Büchern wie Der Junge mit dem Herz aus Holz und Das späte Geständnis des Tristan Sadler immer gezeigt hat, dass er genreübergreifend zu faszinieren vermag.

Seine Romane verbindet das Schicksal von Menschen, die sich in ihrer jeweiligen Situation allein fühlen,  isoliert werden und in aller Ausweglosigkeit doch ihren eigenen Weg finden. „Zu schnell“ reiht sich nahtlos in diese Lebensbibliothek des irischen Erfolgsautors ein und setzt eben aufgrund der sprachlichen Dimension erneut Maßstäbe.

Ein herausragendes Jugendbuch über den Umgang mit Schuld, Verlustängsten und den Kampf um Akzeptanz in der Welt der Erwachsenen. Sprachlich eignet sich „Zu schnell“ in besonderer Art und Weise für Schüler, die in Dannys Alter sind. Der Fischerverlag hat anschauliches Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt und es bleibt zu hoffen, dass diese Geschichte bald Einzug in die Lehrpläne unserer Schulen hält.

Wer darüber hinaus wissen möchte, wie sehr sich John Boyne mit seinen Charakteren identifiziert, dem sei unser exklusives Buchmesseinterview ans Herz gelegt. Es war eine magische literatwoische Begegnung mit einem überraschenden Geständnis des Schriftstellers!

Alles von John Boyne auf AstroLibrium – HIER

Mit einem Klick zum Literatwo- Interview mit John Boyne

Mit einem Klick zum Literatwo- Interview mit John Boyne

„Oh mein Gott“… Meg Rosoff lästert göttlich…

Oh mein Gott – Am Anfang war Bob und Bob hatte eine kreative Phase…

Es gibt Bücher in der Geschichte der Menschheit, bei denen es in ganz besonderem Maße auf den richtigen Zeitpunkt des Lesens ankommt.

Meg Rosoff`s Oh mein Gott (Fischer 2012, 236 Seiten, 14,99 €) gehört zweifelsohne in die Riege dieser außergewöhnlichen Werke. Ich bin heilfroh, diesen Roman im 21. Jahrhundert gelesen zu haben.

Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn dieses Buch im Mittelalter der Heiligen Inquisition in die werten blutverschmierten Hände gefallen wäre, oder wenn Galileo Galilei im 17. Jahrhundert einen ganz vorsichtigen Blick hineingeworfen hätte. Ganz abgesehen vom werten Besitzer des Buches und natürlich der wagemutigen Schriftstellerin.

Alle gemeinsam hätten wir wohl auf irgendeinem Scheiterhaufen vor uns hin gebrannt, verurteilt wegen Blasphemie und der Verbreitung ketzerischen Gedankengutes und wären trotzdem nicht gestorben! Weil wir bei jedem Gedanken an dieses Buch so viele Lachtränen vergossen hätten, dass der Scheiterhaufen erbost seinen Dienst quittiert hätte.

Oh mein Gott – Und es ward Licht – Sehr interessant, Bob…

Vergesst einfach ganz schnell alle wissenschaftlichen und religiösen Schöpfungstheorien und akzeptiert, dass einzig Meg Rosoff weiß, wie unsere gute alte Erde entstanden ist. Die unförmige kleine Kugel ist bei einem göttlichen Pokerspiel der Mutter von BOB zugefallen. Und der ist absolut nichts besseres eingefallen, als ebenjenen 19jährigen Schnösel genau dort auf die freie Stelle des Gottes zu setzen.

Am Anfang war also Bob. Die Erde war ziemlich wüst und leer und so schuf Bob den Himmel, das Wasser, die Tiere auf den Feldern und natürlich auch den Menschen – leider ganz nach seinem Ebenbild. Und damit es nicht allzu finster blieb, sprach er huldvoll: „Es werde Licht“ und es ward Licht.

Nur war es eben kein allzu gutes Licht. Bob experimentierte mit Wunderkerzen und Neonröhren, versuchte sich an Glühwürmchen und überdimensionalen Kerzen. Sogar Kristalllüster erhellten kurzfristig den Himmel. Bob fand dies alles absolut cool. Hätte er nicht in „Mr. B.“ einen treuen Gehilfen vorgefunden, der ein wenig korrigierend eingriff, die Erde wäre im frühen Chaos der Schöpfung bereits mehrfach untergegangen.

Und bei manchen Schöpfungen konnte sich Bob nachhaltig gegen „Mr. B.“ durchsetzen, auch wenn die Kreationen mehr als bizarr anmuteten. Das mit den Vögeln, die auf hässlichen langen Beinen stehen, unförmig große Füße haben und keinen Meter fliegen können, dafür aber ihre Köpfe in den Sand stecken – das war ein Riesenspaß. Fast so lustig, wie die riesigen Fische, die unter Wasser nicht atmen können. Echt ein kreatives Köpfchen, unser Bob….

Oh mein Gott – Die Krone der Schöpfung – Ein Vogel, der nicht fliegt…

Sechs Tage lang dauerte die spektakuläre Schöpfungsgeschichte und seitdem lebt Bob mitten unter uns, lümmelt sich meist gelangweilt auf seinem Sofa, hat das Interesse an seinem Job weitgehend verloren und träumt unaufhörlich von Sex! Einziges Problem dabei: Jedesmal, wenn Bob eine Affaire mit einem jener begehrenswerten weiblichen Geschöpfe hat, dreht das Wetter auf der Erde absolut durch. Erdbeben, Taifune, Schneestürme im Sommer und Temperaturstürze sind weltweite Begleiterscheinungen seiner Gier.

„Mr. B.“ versucht alles in seiner Macht stehende zu unternehmen, um das Chaos auf der Erde im Griff zu behalten. Gebete und Wünsche landen auf seinem Tisch und hinter dem Rücken von Bob regelt er, was er zu regeln vermag. Nur das mit der Liebe bekommt auch er nicht in den Griff und ihm schwant großes Unheil, als Bob sich unsterblich (wie auch sonst) in die hübsche Lucy verliebt.

Göttlich unser Bob, wenn er sich an seine bisherigen Liebschaften erinnert. Göttlich, welchen Aufwand er jeweils betreiben musste, um an die Mädels heranzukommen. Da waren zum Beispiel jene Maria, der er mit riesigen Flügeln erscheinen musste und die kleine Jeanne d`Arc, bei der er zwar auch erfolgreich landete, die aber vielleicht zu sehr Feuer und Flamme für ihn war..

Und nun LUCY… und zum ersten Mal der Wunsch Bobs, auf ewig mit einer Sterblichen zusammen zu leben. Eine wundervolle Liebesgeschichte nimmt ihren verhängnisvollen Verlauf und der Welt steht unvorstellbares bevor:

SEXWETTER – aufgekratztes, verwirrtes Erregungswetter!

Oh mein Gott – Vorsicht, wenn Bob sich verliebt, dreht das Wetter durch…

Ein grandioser Roman voller unvergesslicher Knalleffekte. Es hat keinen Sinn, anschließend die Lachfalten zu zählen, die das Lesen hinterlassen hat – es sind zu viele. Ein Roman über die reinen Zufälle auf Erden und die Kuriosität jedes einzelnen Geschöpfs.

Ein Roman voller Tiefgang und hintergründigem Zweifel. Ein Roman über die ewige Liebe, Religion und Gauben, sowie die Unergründlichkeit unserer Existenz. Aber auch ein Roman mit leichten Schwächen, wenn zum Beispiel ein Handlungsfaden auftaucht, der oftmals ein wenig störend wirkt. Aber nur ein wenig! Ich habe mich köstlich amüsiert und lange über dieses großartige Buch nachgedacht.

Und doch bleibt am Ende des Lesens eine wichtige Frage offen: Wie viel Wortwitz der englischen Originalausgabe ist der deutschen Übersetzung zum Opfer gefallen? Welche Wortspiele hat unsere Sprache einfach nicht zugelassen, obwohl die Übersetzerin sicherlich eine meisterliche Arbeit geleistet hat?

Allein der Originaltitel: „There is no Dog“ lässt vermuten, dass in der Buchstabenverwirrung zwischen GOD und DOG so manches Missverständnis in der Originalausgabe stattgefunden hat, für das in der deutschen Ausgabe kein Platz war. Für den deutschen Leser ergibt der Originaltitel keinen Sinn, aber er lässt vermuten, dass hier etwas auf der Strecke geblieben ist, das es sogar wert war, den ganzen Roman danach zu benennen.

Neugierig geworden? Oh mein Gott – einfach herein mit euch!