„Oh mein Gott“… Meg Rosoff lästert göttlich…

Oh mein Gott – Am Anfang war Bob und Bob hatte eine kreative Phase…

Es gibt Bücher in der Geschichte der Menschheit, bei denen es in ganz besonderem Maße auf den richtigen Zeitpunkt des Lesens ankommt.

Meg Rosoff`s Oh mein Gott (Fischer 2012, 236 Seiten, 14,99 €) gehört zweifelsohne in die Riege dieser außergewöhnlichen Werke. Ich bin heilfroh, diesen Roman im 21. Jahrhundert gelesen zu haben.

Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn dieses Buch im Mittelalter der Heiligen Inquisition in die werten blutverschmierten Hände gefallen wäre, oder wenn Galileo Galilei im 17. Jahrhundert einen ganz vorsichtigen Blick hineingeworfen hätte. Ganz abgesehen vom werten Besitzer des Buches und natürlich der wagemutigen Schriftstellerin.

Alle gemeinsam hätten wir wohl auf irgendeinem Scheiterhaufen vor uns hin gebrannt, verurteilt wegen Blasphemie und der Verbreitung ketzerischen Gedankengutes und wären trotzdem nicht gestorben! Weil wir bei jedem Gedanken an dieses Buch so viele Lachtränen vergossen hätten, dass der Scheiterhaufen erbost seinen Dienst quittiert hätte.

Oh mein Gott – Und es ward Licht – Sehr interessant, Bob…

Vergesst einfach ganz schnell alle wissenschaftlichen und religiösen Schöpfungstheorien und akzeptiert, dass einzig Meg Rosoff weiß, wie unsere gute alte Erde entstanden ist. Die unförmige kleine Kugel ist bei einem göttlichen Pokerspiel der Mutter von BOB zugefallen. Und der ist absolut nichts besseres eingefallen, als ebenjenen 19jährigen Schnösel genau dort auf die freie Stelle des Gottes zu setzen.

Am Anfang war also Bob. Die Erde war ziemlich wüst und leer und so schuf Bob den Himmel, das Wasser, die Tiere auf den Feldern und natürlich auch den Menschen – leider ganz nach seinem Ebenbild. Und damit es nicht allzu finster blieb, sprach er huldvoll: „Es werde Licht“ und es ward Licht.

Nur war es eben kein allzu gutes Licht. Bob experimentierte mit Wunderkerzen und Neonröhren, versuchte sich an Glühwürmchen und überdimensionalen Kerzen. Sogar Kristalllüster erhellten kurzfristig den Himmel. Bob fand dies alles absolut cool. Hätte er nicht in „Mr. B.“ einen treuen Gehilfen vorgefunden, der ein wenig korrigierend eingriff, die Erde wäre im frühen Chaos der Schöpfung bereits mehrfach untergegangen.

Und bei manchen Schöpfungen konnte sich Bob nachhaltig gegen „Mr. B.“ durchsetzen, auch wenn die Kreationen mehr als bizarr anmuteten. Das mit den Vögeln, die auf hässlichen langen Beinen stehen, unförmig große Füße haben und keinen Meter fliegen können, dafür aber ihre Köpfe in den Sand stecken – das war ein Riesenspaß. Fast so lustig, wie die riesigen Fische, die unter Wasser nicht atmen können. Echt ein kreatives Köpfchen, unser Bob….

Oh mein Gott – Die Krone der Schöpfung – Ein Vogel, der nicht fliegt…

Sechs Tage lang dauerte die spektakuläre Schöpfungsgeschichte und seitdem lebt Bob mitten unter uns, lümmelt sich meist gelangweilt auf seinem Sofa, hat das Interesse an seinem Job weitgehend verloren und träumt unaufhörlich von Sex! Einziges Problem dabei: Jedesmal, wenn Bob eine Affaire mit einem jener begehrenswerten weiblichen Geschöpfe hat, dreht das Wetter auf der Erde absolut durch. Erdbeben, Taifune, Schneestürme im Sommer und Temperaturstürze sind weltweite Begleiterscheinungen seiner Gier.

„Mr. B.“ versucht alles in seiner Macht stehende zu unternehmen, um das Chaos auf der Erde im Griff zu behalten. Gebete und Wünsche landen auf seinem Tisch und hinter dem Rücken von Bob regelt er, was er zu regeln vermag. Nur das mit der Liebe bekommt auch er nicht in den Griff und ihm schwant großes Unheil, als Bob sich unsterblich (wie auch sonst) in die hübsche Lucy verliebt.

Göttlich unser Bob, wenn er sich an seine bisherigen Liebschaften erinnert. Göttlich, welchen Aufwand er jeweils betreiben musste, um an die Mädels heranzukommen. Da waren zum Beispiel jene Maria, der er mit riesigen Flügeln erscheinen musste und die kleine Jeanne d`Arc, bei der er zwar auch erfolgreich landete, die aber vielleicht zu sehr Feuer und Flamme für ihn war..

Und nun LUCY… und zum ersten Mal der Wunsch Bobs, auf ewig mit einer Sterblichen zusammen zu leben. Eine wundervolle Liebesgeschichte nimmt ihren verhängnisvollen Verlauf und der Welt steht unvorstellbares bevor:

SEXWETTER – aufgekratztes, verwirrtes Erregungswetter!

Oh mein Gott – Vorsicht, wenn Bob sich verliebt, dreht das Wetter durch…

Ein grandioser Roman voller unvergesslicher Knalleffekte. Es hat keinen Sinn, anschließend die Lachfalten zu zählen, die das Lesen hinterlassen hat – es sind zu viele. Ein Roman über die reinen Zufälle auf Erden und die Kuriosität jedes einzelnen Geschöpfs.

Ein Roman voller Tiefgang und hintergründigem Zweifel. Ein Roman über die ewige Liebe, Religion und Gauben, sowie die Unergründlichkeit unserer Existenz. Aber auch ein Roman mit leichten Schwächen, wenn zum Beispiel ein Handlungsfaden auftaucht, der oftmals ein wenig störend wirkt. Aber nur ein wenig! Ich habe mich köstlich amüsiert und lange über dieses großartige Buch nachgedacht.

Und doch bleibt am Ende des Lesens eine wichtige Frage offen: Wie viel Wortwitz der englischen Originalausgabe ist der deutschen Übersetzung zum Opfer gefallen? Welche Wortspiele hat unsere Sprache einfach nicht zugelassen, obwohl die Übersetzerin sicherlich eine meisterliche Arbeit geleistet hat?

Allein der Originaltitel: „There is no Dog“ lässt vermuten, dass in der Buchstabenverwirrung zwischen GOD und DOG so manches Missverständnis in der Originalausgabe stattgefunden hat, für das in der deutschen Ausgabe kein Platz war. Für den deutschen Leser ergibt der Originaltitel keinen Sinn, aber er lässt vermuten, dass hier etwas auf der Strecke geblieben ist, das es sogar wert war, den ganzen Roman danach zu benennen.

Neugierig geworden? Oh mein Gott – einfach herein mit euch!

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