„Legend – Fallender Himmel“ von Marie Lu

"LEGEND" von Marie Lu - Dystopische Utopie mit magischen Momenten

„LEGEND“ von Marie Lu – Dystopische Utopie mit magischen Momenten

Wieder einmal. Das war unser erstes Gefühl, als wir uns dazu entschlossen, den Jugendroman Legend – Fallender Himmel von Marie Lu gemeinsam zu lesen. Wieder einmal eine Trilogie, wieder einmal eine düstere Dystopie und wohl wieder einmal eine dramatische Liebesgeschichte in einer eigens dafür geschaffenen Szenerie.

Wie oft haben wir uns frohen Mutes auf die mehrteiligen Lesewege begeben, die uns genau an die Schwelle einer solchen Geschichte brachten und wie oft haben wir dann im Laufe der Fortsetzungen festgestellt, dass der jeweils außergewöhnlichen Grundidee sehr oft auch grundlegende Schwächen folgten.

Die Tribute von Panem hatten am Ende jede nachvollziehbare emotionale Plausibilität verloren, Auswahl und Flucht konfrontierten den Leser bereits im zweiten Teil mit einer schwer nachvollziehbaren Trennung der Protagonisten (wohl um das Buch auf drei Teile zu strecken) und bei Bestimmung hegten wir bereits im ersten Teil grundsätzliche Zweifel an der Nachvollziehbarkeit der Entscheidungen der handelnden Personen.

Gelesen haben wir sie alle – teilweise begeistert, manchmal ein wenig enttäuscht und immer hoffnungsvoll, dass die Konstruktion der jeweiligen Trilogie durch alle Bände tragen möge.  Mit diesen Erfahrungen und Hoffnungen öffneten wir die wertvolle Vorschau-Box des Loewe Verlages, staunten nicht schlecht über die wertvolle Aufmachung von „Legend“ und das beigefügte stylische Notizbuch.

Wir sollten es wirklich benötigen… es hat uns wertvolle Dienste erwiesen.

Begeben wir uns in das Amerika der Zukunft und betrachten den Handlungsrahmen von „Legend“. Das Land ist überbevölkert und knapp. Naturkatastrophen haben für eine Konzentration der Menschen auf wenige, nicht überflutete Regionen der Republik gesorgt. Wahrzeichen von einst sind die Relikte von heute. Die Regierung sorgt mit systematisch angelegten Plänen für die Überlebensfähigkeit seiner Bürger und steht dabei im kriegerischen Konflikt mit Bewohnern der Kolonien und Rebellen aus dem Inneren.

Man hat sich diesen Plänen zu fügen – man hat seine Rolle zu spielen und sich einzugliedern, unterzuordnen, ansonsten steht man auf der falschen Seite. Alle Jugendlichen werden einem komplizierten Auswahltest unterzogen und entsprechend ihrem jeweiligen Resultat den zukünftigen Tätigkeiten für das Land und die Gesellschaft zugeordnet.

Je besser das Ergebnis ausfällt, desto angesehener ist die Rolle, die man zukünftig einzunehmen hat. Und Versagern versagt die Regierung so ziemlich alles. Sie sind wertlos im Kampf gegen innere und äußere Feinde – wertlos für die Gemeinschaft und wohl auch nicht überlebensfähig angesichts der drohenden Seuchen, die das Land immer wieder heimsuchen.

Genau hier lernen wir unsere zukünftigen Wegbegleiter kennen. In einer Gesellschaft, deren Regierung mit den üblichen Machtinstrumenten (Information, Gesundheit und Schutz der Gemeinschaft) agiert und in der das Individuum sehr schnell in den Fokus geraten kann… Day und June stehen im Fokus – jeder auf eine besondere Weise!

Die 15jährige June – gehorsame Tochter einer Elitefamilie – lebt einem der wohlhabendsten Distrikte der Republik, sieht ihre Zukunft im leidenschaftlichen Dienst für ihr Land und gilt als absolutes Wunderkind. Nur sie hat es bisher geschafft, den „großen Test“ mit der maximalen Punktzahl zu bestehen – und dies mit Leichtigkeit. June steht eine große Karriere im Militär bevor und sie befindet sich zu Beginn der Geschichte auf einer der besten Universitäten – dem eigentlichen Zeitplan um vier Jahre voraus.

„Ich bin schlau. Ich habe das, was die Republik als gute Gene bezeichnet – und je besser die Gene, desto besser die Soldaten…“

Der 15jährige Day hingegen scheint in einer anderen Welt zu leben. Aufgewachsen in den Slums des seuchengeplagten Lake Sektors gilt Day, nachdem er sang- und klanglos beim „großen Test“ versagt hat und anschließend untertauchte, als der Staatsfeind Nummer 1. Terroristische Anschläge, Körperverletzung, Brandstiftung und Behinderung militärischer Einsätze werden ihm zur Last gelegt und sein Fahndungsvideo wird pausenlos und landesweit ausgestrahlt.

„Die Republik hat keine Ahnung, wie ich aussehe… Darum hassen sie mich so, darum bin vielleicht nicht der gefährlichste Verbrecher des Landes, aber der meistgesuchte. Denn ich lasse sie ziemlich alt aussehen!“

Eigentlich hätten sich die Wege von June und Day niemals gekreuzt. Aber dann überschlagen sich die Ereignisse. Junes Bruder wird bei einem Polizeieinsatz ermordet und der landesweit gesuchte Hauptverdächtige heißt Day! Den gefährlichsten Verbrecher des Landes kann nur das allseits anerkannte Wunderkind zur Strecke bringen und so wird June persönlich auf den Staatsfeind Nummer 1 angesetzt.

Die Jagd beginnt!

Doch schon die erste Begegnung zwischen Jägerin und Gejagtem wirft Fragen auf, die das ganze Potential der Geschichte offenbaren. Wie kann ein Junge, der den Test nicht besteht so intelligent und stark sein, ein ganzes Land in Atem zu halten? Sind seine Motive wirklich so bösartig, wie von allen Medien behauptet wird? Wenn all dies eine Lüge ist, wozu ist die Regierung insgesamt bereit, um an der Macht zu bleiben? Und wenn Day unschuldig ist, wer hat dann Junes Bruder ermordet?

Der einmal ins Wasser geworfene Stein des Zweifels beginnt konzentrische Kreise zu ziehen und kleine Details erlangen große Bedeutung. Days Amulett – ein Geschenk seines Vaters – verbirgt in seinem Inneren eine Münze, die mehr ist als eine bloße Erinnerung. Und June erhält eine Nachricht von ihrem toten Bruder – eine zu seinen Lebzeiten erstellte Internetseite, die ihre dunkelsten Ahnungen bestätigt. Es geht um die verheerenden Seuchen und ihre Ursachen…

„Legend“ beginnt im Stile eines großen Pageturners genau an dieser Stelle seinem Untertitel „Fallender Himmel“ eine eigene Dimension zu verleihen. Nichts ist, wie es scheint und weder June noch Day sind gewillt, sich in die Rolle von Spielbällen der Regierung zu fügen. Die Kulissen geben Zug um Zug ihre Geheimnisse preis und mit dem fallenden Himmel erwacht zwischen June und Day mehr als das Gefühl, nur gemeinsam etwas ändern zu können.

Es erwacht DAS Gefühl zwischen ihnen, das sie fortan verbindet…

Eine Legende auf Literatwo… Ganz pur und ohne Schnörkel

So fällt unser gemeinsames Fazit mehr als euphorisch aus! Was für ein Auftakt für eine dystopische Trilogie. Keine Probleme mit situativer oder persönlicher Plausibilität, keine Zweifel an der Motivation der Protagonisten und soviel Potential für die Fortsetzungen, auf die man nun wirklich gespannt sein muss. Marie Lu lässt ihren Lesern kaum eine Atempause, sie erreicht wahrhaftig ein breit gestreutes All-Age-Publikum und vermag es durch die brillante Charakterzeichnung eine große Portion Indentifizierungspotential mit June und Day zu schaffen.

Im Vergleich zu unseren bisherigen dystopischen Trilogien wohl der verheißungsvollste Startband. Wir werden June und Day auf der Spur bleiben, wissen schon jetzt, welche Probleme in der Fortsetzung auf beide warten und ahnen ein wenig, dass uns die Schriftstellerin zwar manchmal auf die falsche Fährte locken wird – aber an der literarischen Nase führt sie uns nicht herum. Das ist die Form von Vertrauen, die ein Leser gerade bei mehrteiligen Romanen zum Schriftsteller aufbauen muss.

Wir vertrauen! Legendär…

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