„Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden“

Nathan Englander – Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden…

Auch der vergangene Monat stand wieder im Zeichen des Lesens und Schreibens „Gegen das Vergessen“. Mit tiefen Artikeln zu Der Himmel über Jerusalem und Lienekes Hefte habe ich mir erneut ins Gedächtnis gerufen, welch tiefe Wunden der Holocaust für die Opfer und die nachfolgenden Generationen hinterlassen hat.

Nathan Englanders Erzählsammlung „Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden“ hat bereits auf der diesjährigen Buchmesse in Leipzig seine Fühler nach mir ausgestreckt und Interesse geweckt.

Natürlich macht der Titel neugierieg – natürlich ist es hochinteressant zu lesen, was ein etwas über 40jähriger moderner jüdischer Autor schreibt, wenn er im Brückenschlag von Historik zur Moderne Kurzgeschichten verfasst, in deren Mittelpunkt das jüdische Leben in all seiner religiösen und kulturellen Komplexität steht.

Natürlich ist es spannend, dieses Buch auf sich wirken zu lassen, von dem namhafte Schriftsteller und Kritiker behaupten, es sei eine einzigartige und tief beeindruckende Verbindung feinsinniger Komik und erschütternder Tragik (Jonathan Frantzen).

Und natürlich ist es mehr als genial, ein Buch zu öffnen, dessen Umschlag den Leser eindringlich zum Anhalten ermahnt. Ich bin der Empfehlung des Verlages gefolgt, habe Tempo aus dem Alltag genommen, bin stehen geblieben und habe dann, an einem sehr ruhigen Tag meine Leseampel auf „grün“ geschaltet. Ich liebe dieses Cover, da es sich zum Synonym konzentrierten Lesens erhebt ohne dabei mit erhobenem Zeigefinger zu mahnen. Schon der erste Schritt ins Lesen zeigte mir, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich fühlte mich willkommen.

Der richtige Weg zu Nathan Englander… Wir fühlten uns willkommen

Was wir lesen, wenn wir über Anne Frank lesen wurde uns schon zu Schulzeiten in die Wiege gelegt. Der Name allein löst Assoziationen aus und setzt Gefühle frei, die auch in unserer Zeit ihre Wirkung nicht verfehlen. Diesen Namen über das gesamte Buch zu stellen macht Sinn, denn jede einzelne Geschichte Englanders ist getragen von den Verletzungen, Hoffnungen, Träumen, Erlebnissen, Sehnsüchten und Perspektiven einer Generation der Shoa-Überlebenden und ihrer Nachfahren.

Und genau hier beginnt die große Überraschung in den Erzählungen des Autors. Eine berührende Komik, tiefe Innenansichten und überraschende Selbstbetrachtungen verdrängen hier das in der Literatur oftmals allzu übermächtige Opferschema solcher Erzählungen.

Wir lernen jüdische Menschen kennen, die das Anne-Frank-Spiel“ spielen, in dem es darum geht, sich mit der folgenden Frage auseinanderzusetzen: „Wenn wir heute an der Schwelle eines erneuten Holocausts stünden, welcher unserer Freunde würde uns für die nächsten Jahre unter Einsatz seines eigenen Lebens bei sich zuhause verstecken und versorgen?“ Die Antworten werden zum persönlichen Debakel.

Wir lernen Überlebende des Holocaust kennen, die sich in der heutigen Zeit in der Sauna begegnen und deren eintätowierte Häftlingsnummern sich nur um drei Ziffern voneinander unterscheiden. Sie müssen damals im KZ fast unmittelbar nebeneinander gestanden haben – unglaublich… Die Erkenntnis aus diesem Zufall ist allerdings noch unglaublicher, als man es sich nur vorzustellen vermag.

Darüber reden wir, wenn wir Nathan Englander lesen!

Wir lernen Menschen kennen, die sich von ihrem jüdischen Glauben losgesagt haben und in einem emotionalen Befreiungsschlag zum ersten Mal eine Peep-Show betreten. Als sich die Klappe öffnet, erscheint jedoch keinesfalls das heiß ersehnte Lustobjekt, sondern die tiefe Erkenntnis des Lebens.

Wir erfahren einen dramatischen Wechsel amüsanter Passagen gepaart mit den tiefen Wurzeln eines Lebens im jüdischen Glauben. Wir lernen nebenbei viel über die inneren Ansichten zur israelischen Siedlungspolitik und die Zweifel moderner Juden, was sie der komplexen Lebensgeschichte ihrer Familien eigentlich noch hinzufügen können.

Wir lernen auch einen Autor kennen, der nach jahrelangem Schreiben während einer Lesereise immer nur einem einzigen Zuhörer begegnet – einem einzigen Leser, der auch noch den Anspruch erhebt, die Veranstaltung möge doch bitte stattfinden, da die wichtigsten beiden Menschen anwesend seien. Autor und Leser. Momente unglaublicher Komik – Momente unglaublicher Melancholie – Momente großer Tragik.

Nathan Englander – Magische Verbindungen zwischen den Geschichten…

Keine einzelne Erzählung kann man für sich isoliert betrachten – sie sind in ihren inneren Kernen miteinander verwoben. Ich sehe sie in einem dichten Spinnennetz der geschichtlichen, religiösen und menschlichen Entwicklung. Wenn man den Faden einer Erzählung berührt, schwingt dieser gesamte Erzählband harmonisch, wagemutig und provokant mit und hält seinen Leser gefangen.

Nathan Englander gelingt das absolut Unfassbare in der Kombination traditioneller Erzählkunst mit modernen Techniken. Er überwindet viele Schranken und reduziert Berührungsängste mit Gedanken, die häufig nur in Demut gedacht werden dürfen. „Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden“ ist ein mutiges und wichtiges Buch.

Nathan Englander und Literatwo – Ein Interview auf das wir uns freuen…

Ich werde Nathan Englander am 12.09.2012 zu einem exklusiven Interview vor seiner Lesung in München treffen. Ich habe viele Fragen und viele Bilder im Kopf, von denen ich ihm erzählen werde. Ich möchte von ihm wissen, wie es ist vor Shakespeare and Company zu lesen, einem meiner Traumorte auf dieser Welt. Ich möchte in Erfahrung bringen, wie sein religiös geprägtes Umfeld auf die Geschichten reagiert hat und ich werde ihn fragen, ob die Verbindungslinien zwischen den Geschichten von ihm genau so angelegt wurden, wie ich sie empfunden habe.

Der Weg zum Interview führt über diese Worte: Nathan Englander

Mit einem Klick zum Interview mit Nathan Englander

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