Worüber wir reden, wenn wir mit Nathan Englander reden…

In besonderes Treffen im Amerikahaus München

Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden ist ein mutiges und wichtiges Buch. Keine einzelne Erzählung kann man für sich isoliert betrachten – sie sind in ihren inneren Kernen miteinander verwoben. Wir sehen das Buch in einem Spinnennetz der geschichtlichen, religiösen und menschlichen Entwicklung. Nathan Englander gelingt das Unfassbare in der Kombination traditioneller Erzählkunst mit modernen Techniken. Er überwindet Schranken und reduziert Berührungsängste mit Gedanken, die häufig nur in Demut gedacht werden dürfen.

So lautete unser Fazit im Artikel zum Erzählband und wir freuten uns schon sehr darauf, den in New York lebenden Schriftsteller vor seiner Lesung im Amerikahaus München zu einem exklusiven Interview zu treffen. Gemeinsam mit Peter Helbig, unserem Teamfotografen (PATH), und Lovelybooks-Ikone „Asita“ richteten wir im Foyer eine kleine Pressezone ein und trafen auf einen mehr als sympathischen und auskunftsfreudigen Nathan Englander.

Nathan Englander – Das größtmögliche Glücksgefühl…

Nathan Englander, würden sie uns bitte ihre aktuelle Gefühlslage beschreiben. Sie stellen gerade ihr Buch im Rahmen einer Lesereise in Paris, Wien und München vor, treffen dabei auf begeisterte Leser und haben die Möglichkeit zum unmittelbaren Gedankenaustausch zu ihrem Werk. Ist dies nicht der größtmögliche Glückszustand für einen Schriftsteller?

Ich bin aufrichtig dankbar für die Möglichkeiten, die sich mir im Moment bieten. Ich wollte immer das Leben eines Schriftstellers führen. Ich wollte immer scheiben und erzählen. Und selbst an Tagen, an denen ich morgens völlig übermüdet aufstehen muss um alle Termine zu bewältigen mache ich es mir bewusst, welch großes Glück es ist, schreiben zu dürfen und zu können. (Aber ich gebe zu, dass dies manchmal nicht der allererste Gedanke ist… lacht)

„Der Leser“ heißt eine der Geschichten in meinem Buch und sie handelt von einem Schriftsteller, der bei Lesungen nur auf einen einzelnen Zuhörer trifft. Die Idee hinter dieser Geschichte trifft den Kern eigentlich sehr genau. Ich möchte Geschichten erzählen und wenn es mir dabei gelingt, auch nur mit einem einzigen Menschen zu interagieren, der sich dafür interessiert, dann habe ich schon ein Ziel erreicht.

Die Magie der Übersetzung in verschiedene Sprachen ermöglicht es mir, mich mit Lesern aus vielen Ländern auszutauschen und ich empfinde hierfür einfach nur tiefe Dankbarkeit. Ich lerne unglaublich viel bei diesen Kontakten. Inspirationen und Erkenntnisse, die ich auf dieser Reise gewonnen habe, werden sicherlich in mein künftiges Schreiben einfließen.

Aus Interviews und Gesprächen kann ich sehr gute Rückschlüsse ziehen, wie meine Geschichten bei Lesern ankommen, wie sie funktionieren und das hilft mir enorm, weil ich durch diesen Kontakt viel über meine eigene Arbeit erfahre.

Nathan Englander – Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden

Verspüren sie nicht manchmal die Angst, bei einer ihrer Lesungen nur auf einen einzigen Zuhörer zu treffen, womit ihre Erzählung “Der Leser“ zur gelebten Realität würde?

Man kann selbst nicht beeinflussen, wer sich auf den Weg macht, um eine Lesung zu besuchen. Es gibt keine Garantie was den Schriftsteller erwartet, bis man die Tür zum Auditorium öffnet und dann muss man einfach dankbar für jeden einzelnen Gast sein. Den Einen Leser oder Zuhörer zu finden, bei dem eine Geschichte ankommt ist schon ein erstrebenswertes Ziel. Und manchmal kann man nicht einmal dies garantieren, wenn man in einem ausverkauften Stadion liest.

Diese Erzählung ist mein persönlicher Ansporn. Sie ist wie ein Totem für mich und bereitet mir keine Angst sondern motiviert mich viel eher. Ich glaube an meine Geschichten, ich glaube an meine Bücher. Wenn es dem Werk bestimmt ist zu leben, dann wird es auch leben.

Nathan Englander – Diese Geschichte ist mein Totem…

Ihre Geschichten basieren auf ihrem jüdischen Glauben und handeln von tiefen religiösen Zweifeln, Hoffnungen, Irrungen und überlieferten Traditionen. Trotzdem habe ich niemals das Gefühl gehabt, ein religiöses Buch zu lesen. Wie ist ihnen dieser Spagat gelungen?

Ich bin mehr als froh darüber, dass sie dies so sehen, weil ich meine Erzählungen genau so verstanden wissen möchte. Das ist für einige Leser aus meinem religiösen Umfeld vielleicht manchmal schwer nachzuvollziehen, da ich zwar über jüdische Charaktere in jüdischer Umgebung mit jüdischen Anliegen schreibe, mich selbst aber nicht als jüdischen Schriftsteller verstehe.

Auf dieser Lesereise habe ich deutlich erfahren, dass oft von mir erwartet wird, ich hätte als Autor die jüdische Kultur zu repräsentieren. Dem kann ich in meinen Kurzgeschichten nicht entsprechen. Die Basis meiner Stories ist so jüdisch, wie sie bei Charles Dickens britisch war. Wir schreiben über außergewöhnliche Lebensumstände und die so erzeugten Bilder können auf viele vergleichbare „Umgebungen“ übertragen werden.

Eine funktionierende Geschichte muss diesen universellen Aspekt erfüllen, ansonsten funktioniert sie eben nicht!

Ich hatte beim Lesen konstant den Eindruck, dass ihre Geschichten miteinander verbunden sind. Ich beschrieb dies im Artikel als Spinnennetz. Wenn man den Faden einer Erzählung berührt, schwingt der gesamte Erzählband harmonisch, wagemutig und provokant und hält seinen Leser gefangen. War dies ihre Absicht bei der Zusammenstellung der Sammlung?

Es ist herrlich mit ihnen zu reden. Die Verbindung zwischen den einzelnen Geschichten basiert nicht auf einer gezielten Absicht. Es ist viel mehr mein Glaube daran, dass eine solche Sammlung nicht einfach nur ein zufällig geschnürtes Bündel zusammenhangloser Geschichten sein darf, wenn sie den Leser berühren soll.

Das ist wie bei den Kapiteln eines Buches. Die Geschichten sollen ineinander greifen und zueinander führen. Ja – es gibt dieses gemeinsame Dach über meinen Stories und ich bin sehr dankbar, wenn dies so erkannt wird. „Peep Show“ schrieb ich vor mehr als 12 Jahren und nachdem ich „Der Leser“ beendet hatte kam der „Aha-Effekt“, dass beide Geschichten in dieses Buch gehören.

Die Vision vom Ganzen ist essenziell. Wir leben auf der Erde und sind Teil des Universums. Dieses Buch sollte ein komplettes Universum sein!

Nathan Englander – Die Vision vom Ganzen

Bevor nun die Lesung beginnt, eine letzte Frage, die wir immer zum Ende eines solchen Gespräches stellen. Welche Antwort würden sie gerne einmal in einem solchen Interview geben? Einziges Problem: Niemand hat ihnen bisher die passende Frage gestellt….

Exzellent… (lacht)… Ich liebe meinen Hund und vermisse ihn gerade sehr. Ich würde mich einfach sehr über eine Hunde-Frage freuen, da ich endlos über ihn erzählen könnte 😉

Wenn wir jetzt nicht beide zur Lesung müssten, dann könnten wir uns wirklich endlos über unsere Hunde austauschen. Nathan Englander, Literatwo bedankt sich für ein grandioses Buch und für dieses aufschlussreiche Gespräch.

Die Lesung – Knut Cordsen (li.) moderiert – Nathan Englander liest…

Die anschließende Lesung selbst findet im gediegenen Ambiente des Amerikahauses München vor voll besetztem Auditorium statt. „Der Leser“ hat sich wieder einmal nicht bewahrheitet. Souverän und gekonnt moderiert Knut Cordsen vom Bayerischen Rundfunk die Veranstaltung und liest die deutschen Passagen der Erzählungen von Nathan Englander.

Cordsen und Englander – ein wunderbar harmonierendes Team sowohl lesend, als auch im Dialog über die Hintergründe zu den Stories und ihrer Entstehungsgeschichte. Gebannt lauschende, betroffene, herzhaft lachende und berührte Zuhörer verfolgen die Lesung und danken mit aufrichtigem Applaus. Ein wahrlich inhaltsreicher und unterhaltsamer Abend, über dem der Name Anne Frank wie ein Mantra stand – ohne erhobenen Zeigefinger, fern ab jeden Opferschemas und genau deshalb so unvergessen.

Nathan Englander ließ es sich nicht nehmen ein Exemplar seines Buches für einen Leser von Literatwo zu signieren. Viele Grüße konnten wir ihm ausrichten und viele gute Gedanken zu seinem Werk übermitteln. Ich denke, er war überrascht von der großen Resonanz auf Literatwo. Seine persönliche Entscheidung, das Buch „Schmetterlings Literatrurreise“ zu widmen lässt sich allein schon dadurch begründen, dass er zuvor noch nie ein Buch für „Butterfly“ signiert hatte.

For Butterfly – With thanks for your support – All my best – Nathan Englander

PS: Alle Fotos zum Interview made by PATH (Peter Helbig)…

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