Eins wollt ich Dir noch sagen…

Eins wollt ich Dir noch sagen… Briefe die zwei Leben retten..

Diese Felder sind uns literarisch leider sehr vertraut. Grau, trist, schlammig und nebelverhangen – zerfurcht, umgepflügt und von Gräben durchzogen – mit Stacheldraht gesäumt und Meter um Meter hart umkämpft. Die Schicksale einzelner gehen auf im Schicksal der Masse. Zermürbung – Vernichtung – Abnutzung.

Es sind Schlachtfelder und sie werden ihrem grausamen Ruf in der Realität des Ersten Weltkrieges mehr als gerecht. Es wird geschlachtet – es wird abgeschlachtet. Die jungen Generationen dieser Erde entrichten einen bitteren Blutzoll auf dem Richtblock der Geschichte.

Eins wollt ich Dir noch sagen – wie ein Nachruf wirkt der Titel dieses Romans von Louisa Young – wie ein nie erhörter Sehnsuchtshauch aus der Heimat und damit auch aus längst vergangener Zeit.

Eins wollt ich Dir noch sagen – Keine Zeit für Heldentum

Der Krieg beginnt nicht inmitten des Romans. Bereits der raucherfüllte und ohrenbetäubende Prolog entführt den Leser in eine hart umkämpfte Juninacht des Jahres 1917. Der Schlachtenlärm aus Frankreich wird von den Daheimgebliebenen in England als leiser Donner vernommen und das Ferne ist plötzlich so nah. Die Geliebten, Freunde, Väter und Söhne sind jedoch weiter entfernt, als jemals zuvor.

Die Geschichte in der Geschichte ist eigentlich schnell erzählt und doch strahlt sie über allem. Nadine und Riley lernen sich bereits als Kinder kennen, verlieren sich niemals aus den Augen und doch trennen sie im von Standesunterschieden geprägten England mehrere Welten. Nadine stammt aus gutem Hause – aus zu gutem Hause für Riley und damit ist sie mehr als unerreichbar für ihn. Ein Phantombild der Liebe. Nicht greifbar.

Eine Barriere, die sich auch nicht löst, als Riley mit Glück und Verstand Schritt für Schritt zu einem ansehnlichen jungen Mann der Mittelschicht reift. Doch für Nadine wird dies niemals reichen. Zu groß ist und bleibt der Unterschied zwischen ihnen… denkt zumindest Riley.

Eins wollt ich Dir noch sagen – Eine Flucht in den Krieg…

Nadines Zuneigung zu Riley spricht eine andere Sprache. Eine geheime, kaum hörbare, aber sie spricht in eigenen Worten. Ihre Eltern und der Krieg sabotieren ihre Gefühle und letztlich folgt, was unausweichlich scheint. Riley folgt seiner Pflicht fürs Vaterland, vor unerfüllter Liebe fliehend und mit schlechtem Gewissen gegenüber den schon kämpfenden Soldaten angetrieben.

In Frankreich wird er von der alles zermalmenden Walze des Krieges schneller eingeholt, als er begreifen kann und aus Riley droht eine funktionierende Tötungsmaschine ohne Zukunft zu werden. Wären da nicht die Briefe von Nadine, die selbst in der dunkelsten Kriegsnacht einen Funken Hoffnung erzeugen können.

Der Briefwechsel zwischen Nadine und Riley bewahrt beide davor, sich selbst zu verlieren. Bis an einem ganz normalen Tag in Frankreich die Katastrophe geschieht. Riley wird schwer verwundet – nichts erinnert mehr an sein früheres Ich. Von seinem Gesicht bleiben nur die einst strahlenden Augen… der Rest… grausam verstümmelt.

RILEY:

„Morgen kehren wir zur Kampflinie zurück. Ich werde wieder abtauchen und Dir nicht mehr schreiben. Bete darum, dass ich wieder auftauche, und sei da, meine Liebste, um mich am Ende herauszuziehen, wenn ich es denn schaffe.“

NADINE:

„Wenn es erlaubt wäre, wütend auf einen tapferen jungen Mann zu sein, der an der Front sein Letztes gibt, dann, Riley, bin ich wütend auf Dich. Stinkwütend. Wütende Grüße, Deine Nadine.“

Kann ein Mann sein Gesicht verlieren und doch geliebt werden?

In einem von Opferbereitschaft geprägten Leben geht Riley den selbstlosen nächsten Schritt und befreit Nadine in einem letzten Brief von dem Monster, das er zu sein scheint. Er verletzt sie so sehr, dass ihr keine Wahl bleibt, als Vergessen zu suchen. Diese Zeilen gehen unter die Haut und hinterlassen tiefe Spuren!

Nadine flieht auf die Schlachtfelder in Frankreich – als freiwillige Krankenschwester…. mit einem einzigen Ziel:

„Ich bin das Mädchen, das jeden Soldaten so versorgt, als wäre er ein ganz bestimmter Soldat…“

Nadine und Riley werden auf ihren Wegen von Kameraden, Freunden und Zufallsbekanntschaften begleitet. Doch zufällig sind diese Menschen nicht an ihrer Seite. Sie sind Wegweiser in den dunkelsten Stunden und Hoffnungsträger für zwei Menschen, die durch mehrere Abgründe voneinander getrennt sind.

Und eine gemeinsame Bekannte bewirkt ein wahres Wunder…

Louisa Young gelingt in der scharfen Kontrastierung zwischen Krieg und blühender Poesie ein mehr als außergewöhnlicher Roman ohne jegliches Pathos, ohne Kitsch und ohne gekünstelte Romantik. Ihr gelingt es, die einzigartige Größe der Liebe zu beschreiben, die sich auch in Zeiten des Krieges vom Schicksal nicht besiegen lassen möchte. Ihre Worte strahlen großes Gefühl aus, vermitteln den zerstörerischen Schrecken des Krieges und beleuchten das weite Feld der Anfänge der plastischen Chirurgie äußerst fundiert und in harten ungeschönten Beschreibungen.

Gute Bekannte… Zwei große Romane, ein Krieg…

Die Flucht in den Krieg hat auch John Boyne zu Tristan Sadler inspiriert. Die Flucht vor gesellschaftlicher Ächtung, die Angst vor dem Bruch mit Konventionen und die Unaussprechlichkeit der eigenen Gefühlslage haben Tristan und Riley fast gleichzeitig nach Frankreich geführt. Zwei Geschichten, die einander doch die Hand reichen.

„Eins wollt ich Dir noch sagen…“ – Ein großer Liebesroman, ein bestürzender Kriegsroman und vor allem eines… ganz groß erzählt! Man kann im Krieg im wahrsten Sinne des Wortes sein Gesicht verlieren und sich doch treu bleiben. Dieses Gleichnis überdauert…

Wenn diese Geschichte längst vergangen ist, wenn alle Worte jemals verblassen sollten, eines bleibt für immer in meinem Herzen. Die eine und einzige gemeinsame Nacht während eines kurzen Fronturlaubs. Eine kurze Atempause vom Krieg. Worte, die mich nicht mehr loslassen – Worte die mich niemals loslassen werden:

„Ihr kleines Geschenk bestand aus zwei Körpern und einem Bett, mehr gab es nicht in Zeit und Raum: sie beide, hier, in dem kleinen Zimmer, verlegen, lachend, warm, tastend, hingebend, überwältigt, beunruhigt, staunend, erschauernd, ermattend, schlafend, wach, lernend, liebend, erlöst. Glücklich.“

Hinter jedem historischen Roman steckt eine wahre Geschichte….

Wenn eine Autorin für ein Buch recherchiert stößt sie manchmal auf unfassbare Übereinstimmungen zu ihrer beabsichtigten Geschichte. So schreibt Louisa Young im Nachwort zu ihrem Roman folgenden sehr beeindruckenden Satz:

„Insbesondere denke ich oft an Corporal Riley, Fall 139 in Major Gillies` Buch Plastische Gesichtschirurgie (1920)!“

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