Ein irdisches Geleit – Zuhause bei Oda Schaefer

Die Jahre verschwimmen – Ein Besuch bei Oda Schaefer… ©AS

Suche du mich!
Finde du mich!
Bis ich dir wiederkehr
so federleicht,
Ist alles still und leer,
Was mir noch gleicht.

Oda Schaefer „Die Verzauberte“

Oda Schaefer – Plötzlich so nah ©AS

Ein sonniger Nachmittag hüllt uns mit wohliger Wärme ein, während wir doch Gänsehaut verspüren, als sich die Tür zu einer längst vergangenen Welt erstmals öffnet. So viele Zeilen von ihr haben wir gelesen, so viele Gedanken in Geheimen geteilt – so viel haben wir geschrieben und doch waren wir Oda Schaefer noch nie so nah wie jetzt.

Wir wollten so viel – wir wollten unmögliches und waren doch immer skeptisch, ob es uns gelänge. Eine Vergessene ins Bewusstsein bringen, eine Verlorene wiederfinden und einer Verstummten eine Stimme verleihen. Den anfänglichen Zweifeln gesellten sich schicksalhafte Fügungen an die Seite.

Wir fanden Menschen, die wussten, wo ihr Grab zu finden ist. Wir fanden Menschen, die sie kannten und ihr viel zu verdanken haben. Wir fanden Menschen, die gerade eine Magisterarbeit über sie schreiben und letztlich fanden wir den Erben und Nachlassverwalter von Oda Schaefer.

Als hätte sie noch eben hier geschrieben… Zeit verflüchtigt sich… ©AS

Und ebenjener Bewahrer Odas irdischer Schätze lässt uns ein und gibt uns Zeit… Zeit zu atmen, zu staunen und die Eindrücke wirken zu lassen, die auf uns einströmen. Unsere Artikel hat er gelesen und er weiß, was dieser Moment bedeutet. Ich muss mich setzen und fühlen. Die Zeit verschwimmt zu einer nicht mehr spürbaren Dimension und ich sitze an einem Schreibtisch, der so wirkt, als hätte Oda vor wenigen Minuten noch an ihren Werken geschrieben.

Manuskriptseiten, Briefe und Notizen, Fotografien und Bücher liegen zum Greifen nah und ich kann nicht anders. Ich muss die Zeilen berühren und ihren zeitlosen Geist ertasten. Oda so nah. So nah wie nie zuvor. Der Nachlass, den wir in dieser schwabinger Wohnung finden ist ein wahrer Schatz – greifbar jedoch unfassbar zugleich. Und während wir staunen und berühren, erzählt uns der Enkel Odas von seinen Erinnerungen an die Frau, deren leiblicher Enkel er nie war.

Seinen Vater hatte sie als ihren Sohn betrachtet – und ihn als ihren Enkel, den sie niemals haben sollte, da ihr eigen Fleisch und Blut im Krieg verschollen war. Bande, die niemals gelöst wurden und bis zum letzten Tag in Odas Leben hielten. Und weit darüber hinaus, wie wir an den liebevoll gehegten Artefakten ihres Lebens erfühlen können.

Eine Widmung… „Meiner lieben Mutter…“ ©AS

So lassen wir uns ein auf eine Oda Schaefer, die wir so bisher nicht kannten. Wir finden eine Tochter, die ihrer Mutter in aufrichtigen und zarten Zeilen ihre Bücher widmet. Wir sehen an den Manuskriptseiten die Akribie und Leidenschaft des Schreibens, spüren die vielen Schritte bis zum fertigen Gedicht. Selbst die abgedruckten Zeilen in ihren Büchern werden von ihr markiert und kommentiert. Nie zufrieden… ruhelos und von lyrischer Perfektion getrieben.. So war sie wohl.

Wir sehen Bilder einer stolzen Frau mit magischer Anziehungskraft und erfahren noch viel mehr von ihr. Die Trostlosigkeit einer Mutter, die ihren einzigen Sohn im Krieg verlor und die unendliche Kraft, die sie benötigte um ihren traumatisierten Ehemann Horst Lange nach dem Krieg nicht alleine zu lassen. Schmerzen, Erinnerungen und eine verletzte Seele veränderten ihn so sehr, dass es manchmal kaum erträglich schien.

Doch Oda blieb. Oda war da… Immer! Und sie schrieb sich die Seele aus dem Leib!

Eine stolze Frau – Ein verlorener Sohn – Ein traumatisierter Mann – Oda ©AS

Der Verlust der Heimat – die tiefen Erinnerungen an das vergangene Landgut Poll in Estland – die tief in ihr ruhende baltische Seele und die Wirrnisse des Schicksal ließen ihre Stimme reifen und veränderten ihre Lyrik. Wenige Dinge konnte sie retten, wenig greifbares blieb aus Poll – ein paar Mokkatassen, eine aus den Flammen gerettete Ikone – nicht viel mehr.

Heute diese Gegenstände berühren zu dürfen ist mehr als ein Privileg. Wir überwinden die Zeit und haben oft das Gefühl, mit Oda selbst zu plaudern. Oh ja, ich denke, sie hätte uns so viel erzählt und wir hätten sie so gut verstanden. Und doch wird uns bewusst, dass Oda nur noch in ihren Büchern lebt. Bücher die lange Zeit nicht mehr verlegt wurden und dem Vergessen ausgeliefert waren.

Bücher, die heute langsam wieder erscheinen. Zeitlos, magisch und strahlend sich aus der Asche erheben und die Stimme der Autorin in die Welt hinaus tragen. Lyrik basiert auf Erlebtem. Lyrik reift am Schmerz, sagt man so leichthin. Oda Schaefers Lyrik hat den Schmerz eines Lebens aufgesaugt und ihn, gewürzt mit der unendlichen Kraft einer kreativen Frau, in kraftvolle Poesie verwandelt.

Gerettet vom Landgut Poll… Oda Schaefers Mokkaservice ©AS

Ihr Lebenswerk legt Zeugnis ab – ungeschönt und doch so schön.

Wir wollten so viel. Wir wollten unmögliches. Und heute stehen wir an dieser Stelle und können in aller Bescheidenheit behaupten, dass wir viel erreicht haben. Das Interesse wächst. Bücher werden mutig gedruckt und die Resonanz bei den Lesern von Literatwo ist ungebrochen. Die Aufmerksamkeit, die unserem Projekt gezollt wird, ist der Schlüssel zum Wagemut von Verlegern, die uns deutlich sagen: „Wenn nicht jetzt, wann denn dann“…

Und bald endet auch unser Schreibwettbewerb „Wörterkränze für Oda Schaefer„. Ihr habt nicht nur gelesen… Wahrlich nicht. Viele Einsendungen haben uns gezeigt, wie sehr unsere Leser in die Welt Odas eingetaucht sind und in Form von ergreifenden Gedichten helfen, die Zeitlosigkeit der Poesie zu untermauern.

Bis zum 30. September sind die Tore noch geöffnet – schreibt für Oda und werdet Teil dieses Projektes.

Oda Schaefers Lebenswerk… als wäre sie nur auf Reisen ©AS

So wie wir Oda Schaefer erfühlt haben und so wie Clara Luisa Demar sie uns als ihren Mentor geschildert hat, wissen wir, wie sehr ihr an der Förderung junger Talente gelegen war. Unsere Idee, dem Gewinner unseres Poesie – Wettbewerbs einen Platz in einem Buch zu verschaffen, hätte ihr gefallen. Davon sind wir mehr denn je überzeugt.

Ihre Bücher sprechen eine deutliche Sprache und wir sind sehr stolz darauf, am Ende dieses Weges ein neues Gedicht in die Welt tragen zu dürfen. Teil einer Lyrik-Anthologie des Piepmatz Verlages zu werden heißt für uns, zeitlos zu werden und aktiv teilzuhaben am Prozess einer großen deutschen Lyrikerin den verdienten Tribut zu zollen.

Wir hätten Oda gerne davon erzählt. Wir saßen noch lange an ihrem Tisch, auf ihrem Sessel und hielten magisch anmutende Gegenstände in Händen. Irgendwie jedoch haben wir das Gefühl, dass wir gehört werden. Die Summe der Zufälle, die unser Schreiben über Oda begleitet ist derart ungewöhnlich, dass wir eben nur noch an schicksalhafte Fügung denken können.

Aus dem brennenden Haus gerettet – mehr als nur eine Ikone ©AS

Genau diese Fügung, die uns heute an diesen Ort geführt hat und uns erstmals mit dem Menschen Oda Schaefer konfrontiert. Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie sympathisch sie uns auf Anhieb war. Warmherzig, energisch und bescheiden – so erzählt ihr Enkel, sei sie gewesen. Und dabei strahlt die Erinnerung so warm aus seinen Augen.

Die gleiche Fügung, die Ikonen aus brennenden Häusern rettet, Bücher bewahrt und Tassen von Poll nach München führt. Die Fügung, die uns einander wahrnehmen lässt und in der Erkenntnis verbindet, dass wir das Gedächtnis an eine Frau bewahren, die vom Leben oft so bitter geschlagen wurde und die doch immer wieder aufstand und ihr Leid in Kreativität zu wandeln vermochte.

Eine bibliophile Frau, deren größtes Glück nach dem Krieg es war, ein erstes Buch zu besitzen. Marcel Proust – eine wiedergefundene alte Liebe als Zeichen des Aufbruchs in ein neues Leben. Ein erstes Buch, das heute strahlend vor uns liegt und wir verstehen die Botschaft so deutlich, als würde Oda zu uns sprechen. Die Literatur hilft uns zu überleben. Damals wie heute.

Ein Neubeginn nach dem Krieg – Das erste Buch der neuen Bibliothek ©AS

Wir sind natürlich auch der Oda Schaefer in ihren letzten Jahren begegnet, sahen zum ersten Mal ein Foto von ihr, auf dem sie im Alter verschmitzt lächelnd in ihrem Wohnzimmer sitzt und fanden wertvolle Zeitdokumente vor. Das Notizbuch eines langen Lebens, in dem immer mehr Namen gestrichen waren. Die Last des Alters, wenn gute Freunde dahinscheiden und man letztlich fast alleine bleibt.

Wir fanden Zeugnisse ihres Schaffens und der Anerkennung, die ihr gezollt wurde. Die Medaille „München leuchtet“ leuchtet noch heute in ihrem Namen und die letzten Erinnerungen an ihren 1971 verstorbenen Ehemann liegen noch so, als hätte Oda sie gerade noch berührt. Eine Augenklappe, eine Erkennungsmarke und die Kreuze, die seinen Weg begleiteten. Ein großer Schriftsteller auch er – Horst Lange!

Mit dem letzten Bild dieses Artikels möchten wir euch nicht alleine lassen. Es sind Oda Schaefers letzte Worte – im Pflegeheim auf eine zerrissene Medikamentenschachtel geschrieben. Ein letzter Versuch zu dichten, bevor das Fenster sich schließt. Wir zitieren aus der uns vorliegenden Rede am Grab, die jener Mann hielt, den sie wie ihren Sohn liebte. Worte auf dem Waldfriedhof München am 8. September 1988. Worte voller Liebe und Zuneigung… Wir sind dankbar, dass wir sie an dieser Stelle exklusiv veröffentlichen dürfen!

Ein Notizbuch – München leuchtet – letzte Zeichen eines langen Lebens ©AS

Zwei Wochen vor ihrem Tod sagte sie, sie wolle sanft entschweben in die Ewigkeit, ihre Seele bleibe hier. Am Tag danach hatte sie wieder einen fast euphorischen Auftrieb, erzählte sie mir, dass sie Fontane lese, „Meine Kinderjahre“, erzählte das Gelesene und noch Anekdotisches aus ihrer Berliner Zeit, voll Humor bis zuletzt.

Aber dann ließen ihre Kräfte rasch nach, und am Ende erfüllte sich ihr Wunsch.

Oda Schaefer entschlief, entschwebte am Sonntagnachmittag zwölf Uhr, frei von Schmerzen. Ein milder Tod holte sie, der das Leben keine Milde brachte.

Erst wenn du zweifelst
kommen die Engel

heißt es in einem ihrer Verse. Ihre Seele bleibe hier, sagte sie. Ihre Seele ist gegenwärtig in ihren Gedichten.

Es ist so weit… Letzte Worte… Oda Schaefer ©AS

Immer war ich.
Immer werde ich sein.
In welcher Gestalt auch,
oder gestaltlos, Geist

Auch nach dem Tode:
Immer werde ich sein.
Immer bin ich,
Ich bin immer.

Oda Schaefer

Das Auge für Oda Schaefer- Alle Fotos made by PATH (Peter Helbig) ©AS

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