„Vier Beutel Asche“ – Auf dem Weg zum Meer mit Boris Koch

Trauer ist eine ernste Angelegenheit und verdient es, in der Literatur entsprechend seriös behandelt zu werden. Ganz besonders dann, wenn es sich um ein Jugendbuch handelt. Jugendliche Trauer unterscheidet sich mitunter deutlich vom „erwachsenen“ Umgang mit Verlusten. Selbst noch nicht im Leben angekommen, getragen vom sicheren Gefühl der Unsterblichkeit trifft es Heranwachsende umso heftiger, wenn sie miterleben müssen, wie Gleichaltrige bei einem Unfall oder in Folge einer Erkrankung ums Leben kommen.

Jugendliche Trauer hält intensiv an Ritualen und Symbolen fest. Unfallorte und Gräber werden oft über Jahre hin dauerhaft von Freunden und Weggefährten mit Leben gefüllt. Der Wiedereinstieg in die Normalität des Alltags und das Loslassen eines verlorenen Freundes fällt in diesem Alter mehr als schwer. Wenn ein Roman dieses Thema aufgreift, dann erzeugt der Autor eine entsprechende Erwartungshaltung und unterzieht sich einer ernsthaften Betrachtung.

Vier Beutel Asche“ von Boris Koch ist eines jener Werke, die sich dem sensiblen Thema in einem Jugendbuch nähern. Mit großen Hoffnungen haben wir uns auf die Geschichte gefreut, da wir sowohl Tiefgang als auch Emotionalität in diesem literarischen Road-Movie erwarteten.

Christoph ist erst 16, als er nachts mit seinem Fahrrad von einem Auto erfasst wird und noch an der Unfallstelle stirbt. Der Fahrer des Wagens wird vor Gericht von aller Schuld freigesprochen. Christophs Freunden bleibt nichts als eine Urne Asche, eine formelle Beisetzung und ein schlichter Grabstein zur Erinnerung.

Doch kann und darf ein Leben so enden? Sollte dies der richtige Platz für einen Freund sein, der sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als die Welt zu entdecken und seine Freiheit zu genießen?

Drei Monate nach der Beerdigung sind die Wunden noch tief. Der Verlust wiegt schwer und Jan besucht das Grab seines besten Freundes an dessen 17. Geburtstag. Doch er ist nicht allein. Auf dem Friedhof trifft er drei Jugendliche, deren Leben ebenfalls eng mit dem von Christoph verwoben scheinen.

Maik, der ihm ein das Fahrrad geliehen hatte, mit dem er in den Tod fuhr und den nun das schlechte Gewissen plagt. Christophs Freundin Selina, die den Verlust ihrer jungen Liebe nicht verwinden kann und Lena, ein geheimnisvolles Mädchen, das anscheinend heimlich in Christoph verliebt war.

Vier Beutel Asche – So wollte Christoph nicht enden – so bestimmt nicht…

Nicht nur die Trauer verbindet sie. Auch das Wissen um Christophs schlechtes Gefühl gegenüber Friedhöfen teilen sie in dieser Nacht. Gemeinsam beschließen sie, den letzten Wunsch des toten Freundes zu erfüllen und beginnen zu graben.

Vier Beutel Asche – das kurz gelebte Leben eines jungen Menschen auf transportfähige Portionen verteilt – werden zu ihren Wegbegleitern auf der Reise zum Meer. Frankreich heißt ihr Ziel und die Asche im Atlantik zu verstreuen ist ihre Bestimmung. Es ist keine normale Reise, auf die sie sich begeben. Improvisiert, ohne große Planung und mit kaum Geld in den Taschen beginnen sie auf Maiks Motorrad und Lenas Motorroller eine besondere „Sentimental Journey“. Der Atlantik ruft.

Es soll eine Reise des Gedenkens und der Bewältigung werden. Offene und stille Liebe, Schuld und Verbundenheit gehören zum Gepäck und sind allgegenwärtig, wie die Asche von Christoph. Es ist eine lange Reise zum Erwachsenwerden, die viele Geheimnisse ans Tageslicht bringt und mit Überraschungen nicht geizt. Letztlich ist es ein Roadtrip mit vielen Zielen – ein Weg zurück ins normale Leben.

Vier Beutel Asche – Jan sucht in blindem Aktionismus einen Schuldigen

Spürbare Hilflosigkeit, blinde Wut und tiefe Gefühle – so haben wir Jan kennengelernt. Er wuchs uns sofort ans Herz, da wir seinen Verlust mehr als gut nachvollziehen konnten. Er bleibt mit so vielen gemeinsamen Zielen zurück. Er versucht sich in Übergriffen auf den freigesprochenen Autofahrer Luft zu machen, da er dringend einen Schuldigen braucht. Typische Mechanismen – Jan ist authentisch. Mehr als das. Immer wieder ruft er sich Bilder von Christoph in Erinnerung. Er würde alles tun, alles unternehmen und alles geben. Einen solchen besten Freund wünscht man sich.

Der Zugang zu den übrigen Protagonisten gestaltete sich häufig eher schwierig. Maiks schlechtes Gewissen als Triebfeder für eine solche Reise ist aus unserer Sicht von Trauer deutlich zu unterscheiden. Er tut sich eher selbst leid und handelt nicht für einen Freund, sondern eher für sich. Selinas Trauer ist aufrichtig und tief. Ihre Beweggründe sind nachvollziehbar aber der Beginn der Reise stellte uns gerade in Bezug auf ihre Person vor ein großes Problem.

Wir konnten diesen gordischen Knoten nicht alleine lösen und haben unsere Leseexemplare an zwei Facebook-Freunde weitergegeben, um genau darüber in der Folge dieses Artikels ins Gespräch zu kommen. Trauer ist aus unserer Sicht verbunden mit der Suche nach einer exklusiven Rolle innerhalb dieses Prozesses. Wir trauern als Enkel, Sohn, Bruder, bester Freund oder Lebenspartner. Diese Einzigartigkeit der Rolle ist sinnbildlich und elementar für das Verhalten Trauernder.

Und nun stellen wir uns Selina vor. Die Freundin des Verstorbenen steht mit ihren jugendlichen 16 Jahren am Grab, betrauert den Verlust ihrer ersten großen Liebe und wird plötzlich mit einem Mädchen konfrontiert, die in dieses Rollenbild eindringt und vorgibt schon lang heimlich in Christoph verliebt gewesen zu sein.

Wir denken, dass Lena den Weg in diese Gemeinschaft der Trauernden in der Realität nicht gefunden hätte. Eifersucht und der Zweifel, ob Christoph irgendwann Anlass für diese heimliche Liebe war, hätten mehr Auswirkung auf den spontanen Entschluss gehabt, seine Asche auf vier Menschen aufzuteilen. Lena wirkte auf uns häufig wie ein nicht plausibler Fremdkörper. Darüber kann man – wir glauben, darüber muss man diskutieren.

„Vier Beutel Asche“ – ein Buch, das wir mit großen Erwartungen herbeigesehnt haben. Ein Jugendroman, der nachdenklich macht, eine Geschichte, die aber an manchen Stellen zu einer normalen Urlaubsreise wird, da nicht alle Beteiligten aus dem gleichen Grund zu Wegbegleitern Christophs werden. Wir hätten gerne Jan und Selina begleitet. Ihr Weg war nachhaltig geprägt von der Erfüllung des letzten Wunsches ihres Freundes. Maik und Lena… nun ja – uns haben sie oftmals verwirrt und an manchen Stellen des Romans dafür gesorgt, dass der Grund für die Reise verblasste.

Vier Beutel Asche – Wohin führt der Weg der Trauer?

Was denkt ihr? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr in einer solchen Situation mit jemandem konfrontiert würdet, der eine Rolle beansprucht, die die eigentlich eure sein sollte. Trauer um einen Geliebten – Trauer um eine Geliebte.

Würdet ihr mit Lena auf Reisen gehen? Und letztlich fragen wir uns damit, ob es diese im Buch beschriebene Reise unter diesen Voraussetzungen jemals plausibel gegeben hätte…

Advertisements

Die französische Kunst des Krieges – Ein Gemälde aus Blut und Liebe

Die französische Kunst des Krieges – Alexis Jenni

Ich widme der „Französischen Kunst Krieges“ von Alexis Jenni zwei umfangreiche Artikel. Geschuldet ist dies der Tatsache, dass wir mit diesem Roman eines unserer Lebensbücher aus dem Stapel der literarischen Neuerscheinungen gefischt haben und nach der sinnlichen, also der rein „sensitiven“ Annäherung nun auch der inhaltlichen und damit „kognitiven“ Komponente des Werks Rechnung tragen möchten. Hand in Hand ergeben beide Artikel unsere Begründung, warum wir Jenni für ein Genie halten!

Der Artikel „Die französische Kunst des Krieges – Lesen im Rausch der Gefühle beschreibt unseren Leseweg durch den Roman und erklärt, warum dieses Werk zum Lebensbuch von Literatwo wurde.

Dieses Bild öffnet die Tür zum Leseweg – ein Klick ist der Schlüssel

Nähern wir uns nun der rein inhaltlichen Dimension dieses Meisterwerks. Es bedarf eigentlich keiner Dystopie, um innerhalb einer eng umrissenen zeitlichen Dimension zwei Gesichter eines Landes zu zeigen. Ein offensichtlich sehr demokratisches und ein weitgehend verborgenes diktatorisches Antlitz. Unvorstellbar, dass man unter dem gleichen Präsidenten de Gaulle – je nachdem, wo man auf Vertreter seiner Exekutive stieß – die Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erfahren durfte und andererseits in den tiefsten mittelalterlichen Kerkern Algeriens verschwinden konnte. Es bedarf keiner Dystopie! Man muss nur mit wachem Auge in die Geschichte schauen und erkennen, was sie heute für uns bedeutet.

Diese grandiose Transferleistung erbringt „Die französische Kunst des Krieges“ – und dies in einer anscheinend rein politisch-militärischen Rückschau auf die bewaffneten Konflikte der „Grande Nation“ seit dem Zweiten Weltkrieg. Und dabei ist es kein französisches Buch – mitnichten! Es strahlt auf unsere Gesellschaft aus und zeigt eben wegen der erzeugten Distanz die Nähe zum Thema.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg führte Frankreich weitere Kriege, zeigte sich als Kolonialmacht und versuchte, an alte Vormachtstellungen anzuknüpfen. Frankreich führte keinen „Kalten Krieg“, sondern strebte danach, das Trauma des „Wir waren einfach nicht da zwischen 1939 und 1945“ zu überwinden und endlich zu zeigen, was die Nation noch zu leisten vermochte. Indochina und Algerien waren die Schauplätze dieser Konflikte, die ebenso asymmetrisch verliefen, wie die unkalkulierbaren Konflikte der heutigen Zeit.

Algier – Ein Schauplatz französischer Kriegskunst

Jennis Protagonist Salagnon, als junger Mann Kämpfer an all diesen Fronten, erzählt von der Brutalität und dem schieren Terror, mit dem die Armee agierte, um das Land an der Macht zu halten. Er erzählt vom Schrecken des Krieges, von Folter und unsäglichen Verhörmethoden, nennt unglaubliche Zahlen und schildert die Systematik des Mordens und Zerstörens. Frankreich eroberte, versuchte zu halten, verteidigte und scheiterte. Es scheiterte an der wachsenden Population ihrer Gegner.

Die Besatzer wurden weggeschwemmt – fortgetrieben durch die schiere Masse derjenigen, die sich von der Kolonialmacht befreien wollten. Im Gepäck hatte man all diejenigen, die zwischen den Fronten standen. Menschen, die nicht hierhin oder dorthin gehörten, für die der Weg nach Frankreich aber letztlich der am wenigsten lebensgefährliche war. Europäer die in Algier lebten; Algerien-Franzosen mit gemischter Herkunft; jene Algerier, die in Frankreich lebten und die große Anzahl der Soldaten, die wieder einmal ein Gebiet räumen mussten, das sie nicht mehr verteidigen konnten. (Ähnlichkeiten mit dem späteren amerikanischen Vietnam-Krieg zeigen nur, dass sich Geschichte durchaus wiederholen kann.)

In Algerien hatte man Kolonialmacht gespielt. Menschen wurden in Untertanen und Herrschende eingeteilt und fortan sprach man nur noch „SIE“ und „WIR“. Die moslemische Religion stellte die unsichtbare Demarkationslinie dar. Wieder einmal die Religion, wieder einmal eine Trennung in Schwarz und Weiß – wieder einmal – und dies kurz nach dem Ende des Holocaust.

Die französische Kunst des Krieges – Tödliche Kunstfehler…

Jenni vermittelt das Gefühl, wie sehr sich eine Kolonie für das Verbrechen von einst zu rächen vermag. Frankreich fühlt sich heute kolonialisiert von Algeriern im eigenen Land, man fühlt die eigene Sprache sterben und spricht wieder von „SIE“ und „WIR“. Das „WIR“ grenzt aus und vermittelt das Gefühl von Bedrohung. Innere Ordnung und Integrationspolitik stehen auf dem Prüfstand und soziale Unruhen im Land lassen sich leicht auf diesen Ursprung zurückführen. Man hat sich an einem Land versündigt und diese Last wiegt schwer. Es besteht die Gefahr, dass „SIE“ bald in der Überzahl sind – und das im „eigenen Land“ – unvorstellbar.

Dies ist kein französisches Buch. Auch unsere Sprache wird dominiert von einem „Sie“ und „WIR“. Unser „SIE“ spricht von Integration und allein der Begriff bedeutet, dass sich jemand zu integrieren hat – aber doch nicht „WIR“. Auch unsere Bevölkerung überaltert – aber „SIE“ (zumeist auch sauber getrennt durch die Grenze der Religion) überholen uns demoskopisch. Igeln wir uns ein? Führen wir nur Scheindiskussionen, um „SIE“ dann doch an der Schwelle der Gleichheit abzuschmettern und als „ANDERS“ zu bezeichnen? Dieses Buch ist ein großer Trick. Aus der Distanz hält es uns den Spiegel unserer Gesellschaft vor Augen und an vielen Stellen im Roman reift die Erkenntnis, sich selbst kaum noch in die Augen schauen zu können.

„SIE“ und „WIR“… Integration und Anpassung – ungenaue Worte – Klischeebilder und Formulierungen, die so typisch für unsere Zeit sind. „Ich habe mich mit „DENEN“ immer gut verstanden.“ Wobei „JENE“ zumeist in ihrer Funktion als Putzfrau gesehen wird. Gleichberechtigt – wohl eher nicht. Das ist kein französisches Buch. Es ist polyglott.

Es ist der große Gesellschaftsroman des vergangenen 20. und des aufstrebenden 21. Jahrhunderts. Es ist die wahr gewordene Dystopie innerhalb einer europäischen Demokratie. Kein anderes Buch strahlt so sehr auf uns aus. Kein anderes Buch lässt die Grenzen so sehr zerfließen wie dieses und kein Autor vermag es derart indirekt einen Volltreffer nach dem anderen in unserem Geist zu landen.

Die Kunst des Krieges hat sich verändert. Der direkte Blick in das Auge des Opfers ist ersetzt durch Bildschirme und Distanz. Salagnon jedoch ist ein Kämpfer der alten Kriege – in der heutigen Zeit ist kein Platz mehr für ihn und seinesgleichen. Chirurgische Präzision vermittelt das Gefühl vom sauberen Krieg. Zahlen ersetzen Schicksale. Statistiken über Verlustraten im Verhältnis 1 : 10 bezeichnen mit der 1 immer das eigene ehrenvolle Opfer im Vergleich zu 10 namenlosen Schuldigen. Die Kunst des Krieges lässt abstumpfen und strahlt auf die Gesellschaft aus. Der Krieg im Äußeren wird weitgehend ignoriert und der Gegner im Inneren wird anonymisiert. Sprache eignet sich hervorragend für diese neue Dimension. „SIE“ und „WIR“

Nur eine Frage – Aber der Beginn einer großen Liebe

Darüber hinaus ist es wohl das poetischste und emotionalste Buch, das wir jemals lesen durften. Der Kontrast zwischen Gewalt und Liebe ist so stark ausformuliert, dass die eine Seite an Brutalität kaum zu übertreffen ist damit die andere Seite nur umso stärker strahlt. Müsste man Textpassagen zitieren, die Romantik, Wärme, Zuneigung und Sehnsucht auf höchstem literarischem Niveau darstellen, man müsste das ganze Buch abschreiben.

Salagnon flüchtete sich in die Malerei. Sein Versteck war die Tusche und aus diesem Versteck heraus konnte er dem Schrecken des Krieges entfliehen. Als er die Liebe seines Lebens kennenlernte, schickte er ihr über zwölf Jahre lang seine Zeichnungen von der Front. Einerseits als Lebenszeichen, andererseits als Liebesbeweis ohne Anspruch auf Antwort. Und Euridice schwieg beharrlich. Bis sie in Algier selbst in den Strudel der Ereignisse gerät und es nur einen Mann gibt, der sie retten kann. Victorien Salganon.

Lebenszeichen – Liebeszeichen – Lebensbewise – Liebesbeweise

Die Kunst der Liebe bleibt konstant. Sie überwindet den Schrecken und hilft zu überleben. Sie ist kommunikativ, lehrt das Vergeben und führt über soziale Schichten hinaus zusammen. Vielleicht hat Jenni auch ein Buch über die französische Kunst der Liebe geschrieben. Jedenfalls muss er sein Land sehr lieben, er muss die Menschen in seinem Land sehr lieben und er muss den übermächtigen Schmerz fühlen, der in und zwischen seinen Zeilen tobt.

So sehr wie sich der anonyme Erzähler des Romans im Laufe der Geschichte verändert, so sehr verändern sich seine Leser. Unsere Sinne werden geschärft; wir nehmen Klischeebilder und Vorverurteilungen in unserer Sprache deutlicher wahr; erkennen im Obdachlosen auf der Straße mehr als nur ein Symptom schleichenden Verfalls und erinnern uns an die tragischen Folgen der Kategorisierung der Menschen in „SIE“ und „WIR“. Aus diesem Roman kann man lernen – für sein Leben.

Ein wahres Meisterwerk. Sensitiv und kognitiv. Ein MUSS!

Die Seele dieses Buches ist das perfekte Kleid für seine Botschaft…

Die französische Kunst des Krieges – Lesen im Rausch der Gefühle

Ein Lebensbuch mit einer ganz besonderen Artikelserie bei Literatwo

Wenn man im großen Orbit der literarischen Neuerscheinungen ein Lebensbuch findet, dann ist dies ein außerordentliches Ereignis. Solche Bücher sind rar. Sie definieren einen besonderen Schritt der Erkenntnis und des Gefühls. Es spricht alle Ebenen an und wird in Wort und Fantasiebild zum Maßstab für andere Werke. Wenn dies geschieht, dann bleibt uns keine Wahl – wir müssen ein wenig weiter ausholen, um vermitteln zu können, was Die französische Kunst des Krieges in uns ausgelöst hat.

Zwei Artikel wollen wir dem preisgekrönten Roman widmen. Nennen wir es einfach eine sensitive und eine kognitive Annäherung an einen unserer Meilensteine der letzten Jahre. Gefühl und Erkenntnis gehen zwar Hand in Hand beim Lesen, aber die Dimensionen dieses Buches öffneten sich uns langsam, schrittweise und dann in aller Eindringlichkeit. Unser Lesegefühl in seinen ersten Eindrücken möchten wir in diesem Artikel beschreiben: „Lesen im Rausch der Gefühle“, während wir der inhaltlichen und gesellschaftlichen Bewertung im Artikel „Ein Gemälde aus Blut und Liebe“ Raum geben wollen.

Vom ersten auf Facebook dokumentierten Moment des Lesens bis zum lauten Nachhallen nach dem Schließen der letzten Seite möchten wir euch gerne mitnehmen auf die Reise in ein einzigartiges Werk:

ALEXIS JENNI – in zarten, rosafarbenen Großbuchstaben springt uns der Name des Autors nun endlich vom Buchcover an, das wir freudig in Händen halten. Endlich.

Der Name des Autors war nicht erst seit der Frankfurter Buchmesse in unseren Köpfen verankert. Nein, bereits seit der Messe in Leipzig, war unsere Vorfreude auf dieses große Werk da. Sie steigerte sich immer mehr und nun ist es endlich da.

ALEXIS JENNI – “Die französische Kunst des Krieges”, im Luchterhand Verlag erschienen, kommt anmutig daher. Strahlend weiß das Cover, auf dem von oben schwarze Tusche herunterläuft. Unter dem Cover findet sich ein in helles schwarz gebundenes Buch mit der gleichen verlaufenden schwarzen Tuschespur.

Ein wahrer Wälzer, schwer und über 700 Seiten rief nach uns Literatwos. Lesen, jetzt!

Wälzer machen uns keine Angst. “Unendlicher Spaß” oder auch “Die tausend Herbste des Jacob de Zoet” haben sich uns weit geöffnet und jede Seite beinhaltete ein tiefgründiges Stück Literatur. Sollte es nun anders werden, da der Schwerpunkt des Romans das Thema Krieg ist? Sollte dieser Roman eine Leseherausforderung werden?

Umfangreiche Geschichten ziehen uns seit jeher magisch an. Sie bieten Platz für die Entwicklung der Protagonisten und geben uns Raum, in genauen Beschreibungen Fuß zu fassen. Wir scheuen nicht vor dem Umfang zurück – auch Trilogien haben jeglichen Schrecken verloren. Aber ein Buch in solchen Dimensionen muss fesseln – von der ersten bis zur letzten Seite. Lesezeit ist wertvoll…. Besonders für uns.

Bereits auf den ersten Seiten stellen wir fest, dass wir angekommen sind. Angekommen in dem ruhigen Leben des Erzählers von Jenni.

Er lebt vor sich hin, genießt die tägliche Entspannung, erzählt über das Leben mit seinen unzähligen Freundinnen, den Sex, das vor sich hin Treiben. Der Beginn des Golfkriegs 1991 liegt für uns alle weit in der Vergangenheit zurück, aber auch für den Erzähler selbst liegt das was er in den Nachrichten mitbekommt, weit entfernt, obwohl er sich in genau diesem besagten Jahr befindet.

Er ist distanziert, hält sich aus den Geschehnissen raus und ruht in sich selbst. Auch wenn er vor uns sein Leben öffnet und uns Einblicke gewährt, hält er sich bedeckt, was seinen Namen, sein Alter und seinen früheren Beruf angeht.

Diese Perspektive ermöglicht Jenni den schonungslosen Blick auf eine Gesellschaft im Wandel. Er entführte uns an jener Stelle im Roman in die Findungsphase seines Erzählers. Beruflich gescheitert und passiv vor sich hinlebend, wird er von der Bilderflut über die chirurgisch präzise Kriegführung der Amerikaner im Irak überwältigt und aus seiner Lethargie geweckt.

Einstieg gelungen in das epochale Meisterwerk von Alexis Jenni „Die französische Kunst des Krieges“. Ausgezeichnet mit dem „Prix Concourt“ liest es sich so sprachgewaltig wie Tolstoi und vermittelt ein Lesegefühl, dem man sich einfach nur hingeben kann. 

Wer allerdings denkt, dies sei ein rein französischer politischer Roman, der wird sich schnell wundern, wie nah wir selbst die beschriebenen Gefühle nachempfinden können!

„Der Golfkrieg entstellte die Wirklichkeit, und die Wirklichkeit gab erstaunlicherweise nach.“ Große Worte – genialer Plot…

Jennis Frankreich befindet sich im sozialen Dämmerzustand und erstmals nach langer Zeit beteiligt sich das Land offiziell 1991 an einer militärischen Großoperation – die Stimmung gegenüber den Soldaten ist im Wandel. Der Ruf der Armee galt als beschädigt. Der Zweite Weltkrieg, Indochina, Algerien… Meilensteine des Niedergangs…. Die Legitimation Krieg zu führen bringt Erinnerungen an die Vergangenheit zurück und reißt alte Wunden wieder auf. Besonders bei den Veteranen vergangener und verlorener Kriege.

„Die französische Kunst des Krieges“ von Alexis Jenni entpuppt sich für Literatwo als eine große literarische Falle. Eigentlich liest man das Buch distanziert – es ist ein französisches Buch – es hat nichts mit uns zu tun! So denken wir nicht – so handeln wir nicht – das macht uns zu Betrachtern und so liest es sich entspannt.

Dann aber ist man auch schon in der Falle, denn man stellt fest, dass wir so fühlen, denken und handeln. Wir können nachvollziehen. Wir sehen Bilder aus dem Roman in unseren Städten – wir sehen Menschen aus dem Buch an den einsamen Kreuzungen unserer Straßen… sind das gar wir?

Dieses Buch ist eine große Falle… es ist ein Trick… und der wirkt verflucht gut. Wir lesen und denken tief. Das ist keine Schwarz – Weiß – Zeichnung, die vor uns liegt. Das Buch entfaltet seine Farbe im Leser!“

Die französische Kunst des Krieges – Keine schwarz-weiß Zeichnung

Jenni schildert eine Gesellschaft am Scheideweg. Franzosen mit tiefer innerer Angst vor Überfremdung. Soziale Konflikte, religiöse Unruheherde und die grausame Erkenntnis, dass die Kriege in den Kolonien aus Frankreich ein kolonialisiertes Land gemacht haben, behindern die freie Entfaltung.

Integration als Fremdwort – es gibt nichts zu integrieren und die Brennpunkte explodieren. Sind uns diese Bilder fremd? Führen wir nicht solche Diskussionen? Teilen Menschen in unserem Land nicht diese Ängste? Das Buch rückt im engsten Sinne an jedes Land dieser Welt heran. Es wird spürbar und jeden Tag fühlen wir in den Medien und auf der Straße, wie nah uns das Buch steht. Und jenseits dieser gesellschaftlichen Brisanz packte es uns in seiner schieren romantischen Wucht an den tiefsten nur denkbaren Gefühlen.

„Die französische Kunst des Krieges“ lebt von der poetischen Energie, die alle Zeilen des Romans zu einem großen Gemälde verbindet:

Victorien über seine Geliebte: „Sie ist genauso wie sie sich in meine Seele eingeprägt hat. Sie hat genau die Größe meiner Seele; oder meine Seele ist ihr Kleid, und ich bekleide sie vollkommen. Ihre Schönheit, die ich schon von fern erraten habe, hat auf mich gewirkt wie eine Vorahnung. Euridice, meine Seele, hier bin ich wieder, hier, vor dir. Euridice nahm in Victoriens Herz Platz, das genau auf ihre Maße zugeschnitten war.“

Überraschende Sätze in einem Buch über das Thema Krieg? Nein… es ist voller Zärtlichkeit als Gegengewicht zum Drama!

Eine Seele von einem Buch – Die französische Kunst des Krieges

Die Passivität und Distanz des Erzählers ließ uns den eigentlichen Protagonisten des Romans erfühlen. Victorien Salagnon ist Veteran. Erst Resistance-Kämpfer gegen das Nazi-Regime und später Soldat an allen französischen Fronten. Die Kunst des Krieges hat er gelernt wie kaum ein Zweiter und doch ist er ein künstlerisch geprägter Mensch, der seinen Abstand in der Malerei suchte. Tusche war sein Versteck, aus dem ihn der Erzähler herauszieht um seine Lebensgeschichte zu schreiben. Und in der Tusche liebt er wie kein Zweiter. Seine Zeichnungen werden zu Geschichten und diese Geschichten erzählen die dunkle Seite des Krieges, aber auch von der einen strahlenden Kraft, die ihn überleben ließ: LIEBE.

Jennis Erzähler wird zum Mittler zwischen seinen Lesern und Victorien Salagnon. Und keiner von Beiden wird das Buch unverändert verlassen!

Wäre die Anzahl der PostIts ein Maßstab für literarische Qualität, dann müssten wir hier von einem absoluten Meisterwerk reden. Wären die literatwoischen Gesprächsminuten zu diesem Buch ein Maßstab, dann müssten wir von einem Meisterwerk reden. Wären unsere Träume und täglichen Gedanken zu denen uns der Roman veranlasst hat ein Maßstab, dann müssten wir von einem Meisterwerk reden.

Victorien Salagnon – Die Tusche rettete seinen Geist und seine Liebe

Da jedoch ausschließlich unsere Gänsehaut, unsere Tränen und unsere Wut ein geeigneter subjektiver Maßstab sind, reden wir von einem Meisterwerk! Es ist eines – und im nächsten Artikel

Ein Gemälde aus Blut und Liebe

erzählen wir von der inhaltlichen Substanz, seiner Strahlkraft und der Dimension eines großen Gemäldes in Buchform!

Hier geht es weiter – Die französische Kunst des Krieges – Artikel 2

CORINE – ein leiser Todesfall…

Mit Wehmut berichten wir von der Corine 2012

Die „Corine – Internationaler Buchpreis, wie dieser Literaturpreis offiziell hieß, wurde auf Initiative des Landesverbands Bayern im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und unter der Schirmherrschaft des bayerischen Ministerpräsidenten seit 2001 verliehen. Mit ihr wurden deutsche und internationale „Autoren für herausragende schriftstellerische Leistungen und deren Anerkennung beim Publikum“ ausgezeichnet.

Durch die öffentlichkeitswirksame Übertragung der Verleihung im Rahmen einer 3sat-Fernsehsendung sollte darüber hinaus für das „Medium Buch ein glanzvoller Auftritt, der breite Leserschichten erreicht“ bewirkt werden.

Corine- Schön war die Zeit

Corine- Schön war die Zeit

Prominente Preisträger seit 2001:

Joanne K. Rowling für Harry Potter und der Feuerkelch (2001)
Paulo Coelho für Der Alchimist (2002)
Cornelia Funke für Herr der Diebe (2003)
Frank Schätzing für Der Schwarm (2004)
Walter Kempowski für sein Lebenswerk (2005 – Ehrenpreis)
Hape Kerkeling für Ein Mann, ein Fjord (2007 )
Richard von Weizsäcker für Der Weg zur Einheit (2009)
Herlinde Koelbl für Mein Blick (2010)
John Burnside für Lügen über meinen Vater (2011)

Insgesamt 95 Preisträger wurden mit der wertvollen Porzellan-Trophäe „Corine“ ausgezeichnet. Die Figur wurde um 1760 von Franz Anton Bustelli geschaffen und ist eine der 16 Figuren der Commedia dell’arte-Gruppe.

Warum jedoch vollziehe ich eine mehr als deutliche zeitliche Einordung des Preises in ein „hieß“„verliehen wurde“ und „sollte bewirkt werden“? Warum schreibe ich im Rückblick und was ist mit den Nominierten 2012?

Wundervolle Corine-Zeiten - Die Rails

Wundervolle Corine-Zeiten – Die Rails

Die Corine existiert nicht mehr. Still und heimlich wurde sie ersatzlos aus dem Kalender der großen internationalen Literaturveranstaltungen gestrichen und möglichst „medienunwirksam“ erfolgte nicht einmal eine offizielle Verlautbarung zu ihrem plötzlichen Verschwinden. Die oben aufgeführten Preisträger sind gleichsam ein Abgesang auf einen nicht mehr existierenden Buchpreis, der es anscheinend nie geschafft hat, sich in einem Meer der Ehrungen langfristig zu etablieren.

Wie wichtig war diese Veranstaltung, wie gediegen ist sie jeweils abgelaufen. Ich habe von der Preisverleihung 2010 berichtet und die Literaturcommunity Lovelybooks hat es sich nicht nehmen lassen, die Gewinner einer großen Leseraktion bei der Corine-Gala als Ehrengäste „einzuschleusen“. 25 Reporter aus 49 Ländern haben ihre Bilder von Prominenten aus Funk und Fernsehen gemacht. Ernsthafte Berichte folgten jedoch niemals. Lovelybooks und Literatwo waren hier wohl rühmliche Ausnahmen.

Deswegen nehmen wir nun mehr als tief bewegt Abschied von unserem Internationalen Buchpreis Corine.

Von Beileidsbekundungen auf dem Roten Teppich bitten wir höflichst Abstand zu nehmen, denn es war ein Abschied auf Raten. Bereits 2010 knarrte es im Gebälk der Preisverleihung und exponierte Spatzen pfiffen es von den Dächern:

„Nicht geschafft haben wir, dass die Corine von der gesamten Branche geliebt und aktiv unterstützt wird“. Man habe so gut wie keine Verlage mehr als Sponsoren. „Die zehnte Corine ist unterfinanziert, es war sehr knapp in diesem Jahr.“ (Chef des Landesverbandes des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Bayern: Wolf Dieter Eggert 2010)

Auch die Neuplatzierung der Corine in der BMW-Welt der Landeshauptstadt im Jahr 2011 hat wohl keine Verbesserung gebracht. Ob unsere kleine Corine nun in Frieden ruhen kann und ob die Preisträger des letzten Jahres nun auch noch den Zusatz  „letztmalige Preisträger“ tragen dürfen, dies darf bezweifelt werden:

Folgende kleine Pressemitteilung hat uns schließlich doch sehr aufhorchen lassen:

„Nach mehr als zehn Jahren möchten wir das Konzept der CORINE an die Veränderungen in der Medienwelt anpassen. Zusammen mit bayerischen Mitgliedsunternehmen werden wir dieses Jahr an der Neupositionierung arbeiten und den Preis 2013 unter neuen Vorzeichen verleihen“, so Dr. Klaus Beckschulte, Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e.V.

Der Medienwelt anpassen… Floskel oder Vision?

Ist dies ein Lippenbekenntnis auf dem Weg ins Vergessen oder bastelt man in bayerischen Medienlaboren an der harmlosen Porzellanfigur, um eine „Corine Reloaded 2.0“ entstehen zu lassen und diese im Jahr 2013 im Blitzlichtgewitter der Society-Fotografen erneut auf den Laufsteg zu führen? Hat ein nicht etablierter und chronisch unterfinanzierter Medienpreis eine Chance auf Wiederauferstehung, nachdem er in der Versenkung verschwunden ist?

Wir glauben nicht daran und verharren still in der Hoffnung, dass die Rufe aus den medialen Folterkammern „Weg vom Tisch – wir verlieren sie – mehr Strom“ nicht zu einer endlosen Quälerei unserer kleinen Corine führen. Lieber ein Ende in Anstand, als ein internationaler Buchpreis-Frankenstein, der nichts mit dem zu tun hat, was die Corine jemals symbolisierte.

Ein Neustart als Bayerischer Buchpreis 2014 - Hier zur Pressemeldung...

Ein Neustart als Bayerischer Buchpreis 2014 – Hier zur Pressemeldung…

Rot wie das Meer – Maggie Stiefvater auf den Spuren einer Legende

„Ich glaube, eine barmherzige Eigenschaft dieser Insel ist es, dass sie unsere bösen Erinnerungen früh wieder nimmt, uns dafür aber die guten lässt, solange wir wollen.“

Es ist November. Es ist kalt, ungemütlich, stürmisch und als ob dies alleine noch nicht ausreichen würde, ist es genau die Zeit zu der das Meer sich kräuselt, die Wellen hart an die Gestade der Insel Thisby schlagen und unheimlich anmutende Wesen das Wasser verlassen und den Strand betreten.

Capaill Uisce (sprich: KAPpl Ischke), jene legendären Wasserpferde der keltischen Mythologie kommen an Land um Menschen in die See zu entführen. Sie ernähren sich von Blut, werden magisch vom Salz der See angezogen und sind wilder, als man es sich nur vorstellen kann!

„Capaill Uisce riechen nach Salz, Fleisch, Fisch und Tod“

Aber sie sind auch die einzige Chance für die jungen Männer der Insel, aus dem ewig währenden Alltagstrott zu entfliehen und reiche Touristen auf die karge Insel zu locken. Seit ungezählten Jahren fangen die Mutigsten unter ihnen die Wasserpferde ein und veranstalten das legendäre „Scorpio Race“ – ein lebensgefährliches Pferderennen am Strand der unscheinbaren Insel.

Und es ist die einmalige Chance für die Männer von Thisby, zu Ruhm, Anerkennung und in den Besitz der stolzen Siegprämie zu kommen. Besonders Sean Kendrick, der das Scorpio Race bereits viermal auf seinem ganz besonderen Capall Uisce namens „Corr“ gewinnen konnte, zählt auch in diesem November zu den Favoriten.

Seine Beziehung zu „Corr“ und seine Begabung im Umgang mit ganz normalen Pferden machen ihn zum „Pferdeflüsterer“ der Insel. Sean Kendrick ist trotz seines jugendlichen Alters ein alter Hase – ihm macht niemand etwas vor… Reich jedoch haben ihn seine Siege nicht gemacht, da er die Prämien an den Besitzer von „Corr“ abgeben musste. Das Wasserpferd irgendwann sein Eigen zu nennen – das ist der Seans Lebenstraum!

„Als das blutrote Capall Uisce über mir vorbeigaloppiert, sehe ich, dass Sean ohne Sattel reitet, was das Gefährlichste ist, was man tun kann. Haut an Haut, Herzschlag an Herzschlag, keinerlei Schutz, falls die Magie des Pferdes von einem Besitz ergreift.“

Unterschiedlich sind die Motive, sich an diesem Rennen zu beteiligen, aber eines ist ungeschriebenes Gesetz auf der kleinen britischen Insel Thisby: Es ist eine reine Männerdomäne. Keine Frau würde wagen, eines der gefährlichen Wasserpferde zu reiten, oder gar mit einer solchen Bestie an einem Wettbewerb teilzunehmen, der schon viele Opfer gekostet hat. Keine Frau würde dies wagen!

Keine Frau? Nun… fast keine Frau. Bis auf die junge „Puck“ Kate Connolly, die auf der kargen Insel ums finanzielle Überleben und für den Zusammenhalt des Restes ihrer Familie kämpft. In ihrer Verzweiflung beschließt sie, sich dem „Race“ zu stellen. Und sie hält sich zumindest an einen Teil der Regeln: Sie reitet kein Capall Uisce – sie meldet sich mit „Dove“, ihrer kleinen und zähen Stute, zum gefährlichsten Pferderennen der Welt an.

Als der Widerstand gegen ihre Teilnahme wächst, als man sie nicht zum Rennen zulassen möchte, erhält sie Unterstützung mit der sie nie gerechnet hätte. Ausgerechnet der Favorit Sean Kendrick hat „Puck“ im Training beobachtet und eine ungewohnte Mischung unterschiedlicher Gefühle breitet sich angesichts ihres Mutes und ihres Gefühls für Pferde in ihm aus. Nicht gänzlich unbemerkt von „Puck“.

„Die meiste Zeit denke ich über den Ausdruck in seinen Augen nach, wenn er mich ansieht – Respekt -, und dann kommt mir der Gedanke, dass das wahrscheinlich mehr wert ist als alles andere.“

So stehen wir schließlich als Zuschauer am Strand von Thisby, als das Rennen beginnt. Wir fühlen die Hufschläge der mächtigen Wasserpferde, sehen wie das erste Blut spritzt und hoffen, dass die kleine Dove wendig und schnell genug sein wird, um zumindest lebendig ins Ziel zu kommen. Gänsehaut und Spannung wechseln sich ab und wir wissen ganz genau, dass irgendwann der Moment kommt, in dem die Gefühle von Puck und Sean auf eine gewaltige Probe gestellt werden.

Maggie Stiefvater ist erneut ein großer Wurf gelungen. Nach ihrer erfolgreichen „Nach dem Sommer“–Trilogie hat sie in beeindruckender Art und Weise gezeigt, dass sie eine komplexe und umfassende Erzählung auch in einem einzelnen Buch erzählen kann. Das auf einer uralten Legende beruhende Fantasy-Element verleiht der Handlung zusätzlich enorme Tiefe und Spannung. Hätte sie allerdings die gefährlichen Wasserpferde durch normale Reittiere ersetzt, dann bliebe immer noch ein absolut tragfähiger Plot, der die Herzen der Leser im Sturm erobern würde.

Wer den „Pferdeflüsterer“ von Nicholas Evans mag, der wird auch von Rot wie das Meer begeistert sein und Fantasy-Fans kommen dank der mythischen Erscheinungen der Capaill Uisce ebenfalls zu ihrem Recht. Ein multidimensionaler Roman mit Tiefgang und unvergessenen Szenen.

Wer auch nur ein klein wenig Gänsehaut beim Flug über einen Flamingoschwarm im Film „Jenseits von Afrika“ hatte, der wird den ersten gemeinsamen Ausritt von Puck und Sean auf einem Pferd in die gleiche Kategorie des großen Lese-Kopfkinos einsortieren. Es geht nicht anders.

Geschriebene Magie… von einer Frau, die leidenschaftlich erzählt, schreibt und sogar malt. Maggie Stiefvater – eine der ganz Großen ihrer Zunft!

Maggie Stiefvater – Das Multitalent

Eilmeldung – Oda Schaefer wird wieder verlegt – Neue Bücher erschienen

Das Oda-Schaefer-Projekt kommt an das nie erwartete Ziel!

Seit 2011 schreibt Literatwo über das Leben und Schaffen der deutschen Lyrikerin Oda Schaefer. Mit einem kleinen Artikel über den Film Poll hat alles angefangen und wir waren damals einfach nur traurig, dass kein einziges Buch von Oda im Handel erhältlich war. Unser sehr hoch gestecktes Ziel war es seit den ersten Artikeln, etwas gegen dieses Vergessen zu unternehmen.

Auf diesem Weg schlossen sich viele freundliche Menschen an und motivierten uns, weiter zu schreiben und immer neue Wege zu gehen. Mit Clara Luisa Demar fanden wir sogar eine Künstlerin, die Oda noch persönlich kannte und ihre Erinnerungen in einer bewegenden Ode an Oda bei uns veröffentlichte. Unser Poesie-Projekt, in dem wir dazu aufgerufen hatten, über Oda zu schreiben, hat inzwischen eine verdiente Siegerin und vor kurzem wurde uns das Privileg zuteil, dem Nachlass „unserer“ Oda einen intensiven Besuch abstatten zu dürfen.

Dass wir mit diesem Besuch allerdings auch die letzte Tür gegen das Vergessen aufstoßen würden, hätten wir niemals für möglich gehalten und heute halten wir voller Stolz etwas in Händen, an das wir eigentlich niemals so richtig glauben wollten. Neue Bücher von Oda Schaefer!

Neuerscheinung… was für ein tolles Wort für Oda Schaefer 2012

Ihr „Vize-Enkel“ Titus Horst (Schauspieler, Regisseur und Autor) öffnete uns nicht nur sein Herz, sondern alle Schatztruhen mit Bildern, Manuskripten und Gebrauchsgegenständen der großen Lyrikerin. Auch Titus ist nicht nur ein Mann des Wortes, sondern spricht durch Taten und so ist es für uns eine kleine Sensation, darüber berichten zu dürfen, dass Oda wieder publiziert wird!

Wenn nicht jetzt, wann denn dann? So könnte das Motto gelautet haben, das ihn und den Avicenna Verlag in München dazu bewogen haben, zum genau richtigen Zeitpunkt mit zwei Werken Oda Schaefers dafür zu sorgen, dass sie wieder von breitem Publikum gelesen werden kann.

„Immer war ich. Immer werde ich sein.“ Die Gedichte dieser Ausgabe stammen aus dem gesamten lyrischen Lebenswerk der Dichterin und darüber hinaus finden sich acht bisher unveröffentlichte Gedichte aus ihrem Nachlass in dieser Kollektion. Ein wahrlich großer Wurf für jeden Leser, der bisher vergeblich versuchte auf dem antiquarischen Markt einen Gedichtband von Oda Schaefer zu erstehen.

Erstmals findet sich im Anhang die bewegende Trauerrede des Vaters von Titus Horst, mit der er sich am 8. September 1988 am Grab von der Frau verabschiedete, die ihn als ihren zweiten Sohn betrachtet hatte. Mehr als empfehlens- und lesenswert!

„Auch wenn Du träumst, gehen die Uhren“ beinhaltet neben den Lebenserinnerungen Oda Schaefers bis 1945, jener literarischen Vorlage für das filmische Meisterwerk „Poll“, nun auch erstmals „Die leuchtenden Feste über der Trauer“ und damit schließt sich der Kreis auch über die Nachkriegserinnerungen der Autorin bis in die Jahre kurz vor ihrem Tod.

In dieser Vollständigkeit hat sich der Blick auf Oda bisher nie erschlossen und die im Buch veröffentlichten Bilder aus ihrem Nachlass zeichnen nun ein komplexes Portrait der großen Künstlerin. Abgeschlossen wird die Edition von einem sehr gelungenen Nachwort von Eberhard Horst mit dem Titel „Gegen die Dunkelheit der Welt“.

Buchrücken und Vorworte machen Literatwo einfach nur stolz!

Wenn man mehr als eineinhalb Jahre beharrlich gegen das Vergessen einer Lyrikerin schreibt, dann darf man beim Lesen der Buchrücken-Texte und der Vorworte von Titus Horst nur ein Gefühl empfinden. Stolz.

Wir danken für diese Widmung und schreiben uns auf die Fahne, dass es ohne diese Artikel und Projekte auf unserem Blog diese Bücher vielleicht niemals gegeben hätte. Die größte Freude empfinden wir jedoch gegenüber einer Frau, die wir selbst leider nie kennen lernen durften.

„Liebe Oda… wir haben Ihre Fahne hochgehalten und auf einem Feld unfassbar vieler literarischer Neuerscheinungen immer wieder sichtbar gemacht. Wir wollten so sehr verhindern, dass Sie in Vergessenheit geraten. Wir wollten so vieles. Oda – hätten Sie gedacht, das wir es gemeinsam mit allen Freunden und Lesern schaffen? Oda – Sie waren immer und Sie werden immer sein!“

Der Weg führt an ein Ziel – Dresden…. Die Buchmesse schriftgut vereint uns alle.

Es dürfte nicht verwundern, dass unser Weg so nicht enden wird. Wir werden die Fahne Oda Schaefers mit nach Dresden nehmen und ihr auf der Buchmesse schriftgut einen besonderen Platz einräumen. Und hier fügt sich alles, wie mit magischen Fäden fest zu einem Wandteppich der Erinnerung verwoben. Alle Wege führen zusammen.

Sternfahrt nach Dresden…. Das Oda Schaefer Projekt…

Clara Luisa Demar wird in Dresden sein und an zwei Tagen in einer jeweils einstündigen multimedialen Präsentation über Odas Leben berichten. Die ewige Verbindung des Dichterpaares Oda Schaefer und Horst Lange wird hier erstmals in dieser Form von einer Künstlerin vorgestellt, die beide zu Lebzeiten gekannt hat.

Titus Horst und der Avicenna Verlag werden in Dresden sein, um die neu erschienen Bücher von Oda Schaefer dem Publikum vorzustellen. Oda Schaefer und ihre bisher unveröffentlichten Gedichte auf einer Buchmesse – wer hätte das gedacht, als wir 2011 den ersten Satz gegen das Vergessen schrieben?

Und Literatwo wird natürlich in Dresden sein und das Internet-Projekt Oda Schaefer präsentieren. Wir denken, dass es wichtig ist zu zeigen, was man gemeinsam mit Ausdauer und gegen den großen Mainstream in der heutigen Zeit erreichen kann, wenn es gelingt ein dauerhaftes Interesse zu wecken. Und für dieses Interesse danken wir unseren Lesern und Wegbegleitern, ohne die wir heute nicht diese Zeilen verfassen würden!

Am Sonntag mehr von uns… und der schriftgut in Dresden

Was Literatwo allerdings insgesamt und insbesondere in Dresden veranstaltet – das erfahrt ihr am Sonntag! Social-Media zu Anfassen auf der „schriftgut 2012“ – sehen wir uns?

Oda Schaefer - Ein Kreis ist geschlossen - Eine Lesung in München

Oda Schaefer – Ein Kreis ist geschlossen – Eine Lesung in München

Die Magie Oda Schaefers hat sich in voller Strahlkraft auf Literatwo übertragen. Habent sua fata libelli – Bücher haben Schicksale. Nicht anders kann und muss man es bezeichnen, denn am 28. Oktober 2013 schloss sich der Kreis eines großen Projektes in München. Eine Lesung anlässlich des 25. Todestages von Oda Schaefer schloss einen Kreis, der von ihrem Schaffen zeugt und der uns so viel bedeutet.