Rot wie das Meer – Maggie Stiefvater auf den Spuren einer Legende

„Ich glaube, eine barmherzige Eigenschaft dieser Insel ist es, dass sie unsere bösen Erinnerungen früh wieder nimmt, uns dafür aber die guten lässt, solange wir wollen.“

Es ist November. Es ist kalt, ungemütlich, stürmisch und als ob dies alleine noch nicht ausreichen würde, ist es genau die Zeit zu der das Meer sich kräuselt, die Wellen hart an die Gestade der Insel Thisby schlagen und unheimlich anmutende Wesen das Wasser verlassen und den Strand betreten.

Capaill Uisce (sprich: KAPpl Ischke), jene legendären Wasserpferde der keltischen Mythologie kommen an Land um Menschen in die See zu entführen. Sie ernähren sich von Blut, werden magisch vom Salz der See angezogen und sind wilder, als man es sich nur vorstellen kann!

„Capaill Uisce riechen nach Salz, Fleisch, Fisch und Tod“

Aber sie sind auch die einzige Chance für die jungen Männer der Insel, aus dem ewig währenden Alltagstrott zu entfliehen und reiche Touristen auf die karge Insel zu locken. Seit ungezählten Jahren fangen die Mutigsten unter ihnen die Wasserpferde ein und veranstalten das legendäre „Scorpio Race“ – ein lebensgefährliches Pferderennen am Strand der unscheinbaren Insel.

Und es ist die einmalige Chance für die Männer von Thisby, zu Ruhm, Anerkennung und in den Besitz der stolzen Siegprämie zu kommen. Besonders Sean Kendrick, der das Scorpio Race bereits viermal auf seinem ganz besonderen Capall Uisce namens „Corr“ gewinnen konnte, zählt auch in diesem November zu den Favoriten.

Seine Beziehung zu „Corr“ und seine Begabung im Umgang mit ganz normalen Pferden machen ihn zum „Pferdeflüsterer“ der Insel. Sean Kendrick ist trotz seines jugendlichen Alters ein alter Hase – ihm macht niemand etwas vor… Reich jedoch haben ihn seine Siege nicht gemacht, da er die Prämien an den Besitzer von „Corr“ abgeben musste. Das Wasserpferd irgendwann sein Eigen zu nennen – das ist der Seans Lebenstraum!

„Als das blutrote Capall Uisce über mir vorbeigaloppiert, sehe ich, dass Sean ohne Sattel reitet, was das Gefährlichste ist, was man tun kann. Haut an Haut, Herzschlag an Herzschlag, keinerlei Schutz, falls die Magie des Pferdes von einem Besitz ergreift.“

Unterschiedlich sind die Motive, sich an diesem Rennen zu beteiligen, aber eines ist ungeschriebenes Gesetz auf der kleinen britischen Insel Thisby: Es ist eine reine Männerdomäne. Keine Frau würde wagen, eines der gefährlichen Wasserpferde zu reiten, oder gar mit einer solchen Bestie an einem Wettbewerb teilzunehmen, der schon viele Opfer gekostet hat. Keine Frau würde dies wagen!

Keine Frau? Nun… fast keine Frau. Bis auf die junge „Puck“ Kate Connolly, die auf der kargen Insel ums finanzielle Überleben und für den Zusammenhalt des Restes ihrer Familie kämpft. In ihrer Verzweiflung beschließt sie, sich dem „Race“ zu stellen. Und sie hält sich zumindest an einen Teil der Regeln: Sie reitet kein Capall Uisce – sie meldet sich mit „Dove“, ihrer kleinen und zähen Stute, zum gefährlichsten Pferderennen der Welt an.

Als der Widerstand gegen ihre Teilnahme wächst, als man sie nicht zum Rennen zulassen möchte, erhält sie Unterstützung mit der sie nie gerechnet hätte. Ausgerechnet der Favorit Sean Kendrick hat „Puck“ im Training beobachtet und eine ungewohnte Mischung unterschiedlicher Gefühle breitet sich angesichts ihres Mutes und ihres Gefühls für Pferde in ihm aus. Nicht gänzlich unbemerkt von „Puck“.

„Die meiste Zeit denke ich über den Ausdruck in seinen Augen nach, wenn er mich ansieht – Respekt -, und dann kommt mir der Gedanke, dass das wahrscheinlich mehr wert ist als alles andere.“

So stehen wir schließlich als Zuschauer am Strand von Thisby, als das Rennen beginnt. Wir fühlen die Hufschläge der mächtigen Wasserpferde, sehen wie das erste Blut spritzt und hoffen, dass die kleine Dove wendig und schnell genug sein wird, um zumindest lebendig ins Ziel zu kommen. Gänsehaut und Spannung wechseln sich ab und wir wissen ganz genau, dass irgendwann der Moment kommt, in dem die Gefühle von Puck und Sean auf eine gewaltige Probe gestellt werden.

Maggie Stiefvater ist erneut ein großer Wurf gelungen. Nach ihrer erfolgreichen „Nach dem Sommer“–Trilogie hat sie in beeindruckender Art und Weise gezeigt, dass sie eine komplexe und umfassende Erzählung auch in einem einzelnen Buch erzählen kann. Das auf einer uralten Legende beruhende Fantasy-Element verleiht der Handlung zusätzlich enorme Tiefe und Spannung. Hätte sie allerdings die gefährlichen Wasserpferde durch normale Reittiere ersetzt, dann bliebe immer noch ein absolut tragfähiger Plot, der die Herzen der Leser im Sturm erobern würde.

Wer den „Pferdeflüsterer“ von Nicholas Evans mag, der wird auch von Rot wie das Meer begeistert sein und Fantasy-Fans kommen dank der mythischen Erscheinungen der Capaill Uisce ebenfalls zu ihrem Recht. Ein multidimensionaler Roman mit Tiefgang und unvergessenen Szenen.

Wer auch nur ein klein wenig Gänsehaut beim Flug über einen Flamingoschwarm im Film „Jenseits von Afrika“ hatte, der wird den ersten gemeinsamen Ausritt von Puck und Sean auf einem Pferd in die gleiche Kategorie des großen Lese-Kopfkinos einsortieren. Es geht nicht anders.

Geschriebene Magie… von einer Frau, die leidenschaftlich erzählt, schreibt und sogar malt. Maggie Stiefvater – eine der ganz Großen ihrer Zunft!

Maggie Stiefvater – Das Multitalent

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