„Vier Beutel Asche“ – Auf dem Weg zum Meer mit Boris Koch

Trauer ist eine ernste Angelegenheit und verdient es, in der Literatur entsprechend seriös behandelt zu werden. Ganz besonders dann, wenn es sich um ein Jugendbuch handelt. Jugendliche Trauer unterscheidet sich mitunter deutlich vom „erwachsenen“ Umgang mit Verlusten. Selbst noch nicht im Leben angekommen, getragen vom sicheren Gefühl der Unsterblichkeit trifft es Heranwachsende umso heftiger, wenn sie miterleben müssen, wie Gleichaltrige bei einem Unfall oder in Folge einer Erkrankung ums Leben kommen.

Jugendliche Trauer hält intensiv an Ritualen und Symbolen fest. Unfallorte und Gräber werden oft über Jahre hin dauerhaft von Freunden und Weggefährten mit Leben gefüllt. Der Wiedereinstieg in die Normalität des Alltags und das Loslassen eines verlorenen Freundes fällt in diesem Alter mehr als schwer. Wenn ein Roman dieses Thema aufgreift, dann erzeugt der Autor eine entsprechende Erwartungshaltung und unterzieht sich einer ernsthaften Betrachtung.

Vier Beutel Asche“ von Boris Koch ist eines jener Werke, die sich dem sensiblen Thema in einem Jugendbuch nähern. Mit großen Hoffnungen haben wir uns auf die Geschichte gefreut, da wir sowohl Tiefgang als auch Emotionalität in diesem literarischen Road-Movie erwarteten.

Christoph ist erst 16, als er nachts mit seinem Fahrrad von einem Auto erfasst wird und noch an der Unfallstelle stirbt. Der Fahrer des Wagens wird vor Gericht von aller Schuld freigesprochen. Christophs Freunden bleibt nichts als eine Urne Asche, eine formelle Beisetzung und ein schlichter Grabstein zur Erinnerung.

Doch kann und darf ein Leben so enden? Sollte dies der richtige Platz für einen Freund sein, der sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als die Welt zu entdecken und seine Freiheit zu genießen?

Drei Monate nach der Beerdigung sind die Wunden noch tief. Der Verlust wiegt schwer und Jan besucht das Grab seines besten Freundes an dessen 17. Geburtstag. Doch er ist nicht allein. Auf dem Friedhof trifft er drei Jugendliche, deren Leben ebenfalls eng mit dem von Christoph verwoben scheinen.

Maik, der ihm ein das Fahrrad geliehen hatte, mit dem er in den Tod fuhr und den nun das schlechte Gewissen plagt. Christophs Freundin Selina, die den Verlust ihrer jungen Liebe nicht verwinden kann und Lena, ein geheimnisvolles Mädchen, das anscheinend heimlich in Christoph verliebt war.

Vier Beutel Asche – So wollte Christoph nicht enden – so bestimmt nicht…

Nicht nur die Trauer verbindet sie. Auch das Wissen um Christophs schlechtes Gefühl gegenüber Friedhöfen teilen sie in dieser Nacht. Gemeinsam beschließen sie, den letzten Wunsch des toten Freundes zu erfüllen und beginnen zu graben.

Vier Beutel Asche – das kurz gelebte Leben eines jungen Menschen auf transportfähige Portionen verteilt – werden zu ihren Wegbegleitern auf der Reise zum Meer. Frankreich heißt ihr Ziel und die Asche im Atlantik zu verstreuen ist ihre Bestimmung. Es ist keine normale Reise, auf die sie sich begeben. Improvisiert, ohne große Planung und mit kaum Geld in den Taschen beginnen sie auf Maiks Motorrad und Lenas Motorroller eine besondere „Sentimental Journey“. Der Atlantik ruft.

Es soll eine Reise des Gedenkens und der Bewältigung werden. Offene und stille Liebe, Schuld und Verbundenheit gehören zum Gepäck und sind allgegenwärtig, wie die Asche von Christoph. Es ist eine lange Reise zum Erwachsenwerden, die viele Geheimnisse ans Tageslicht bringt und mit Überraschungen nicht geizt. Letztlich ist es ein Roadtrip mit vielen Zielen – ein Weg zurück ins normale Leben.

Vier Beutel Asche – Jan sucht in blindem Aktionismus einen Schuldigen

Spürbare Hilflosigkeit, blinde Wut und tiefe Gefühle – so haben wir Jan kennengelernt. Er wuchs uns sofort ans Herz, da wir seinen Verlust mehr als gut nachvollziehen konnten. Er bleibt mit so vielen gemeinsamen Zielen zurück. Er versucht sich in Übergriffen auf den freigesprochenen Autofahrer Luft zu machen, da er dringend einen Schuldigen braucht. Typische Mechanismen – Jan ist authentisch. Mehr als das. Immer wieder ruft er sich Bilder von Christoph in Erinnerung. Er würde alles tun, alles unternehmen und alles geben. Einen solchen besten Freund wünscht man sich.

Der Zugang zu den übrigen Protagonisten gestaltete sich häufig eher schwierig. Maiks schlechtes Gewissen als Triebfeder für eine solche Reise ist aus unserer Sicht von Trauer deutlich zu unterscheiden. Er tut sich eher selbst leid und handelt nicht für einen Freund, sondern eher für sich. Selinas Trauer ist aufrichtig und tief. Ihre Beweggründe sind nachvollziehbar aber der Beginn der Reise stellte uns gerade in Bezug auf ihre Person vor ein großes Problem.

Wir konnten diesen gordischen Knoten nicht alleine lösen und haben unsere Leseexemplare an zwei Facebook-Freunde weitergegeben, um genau darüber in der Folge dieses Artikels ins Gespräch zu kommen. Trauer ist aus unserer Sicht verbunden mit der Suche nach einer exklusiven Rolle innerhalb dieses Prozesses. Wir trauern als Enkel, Sohn, Bruder, bester Freund oder Lebenspartner. Diese Einzigartigkeit der Rolle ist sinnbildlich und elementar für das Verhalten Trauernder.

Und nun stellen wir uns Selina vor. Die Freundin des Verstorbenen steht mit ihren jugendlichen 16 Jahren am Grab, betrauert den Verlust ihrer ersten großen Liebe und wird plötzlich mit einem Mädchen konfrontiert, die in dieses Rollenbild eindringt und vorgibt schon lang heimlich in Christoph verliebt gewesen zu sein.

Wir denken, dass Lena den Weg in diese Gemeinschaft der Trauernden in der Realität nicht gefunden hätte. Eifersucht und der Zweifel, ob Christoph irgendwann Anlass für diese heimliche Liebe war, hätten mehr Auswirkung auf den spontanen Entschluss gehabt, seine Asche auf vier Menschen aufzuteilen. Lena wirkte auf uns häufig wie ein nicht plausibler Fremdkörper. Darüber kann man – wir glauben, darüber muss man diskutieren.

„Vier Beutel Asche“ – ein Buch, das wir mit großen Erwartungen herbeigesehnt haben. Ein Jugendroman, der nachdenklich macht, eine Geschichte, die aber an manchen Stellen zu einer normalen Urlaubsreise wird, da nicht alle Beteiligten aus dem gleichen Grund zu Wegbegleitern Christophs werden. Wir hätten gerne Jan und Selina begleitet. Ihr Weg war nachhaltig geprägt von der Erfüllung des letzten Wunsches ihres Freundes. Maik und Lena… nun ja – uns haben sie oftmals verwirrt und an manchen Stellen des Romans dafür gesorgt, dass der Grund für die Reise verblasste.

Vier Beutel Asche – Wohin führt der Weg der Trauer?

Was denkt ihr? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr in einer solchen Situation mit jemandem konfrontiert würdet, der eine Rolle beansprucht, die die eigentlich eure sein sollte. Trauer um einen Geliebten – Trauer um eine Geliebte.

Würdet ihr mit Lena auf Reisen gehen? Und letztlich fragen wir uns damit, ob es diese im Buch beschriebene Reise unter diesen Voraussetzungen jemals plausibel gegeben hätte…

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