Spiegelkind von Alina Bronsky

Fantastische Dystopien kommen meist in einem stereotypen Kleid daher und leben durch ihre Abwandlungen in Bezug auf Charaktere oder den situativen Kontext der Geschichte. Man könnte meinen, es reicht aus, sich ein paar Distrikte, Wohngebiete, Areas oder ähnliches auszudenken; eine intrigante Regierung zu platzieren; Rechtsformen zu erdenken, die das Leben einzelner Menschen erschweren und dann eine kleine und unbedeutende Person durch dieses Szenario zu treiben und sie an den Rahmenbedingungen wachsen zu lassen.

Die Offensichtlichkeit des dystopischen Settings verursacht bei uns immer wieder einen Hauch fehlender Plausibilität, da selbst unterprivilegierten Protagonisten in ärmsten Verhältnissen ein scharfer Blick auf die komplexen Strukturen des Plots gewährt wird und sie klarsichtig von Cliffhanger zu Cliffhanger spazieren. Und dies oft über mehrere Fortsetzungen eines Mehrteilers hin.

Alina Bronsky - Scherbenpark und Spiegelkind

Alina Bronsky – Scherbenpark und Spiegelkind

Bei „Spiegelkind“ handelt es sich zweifellos um einen dystopischen Jugendroman. Spiegelkind könnte man jederzeit unterstellen, nach dem bekannten Strickmuster geschrieben und konstruiert zu sein. Und doch hebt sich das neueste Buch der deutschen Autorin Alina Bronsky (bekannt durch Scherbenparkund hier rezensiert von Bianca) umso deutlicher von vergleichbaren Geschichten ab. Das Leben im Symptom charakterisiert die Perspektive der Protagonistin. Sie nimmt ihre Umwelt passiv wahr, fast wie ein Patient in der Diagnosephase während einer schweren Erkrankung.

Die Symptome verheißen nichts Gutes, sie häufen sich und langsam entsteht ein Bild von einem komplexen Krankheitsbild. Am Scheideweg des eigenen Lebens heißt es dann, dem Schicksal eine Richtung zu geben oder zu kapitulieren. Doch Juli Rettemi gehört definitiv nicht zu den Menschen, die ihre Flinte ins Korn werfen – Juli drischt auf das Korn ein, um besser zielen zu können!

Stell` dir vor du bist fünfzehn Jahre alt und führst ein relativ normales und behütetes Leben. Es könnte schöner sein – wohl war. Deine Eltern haben sich getrennt und teilen sich das Sorgerecht, aber immerhin kannst du wechselweise mit Vater oder Mutter im gemeinsamen Haus der Familie leben. Es gibt Schlimmeres. Wohl wahr. Finanziell geht es euch gut, deine Geschwister und du besuchen beste Schulen und alles ist recht normal.

So normal, wie deine Schuluniform. So normal, wie die Ordnung und Sauberkeit in deinem Stadtviertel. So normal, wie die Verhaltensnormen und Regeln der Gesellschaft und natürlich so normal wie die Maßregelungen, wenn man gegen diese verstößt. Stinknormal eben. Nicht so wie bei den Freaks in anderen Stadtvierteln – absolut nicht so!

Stell` dir vor, du wirst morgens wach und findest im gemeinsamen Wohnzimmer eine Unordnung vor, die auf einen Einbruch schließen lässt. Stell` dir vor, man teilt dir unvermittelt mit, deine Mutter sei verschwunden und stell` dir vor, wie dein Blutdruck langsam steigt und die Angst dein Adrenalin in die Höhe schießen lässt.

Und nun stell` dir vor, dass in deinen Hilfeschrei hinein jeder dir zu erklären versucht, dass alles ganz normal sei. Man sagt dir, es habe niemals einen Einbruch gegeben und die Polizisten räumen fleißig die Wohnung auf und selbst dein Vater meint, Mutter sei wohl mal eben nur so aus dem Haus gegangen.

„Mamas kommen, Mamas gehen“ – dieser Satz eines Polizisten verankert sich wie eine Schockwelle in Juliane Rettemis Nervensystem.

Das Einzige was bleibt sind ihre Bilder. Julis Mutter war eine begeisterte Malerin und in jedem Zimmer des Hauses finden sich ihre Werke. Auch in Julis Zimmer steht eines dieser besonderen Gemälde. Es zeigt ein Haus in einem Wald – malerisch, verträumt und beruhigend. Jeder Blick auf das Bild ist eine Flucht aus dem Alltag und regt die Fantasie zum Träumen an. Manchmal scheint sich ein Detail auf dem Bild zu verändern und man könnte denken, den Wind oder Stimmen zu hören. Einbildung – aber eben eine schöne Einbildung für das junge Mädchen.

Und diese Bilder werden nun im ganzen Haus durch Spiegel ersetzt. Das ganz normale Leben wird zu einem immer kleiner werdenden Gefängnis. Das normale Spiegelbild ersetzt die Fantasie….

An diesem Tag beginnt die Veränderung von Juli Rettemi. An diesem Tag wird aus einem Mädchen eine junge Frau und als sie in der Schule mit Ksü konfrontiert wird gerät alles ins Wanken. Ksü ist nicht normal, weder im Benehmen, noch in ihrem Äußeren. Als Freak müsste man sie bezeichnen – sie trägt keine Schuluniform, ist auffällig tätowiert und genießt an der strengen Schule fast Narrenfreiheit.

Aus Juli und Ksü werden Gefährtinnen und beide helfen einander, Licht ins Dunkel der großen Geheimnisse zu werfen, denn auch Ksüs Leben ist so verworren, wie das von Juli. Verbunden sind die Wege der Mädchen durch die Gemälde von Julis Mutter und es verdichten sich die Gerüchte, dass Laura alles andere als normal gewesen sei. Das Wort „Phee“ macht die Runde und jeder, der es hört zuckt erschrocken zurück.

Kann es sein, dass ihre Mutter eine jener geheimnisvollen und verrufenen Gestalten ist? Kann es sein, dass sie über Fähigkeiten verfügte, die in der normalen Welt nur Angst und Schrecken hervorriefen? Kann es sein, dass die Bilder von Laura nicht nur magisch wirken, sondern vielleicht…? Kann es sein, dass Juliane selbst…. Wenn ihre Mutter eine ist… vielleicht eine Phee… undenkbar! Und kann es sein, dass der eigene Vater seine Frau verraten hat?

Als ein ganz normales Sonderkommando die letzten Bilder ihrer Mutter abholt, um sie als verbotene Kunst zu vernichten, beginnt Juli zu kämpfen. Für ihre Mutter – für sich selbst und gegen jede Normalität. Und sie ist nicht allein – Ksü steht ihr bei und deren Bruder Ivan weiß mehr über Pheen, als jeder vermutet.

Eine magische Reise in die eigene Befreiung beginnt. Gefahrvoll, furios und temporeich. Die Bilder sind nicht nur Bilder – sie weisen Juli den Weg in eine ganz besondere Richtung. Sie muss sich nur trauen. Und sie traut sich… Sie ist wie ihre Mutter…

Alina Bronsky legt mit Spiegelkind den ersten von drei Teilen einer dystopischen Jugendreihe vor und erzählt eine große Geschichte vom Erwachsenwerden, vom Anderssein, von der engen Bindung zur eigenen Mutter und vom mutigen Kampf eines jungen Mädchens. Auch ohne dystopische Struktur, auch ohne „Pheen“ ist dieser Plot tragfähig. Ein Mensch auf dem Weg in sein eigenes Leben muss so empfinden, wie Alina Bronsky es schreibt. Ein Mensch, dessen Fantasie durch Spiegel begrenzt wird muss ausbrechen….

Wenn auch ihr Juliane Rettemi begleiten möchtet, dann könnt ihr natürlich den Roman lesen – aber so ganz nebenbei besteht die Möglichkeit, einen eigenen Beitrag zur Rettung der „Pheen-Kulur“ zu leisten… Schaut mal hier

Wir freuen uns auf die Fortsetzung des Bronsky-Universums. „Spiegelriss“ erscheint schon bald und wir vertrauen der Autorin, dass sie uns über den finalen Cliffhanger des ersten Teils hinaus auch durch den berstenden Spiegel in ein neues Leben der Juliane Rettemi führen wird.

Es gibt einen ganz persönlichen Grund, warum uns dieses Buch mit seinen Gemälden so sehr in seinen Bann gezogen hat. Wir kennen eine Malerin, deren Bilder ebenfalls mehr sind, als bloße Pinselstriche. Auch sie sind in der Lage, Türen in eine andere Welt zu öffnen. In anderen Zeiten wären ihre Werke ebenso verboten gewesen, wie die Bilder aus dem Hause Rettemi.

Damit möchten wir auf keinen Fall behaupten, dass es sich bei der politischen Malerin Peggy Steike ebenfalls um eine „Phee“ handelt. Wir sind jedoch mehr als gespannt darauf, was „Spiegelkind“ bei ihr auslöst – als Malerin und Mutter einer Tochter. Wir mussten beim Lesen oft an sie denken und das Buch befindet sich bereits in ihrem Atelier. Bleibt gespannt, in welchen Farben wir uns die Zeit bis zum Erscheinen von „Spiegelriss“ ausmalen werden.

Mit einem Klick zu einer magischen Beggnung

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Und sofort nach Veröffentlichung des zweiten Teils „Spiegelriss“ erschien auch schon unsere Buchvorstellung:

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