Er ist wieder da – Eine Chaplinesque von Timur Vermes

Er ist wieder da - Timur Vermes auf Chaplins Spuren

Er ist wieder da – Timur Vermes auf Chaplins Spuren

Wie weit darf Satire gehen in unseren Tagen? Wie weit darf man sich schreibend aus dem Fenster lehnen, ohne dabei im Blick zurück die Balance zu verlieren? Darf man sich über Menschen lustig machen, deren Lebensweg der größten Todesspur aller Zeiten gleicht und macht man sich damit nicht auch der Veralberung aller Opfer schuldig? Darf man über Adolf Hitler lachen? Ist das moralisch vertretbar?

Diese Fragen lassen mir keine Ruhe, seit ich den Roman „Er ist wieder da“ von Timur Vermes gelesen habe. In seiner satirischen Utopie taucht der echte Adolf Hitler unversehens in vollem Führer-Ornat im Berlin unserer Tage auf und wird angesichts seiner enormen Ähnlichkeit mit jenem Scheusal von einst zum wahren Medienereignis. Timur Vermes packt uns Deutsche genau dort, wo wir definitiv keinen Spaß verstehen: beim Humor!

Darf man unbefangen lachen – darf man sich von „Er ist wieder da“ unterhalten lassen und vor Lachen brüllend zusammenbrechen? Ich hatte große Probleme damit, mir all diese Fragen zu beantworten, bis ich vor wenigen Tagen wieder einmal zufällig auf Charles Chaplins ersten Tonfilm „Der große Diktator“ stieß.

Parallelen: Chaplins Filmplakate - Er ist wieder da Buchcover

Parallelen: Chaplins Filmplakate und „Er ist wieder da“ – Buchcover

Noch kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beantwortete der legendäre Schauspieler und Komiker all meine Fragen mit einem deutlichen JA! Chaplin spielte Hitler in diesem Film an die Wand, er riss ihm alle Masken vom Gesicht – ja – es gelang ihm sogar, den „Führer“ lächerlich zu machen. Die absolut perfekte Persiflage des Diktators, die Thematisierung der gnadenlosen Judenverfolgung, die Darstellung des Lebens in einem Ghetto sollten Chaplins Methode sein, der Welt die Augen zu öffnen.

Und dies trotz erheblicher Widerstände. Die USA unterschätzten Adolf Hitler während die Idee zum Film in Chaplin unaufhaltsam wuchs. Man wollte es sich mit Deutschland nicht verscherzen und versagte dem großen Mimen jegliche finanzielle Unterstützung. Auf eigene Kosten begann Chaplin 1938 mit den Dreharbeiten und es entstand eine Vision dessen, was wenige Monate später blutige Realität werden sollte. Chaplin selbst wurde zur Zielscheibe des nationalsozialistischen Propaganda-Feldzugs und im unsäglichen Film Der ewige Jude wurde der Schauspieler diffamiert. Aus Solidarität mit den Opfern des NAZI-Regimes hat er diesen Anfeindungen aus Deutschland niemals widersprochen! Aber er kämpfte einen filmischen Kampf!

Charlie Chaplin spielt nicht nur mit den Symbolen der Diktatur, er spielt mit der Menschenverachtung eines solchen Systems und entlarvt die einfachen Mechanismen der Propaganda auf satirisch höchstem Niveau. Hitler der Lächerlichkeit preisgeben – das ist das einzige Ziel dieses Films und es gelingt in jeder Einstellung. Als das fertige Werk 1940 in die Kinos kommt ist die Welt der Alliierten bereit für diesen cineastischen Hammer. Hitler hat inzwischen selbst alle Masken fallen lassen und die Welt in einen monumentalen Krieg gestürzt – und zeitgleich vernichtet er Millionen von Juden. Und nicht nur diese.

Ein Meisterwerk - Der große Diktator von Charles Chaplin

Ein Meisterwerk – Der große Diktator von Charles Chaplin

Nach dem Krieg sagte Chaplin: „Wenn ich um die realen Zustände gewusst hätte, es wäre mir nicht möglich gewesen, mich in dieser Form darüber lustig zu machen!“ Aber er hat bewiesen, welchen Effekt ein solcher Film haben kann. Mehr als den besten Lacher hat ein totalitäres System nicht verdient… und in der Demaskierung liegt die Kunst eines solchen Werkes! Und Chaplin hat bewiesen, dass diese Satire eine scharfe Waffe ist!

Und nun ist er wieder da…. Im wahrsten Sinne des Wortes – im Berlin unserer Tage erwacht Adolf Hitler in einer kleinen Pfütze der Weltgeschichte, klagt über brummende Kopfschmerzen und bemängelt, dass sein Führer-Outfit nach Waschbenzin stinkt. Kein Selbstmord – keine Verbrennung – Er ist wieder da….

Aber warum nur? Welche Intention verbirgt sich hinter dem Debüt-Roman von Timur Vermes? Ist er der lang erwartete kongeniale literarische Neo-Chaplin der Gegenwart? Werfen wir einen genauen Blick in das Buch:

Timur Vermes - Er ist wieder da - Nur warum?

Timur Vermes – Er ist wieder da – Nur warum?

Da steht er also nun mitten in Berlin, kann sich an kaum etwas erinnern und wundert sich über die Aussicht, die sich ihm bietet. Berlin – unversehrt! Wie kann das nur sein? Hatte er nicht in seinen letzten Anweisungen unmissverständlich angeordnet, dass diese Stadt (vom ohnehin nicht mehr lebenswürdigen deutschen Volk) dem Erdboden gleich zu machen ist? Er hatte sich da klar ausgedrückt. Aber irgendwas musste schief gegangen sein.

Und Berlin scheint sich verändert zu haben – ebenso wie die Menschen der Stadt. Ein paar „Hitlerjungen“ in seiner Nähe verhalten sich seltsam respektlos. Nur gut, dass sie inzwischen wohl dazu übergegangen waren, ihre Namen auf die Hemden zu drucken – so wie jener Hitlerjunge Ronaldo, mit dem sich der Führer kurz unterhält. Alles hatte sich verändert. Im Zeitungskiosk liegen mehr türkische als nationale Tageszeitungen – war die viel beschworene Achse Ankara Berlin doch noch erfolgreich gewesen und hatte sich das Blatt gewendet?

Erst der genaue Blick auf das Erscheinungsjahr der Ausgaben lässt das Führerhirn das Ausmaß der Katastrophe ermessen. 2012. Er ist in der Zukunft angekommen und dieses Berlin hatte nichts mehr mit seinem Berlin gemeinsam. Aber Adolf Hitler wäre nicht der ehemalige große Führer, wenn er nicht in der Lage wäre, mit diesen Widrigkeiten zurechtzukommen. Vorsehung – es musste wieder einmal die Vorsehung sein, die ihn herausforderte – und er würde diese Aufgabe der Fügung wie gewohnt selbstlos und konsequent annehmen.

Timur Vermes schreibt und Adolf wundert sich...

Timur Vermes schreibt und Adolf wundert sich…

Es dauert nicht lange und die Menschen der Stadt werden auf den seltsamen Mann aufmerksam. Er sieht aus wie… er spricht wie… und er sagt genau das, was er schon vor Jahren gesagt hat…! Unmöglich! Schnell mutiert der „gebeamte“ Führer zur Medienikone und schwimmt auf der Unterhaltungswelle. Man könnte herrlich über ihn lachen, wenn er nicht so unheimlich authentisch wäre.

Deutschland scheint „reif“ für dieses Führer-Revival – zumindest medial – und zumindest erstmal als erfrischender Verschnitt von Switch Reloaded oder Stromberg. Aber dann wird es ernst, denn Adolf beginnt das Spiel mit den Medien auf die Spitze zu treiben.

Timur Vermes schafft es, wie einst Charles Chaplin, die wohl makaberste Figur der deutschen Geschichte auch in der Jetztzeit der Lächerlichkeit preiszugeben – jedes Wort des Führers ist in Gift getaucht und verätzt die propagandistischen Aussagen des Monsters. Vermes` Ziel wird, so könnte man auf den ersten Blick meinen, in Perfektion erreicht.

Timur Vermes - Worte wie Giftspritzen ins Herz eines Diktators

Timur Vermes – Worte wie Giftspritzen ins Herz eines Diktators

Aber sind nicht WIR sein eigentliches Ziel? Ertappen wir uns nicht selbst dabei, wie wir beim herzhaften Lachen über die Situationskomik plötzlich einem Mann zustimmen, den wir eben noch verachtet haben. Blicken wir nicht in den Spiegel einer Gesellschaft, die immer noch anfällig für demagogische Aussagen ist und die allzu gerne und weiterhin auf der Suche nach Sündenböcken durchs eigene Land streift?

Vermes gelingt Großes. Die Tiefenanalyse des deutschen Humors zum Beispiel ist geradezu legendär. Und doch begibt er sich auf eine grenzenlose Gratwanderung, wenn er seinem Protagonisten Sätze in den Mund legt, die an purer Abscheulichkeit nicht zu überbieten sind.

Ich wäre dankbar, es würde dieses Buch nicht geben. Dann hätte es sein originales Vorbild nicht gegeben und es würde auch kein Grund dazu bestehen, uns satirisch aufzuwecken. Das Ende bleibt offen – zumindest im Buch und es ist zu befürchten, dass Vermes noch einen Köcher voller Giftpfeile hat, die er uns um die Ohren schießen möchte. Wir haben es nicht anders verdient – so scheint es zumindest.

Und wehe dem deutschen Lachmuskel, wenn der Führer erst Hand an den Berliner Flughafen legt… 😉

Mit dieser Rede adelte sich Charles Chaplin selbst...

Mit dieser Rede adelte sich Charles Chaplin selbst…

Gewähren wir doch am Ende dieses Artikels dem großen Schauspieler Sir Charles Chaplin das Schlusswort. Im Angesicht des Kriegsbeginns 1939 schrieb er das Ende seines Meisterwerks um. Er entschied sich dazu, selbst zu den Menschen zu sprechen – sich nicht mehr hinter einer Rolle zu verstecken. Demaskiert und pur…! Dieser emotionale Aufruf zur Menschlichkeit gehört zu den Meilensteinen der Filmgeschichte:

Update vom 25. Oktober 2015

Kaum ein Buch hat in den letzten Jahren so sehr polarisiert. „Er ist wieder da“ von Timur Vermes – Eichborn Verlag – utopisierte die Rückkehr Adolf Hitlers in unsere Zeit, und beschrieb seinen Aufstieg in einem Biotop aus latentem Patriotismus und tiefer Sehnsucht nach dem starken Mann in unserer Gesellschaft.

Es wurde viel darüber diskutiert, ob die Zeit reif ist, über Hitler zu lachen und ich habe in diesem Artikel „Eine Chaplinesque“ dazu Stellung genommen. Mein Vergleich Vermes – Chaplin ist für mich auch heute noch tragfähig:

Nun wurde der Roman verfilmt und natürlich wurden auch die Dreharbeiten von den gleichen Fragen begleitet? Geht das? Wie kommt das an? Ist der Stoff zeitgemäß? Darf man das?

Was dann geschah ist Realsatire pur. Man entschloss sich, den Film um Szenen zu erweitern, die nie geplant waren. Man ließ den Schauspieler im Hitler-Outfit ins reale Leben eintauchen und konfrontierte die Menschen auf der Straße mit dieser skurilen Figur.

Aus dieser Sitcom wurde der wahre Augenöffner, der dem Roman eine neue und tragische Daseinsberechtigung verleiht. Die Reaktionen, die man mit versteckter Kamera aufnahm waren so dramatisch, dass man nicht mehr von latentem Nazitum reden kann. Der Hitlergruß war noch das geringste Übel, das hier zu beobachten war. Die Reaktionen „normaler“ Bürger waren mehr als erschreckend „rechts“…

Hier greift der Film. Hier spiegelt sich unsere Gesellschaft. Hier finden sich Tendenzen, die dafür sorgen, dass im Kino nicht mehr gelacht, sondern gedacht wird. Das ganz große Schweigen…

Die erweiterte Studienausgabe - Er ist wieder da

Die erweiterte Studienausgabe – Er ist wieder da

DieErweiterte Studienausgabe – Er ist wieder da, auch bei Eichborn erschienen, beinhaltet den Roman und Hintergründe zur Verfilmung, Fotos zum Film und interessante Beiträge, wie „Zwischen Sitcom und Erschütterung“, „Warum <Er ist wieder da> in Israel erscheint und weitere Adaptionen des Romanstoffs, über die wild diskutiert wird.

Lesenswert – nachdenkenswert – erzählenswert… Das Buch erscheint wohl nicht zufällig in trauerndem Schwarz…

Vielleicht weil der Film das Negativ unserer Gesellschaft ins Licht zerrt…

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